Lebenslust unter freiem Himmel

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 10:49 on Freitag, Oktober 23, 2009

Herrlich schöne Musik, grandiose Frauen, die mir (besonders am Morgen) mit ihrer guten Laune ins Herz singen:

http://www.youtube.com/watch?v=-AIdYoMpINQ&feature=related

Später Mut

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 5:58 on Samstag, August 22, 2009

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Menschen zu fotografieren ist die Königsdisziplin des Fotografierens. Warum? Weil ein Gesicht sich stetig verändert, weil die schönsten Momente dann schon wieder vorbei sind, wenn man auf den Auslöser drückt. Weil ein Gesicht immer gleichzeitig spricht und verbirgt. Die Landschaft, die Natur ist anders. Die Tropfen auf der Kapuzinerkresse bleiben so lange übers Grün gestreut, bis ich sie eingefangen habe. Der Abend formt den Himmel, siebt die Farben zwischen die Wolken bis sie mir stark genug, leuchtend genug sind. Dann suche ich meine Perspektive und löse aus. Der lieben Landschaft macht das nix, wenn ich sie knipse. Anders Menschen. Der gefühlvollste Ausdruck, das erinnerungsvollste Innehalten, das stärkste Lächeln kann brüchig werden, wenn es sich entdeckt glaubt.

Gesichter zu fotografieren ist schwierig. Gesichter zu fotografieren ist wunderschön. Der Körper erzählt alles. Was Worte verschweigen erzählen Gesichter, Gesten, Bewegungen. Der Körper kann nicht verbergen. Er spricht, äußert sich, strömt über, von Sekunde zu Sekunde. Ich habe mich lange nicht an Menschen heran getraut. An dieser Stelle also: Danke liebe Elfy, fürs Modell sein! (Übrigens: Wer sehen will, wer das wirklich kann, der schaue auf die Homepage meiner Freundin Stine: www.stine-wiemann.com )
Auch in meinem Buch ging mir das nicht leicht von der Hand. Um wie vieles einfacher ist es, die Figuren als Gefäß für unsere Gedanken zu benutzen, ihnen kluge, verzweifelte, zweifelnde, schelmische Worte in den Mund zu legen. Sie als Erweiterung unserer Selbst zu behandeln. Doch wenn man lange genug am Schreiben dran bleibt, wandelt sich das. Dann nehmen sich die Figuren ihren Körper. Dann fangen sie an, Wirklichkeit zu werden. Vielleicht streicht sich einer von ihnen mit fahriger Geste eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Vielleicht schweigt einer von ihnen über seine Angst und doch verrät ihn die Art, wie er durchs Zimmer geht. Je körperlicher die Figuren werden, desto echter.

In jedem Buch übers kreative Schreiben finden sich Tipps, die einen in diese Richtung führen wollen. Was habe ich mir anfangs über eine Marotte meiner Hauptfigur den Kopf zerbrochen! Sie sollte unbedingt einen Tick haben, etwas, das sie unbewusst wiederholt und sie so individualisiert, vielleicht sogar das Potenzial hat, ihr Markenzeichen zu werden. Alles, was mir einfiel, hatte einen gekünstelten Beigeschmack, alles, was sie tat, blieb ein wenig hölzern und gestellt. Irgendwann haben wir einfach die Rollen getauscht. Ich ließ den Gedanken fallen, ihr eine Marotte anzudichten und sie fing im Gegenzug an, mir viele kleine Wirklichkeiten zu schenken. Ich wurde zum Beobachter und sah etwa eines Tages, wie meine Protagonistin anfing, mit einer losen Kachel unter dem Waschbecken zu spielen. Wie das? Ganz einfach. Sie wusch sich die Hände im Bad, wähnte sich wohl unbeobachtet, und bemerkte mit dem bloßen Fuß eine lose, zersprungene Kachel unter dem Waschbecken. Ihr Fuß ging automatisch hin und ließ die losen Enden wippen, sodass ein rhythmisches Klappern entstand, ein ruhiges “Klap-Klap”, das sich unters Fließen des Wasserhahns mischte.

Eigentlich relativ unspektakulär, möchte man meinen.
Das entscheidende ist: Das war ihre erste echte Geste, eine Geste aus der sich unendlich viele weitere Szenen ganz von selbst ergaben, bis ich dann irgendwann wusste, dass sie unglaublich gerne barfuß läuft, den Kontakt zur Erde genießt und dass sie sich die Dinge, die sie umgeben, schlicht über deren Berührung einverleibt. Jetzt ist sie sinnlich geworden. Sie ist keine Idee in einer papiernen Welt. Sie ist echt. Und das mit der Kachel? Sie macht das nun im Bad immer so, dieses selbstvergessene Klappern, egal ob sie sich die Zähne putzt oder die Hände wäscht. Und ich lasse sie.


Blaue Stunde

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 3:39 on Samstag, Juli 4, 2009

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Fotografien zur Blauen Stunde vom 18. Juni bis zum 18. September im EnBw Kraftwerk Altbach/Deizisau.
Malerei, Skulptur, Fotografie in der Ausstellung: Kunst zu Kohle mit Edda Witt, Edel Zimmer, Iris Wolff und Torsten W. Licker.

Ich lade Euch herzlich dazu ein!

Durch die Tiefe

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 9:33 on Samstag, Juni 6, 2009

Ist es nicht verwunderlich, dass man auch als Autor manchmal nicht hinter das Geheimnis des Schreibens kommt? Dass man manchmal die Genese seines eigenen Textes nicht versteht? Woher kommt die Phantasie? Warum entzieht sie sich, wenn man sie gerade zu fassen versucht? Man kann sie nicht zwingen, so scheint es, sie arbeitet im Stillen, Geheimen und sucht sich ihre Wege um irgendwo aufzutauchen, im Schlepptau die Bilder und Gedankenfetzen, die man, manchmal mühsam, manchmal wie in einem einzigen Rausch, zu einer Geschichte verarbeitet.

