Später Mut
Menschen zu fotografieren ist die Königsdisziplin des Fotografierens. Warum? Weil ein Gesicht sich stetig verändert, weil die schönsten Momente dann schon wieder vorbei sind, wenn man auf den Auslöser drückt. Weil ein Gesicht immer gleichzeitig spricht und verbirgt. Die Landschaft, die Natur ist anders. Die Tropfen auf der Kapuzinerkresse bleiben so lange übers Grün gestreut, bis ich sie eingefangen habe. Der Abend formt den Himmel, siebt die Farben zwischen die Wolken bis sie mir stark genug, leuchtend genug sind. Dann suche ich meine Perspektive und löse aus. Der lieben Landschaft macht das nix, wenn ich sie knipse. Anders Menschen. Der gefühlvollste Ausdruck, das erinnerungsvollste Innehalten, das stärkste Lächeln kann brüchig werden, wenn es sich entdeckt glaubt.
Gesichter zu fotografieren ist schwierig. Gesichter zu fotografieren ist wunderschön. Der Körper erzählt alles. Was Worte verschweigen erzählen Gesichter, Gesten, Bewegungen. Der Körper kann nicht verbergen. Er spricht, äußert sich, strömt über, von Sekunde zu Sekunde. Ich habe mich lange nicht an Menschen heran getraut. An dieser Stelle also: Danke liebe Elfy, fürs Modell sein! (Übrigens: Wer sehen will, wer das wirklich kann, der schaue auf die Homepage meiner Freundin Stine: www.stine-wiemann.com )
Auch in meinem Buch ging mir das nicht leicht von der Hand. Um wie vieles einfacher ist es, die Figuren als Gefäß für unsere Gedanken zu benutzen, ihnen kluge, verzweifelte, zweifelnde, schelmische Worte in den Mund zu legen. Sie als Erweiterung unserer Selbst zu behandeln. Doch wenn man lange genug am Schreiben dran bleibt, wandelt sich das. Dann nehmen sich die Figuren ihren Körper. Dann fangen sie an, Wirklichkeit zu werden. Vielleicht streicht sich einer von ihnen mit fahriger Geste eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Vielleicht schweigt einer von ihnen über seine Angst und doch verrät ihn die Art, wie er durchs Zimmer geht. Je körperlicher die Figuren werden, desto echter.
In jedem Buch übers kreative Schreiben finden sich Tipps, die einen in diese Richtung führen wollen. Was habe ich mir anfangs über eine Marotte meiner Hauptfigur den Kopf zerbrochen! Sie sollte unbedingt einen Tick haben, etwas, das sie unbewusst wiederholt und sie so individualisiert, vielleicht sogar das Potenzial hat, ihr Markenzeichen zu werden. Alles, was mir einfiel, hatte einen gekünstelten Beigeschmack, alles, was sie tat, blieb ein wenig hölzern und gestellt. Irgendwann haben wir einfach die Rollen getauscht. Ich ließ den Gedanken fallen, ihr eine Marotte anzudichten und sie fing im Gegenzug an, mir viele kleine Wirklichkeiten zu schenken. Ich wurde zum Beobachter und sah etwa eines Tages, wie meine Protagonistin anfing, mit einer losen Kachel unter dem Waschbecken zu spielen. Wie das? Ganz einfach. Sie wusch sich die Hände im Bad, wähnte sich wohl unbeobachtet, und bemerkte mit dem bloßen Fuß eine lose, zersprungene Kachel unter dem Waschbecken. Ihr Fuß ging automatisch hin und ließ die losen Enden wippen, sodass ein rhythmisches Klappern entstand, ein ruhiges “Klap-Klap”, das sich unters Fließen des Wasserhahns mischte.
Eigentlich relativ unspektakulär, möchte man meinen.
Das entscheidende ist: Das war ihre erste echte Geste, eine Geste aus der sich unendlich viele weitere Szenen ganz von selbst ergaben, bis ich dann irgendwann wusste, dass sie unglaublich gerne barfuß läuft, den Kontakt zur Erde genießt und dass sie sich die Dinge, die sie umgeben, schlicht über deren Berührung einverleibt. Jetzt ist sie sinnlich geworden. Sie ist keine Idee in einer papiernen Welt. Sie ist echt. Und das mit der Kachel? Sie macht das nun im Bad immer so, dieses selbstvergessene Klappern, egal ob sie sich die Zähne putzt oder die Hände wäscht. Und ich lasse sie.

