Try. Fail. Try again. Fail Better.
Eine gute Freundin sagte einmal zu mir: “Wir sind es nicht mehr gewohnt zu verlieren.” Wer verliert schon gern, dachte ich. - Ich nicht. Im Gegenteil. Ich habe es (könnt’ ichs mir nur wünschen) eigentlich am liebsten, wenn mich meine Umwelt bestätigt, bestärkt, wenn mir meine Unternehmungen gelingen und mir meine Aufgaben leicht von der Hand gehen. Wer sucht schon Kritik? Haben wir das Verlieren etwa je gelernt?
Sei es Schule, Studium oder Arbeit, selbst in unserer Freizeit und in unserem sozialen Leben ist der Druck alles richtig zu machen gegenwärtig. Es fehlen uns die Schauplätze des spielerischen Versuchs, des lustvollen Ausprobierens, des haushohen Verlierens oder des glücklichen Gewinnens. Alles, was wir in unserem Leben anfangen, hat den strengen Beigeschmack der ernsten Angelegenheit. Das behutsame, vorsichtige Anfassen, bedachtsame Umkreisen oder gar das tobende, genussvolle und enthusiastische aber auch selbstvergessene Ausprobieren einer Sache gehört nicht zu den Dingen auf unserem Erziehungsplan. Können wir es bei mit dem Scheitern und Verlieren halten wie es in Samuel Becketts letztem Werk “Worstward ho” steht?
Ever tried. Ever failed. No matter. Try. Fail. Try again. Fail Better.
Wir fühlen uns unserer Arbeit, unseren Werken und Zielen zugehörig und knüpfen unser Wohl und Wehe daran. Je mehr wir mit unseren Projekten verschwistert sind, umso eher werden wir erfolgreich sein, oder? Was wir auch tun, wir tun es ganz. Klingt eigentlich wünschenswert. Doch was folgt, wenn wir uns ganz und gar einer Sache verschrieben haben und diese misslingt? Was folgen kann ist ein Selbstwerteinbruch, ein Zweifeln an den eigenen Talenten, im schlimmsten Fall am eigenen Wert.
Ich plädiere jetzt nicht für ein halbherziges Herangehen an die Dinge - ganz im Gegenteil. Wenn wir die Projekte, an denen wir arbeiten in den Vordergrund, uns gewissermaßen in ihren Dienst stellen, dann nimmt man sich selbst auf ganz leichte und unspektakuläre Weise heraus. Unsere Projekte wären ohne unser Zutun so nicht auf der Welt. Und dennoch führen sie ein Eigenleben, sind gleichermaßen losgelöst von unserem Wollen und fest an die Schöpferin oder den Schöpfer geknüpft, haben ihren eigenen Kopf und können uns den unsrigen ab und an gehörig waschen. Diese Freiheit, diesen Übermut und Eigensinn können wir ihnen lassen. (Schließlich wünschen wir uns doch, dass sie eines Tages auf eigenen Beinen stehen können) Ein Versuch ist es wert: Man nimmt sich zurück, bringt sich hinter einer Aufgabe zum verschwinden und damit jene Aufgabe recht eigentlich erst zum Leuchten.
Und noch etwas anderes passiert, wenn man sich ein kleines bisschen mehr heraus nimmt und in den Dienst einer Sache stellt: Man gewöhnt sich daran, Kunst und Schönheit unabhängig von einem bestimmten Ort, einer bestimmten Person oder einem konditionierten Zusammenhang zu erkennen. Das hört sich leicht an? Es ist das schwerste.
Einer der bekanntesten Geiger der Welt, Joshua Bell spielte inkognito in einer Metrostation in Washigton DC. Er spielte Stücke von Bach auf seiner Geige im Wert von 3,5 Millionen Dollar. Die Passanten gingen vorbei, verhielten sich ebenso wie sie es bei jedem anderen der Straßenmusiker getan hätten. Sie sahen auf die Uhr, drängten ihre Kinder weiter und spendeten ein paar Münzen. Kaum jemand nahm sich Zeit, der Musik zuzuhören, die Schönheit wahrzunehmen. Weil sie den Menschen in einem Zusammenhang begegnete, in dem sie nicht auf sie eingestellt waren. Wie hätten die Passanten sich verhalten, wenn sie um den Erfolg und die Popularität, der Kunstfertigkeit und dem “Wert” der Musik und des Geigers gewusst hätten?
Zwei Tage zuvor hatte Joshua Bell Konzertkarten für durchschnittlich 100 Dollar verkauft.
Schönheit, Kunstfertigkeit auch in unerwarteten Zusammenhängen zu erkennen - kann man dafür achtsam bleiben? Wie sieht es mit unserer eigenen Schönheit aus? Können wir unser Talent wahrnehmen, darauf vertrauen, wenn wir an etwas gescheitert sind, wenn etwas länger dauert oder anders verläuft, als wir es uns ursprünglich vorgestellt haben? Können wir uns selbst dieses Wohlwollen, diese Aufmerksamkeit schenken?
Jedes Mal wenn ich mich wieder an mein Buch setzte, Strukturen und Dialoge aufbreche, versuche besser hinzuhören, ist dieser Weg von Zweifeln geprägt. Wieso gelingt mir eine Szene nicht im ersten Wurf? Wie oft muss ich über das Gefühl des Scheiterns hinweg kommen bis alles so auf dem Papier steht, wie es soll?
Wie tief muß man graben bis der Acker Milch gibt und Honig heißt es in Erich Frieds Notwendigen Fragen. Manche Dinge stelle ich mir unendlich leicht vor. Ich fange an zu graben und mache mir keine Gedanken darüber, an wie viel Erde ich mich abarbeiten muss. Ich spanne meine Flügel und laufe los, springe über Abgründe ohne zu wissen, was mich auf der anderen Seite erwartet. Dieser Wagemut ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Viel eher von sonderbaren Ab- und Umbrüchen, von schier endlosen Zeitfenstern und spielerischen Verrücktheiten. In diesem Weg liegt auch ein gewisser Leichtsinn. Was für ein schönes Wort. Leicht. Sinn. Und doch von so warnender Statur.
Aber, wie heißt es so treffend: Man kann einen Abgrund eben nicht in zwei Sprüngen überqueren.