Dabei sucht und sammelt man beständig, spitzt die Ohren wenn man heimlicher Zuhörer eines Gespräches wird, studiert markante Gesichter, ausdrucksstarke Gesten. Man notiert Szenenentwürfe in Notizbücher und an den Rand der aktuellen Buchlektüre oder auch nur mental. Dann vergisst man die Details (und man tut gut daran) und sie werden genau zum richtigen Zeitpunkt wieder auftauchen, sich in einer Geschichte verselbstständigen. Und auch wenn man diese Erfahrung wieder und wieder gemacht hat, so wird doch die Summe der Erfahrung nicht zur Gewissheit des eigenen Könnens.
Woher kommt es, dass man, obwohl man auf viele niedergeschriebene Seiten zurückblicken kann immer wieder Angst hat, nicht mehr schreiben zu können? Gerade so als wäre es etwas, was man unachtsam verlieren könnte. Man kann noch so viel zu Papier gebracht haben, noch so viel Lob oder Anerkennung bekommen haben, man fürchtet sich davor, es einzubüßen, zu verlieren, zu vergessen. Hier ähnelt das Schreiben keiner anderen Tätigkeit. Nirgendwo sonst, als in der Kunst, ist die Tätigkeit so sehr abhängig (oft gefühlsmäßig abhängig) von etwas, was man kaum benennen kann.

Es ist, wie es Thomas Mann im Tristan sagt: “Daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten.” Dem ist nur hinzuzufügen, dass dies auch für Schriftstellerinnen gilt. Es gibt natürlich einige Ausnahmen. Irene Dische sagte etwa nach einer Lesung, dass ihr das Schreiben leicht von der Hand ginge. Sie kenne dieses Dichterklischee nicht, dass man am schreiben leide. Unter meinen großen Vorbildern gibt es, wenn ich darüber nachdenke, jedoch viele, die am Schreiben litten. Das Konzept des melancholischen Genies und der zerrissenen Künstlers etablierte sich vor allem in der Frühromantik. Seither gehören Selbstzweifel und Schreibblockaden für einen Autor geradezu zum guten Ton. Diese besondere Leidens-Disposition hat zu Sehnsüchten und Projektionen, Artikeln und ganzen Büchern geführt. Etwa, um bei Thomas Mann zu bleiben, seine novellistische Studie Schwere Stunde, in der er einen Friedrich Schiller imaginiert, der mit der Fertigstellung seines Wallestein ringt. Die Entstehungsgeschichte wird zur Leidensgeschichte. Selbst bei großem Talent ist das Schreiben nicht immer von Leichtigkeit geprägt.

Man mag es also auf der einen Seite wissen und kann doch auf der anderen Seite nicht aus seiner Haut. Es ist, als ob diese Klage immer wieder und für (fast) jeden, der schreibt, aufs Neue gilt. Aber, so wage ich zu behaupten, gerade diese Zweifel und diese Qual, die Fähigkeit, schonungslos ehrlich mit seinen Gefühlen umzugehen, wird letztlich für die Qualität des Textes bürgen. “Kunst definiert sich weniger durch das ausgedrückte Objekt, sondern durch die Tiefe des Subjekts, das dieses Objekt ausdrückt.” schreibt Ken Wilber. Die Fähigkeit, diesen Tanz zwischen absoluter Selbstüberschätzung (immerhin wird man zum Schöpfer einer eigenen Welt) und absolutem Selbstzweifel (denn es könnte doch immer besser sein und ist im Grunde nie fertig) auszuhalten, ist noch gar nicht gebührend gewürdigt worden.
Das Schreiben nimmt, wenn man sich traut, es ernst zu nehmen, einen hohen Stellenwert im eigenen Leben ein und gleichzeitig bleibt es doch immer auch eine Art Spiel, etwas, das zu schaffen keine Notwendigkeit besteht, dem immer auch ein Hauch Luxus, Narzissmus, Verzichtbarkeit anhaftet. So ist man manchmal doppelt zerrissen: Zwischen Spiel und absoluter Notwendigkeit. Zwischen Glaube und Selbstzweifel.

Ich hoffe, dass es letztlich immer ein wenig von beidem braucht: Einsicht und Mysterium, intellektuelle Analyse und traumwandlerischer Hingebung. Es ist ein schmaler Grat, denn in beiden Richtungen kann man sich verlieren und in beiden Richtungen liegt das Versprechen, tatsächlich teilzuhaben, an dem großen Traum, eines Tages ein eigenes Buch in den Händen zu halten.

Torfwanderung - Ein irischer Reisebericht

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 4:29 on Freitag, Mai 8, 2009

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Wolken verbergen dich, wenn man sich anschleicht
Wenn man dir naht, übers Meer kommt
Könnte man dich übersehen, ein kleiner
Grüner Punkt inmitten des Ozeans

Wie aufgeschäumte Sahne, launisch und fliehend
Ein pudriger Zuckerguss auf jedem deiner Berge
Ein kurzer Regenschauer mit zerfetztem Himmel
Dein Wetter - ist immer Worte wert

Weiches Moos zieht sich über deine Wiesen
Und Steinmauern, gleich feinen pulsierenden Adern
Jedem Schritt folgt ein sachtes Schmatzen
Deiner durchnässten Mooreinsamkeit

Wie alt du wohl sein magst, verwunschne Insel
Davon sprechen Straßen und Brücken, davon
Zeugen Steine und Muscheln
Davon singt das Meer ein Lied

Wolken verbergen dich, sobald man fortgeht
Wenn man dich verlässt, übers Meer reist
Ein Regenschauer folgt aufgeklartem Himmel
Deine Schönheit - ist immer Worte wert

Try. Fail. Try again. Fail Better.

