Der Horchende am Stein
Was ist das Geheimnis des künstlerischen Schaffens?
Gibt es da überhaupt ein Geheimnis, das man mit Worten lüften kann? Ist es vielleicht schon gänzlich erforscht? Oder bleibt der schöpferische Prozess zuletzt unergründlich und es gibt auf diese Frage so viele Antworten, wie es künstlerisch tätige Menschen gibt? - Nun, wie es auch sei: vielversprechender kann eine Frage zu Beginn eines Artikels kaum sein. Manch einer wird darin den Titel von Stefan Zweigs Vortrag “Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens” von 1938 erkannt haben, ein anderer mag sich denken, dass diese Frage so alt ist wie die Kunst selbst. Manchmal kann es wichtig sein, seine eigene Antwort zu finden. Als Trost, wenn es Zeiten gibt, in denen das künstlerische Schaffen nur schwer gelingen mag. Wenn die Angst wächst, sich von seiner Kreativität zu entfernen.
Ein Kunstwerk entsteht nach seinen eigenen Gesetzen und ist immer an den jeweiligen Künstler gebunden, wie befreiend der “Tod des Autors” auch immer für die Interpretation von Texten sein mag.°°° Im Augenblick seiner Entstehung ist das Kunstwerk gleichwohl an den Autor, an den Künstler gebunden, denn aus der Fülle an Material, seien es Farben, Linien oder Worte, die allen Menschen zur Verfügung stehen, formt er, um es mit Zweig zu sagen “ein Etwas, was vorher nicht gewesen ist.”
Diese Verbindung kann eine leichte, kann eine qualvolle sein.
Der Begriff Inspiration, von lat. inspiratio macht das deutlich. Inspiration ist nur ein Hauch, ein völlig immaterieller, unfasslicher Vorgang, eine unsichtbare Beseelung. So wird die Inspiration oft in dem Bild der Äolsharfe beschrieben (von Äolus, dem griechischen Gott des Windes) und wurde zum Sinnbild des Dichters. Dieses Saiteninstrument ähnelt einer Harfe und wird nicht von Menschenhand, sondern vom Wind, vom Wetter zum Klingen gebracht.
Dieser unfassliche Hauch ist es, den wir an Kunstwerken bestaunen. Wir spüren ihn, wenn wir den Tanz im Moulin de la Galette von Renoir bestaunen, den wirbelnden, wogenden Schatten auf den Kleidern der Frauen folgen und von der Lebenslust und Freude in den Gesichtern der Dargestellten, die für immer und alle Zeit eingefangen ist, berührt werden. Wir spüren ihn, wenn wir Edvard Griegs Solvejgs Lied hören und fast dahin schmelzen weil es so unbegreiflich ist, wie Schmerzen und Freude in einer einzigen Melodie so nah beieinander wohnen. Wir spüren es, wenn wir in Rilkes Stundenbuch blättern und lesen “Mach mich zum Wächter deiner Weiten, mach mich zum Horchenden am Stein, gib mir die Augen auszubreiten auf deiner Meere Einsamsein; lass mich der Flüsse Gang begleiten aus dem Geschrei zu beiden Seiten weit in den Klang der Nacht hinein.”
Und doch: Betrachten wir das Werden dieser Kunstwerke so finden wir Vorstudien, Skizzen, Notenblätter, zerrissenes Papier, abgebrochene Linien, durchgestrichene, überarbeitete, verworfene und wieder aufgenommene Zeilenfolgen. Wirft der Künstler die Pinselstriche in traumwandlerischer Sicherheit auf die Leinwand? Tragen ihn die Worte über alle Nöte und Schwierigkeiten einer Szene, einer Dichtung hinweg?
Ich kenne sie, solche Momente. In denen man wirklich entrückt ist, in denen man den Saum einer tiefen, unbewussten Schöpferkraft zu fassen bekommt, danach greift und davon getragen wird. Die Tasten klappern haltlos, da ist kein Stuhl mehr auf dem man sitzt, kein Rücken, der vom langen Sitzen schmerzt, keine Dächer und Antennen vor den Fenstern, kein Innehalten, keine Grübelei, nur Leichtigkeit und Freude. Da stolpern die Sätze ungeplant hervor und es ist ein wenig so, als müsse man nichts anderes tun, als genau hinhören und aufschreiben, was irgendwo schon für einen geschrieben steht.
