Ansicht des Lebens
Ich saß einmal vor vielen Jahren, gewiss traurig genug, auf der Lehne des Laurenziberges. Ich prüfte die Wünsche, die ich für das Leben hatte. Als wichtigster oder als reizvollster, ergab sich der Wunsch, eine Ansicht des Lebens zu gewinnen (und - das war allerdings notwendig verbunden - schriftlich die anderen von ihr überzeugen können), in der das Leben zwar sein natürliches schweres Steigen und Fallen bewahre aber gleichzeitig mit nicht minderer Deutlichkeit, als ein Nichts, als ein Traum, als ein Schweben erkannt werde.
15. Februar 1920. Franz Kafka, Tagebücher.