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 11:19 on Sonntag, April 5, 2009

Eine gute Freundin sagte einmal zu mir: “Wir sind es nicht mehr gewohnt zu verlieren.” Wer verliert schon gern, dachte ich. - Ich nicht. Im Gegenteil. Ich habe es (könnt’ ichs mir nur wünschen) eigentlich am liebsten, wenn mich meine Umwelt bestätigt, bestärkt, wenn mir meine Unternehmungen gelingen und mir meine Aufgaben leicht von der Hand gehen. Wer sucht schon Kritik? Haben wir das Verlieren etwa je gelernt?
Sei es Schule, Studium oder Arbeit, selbst in unserer Freizeit und in unserem sozialen Leben ist der Druck alles richtig zu machen gegenwärtig. Es fehlen uns die Schauplätze des spielerischen Versuchs, des lustvollen Ausprobierens, des haushohen Verlierens oder des glücklichen Gewinnens. Alles, was wir in unserem Leben anfangen, hat den strengen Beigeschmack der ernsten Angelegenheit. Das behutsame, vorsichtige Anfassen, bedachtsame Umkreisen oder gar das tobende, genussvolle und enthusiastische aber auch selbstvergessene Ausprobieren einer Sache gehört nicht zu den Dingen auf unserem Erziehungsplan. Können wir es bei mit dem Scheitern und Verlieren halten wie es in Samuel Becketts letztem Werk “Worstward ho” steht?
Ever tried. Ever failed. No matter. Try. Fail. Try again. Fail Better.

Wir fühlen uns unserer Arbeit, unseren Werken und Zielen zugehörig und knüpfen unser Wohl und Wehe daran. Je mehr wir mit unseren Projekten verschwistert sind, umso eher werden wir erfolgreich sein, oder? Was wir auch tun, wir tun es ganz. Klingt eigentlich wünschenswert. Doch was folgt, wenn wir uns ganz und gar einer Sache verschrieben haben und diese misslingt? Was folgen kann ist ein Selbstwerteinbruch, ein Zweifeln an den eigenen Talenten, im schlimmsten Fall am eigenen Wert.
Ich plädiere jetzt nicht für ein halbherziges Herangehen an die Dinge - ganz im Gegenteil. Wenn wir die Projekte, an denen wir arbeiten in den Vordergrund, uns gewissermaßen in ihren Dienst stellen, dann nimmt man sich selbst auf ganz leichte und unspektakuläre Weise heraus. Unsere Projekte wären ohne unser Zutun so nicht auf der Welt. Und dennoch führen sie ein Eigenleben, sind gleichermaßen losgelöst von unserem Wollen und fest an die Schöpferin oder den Schöpfer geknüpft, haben ihren eigenen Kopf und können uns den unsrigen ab und an gehörig waschen. Diese Freiheit, diesen Übermut und Eigensinn können wir ihnen lassen. (Schließlich wünschen wir uns doch, dass sie eines Tages auf eigenen Beinen stehen können) Ein Versuch ist es wert: Man nimmt sich zurück, bringt sich hinter einer Aufgabe zum verschwinden und damit jene Aufgabe recht eigentlich erst zum Leuchten.

Und noch etwas anderes passiert, wenn man sich ein kleines bisschen mehr heraus nimmt und in den Dienst einer Sache stellt: Man gewöhnt sich daran, Kunst und Schönheit unabhängig von einem bestimmten Ort, einer bestimmten Person oder einem konditionierten Zusammenhang zu erkennen. Das hört sich leicht an? Es ist das schwerste.
Einer der bekanntesten Geiger der Welt, Joshua Bell spielte inkognito in einer Metrostation in Washigton DC. Er spielte Stücke von Bach auf seiner Geige im Wert von 3,5 Millionen Dollar. Die Passanten gingen vorbei, verhielten sich ebenso wie sie es bei jedem anderen der Straßenmusiker getan hätten. Sie sahen auf die Uhr, drängten ihre Kinder weiter und spendeten ein paar Münzen. Kaum jemand nahm sich Zeit, der Musik zuzuhören, die Schönheit wahrzunehmen. Weil sie den Menschen in einem Zusammenhang begegnete, in dem sie nicht auf sie eingestellt waren. Wie hätten die Passanten sich verhalten, wenn sie um den Erfolg und die Popularität, der Kunstfertigkeit und dem “Wert” der Musik und des Geigers gewusst hätten?
Zwei Tage zuvor hatte Joshua Bell Konzertkarten für durchschnittlich 100 Dollar verkauft.

