Die glückliche Vermeidung eines Berufs
Wer kennt ihn nicht, den Spagat zwischen Kunst und Leben?
Manchmal scheint da gar keine Distanz zu sein. In wenigen glücklichen Momenten haben wir das Gefühl, in unserem täglichen Leben der zu sein, der wir auch in unserer Kunst sind. Dann ist da keine Brücke, über die man gehen muss, kein Gefühl der Erleichterung, wenn endlich der Moment gekommen ist, in dem wir die Tür hinter uns zuziehen und dort angekommen sind, wo wir am liebsten sind. “Das Zuhause ist der einzige Ort der Freiheit. Ja, es ist der einzige Ort der Anarchie. Es ist der einzige Fleck auf Erden, wo man urplötzlich seine Entschlüsse ändern, ein Experiment machen oder sich einer Laune überlassen kann.” Gilbert Keith Chesterton hat Recht. - Wie schön ist es, einer Arbeit nachzugehen, die man in den eigenen vier Wänden ebenso gut wie irgendwo anders verfolgen kann.
Ist das nicht einer der heimlichen Gründe warum man so gern schreibt? Einer von unzähligen, mehr oder weniger bewussten Gründen?
Weil es so herrlich ist im Morgenmantel mit einer Tasse Tee oder Kaffee den Rechner hochzufahren, sich an dem heimeligen Knistern zu erwärmen wie vordem Menschen aus vergangenen Jahrhunderten am Kaminfeuer? Weil man über die Dächer der Häuser oder hinaus ins Grüne schauen kann während die Finger über die Tasten fliegen? Und weil man währenddessen einfach sein kann, wie man ist?
Ganz ehrlich: Ich fühle mich jeden Tag ein wenig anders. Im Kosmos meiner erdachten, papiernen Welt kann ich alles einbringen, was ich bin. Ich kann schreibend viele Eigenheiten ausleben, die ich mein halbes Erwachsenenleben mit mir herum trage. Eigenheiten, die ich mag und doch oft mit einem schlechten Gewissen auslebe: Meine Liebe zum späten Aufstehen, zu meinem Zuhause, unregelmäßigen Arbeitszeiten, langen Unterhaltungen, zu Ruhe und Träumen. Ich bin ein großer Fan von der Idee, Arbeit und Leben miteinander zu verflechten. Dieses Prinzip herrscht auch im Leben meiner Romanfiguren vor. Sie arbeiten, aber es gibt auch Tage, in denen sie im Schatten des Kirschbaums liegen und in die Wolken schauen oder ein Stündchen zwischendurch am Gartenzaun mit einem Nachbarn plaudern.
Oh ja, ich weiß, das klingt fernab von der Welt, in der wir jetzt leben.
Willkommen in der wirklichen Welt. - Das scheint mir jeden Montagmorgen mein Büro zuzurufen. Da klingelt das Telefon und irgendjemand möchte immer etwas von mir. Ich verkaufe meine Lebenszeit für Dinge, die ich anders machen würde - geschweige denn, dass ich sie überhaupt machen würde.
Doch “wirkliche Welt” - Was ist das? Bedeutet wirkliche Welt den ganzen Tag zu arbeiten? Bedeutet wirkliche Welt Kontoauszüge, Rechnungen, Versicherungen und Konsum? Ist die wirkliche Welt vernünftig, ziel- und leistungsorientiert? Wer sagt denn, dass all dies nicht in Wirklichkeit die falsche Welt ist? Die Welt, die wir erschaffen, um uns von der Welt abzulenken, die wir in unseren Köpfen bewohnen? Beide Welten sind letztendlich die Produkte von Phantasie und Sprache. Wieso soll die eine besser als die andere sein? Und wieso ist man nur dann ein sinnvolles Mitglied der Gesellschaft, wenn man ein tätiges Leben führt?
