Durch die Tiefe

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 9:33 on Samstag, Juni 6, 2009

Ist es nicht verwunderlich, dass man auch als Autor manchmal nicht hinter das Geheimnis des Schreibens kommt? Dass man manchmal die Genese seines eigenen Textes nicht versteht? Woher kommt die Phantasie? Warum entzieht sie sich, wenn man sie gerade zu fassen versucht? Man kann sie nicht zwingen, so scheint es, sie arbeitet im Stillen, Geheimen und sucht sich ihre Wege um irgendwo aufzutauchen, im Schlepptau die Bilder und Gedankenfetzen, die man, manchmal mühsam, manchmal wie in einem einzigen Rausch, zu einer Geschichte verarbeitet.

Dabei sucht und sammelt man beständig, spitzt die Ohren wenn man heimlicher Zuhörer eines Gespräches wird, studiert markante Gesichter, ausdrucksstarke Gesten. Man notiert Szenenentwürfe in Notizbücher und an den Rand der aktuellen Buchlektüre oder auch nur mental. Dann vergisst man die Details (und man tut gut daran) und sie werden genau zum richtigen Zeitpunkt wieder auftauchen, sich in einer Geschichte verselbstständigen. Und auch wenn man diese Erfahrung wieder und wieder gemacht hat, so wird doch die Summe der Erfahrung nicht zur Gewissheit des eigenen Könnens.
Woher kommt es, dass man, obwohl man auf viele niedergeschriebene Seiten zurückblicken kann immer wieder Angst hat, nicht mehr schreiben zu können? Gerade so als wäre es etwas, was man unachtsam verlieren könnte. Man kann noch so viel zu Papier gebracht haben, noch so viel Lob oder Anerkennung bekommen haben, man fürchtet sich davor, es einzubüßen, zu verlieren, zu vergessen. Hier ähnelt das Schreiben keiner anderen Tätigkeit. Nirgendwo sonst, als in der Kunst, ist die Tätigkeit so sehr abhängig (oft gefühlsmäßig abhängig) von etwas, was man kaum benennen kann.

Es ist, wie es Thomas Mann im Tristan sagt: “Daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten.” Dem ist nur hinzuzufügen, dass dies auch für Schriftstellerinnen gilt. Es gibt natürlich einige Ausnahmen. Irene Dische sagte etwa nach einer Lesung, dass ihr das Schreiben leicht von der Hand ginge. Sie kenne dieses Dichterklischee nicht, dass man am schreiben leide. Unter meinen großen Vorbildern gibt es, wenn ich darüber nachdenke, jedoch viele, die am Schreiben litten. Das Konzept des melancholischen Genies und der zerrissenen Künstlers etablierte sich vor allem in der Frühromantik. Seither gehören Selbstzweifel und Schreibblockaden für einen Autor geradezu zum guten Ton. Diese besondere Leidens-Disposition hat zu Sehnsüchten und Projektionen, Artikeln und ganzen Büchern geführt. Etwa, um bei Thomas Mann zu bleiben, seine novellistische Studie Schwere Stunde, in der er einen Friedrich Schiller imaginiert, der mit der Fertigstellung seines Wallestein ringt. Die Entstehungsgeschichte wird zur Leidensgeschichte. Selbst bei großem Talent ist das Schreiben nicht immer von Leichtigkeit geprägt.

Man mag es also auf der einen Seite wissen und kann doch auf der anderen Seite nicht aus seiner Haut. Es ist, als ob diese Klage immer wieder und für (fast) jeden, der schreibt, aufs Neue gilt. Aber, so wage ich zu behaupten, gerade diese Zweifel und diese Qual, die Fähigkeit, schonungslos ehrlich mit seinen Gefühlen umzugehen, wird letztlich für die Qualität des Textes bürgen. “Kunst definiert sich weniger durch das ausgedrückte Objekt, sondern durch die Tiefe des Subjekts, das dieses Objekt ausdrückt.” schreibt Ken Wilber. Die Fähigkeit, diesen Tanz zwischen absoluter Selbstüberschätzung (immerhin wird man zum Schöpfer einer eigenen Welt) und absolutem Selbstzweifel (denn es könnte doch immer besser sein und ist im Grunde nie fertig) auszuhalten, ist noch gar nicht gebührend gewürdigt worden.
Das Schreiben nimmt, wenn man sich traut, es ernst zu nehmen, einen hohen Stellenwert im eigenen Leben ein und gleichzeitig bleibt es doch immer auch eine Art Spiel, etwas, das zu schaffen keine Notwendigkeit besteht, dem immer auch ein Hauch Luxus, Narzissmus, Verzichtbarkeit anhaftet. So ist man manchmal doppelt zerrissen: Zwischen Spiel und absoluter Notwendigkeit. Zwischen Glaube und Selbstzweifel.

Ich hoffe, dass es letztlich immer ein wenig von beidem braucht: Einsicht und Mysterium, intellektuelle Analyse und traumwandlerischer Hingebung. Es ist ein schmaler Grat, denn in beiden Richtungen kann man sich verlieren und in beiden Richtungen liegt das Versprechen, tatsächlich teilzuhaben, an dem großen Traum, eines Tages ein eigenes Buch in den Händen zu halten.