Schönheit, Kunstfertigkeit auch in unerwarteten Zusammenhängen zu erkennen - kann man dafür achtsam bleiben? Wie sieht es mit unserer eigenen Schönheit aus? Können wir unser Talent wahrnehmen, darauf vertrauen, wenn wir an etwas gescheitert sind, wenn etwas länger dauert oder anders verläuft, als wir es uns ursprünglich vorgestellt haben? Können wir uns selbst dieses Wohlwollen, diese Aufmerksamkeit schenken?
Jedes Mal wenn ich mich wieder an mein Buch setzte, Strukturen und Dialoge aufbreche, versuche besser hinzuhören, ist dieser Weg von Zweifeln geprägt. Wieso gelingt mir eine Szene nicht im ersten Wurf? Wie oft muss ich über das Gefühl des Scheiterns hinweg kommen bis alles so auf dem Papier steht, wie es soll?
Wie tief muß man graben bis der Acker Milch gibt und Honig heißt es in Erich Frieds Notwendigen Fragen. Manche Dinge stelle ich mir unendlich leicht vor. Ich fange an zu graben und mache mir keine Gedanken darüber, an wie viel Erde ich mich abarbeiten muss. Ich spanne meine Flügel und laufe los, springe über Abgründe ohne zu wissen, was mich auf der anderen Seite erwartet. Dieser Wagemut ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Viel eher von sonderbaren Ab- und Umbrüchen, von schier endlosen Zeitfenstern und spielerischen Verrücktheiten. In diesem Weg liegt auch ein gewisser Leichtsinn. Was für ein schönes Wort. Leicht. Sinn. Und doch von so warnender Statur.
Aber, wie heißt es so treffend: Man kann einen Abgrund eben nicht in zwei Sprüngen überqueren.

Die glückliche Vermeidung eines Berufs

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 4:05 on Freitag, Februar 20, 2009

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Wer kennt ihn nicht, den Spagat zwischen Kunst und Leben?
Manchmal scheint da gar keine Distanz zu sein. In wenigen glücklichen Momenten haben wir das Gefühl, in unserem täglichen Leben der zu sein, der wir auch in unserer Kunst sind. Dann ist da keine Brücke, über die man gehen muss, kein Gefühl der Erleichterung, wenn endlich der Moment gekommen ist, in dem wir die Tür hinter uns zuziehen und dort angekommen sind, wo wir am liebsten sind. “Das Zuhause ist der einzige Ort der Freiheit. Ja, es ist der einzige Ort der Anarchie. Es ist der einzige Fleck auf Erden, wo man urplötzlich seine Entschlüsse ändern, ein Experiment machen oder sich einer Laune überlassen kann.” Gilbert Keith Chesterton hat Recht. - Wie schön ist es, einer Arbeit nachzugehen, die man in den eigenen vier Wänden ebenso gut wie irgendwo anders verfolgen kann.

Ist das nicht einer der heimlichen Gründe warum man so gern schreibt? Einer von unzähligen, mehr oder weniger bewussten Gründen?
Weil es so herrlich ist im Morgenmantel mit einer Tasse Tee oder Kaffee den Rechner hochzufahren, sich an dem heimeligen Knistern zu erwärmen wie vordem Menschen aus vergangenen Jahrhunderten am Kaminfeuer? Weil man über die Dächer der Häuser oder hinaus ins Grüne schauen kann während die Finger über die Tasten fliegen? Und weil man währenddessen einfach sein kann, wie man ist?

Ganz ehrlich: Ich fühle mich jeden Tag ein wenig anders. Im Kosmos meiner erdachten, papiernen Welt kann ich alles einbringen, was ich bin. Ich kann schreibend viele Eigenheiten ausleben, die ich mein halbes Erwachsenenleben mit mir herum trage. Eigenheiten, die ich mag und doch oft mit einem schlechten Gewissen auslebe: Meine Liebe zum späten Aufstehen, zu meinem Zuhause, unregelmäßigen Arbeitszeiten, langen Unterhaltungen, zu Ruhe und Träumen. Ich bin ein großer Fan von der Idee, Arbeit und Leben miteinander zu verflechten. Dieses Prinzip herrscht auch im Leben meiner Romanfiguren vor. Sie arbeiten, aber es gibt auch Tage, in denen sie im Schatten des Kirschbaums liegen und in die Wolken schauen oder ein Stündchen zwischendurch am Gartenzaun mit einem Nachbarn plaudern.
Oh ja, ich weiß, das klingt fernab von der Welt, in der wir jetzt leben.

Willkommen in der wirklichen Welt. - Das scheint mir jeden Montagmorgen mein Büro zuzurufen. Da klingelt das Telefon und irgendjemand möchte immer etwas von mir. Ich verkaufe meine Lebenszeit für Dinge, die ich anders machen würde - geschweige denn, dass ich sie überhaupt machen würde.
Doch “wirkliche Welt” - Was ist das? Bedeutet wirkliche Welt den ganzen Tag zu arbeiten? Bedeutet wirkliche Welt Kontoauszüge, Rechnungen, Versicherungen und Konsum? Ist die wirkliche Welt vernünftig, ziel- und leistungsorientiert? Wer sagt denn, dass all dies nicht in Wirklichkeit die falsche Welt ist? Die Welt, die wir erschaffen, um uns von der Welt abzulenken, die wir in unseren Köpfen bewohnen? Beide Welten sind letztendlich die Produkte von Phantasie und Sprache. Wieso soll die eine besser als die andere sein? Und wieso ist man nur dann ein sinnvolles Mitglied der Gesellschaft, wenn man ein tätiges Leben führt?
“Handeln… die Zuflucht jener, die sonst keine Aufgabe haben… Es beruht auf Phantasiemangel. Es ist der letzte Ausweg derer, die nicht zu träumen verstehen.” Oscar Wilde hat zu träumen verstanden. So wie jeder von uns zu träumen versteht, der sich an das große Abenteuer wagt, sich seiner Kunst zu verschreiben. Was machen wir in unserer Kunst? Wir verschaffen der Welt, die wir in unseren Köpfen, in unseren Herzen tragen, ein sichtbares Abbild. Wir stülpen wagemutig unser Innerstes nach Außen. Kunst machen heißt, sich einem Leben zu verschreiben, das sich vielleicht nicht dem allgemein gültigen (weil auf Gewinnstreben ausgerichteten) Handeln verschreibt, sondern dem Sein. Und vielleicht nicht dem Sein, sondern dem Werden.