“Handeln… die Zuflucht jener, die sonst keine Aufgabe haben… Es beruht auf Phantasiemangel. Es ist der letzte Ausweg derer, die nicht zu träumen verstehen.” Oscar Wilde hat zu träumen verstanden. So wie jeder von uns zu träumen versteht, der sich an das große Abenteuer wagt, sich seiner Kunst zu verschreiben. Was machen wir in unserer Kunst? Wir verschaffen der Welt, die wir in unseren Köpfen, in unseren Herzen tragen, ein sichtbares Abbild. Wir stülpen wagemutig unser Innerstes nach Außen. Kunst machen heißt, sich einem Leben zu verschreiben, das sich vielleicht nicht dem allgemein gültigen (weil auf Gewinnstreben ausgerichteten) Handeln verschreibt, sondern dem Sein. Und vielleicht nicht dem Sein, sondern dem Werden.
“Es ist auch wirklich so, glaube ich, dass Schriftsteller sein kein Beruf ist, sondern, wenn es funktioniert, ökonomisch funktioniert, die glückliche Vermeidung eines Berufes.” - Über dieses wundervolle Zitat bin ich letzte Woche gestoßen und musste herzlich lachen. Daniel Kehlmann hat hier einen heimlichen Grund für den Traumberuf Schriftsteller in herrlich ehrlicher Weise auf den Punkt gebracht. Ich nenne diese Gründe heimlich, weil sie hinter unseren großen Gründen verschwinden - und wären sie die vordergründigsten, so wären sie in der Tat zweifelhaft.
Unsere großen Gründe sind die Lust und die Freude, die wir auf dem Weg des Schreibens spüren, es ist das Gefühl einer Berufung, die innere Welt zu verschenken. Es ist der Wunsch andere Menschen mit unseren Geschichten zu berühren und uns mit den wesentlichen Fragen des Lebens auseinander zu setzen. Doch neben, hinter, zwischen allen großen Gründen gibt es eben auch unsere heimlichen. Und unter ihnen wohnt der Wunsch unkonventionell zu leben, sich treu bleiben zu können. Der Wunsch seine Zeit nicht an einen Arbeitgeber zu verkaufen und eine gewisse Narrenfreiheit genießen zu können.
Ganz wesentlich: Frei zu sein.
Folgendes erzählerisches Selbstverständnis wird Daniel Kehlmann zugeschrieben (er allein wird wissen, ob er es wirklich so gesagt hat):
“Ein Erzähler operiert mit Wirklichkeiten. Aus dem Wunsch heraus, die vorhandene nach seinen Vorstellungen zu korrigieren, erfindet er eine zweite, private.”
Dieser Wunsch steckt in uns allen - in allen, die sich immer wenn sie sich ein wenig Zeit stehlen können, dieser inneren Welt zuwenden und künstlerisch verarbeiten. In allen, die (manchmal staunend, manchmal verzweifelnd) die seltsamen Wirrungen des Lebens beobachten, aufsaugen und auf dem Papier wieder ausspucken.
Ich möchte damit nicht nur den Archetypus des Künstlers bestätigen, der im klassischen Sinn “an der Welt leidet”. Es gibt genug wunderbare Künstler, die das nicht tun, die sich auch innerhalb des Wirtschaft- und Kulturbetriebs positionieren und die “wirkliche Welt” humorvoll und ironisch spiegeln.
Was ich mir wünsche ist schlicht die Anerkennung dieser wunderlichen Welt, dieser anderen wirklichen Welt, die wir in unseren Köpfen mit uns herum tragen. Dazu gehören eben auch die vielen Stunden, in denen man beobachtet, liest, feiert, nachdenkt, träumt, liebt… und nicht für jeden offenbar wird, was einen beschäftigt. “Wenn der Künstler oder Dichter am wenigsten mit seinem Werk beschäftigt zu sein scheint, ist er oft am innigsten darin vertieft”, schreibt Pierre Larousse.
Ich wünsche jedem, der diese Zeilen liest, dass sich die Spannweite seines Spagats zwischen der einen und der anderen Welt verringert. So weit und so beständig verkleinert, dass er (und sie!) eines morgens aufwacht und feststellt, dass statt ein großer Sprung, nur ein kleiner Schritt vonnöten ist.