Aber es gibt auch andere Stunden. Ringende, mühsame, unproduktive, langsame, gedankenvolle Stunden, in denen man so wenig zu Papier bringt, dass unweigerlich Zweifel am eigenen Talent auftauchen.
Die Muse ist launisch. Manchmal sitzt man viele Stunden vor dem blinkenden Cursor oder vor Papier, auf dem jeder Strich zu misslingen scheint. Und manchmal gibt es auch jene Stunden, in denen die besten Szenen entstehen, weil man sie logisch und mit dem nötigen Handwerkszeug, durchdacht und geplant zu Papier bringt.
Eben dies ist Stefan Zweigs These: Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens vollzieht sich im Spannungsfeld dieser beiden Pole. Unbewusstheit und Bewusstheit, Inspiration und Technik. Darüber hinaus hat jeder einzelne Künstler innerhalb dieser Grenzen sein ganz eigenes Geheimnis der künstlerischen Schöpfung. Und dieses eigene, kleine Geheimnis ist es, auf das man sich - so schwer der Gedanke auch manchmal zu sein scheint - verlassen kann.
Wie oft zweifelt man so rigoros an seinem Talent, an seiner Begabung, dass man alles in Frage stellt? Jeder, der an einer Arbeit sitzt, die für ihn wichtig ist, kann sich diese Frage selbst beantworten.
Die Frage, die ich mir gerade stelle ist: Brauche ich mein Leid, um schreiben zu können? Brauche ich die Zeiten, in denen große, existentielle Fragestellungen mich bewegen? Oder gelingt es auch in Zeiten, in denen die Seele ganz ruhig ist? Kann ich nur über mich schreiben, meine Biographie schreibend verarbeiten, wie es Erstlingswerken nachgesagt wird, oder gelingt es mir, über die fiktionale Brücke zu gehen? Was ist mit den unendlich langen Stunden, in denen ich bereits geschriebenes korrigiere oder unvollständige Szenen und Dialoge ergänze? Wo bleibt, wenn ich zweifle, meine Inspiration? - Dort, irgendwo zwischen all diesen Fragen nach dem Grad der eigenen Begabung, nach der Qualität der eigenen Arbeit liegt das Geheimnis. Jenes individuelle Geheimnis, das jeder Schaffende hat. Ich glaube fest daran: Solange wir zweifeln, wollen wir wachsen, weitergehen. Und auch wenn man es nicht immer spürt, man ist zumindest einmal im Leben mit etwas so sehr in Berührung gekommen, dass es reicht, um ein ganzes Leben daraus tätig zu sein. Das kann eine intellektuelle Gewissheit sein. Das kann eine existentielle, eine tragische oder beglückende Situation gewesen sein. Das eigene Geheimnis, die magische Schneekugel, die wir immer wieder betrachten können, ist immer da.
Zuletzt (und das wohl wissend, um die Länge dieser Zeilen) noch einige Gedanken, wie man das Feuer der Inspiration schüren kann. Es ist ganz einfach: Man muss sich hinaus stellen, in den Wind, damit die Seiten der Harfe klingen. Die Berührung suchen, die man vermisst. Sich öffnen und verletzlich machen. Seiner Freude folgen, wie Joseph Campbell es sagt, es wagen - trotz der periodisch wiederkehrenden Zweifel - unsere eigene Sicht der Welt der großen Sammlung von Erfahrungen hinzufügen. Vielleicht, so habe ich mir vorgenommen, jeden Tag ein Gedicht lesen, um jene Verbindung zu mir selbst zu bewahren. Wagemutig sein und an das Geheimnis rühren, das uns verletzlich, das uns menschlich macht und immer in der Lage ist, uns über das hinaus zu heben, was momentan unser Alltag ist.
°°° Dieses poststrukturalistische Konzept bezweifelt, dass der Autor die alleinige Autorität ist, die den Sinngehalt eines Textes bestimmt. Einmal in der Welt, ist ein Kunstwerk autonom, losgelöst von seinem Schöpfer oder seiner Schöpferin und kann so Bedeutungen entfalten, die außerhalb der Intention des Autors liegen. Der fertige Text wird so zur Grundlage jeglicher Interpretation.