“Es ist auch wirklich so, glaube ich, dass Schriftsteller sein kein Beruf ist, sondern, wenn es funktioniert, ökonomisch funktioniert, die glückliche Vermeidung eines Berufes.” - Über dieses wundervolle Zitat bin ich letzte Woche gestoßen und musste herzlich lachen. Daniel Kehlmann hat hier einen heimlichen Grund für den Traumberuf Schriftsteller in herrlich ehrlicher Weise auf den Punkt gebracht. Ich nenne diese Gründe heimlich, weil sie hinter unseren großen Gründen verschwinden - und wären sie die vordergründigsten, so wären sie in der Tat zweifelhaft.
Unsere großen Gründe sind die Lust und die Freude, die wir auf dem Weg des Schreibens spüren, es ist das Gefühl einer Berufung, die innere Welt zu verschenken. Es ist der Wunsch andere Menschen mit unseren Geschichten zu berühren und uns mit den wesentlichen Fragen des Lebens auseinander zu setzen. Doch neben, hinter, zwischen allen großen Gründen gibt es eben auch unsere heimlichen. Und unter ihnen wohnt der Wunsch unkonventionell zu leben, sich treu bleiben zu können. Der Wunsch seine Zeit nicht an einen Arbeitgeber zu verkaufen und eine gewisse Narrenfreiheit genießen zu können.
Ganz wesentlich: Frei zu sein.

Folgendes erzählerisches Selbstverständnis wird Daniel Kehlmann zugeschrieben (er allein wird wissen, ob er es wirklich so gesagt hat):
“Ein Erzähler operiert mit Wirklichkeiten. Aus dem Wunsch heraus, die vorhandene nach seinen Vorstellungen zu korrigieren, erfindet er eine zweite, private.”
Dieser Wunsch steckt in uns allen - in allen, die sich immer wenn sie sich ein wenig Zeit stehlen können, dieser inneren Welt zuwenden und künstlerisch verarbeiten. In allen, die (manchmal staunend, manchmal verzweifelnd) die seltsamen Wirrungen des Lebens beobachten, aufsaugen und auf dem Papier wieder ausspucken.
Ich möchte damit nicht nur den Archetypus des Künstlers bestätigen, der im klassischen Sinn “an der Welt leidet”. Es gibt genug wunderbare Künstler, die das nicht tun, die sich auch innerhalb des Wirtschaft- und Kulturbetriebs positionieren und die “wirkliche Welt” humorvoll und ironisch spiegeln.
Was ich mir wünsche ist schlicht die Anerkennung dieser wunderlichen Welt, dieser anderen wirklichen Welt, die wir in unseren Köpfen mit uns herum tragen. Dazu gehören eben auch die vielen Stunden, in denen man beobachtet, liest, feiert, nachdenkt, träumt, liebt… und nicht für jeden offenbar wird, was einen beschäftigt. “Wenn der Künstler oder Dichter am wenigsten mit seinem Werk beschäftigt zu sein scheint, ist er oft am innigsten darin vertieft”, schreibt Pierre Larousse.
Ich wünsche jedem, der diese Zeilen liest, dass sich die Spannweite seines Spagats zwischen der einen und der anderen Welt verringert. So weit und so beständig verkleinert, dass er (und sie!) eines morgens aufwacht und feststellt, dass statt ein großer Sprung, nur ein kleiner Schritt vonnöten ist.

Der Horchende am Stein

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 5:48 on Freitag, Januar 16, 2009

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Was ist das Geheimnis des künstlerischen Schaffens?
Gibt es da überhaupt ein Geheimnis, das man mit Worten lüften kann? Ist es vielleicht schon gänzlich erforscht? Oder bleibt der schöpferische Prozess zuletzt unergründlich und es gibt auf diese Frage so viele Antworten, wie es künstlerisch tätige Menschen gibt? - Nun, wie es auch sei: vielversprechender kann eine Frage zu Beginn eines Artikels kaum sein. Manch einer wird darin den Titel von Stefan Zweigs Vortrag “Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens” von 1938 erkannt haben, ein anderer mag sich denken, dass diese Frage so alt ist wie die Kunst selbst. Manchmal kann es wichtig sein, seine eigene Antwort zu finden. Als Trost, wenn es Zeiten gibt, in denen das künstlerische Schaffen nur schwer gelingen mag. Wenn die Angst wächst, sich von seiner Kreativität zu entfernen.

Ein Kunstwerk entsteht nach seinen eigenen Gesetzen und ist immer an den jeweiligen Künstler gebunden, wie befreiend der “Tod des Autors” auch immer für die Interpretation von Texten sein mag.°°° Im Augenblick seiner Entstehung ist das Kunstwerk gleichwohl an den Autor, an den Künstler gebunden, denn aus der Fülle an Material, seien es Farben, Linien oder Worte, die allen Menschen zur Verfügung stehen, formt er, um es mit Zweig zu sagen “ein Etwas, was vorher nicht gewesen ist.”
Diese Verbindung kann eine leichte, kann eine qualvolle sein.
Der Begriff Inspiration, von lat. inspiratio macht das deutlich. Inspiration ist nur ein Hauch, ein völlig immaterieller, unfasslicher Vorgang, eine unsichtbare Beseelung. So wird die Inspiration oft in dem Bild der Äolsharfe beschrieben (von Äolus, dem griechischen Gott des Windes) und wurde zum Sinnbild des Dichters. Dieses Saiteninstrument ähnelt einer Harfe und wird nicht von Menschenhand, sondern vom Wind, vom Wetter zum Klingen gebracht.

