Stolen Roses
http://www.youtube.com/watch?v=m5mXp8aRCLU&feature=related
Karen Elson: Nicht nur ein schönes Model…
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Karen Elson: Nicht nur ein schönes Model…
In Franz Kafkas Geschichte Ein Hungerkünstler lässt sich der Protagonist in einem Gitterkäfig dafür bewundern, dass er keine Nahrung zu sich nimmt. Niemand glaubt ihm, dass ihm das Hungern leicht fällt. Er fastet und heischt nach der Aufmerksamkeit, nach dem Beifall seines Publikums. Eine Parabel des Künstlertums oder mehr? Es gibt vieles, womit man immerwährenden Hunger stillen kann: Geld, Zerstreuung, Pläne. Vielleicht aber legen wir Messer und Gabel beiseite und stellen fest, dass die Welt nicht nach unserem Geschmack ist. Wir versagen uns gewisse Speisen, Gedanken oder Handlungsweisen und lassen uns dafür bewundern. Der Verzicht macht unsere Identität aus.
In vielen Dingen ist das entscheidend, was abwesend ist. Die Spuren, die man nicht finden kann. Die Wege, die man nicht gegangen ist. Haben wir uns bewusst für ein Lebensmodell entschieden? Wo leisten wir aus Angst oder Hoffnungslosigkeit Verzicht? Dieser Verzicht kann sich auf vordergründig banale Dinge beziehen wie Fernsehen oder Zeitung lesen und kann sich in mangelnder Verantwortung oder dem Vermeiden von Risiken äußern. Kafkas Hungerkünstler lässt sich dafür bewundern, dass er keine Nahrung zu sich nimmt. Doch seine Kunst ist eigentlich Verzweiflung. Er habe nur gefastet, gesteht er am Ende, weil ich keine Speise finden konnte, die mir schmeckt.
Ist das die einsame Wahrheit des Verzichtes? Wenn wir Dinge unterlassen, uns nicht ausprobieren, im Raum der vertrauten Möglichkeiten bleiben, so ist das weniger ein Ausdruck unserer Kreativität als eine Kapitulation. Wir unterlassen das Essen und nähren uns von dem Verzicht. Wir geben nicht zu, dass uns das Hungern leicht fällt. Wir verschanzen uns hinter dem Kreis, den wir uns selbst als Radius zugestehen.
Jenseits dieses Kreises ist ein Meer an Möglichkeiten. Ob wir einen Nutzen daraus ziehen, den Kreis zu erweitern, ist fraglich. Aber ist Nutzen eine verlässliche Kategorie, nach der man sein Handeln auszurichten hat? Sind die schönsten Dinge nicht die nutzlosesten? Oder wie Theóphile Gautier sagt: Es gibt nichts wirklich Schönes, als das, was zu nichts nützt. Vielleicht gilt es nichts erreichen zu wollen, um unseren Hunger als das zu spüren, was er ist: Ein Wegweiser zu unserem Glück. Wir halten mit der Verzweiflung eines Schiffbrüchigen an dem fest, was unser Leben augenscheinlich ausmacht, selbst wenn unsere Konzepte uns hemmen und klein halten und wir letztendlich daran zu verhungern drohen. Dabei besitzt jeder eine Kompassnadel, die ihm zeigt, wo es langgeht.
Vorgegebene Wege sind keine Wege, um eigene Erfahrungen zu machen, schreibt Reinhold Messer. Der Erfahrungsbereich eines jeden Menschen ist grundsätzlich unendlich. Warum definieren wir uns also über unseren Verzicht? Über die Erfahrungen, die wir nicht gemacht haben? Warum lassen wir uns für das bewundern, was wir unterlassen? Was ist so erstrebenswert daran, keine Fehler zu machen?
Wenn man einen Weg abseits der vorgegebenen Wege sucht, bleibt der Erfolg und auch die Sinnhaftigkeit des Tuns für die Außenwelt oftmals unsichtbar. Wir vermessen die Welt mit unseren Schritten. Was für den einen gilt, muss für den anderen nicht stimmig sein. Für die ungelebten Möglichkeiten, diese unentdeckten Landschaften lohnt es sich, hinauszugehen. Unser immerwährender Hunger, unser Durst nach Liebe und Freude, nach einer Möglichkeit unsere Fähigkeiten und unsere Einzigartigkeit auszuleben und mit anderen zu teilen, wird uns nicht loslassen. Wenn man sein Element gefunden hat, sein ureigenstes Mittel sich auszudrücken, sein Umfeld, das einem erlaubt, der zu sein, der man will, ist der Hunger kein Selbstzweck mehr.