Hingebungsvoll lauschen

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 9:54 on Samstag, April 24, 2010

In diesen sonnenfrohen Apriltagen etwas Musik - die gegensätzlicher (und schöner) nicht sein könnte.

*Wer also hingebungsvoll schwelgen möchte:
http://www.youtube.com/watch?v=11POTypBh2I

*Und wer melancholische elektronische Musik liebt:
http://www.youtube.com/watch?v=Bz75r0eM1kg

Eure Iris°

Gebündelte Energie

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 3:10 on Donnerstag, April 8, 2010

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Kein Gefühl von Erhabenheit. Ich bin auch dafür wohl zu müde. Und doch eine Vorausahnung, dass dieser Augenblick, ohne ein besonderer oder gar glückhafter zu sein, im Nachhinein beruhigend sein wird, für mich ganz allein, eine Art Abschluss. Vielleicht die Erkenntnis, dass ich den Stein, mich selbst, ein Leben lang wälzen kann, ohne je den Gipfel zu erreichen, wenn ich nicht selbst dieser Gipfel bin. Ich bin Sisyphus.

Dies schreibt Reinhold Messner, als er als erster Mensch im Alleingang den höchsten Berg der Welt bezwingt. Die letzten Höhenmeter sind eine Qual. Er schleppt sich Schritt für Schritt vorwärts. Allein der Wille zählt. Der Körper mahnt bei jedem Atemzug zur Umkehr. Die Lunge brennt, die Kehle gleicht einem Reibeisen, der Verstand arbeitet aufgrund des verminderten Sauerstoffgehalts der Luft eingeschränkt. 8500 Meter über dem Meeresspiegel inmitten einer weißen, unwirtlichen Welt, ohne Seilschaft, ohne Sauerstoffgerät, ohne Funkgerät, kämpft sich Messer auf den Gipfel. Was treibt ihn zu dieser und all seinen anderen Bergbesteigungen an? Er ist der erste Mensch, der auf den Gipfeln aller Achttausender stand, vom Nanga Parbat 1970 bis zum Lhotse 1986. Jeder Abstieg bedeutet weniger eine Rückkehr in die Zivilisation als einen neuen Aufbruch, neue Pläne - eine Identifikation mit Sisyphos, dem griechischen Helden, der als Strafe wieder und wieder einen Stein den Berg hinauf rollen muss, erscheint treffend.

Der Moment, in dem ein Ziel erreicht wird, ist vielleicht nicht besonders glückhaft. Man durchschreitet keine magische Linie und ist fortan ein anderer. Vielleicht steht am Ende wirklich die Erkenntnis, dass man sich weniger auf ein Ziel als immer weiter auf sich selbst zu bewegt.
Messner besitzt eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe, das macht das Lesen seiner Berg-Abenteuer zum Genuss. Er hat einen genauen Blick für die Landschaft und einen Instinkt, der sich aus Beobachtung und jahrelanger Erfahrung speist. Das Geheimnis seines Erfolgs ist die Gabe der Identifikation. Wochenlag ist die Gipfelbesteigung Ziel einer imaginären Reise. Wieder und wieder, wie ein Besessener, starrt er den Berg an, studiert die Schattierungen von Schwarz und Weiß, beobachtet das Wetter, geht im Kopf mögliche Routen durch. Er spricht vom Berg als einer Geliebten, von der er nicht loskommt, die ihm ein Rätsel bleibt.

Messner schafft das schier Unmögliche. Ohne Sauerstoff und ohne Partner bezwingt er den Gipfel des Mount Everest. Kritiker halten solche Bergbesteigungen für eine narzisstische, mediale Inszenierung, für die Verschwendung von Mut. Ich verstehe vom Bergsteigen so viel wie etwa von Bienenzucht. Aber ich kann verstehen, warum ein Mensch sich die Aufgabe stellt, Grenzen zu überschreiten, sich aussetzt auf einen Berg, ohne zu wissen ob ein Zurück möglich ist. Gibt es eine symbolischere Handlung als die des Berg-besteigens? Sind nicht alle unsere Ziele und Träume mehr oder weniger große Berge, die es oft unter Mühen zu erreichen gilt? Wir träumen in unserem Leben manch einen Traum. Zumeist bleiben unsere Träume das tröstende Fahrwasser unseres Alltags. Sie bilden eine Gegenwelt, ein Land der Möglichkeiten. Sind sie deswegen nutzlos? Mein Lieblingssatz in Messners “Everest Solo” lautet schlicht: Gebündelte Energie speichert sich nur in der langen Zeit des Wartens, des Hoffens, des Träumens.
Viele Träume bleiben unerfüllt. Doch wenn ein Traum zur Leidenschaft wird und von Willensstärke, Ausdauer und Zähigkeit begleitet wird, dann scheint kein Hindernis unüberwindlich. Eine Bergbesteigung ist keine Verschwendung von Mut. Sie zeigt uns, was Kraft unseres Willens Wirklichkeit werden kann.