Dieser unfassliche Hauch ist es, den wir an Kunstwerken bestaunen. Wir spüren ihn, wenn wir den Tanz im Moulin de la Galette von Renoir bestaunen, den wirbelnden, wogenden Schatten auf den Kleidern der Frauen folgen und von der Lebenslust und Freude in den Gesichtern der Dargestellten, die für immer und alle Zeit eingefangen ist, berührt werden. Wir spüren ihn, wenn wir Edvard Griegs Solvejgs Lied hören und fast dahin schmelzen weil es so unbegreiflich ist, wie Schmerzen und Freude in einer einzigen Melodie so nah beieinander wohnen. Wir spüren es, wenn wir in Rilkes Stundenbuch blättern und lesen “Mach mich zum Wächter deiner Weiten, mach mich zum Horchenden am Stein, gib mir die Augen auszubreiten auf deiner Meere Einsamsein; lass mich der Flüsse Gang begleiten aus dem Geschrei zu beiden Seiten weit in den Klang der Nacht hinein.”
Und doch: Betrachten wir das Werden dieser Kunstwerke so finden wir Vorstudien, Skizzen, Notenblätter, zerrissenes Papier, abgebrochene Linien, durchgestrichene, überarbeitete, verworfene und wieder aufgenommene Zeilenfolgen. Wirft der Künstler die Pinselstriche in traumwandlerischer Sicherheit auf die Leinwand? Tragen ihn die Worte über alle Nöte und Schwierigkeiten einer Szene, einer Dichtung hinweg?

Ich kenne sie, solche Momente. In denen man wirklich entrückt ist, in denen man den Saum einer tiefen, unbewussten Schöpferkraft zu fassen bekommt, danach greift und davon getragen wird. Die Tasten klappern haltlos, da ist kein Stuhl mehr auf dem man sitzt, kein Rücken, der vom langen Sitzen schmerzt, keine Dächer und Antennen vor den Fenstern, kein Innehalten, keine Grübelei, nur Leichtigkeit und Freude. Da stolpern die Sätze ungeplant hervor und es ist ein wenig so, als müsse man nichts anderes tun, als genau hinhören und aufschreiben, was irgendwo schon für einen geschrieben steht.
Aber es gibt auch andere Stunden. Ringende, mühsame, unproduktive, langsame, gedankenvolle Stunden, in denen man so wenig zu Papier bringt, dass unweigerlich Zweifel am eigenen Talent auftauchen.
Die Muse ist launisch. Manchmal sitzt man viele Stunden vor dem blinkenden Cursor oder vor Papier, auf dem jeder Strich zu misslingen scheint. Und manchmal gibt es auch jene Stunden, in denen die besten Szenen entstehen, weil man sie logisch und mit dem nötigen Handwerkszeug, durchdacht und geplant zu Papier bringt.
Eben dies ist Stefan Zweigs These: Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens vollzieht sich im Spannungsfeld dieser beiden Pole. Unbewusstheit und Bewusstheit, Inspiration und Technik. Darüber hinaus hat jeder einzelne Künstler innerhalb dieser Grenzen sein ganz eigenes Geheimnis der künstlerischen Schöpfung. Und dieses eigene, kleine Geheimnis ist es, auf das man sich - so schwer der Gedanke auch manchmal zu sein scheint - verlassen kann.
Wie oft zweifelt man so rigoros an seinem Talent, an seiner Begabung, dass man alles in Frage stellt? Jeder, der an einer Arbeit sitzt, die für ihn wichtig ist, kann sich diese Frage selbst beantworten.

Die Frage, die ich mir gerade stelle ist: Brauche ich mein Leid, um schreiben zu können? Brauche ich die Zeiten, in denen große, existentielle Fragestellungen mich bewegen? Oder gelingt es auch in Zeiten, in denen die Seele ganz ruhig ist? Kann ich nur über mich schreiben, meine Biographie schreibend verarbeiten, wie es Erstlingswerken nachgesagt wird, oder gelingt es mir, über die fiktionale Brücke zu gehen? Was ist mit den unendlich langen Stunden, in denen ich bereits geschriebenes korrigiere oder unvollständige Szenen und Dialoge ergänze? Wo bleibt, wenn ich zweifle, meine Inspiration? - Dort, irgendwo zwischen all diesen Fragen nach dem Grad der eigenen Begabung, nach der Qualität der eigenen Arbeit liegt das Geheimnis. Jenes individuelle Geheimnis, das jeder Schaffende hat. Ich glaube fest daran: Solange wir zweifeln, wollen wir wachsen, weitergehen. Und auch wenn man es nicht immer spürt, man ist zumindest einmal im Leben mit etwas so sehr in Berührung gekommen, dass es reicht, um ein ganzes Leben daraus tätig zu sein. Das kann eine intellektuelle Gewissheit sein. Das kann eine existentielle, eine tragische oder beglückende Situation gewesen sein. Das eigene Geheimnis, die magische Schneekugel, die wir immer wieder betrachten können, ist immer da.

Zuletzt (und das wohl wissend, um die Länge dieser Zeilen) noch einige Gedanken, wie man das Feuer der Inspiration schüren kann. Es ist ganz einfach: Man muss sich hinaus stellen, in den Wind, damit die Seiten der Harfe klingen. Die Berührung suchen, die man vermisst. Sich öffnen und verletzlich machen. Seiner Freude folgen, wie Joseph Campbell es sagt, es wagen - trotz der periodisch wiederkehrenden Zweifel - unsere eigene Sicht der Welt der großen Sammlung von Erfahrungen hinzufügen. Vielleicht, so habe ich mir vorgenommen, jeden Tag ein Gedicht lesen, um jene Verbindung zu mir selbst zu bewahren. Wagemutig sein und an das Geheimnis rühren, das uns verletzlich, das uns menschlich macht und immer in der Lage ist, uns über das hinaus zu heben, was momentan unser Alltag ist.

