Vom Lese(r)glück
Literatur ist eine besondere Ausdrucksform. Sie braucht den Leser.
Erst durch die Phantasie des Lesers vollendet sich der Text. Nur mithilfe der Vorstellungskraft eines jeden Einzelnen wird die Welt aus Papier lebendig. Jeder kann die Probe aufs Exempel machen und prüfen, inwieweit mithilfe des reichen Fundus an eigenen Erinnerungen und Bildern die Welt zwischen zwei Buchdeckeln lebendig wird.
Literatur hat etwas Privates, man kann sich eine Geschichte durch das Lesen buchstäblich zu eigen machen. Die Begegnung mit Literatur geschieht zu Hause im Lesesessel, im Zug, auf dem Balkon, im Café oder wo auch immer man am liebsten lesen mag. Beim Lesen verschwindet die Welt und der Fokus richtet sich auf den Sog jener aneinander gereihten Buchstaben, die eine andere, fiktive Welt vor dem inneren Auge entstehen lassen. Braucht es mehr zum Leseglück? Oder muss man noch etwas über die Biographie des Autors wissen, über die Entstehungsumstände des Buches oder über den Schaffensprozess?
Ich habe eine Leserin, die mir schrieb, dass sie das “Schreiben über das Schreiben” eitel findet und dass ein guter Autor hinter dem Text kommt. Ich glaube, dass sie damit recht hat. Ich glaube aber auch, dass es sich lohnt (vor allem, wenn man einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin begegnet, dessen/deren Dichtung man wirklich mag), auch auf den Menschen zu sehen, der schreibt, auf seinen Weg, auf seine Fragen und auf sein Schreiben. Besucht man etwa eine Literaturausstellung, so kann man sehen, dass jedes Blatt Papier, jeder Gegenstand Spuren trägt, kleine manchmal unbedeutend anmutende Zeichen, die uns Geschichte vergegenwärtigen und den Menschen vorstellbar machen. Sie zeigen etwas von dem kreativen, selten auf Anhieb glückenden Prozess des Schreibens. Und ich glaube, dass dadurch das Verständnis einer Dichtung reifen kann.
Literatur ist (im Gegensatz etwa zur Bildenden Kunst) aber nicht zur Ausstellung bestimmt. Ist das, was man in einer Vitrine sieht, Literatur? Der in einem Museum ausgestellte Text ist nicht “die Sache selbst”. Es verhält sich mit ihm wie mit der Notation eines Musikstücks: Musik ist nicht die Partitur auf einem Blatt Papier.
Und dennoch lohnt sich der Blick ins Museum. Zu Hause im Lesesessel erfährt man ein Buch als etwas Fertiges und Privates. Die Welt zwischen zwei Buchdeckeln fängt immer dann an, sich vor meinem inneren Auge auszubreiten, wenn ich das Buch aufschlage. Ich fülle die Leerstellen mit meinen Bildern. Liest man Hintergrundinformationen oder schaut sich das Manuskript im Original an, so erfährt man Literatur als etwas Gewordenes und auch etwas Fremdes, das einem trotz aller Liebe zum Lesen nicht ganz begreifbar wird. Und gerade deswegen halte ich es für sinnvoll, die Entstehungsumstände einer Dichtung zu beleuchten. Man muss nicht so lange hinschauen, bis der Autor einem als Mensch entgegen tritt, aber so lange, bis das Werden eines Werks sichtbar wird. Ich glaube hier liegt der feine Unterschied. Ich muss nicht wissen, was jemand gerne zu Abend isst oder etwas über sein Liebesleben erfahren, ich muss keine als Devotionalien präsentierte Gegenstände eines Autors bewundern, doch jede Information über das Schreiben (mit seinen Höhenflügen und seinen Abgründen), kann mein Verständnis des Textes präzisieren.
Ich muss nicht die Biographie von Hermann Hesse kennen, um seine Bücher mit Gewinn zu lesen. Ich kann aber Hesses Aufzeichnungen etwa zum Glasperlenspiel lesen und begreifen, warum es Fragment geblieben ist und warum der Autor ganze zehn Jahre daran geschrieben hat. Ich kann entdecken, dass das Buch nicht linear und nur bedingt zielgerichtet entstanden ist. Was bedeutet das? Hesse schrieb von verschiedenen Stellen aus seinen Roman, überarbeitete Passagen über Jahre hinweg und arbeitete zwischenzeitlich monatelang nicht an seinem Buch. Doch auch das nicht geschriebene Werk war für ihn immer Mittelpunkt des Lebens. Wer kennt das nicht. Je anhaltender die Arbeit stockt, desto größer ist die Sehnsucht nach dem Schreiben.
Wenn wir uns als Leser auf die Suche machen nach der Genese einer Dichtung, nach jenen Zeichen, Wortlisten, Streichungen und Plänen, können wir unser Bild, das wir beim Lesen des Textes gewonnen haben, überdenken. Wir können es neu ausrichten oder bestätigt finden. Wir können Bezüge zu unserer eigenen Lebenswelt herstellen. Doch all diese Fragen verlangen Bescheidenheit. Denn das letztendliche Geheimnis jeder Kreativität, jedes Kunstwerks, kann (zum Glück) nicht gelüftet werden. Ein Buch, das man liebt, gehört einem auf unveränderliche Weise. Ist ein Buch fertig, löst es sich von seinem Urheber und wird gewissermaßen autark, autonom. Ein Autor verschenkt seine Dichtung. Und er verschenkt, wenn er das möchte, ebenso die Augenblicke, die zwischen den weißen Seiten und der fertigen Geschichte liegen.
PS: Vielen Dank für die unendliche Geduld meiner Leser. Der Roman wächst und gedeiht immer noch. Ich hoffe es werden letztendlich nicht sieben Jahre à la Zauberberg! Eine neue Rubrik, die eigene Texte vorstellt, soll bald einen kleinen Einblick in die Schreibstube geben…
Eure Iris