°°° Dieses poststrukturalistische Konzept bezweifelt, dass der Autor die alleinige Autorität ist, die den Sinngehalt eines Textes bestimmt. Einmal in der Welt, ist ein Kunstwerk autonom, losgelöst von seinem Schöpfer oder seiner Schöpferin und kann so Bedeutungen entfalten, die außerhalb der Intention des Autors liegen. Der fertige Text wird so zur Grundlage jeglicher Interpretation.

Die Welt in einer Schneekugel

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 11:34 on Mittwoch, Dezember 31, 2008

Ach, schrittest du durch den Garten / Noch einmal in raschem Gang, / Wie gerne wollt ich warten, / Warten stundenlang.

Längst verflossene Momente, Augenblicke der Vergangenheit tanzen durch die Erinnerung und werden in Theodor Fontanes Gedicht “Im Garten”, zu Bildern einer großen Sehnsucht. Manchmal, so scheint es mir in diesen Tagen, hat man das Gefühl, zwei Leben gleichzeitig zu leben. Das eine zerrinnt unaufhörlich in den gegenwärtigen Momenten und das andere lebt in der Erinnerung. Wie in einer Schneekugel tanzen dort Bilder und Szenen, die ich mir wieder und wieder ansehen kann. Ich kann sie hüten wie einen Schatz, das Flockentreiben beobachten bis das Wasser erneut klar wird oder ich kann sie, je nach meiner eigenen Entwicklung, immer wieder anders deuten.

Gerade jetzt zum Jahreswechsel, wo das Verrinnen der Zeit so greifbar ist, wo Gegenwart und Vergangenheit einander die Hand reichen, in den Stunden, in denen wir auf das vergangene Jahr zurück schauen, gerade jetzt ist der Augenblick, in dem die Träume stark werden. Die Träume der Vergangenheit, die Träume der Zukunft. Ich schreibe an meinem Buch und betrachte die kleine Schneekugel, in der die Welt meiner Kindheitstage für immer bewahrt ist. Ich suche Worte und Bilder für sie, entdecke, dass inmitten der Kugel ein alter Kirschbaum steht und augenblicklich verwandeln sich die weißen Flocken in Kirschblüten, die das Gras zudecken wie Schnee.
Die neun Musen, die Schutzgöttinnen der Künste, entstanden aus der Vereinigung von Zeus und Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung. Die Erinnerung ist unser geheimer Schatz - aus dieser Kraft entsteht alles künstlerische Schaffen.

Der vergangenen Welt in unserer Schneekugel begegnet eine andere: Die Gegenwart. Hier sind es Gespräche mit Menschen, es sind Bücher oder Musik, die uns berühren und uns beflügeln, die eigenen Träume nicht zu vergessen. Was wünschen wir uns für unsere Zukunft? Was ist unsere Vision? “Es ist wichtig, für seine Träume ein paar Kämpfe durchzustehen - nicht als Opfer, sondern als Abenteurer”, schreibt Paulo Coelho. Für dieses Abenteuer zwischen Vergangenheit und Zukunft wünsche ich allen meinen Lesern Kraft, Mut und den Glauben an die Liebe, die uns über alle Hindernisse hinweg trägt.

Eure Iris

Die Dinge und die Worte gehen im Kreis herum

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 1:10 on Montag, Oktober 27, 2008

Darf man sich als Germanistin und Büchernärrin trauen, zu sagen, man hätte Judith Hermanns Sommerhaus, später nicht gelesen? - Fast acht Jahre lang nicht gelesen, schlicht weil es in aller Munde war?
Ein seltsames und weit verbreitetes Phänomen: Man scheut sich die Bücher eines Autors zur Hand zu nehmen, weil einem der Ruhm und Erfolg zu viel Aufmerksamkeit einnimmt. Für wen sich die Massen begeistern, kann eigentlich nicht gut sein.

Ich habe mich überwunden. Ohne große Mühe, weil der Zufall mir das tiefblaue Taschenbuch in die Hände gespielt hat. Sie haben mir gefallen, die Kurzgeschichten Judith Hermanns, und ich nehme sie zum Anlass, über etwas zu sprechen, worüber ich schon eine Weile nachdenke: Die Sprachmelodie eines Autors.
Es mag seltsam klingen, aber es irritiert mich nachhaltig, wenn die Wörter wie ein Uhrwerk ineinander greifen und sich keine Irritation ergibt, die Sätze kein Innehalten erzwingen, um dem eigentümlichen und immer eigenen Klang eines Textes nachzuspüren. Die Geschichte mag noch so spannend sein, die Beobachtungen differenziert, wenn jenseits der Wörter kein Erstaunen wächst, das einen Passagen wieder und wieder lesen lässt, schmälert das für mich den Genuss einer Lektüre.

“Sie ist aus alter Gewohnheit früh aufgewacht, gegen sechs Uhr am Morgen, über den Dächern ein schmaler Streifen Himmel, Antennen und Schornsteine, auf den Regenrinnen die Tauben.” - Judith Hermann reiht hier die Beobachtungen eines frühen Morgens aneinander, ganz reduziert, und das Bild, das dabei entsteht, gleicht einer verblassten und doch detailreichen Fotografie. Schon an einem Satz zeigt sich: Die Autorin hat ihren eigenen Klang und wenn ich hier über jenen sinniere, so wohl wissend, nichts Neues zu entdecken. Die Literaturkritik spricht immer wieder, besonders wenn es gilt, Lobeshymnen zu verfassen, von einem gewissen “Sound”. So etwa vom Sebald-Sound, des 2001 verstorbenen Autors W.G. Sebald oder von Judith Hermann, deren Geschichten Hellmuth Karasek als “Sound einer neuen Generation” beschreibt.
“Ich schüttete die roten Korallen von der linken in die rechte Hand, sie machten ein schönes, zärtliches Geräusch, fast wie ein kleines Gelächter”, heißt es in der ersten Geschichte des Sommerhauses. Die phonetisch, das heißt akustisch wahrnehmbaren Regeln dieses Satzes sind prägnant: Die roten Korallen allein, als schöner, geheimnisvoller Begriff, in ihrer dunklen Assonanz, dem Gleichklang des o-Vokals. Die beiden Adjektive schönes und zärtliches sind durch einen Reim verbunden. Schüttete nimmt Korrespondenz zu schönes und Geräusch auf - zärtliches wiederum zu Geräusch oder Gelächter durch denselben Umlaut. - Dieses Spiel, die Beziehungen, die Verknüpfungen innerhalb eines Satzes aufzuspüren, ließe sich unendlich weiterführen. Auch wenn man sich diese Beziehungen, die “Webart” eines Textes während der Lektüre (und auch während des Schreibens) nicht bewusst macht, man nimmt sie wahr. Sie tragen dazu bei, dass wir uns in den Sätzen eines anderen Autors wohl fühlen - oder eben nicht.

“Wir waren allein, mitten im Wald, in der Einsamkeit, die aus der Einsamkeit der Nacht, der Morgenfrühe, des Waldes und der Tiere besteht und in der man für einen Augenblick immer das Gefühl hat, man habe sich im Leben und in der Welt verirrt, und eines Tages müsse man in dieses wilde gefährliche Zuhause zurückkehren, das doch das einzige und wahre ist.” - Der Ich-Erzähler in Sandor Marais Die Glut erinnert sich an einen Augenblick, der einundvierzig Jahre zurück liegt. Wir waren allein, fängt der Satz an, mitten im Wald, in der Einsamkeit… Marei schrieb nicht etwa: Wir waren mitten in der Einsamkeit des Waldes allein - was durchaus auch denkbar gewesen wäre - er reiht die Beobachtungen, die Gedanken bruchstückhaft aneinander, sodass sie sich ergänzen, aufeinander aufbauen, die Erinnerung Schritt für Schritt präzisieren. Diese Präzision der rückwärts gewandten Beobachtung wird auch an der auffälligen Reihung der Substantive deutlich: Einsamkeit, Nacht, Morgenfrühe, Wald, Tiere. Erst als der Ich-Erzähler diese Nomen-Reihe abgeschlossen hat und damit der Imagination Raum und Tiefe gibt, mündet der Satz in der gefühlsmäßigen Essenz des Erlebten.

Manch einer mag sich an dieser Stelle fragen: Wozu diese Wortklauberei? Alle Worte wurden schließlich schon einmal gesagt, wieso kommt es darauf an, sich ihrer Melodie hingeben zu können? Warum sollte man, wenn man selbst schreibt, eine Weile hinhören, wie sich die Worte zueinander stellen? Ist es nicht viel wichtiger, dass meine Botschaft, meine Idee in einem Text so klar wie möglich zutage tritt?
Aus eigener Erfahrung gesprochen: Das eine kann ohne das andere nicht sein. Literatur ist immer auch eine Beschwörung. Ähnlich den Merseburger Zaubersprüchen, den althochdeutschen Versen vorchristlichen Ursprungs, in denen ein Lösesegen und Heilung ausgesprochen wird. Sprache ist Sichtbarmachung, Veränderung, eine symbolische Tat, eine Hingabe an die eigenen Möglichkeiten und damit die Chance, andere Menschen zu berühren. Und es ist gleich, ob ich meine Sätze mit einer Eingebung aufs Papier bringe oder sie stundenlang umkreise. Ich kann sicher sein, dass ich dann zufrieden bin, wenn sie schlicht daherkommen, wenn sie mir in gewisser Weise ähnlich sind, wenn ich mich in ihnen wohl fühle, wie in einem Zimmer, das ich eingerichtet oder wie in einem Bild, das ich gemalt habe.

Das alles schließt nicht aus, dass uns Sätze treffen können, wie ein Faustschlag. Sätze, Wortfolgen, Rhythmen, die uns entsprechen, müssen nicht zwangsweise wirken wie eine lang ersehnte Umarmung. Im Schreiben findet sich nicht nur das Schöne wieder, auch das Namenlose, das Unbeantwortete und es kann in seiner Wirkung dem ähneln, was Kafka in einem Brief an Oskar Pollak wie folgt formuliert: “Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen [...] ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.”
Die Melodie der eigenen Schreibe stellt sich nicht immer auf Anhieb ein. Allzu oft bedarf es der Wortfeile, die wieder und wieder über die Sätze geht, dem Goldwaschen nicht unähnlich, das Materialien nach ihrer Dichte sortiert. Das schwere, dichteste Gestein sammelt sich unten. Der langsame Prozess des Siebens, ist weder ein Zeichen des eigenen Unvermögens, noch mangelndem Genie. In Die Glut heißt es: “Ja, die Worte kehren wieder. Alles kehrt wieder, die Dinge und die Worte gehen im Kreis herum, manchmal umkreisen sie die ganze Welt und treffen dann an ihrem Ausgangspunkt ein und schließen etwas ab.”
Die Suche nach den treffendsten Worten und Bildern braucht seine Zeit. Aber wenn wir unseren Klang gefunden haben wird deutlich, dass vielleicht eben nur so, auf diese eine Art, in dieser einen Sprachmelodie, die Dinge für uns abschließbar sind.

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