Vom Lese(r)glück

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 3:37 on Sonntag, Dezember 13, 2009

Literatur ist eine besondere Ausdrucksform. Sie braucht den Leser.
Erst durch die Phantasie des Lesers vollendet sich der Text. Nur mithilfe der Vorstellungskraft eines jeden Einzelnen wird die Welt aus Papier lebendig. Jeder kann die Probe aufs Exempel machen und prüfen, inwieweit mithilfe des reichen Fundus an eigenen Erinnerungen und Bildern die Welt zwischen zwei Buchdeckeln lebendig wird.
Literatur hat etwas Privates, man kann sich eine Geschichte durch das Lesen buchstäblich zu eigen machen. Die Begegnung mit Literatur geschieht zu Hause im Lesesessel, im Zug, auf dem Balkon, im Café oder wo auch immer man am liebsten lesen mag. Beim Lesen verschwindet die Welt und der Fokus richtet sich auf den Sog jener aneinander gereihten Buchstaben, die eine andere, fiktive Welt vor dem inneren Auge entstehen lassen. Braucht es mehr zum Leseglück? Oder muss man noch etwas über die Biographie des Autors wissen, über die Entstehungsumstände des Buches oder über den Schaffensprozess?

Ich habe eine Leserin, die mir schrieb, dass sie das “Schreiben über das Schreiben” eitel findet und dass ein guter Autor hinter dem Text kommt. Ich glaube, dass sie damit recht hat. Ich glaube aber auch, dass es sich lohnt (vor allem, wenn man einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin begegnet, dessen/deren Dichtung man wirklich mag), auch auf den Menschen zu sehen, der schreibt, auf seinen Weg, auf seine Fragen und auf sein Schreiben. Besucht man etwa eine Literaturausstellung, so kann man sehen, dass jedes Blatt Papier, jeder Gegenstand Spuren trägt, kleine manchmal unbedeutend anmutende Zeichen, die uns Geschichte vergegenwärtigen und den Menschen vorstellbar machen. Sie zeigen etwas von dem kreativen, selten auf Anhieb glückenden Prozess des Schreibens. Und ich glaube, dass dadurch das Verständnis einer Dichtung reifen kann.
Literatur ist (im Gegensatz etwa zur Bildenden Kunst) aber nicht zur Ausstellung bestimmt. Ist das, was man in einer Vitrine sieht, Literatur? Der in einem Museum ausgestellte Text ist nicht “die Sache selbst”. Es verhält sich mit ihm wie mit der Notation eines Musikstücks: Musik ist nicht die Partitur auf einem Blatt Papier.

Und dennoch lohnt sich der Blick ins Museum. Zu Hause im Lesesessel erfährt man ein Buch als etwas Fertiges und Privates. Die Welt zwischen zwei Buchdeckeln fängt immer dann an, sich vor meinem inneren Auge auszubreiten, wenn ich das Buch aufschlage. Ich fülle die Leerstellen mit meinen Bildern. Liest man Hintergrundinformationen oder schaut sich das Manuskript im Original an, so erfährt man Literatur als etwas Gewordenes und auch etwas Fremdes, das einem trotz aller Liebe zum Lesen nicht ganz begreifbar wird. Und gerade deswegen halte ich es für sinnvoll, die Entstehungsumstände einer Dichtung zu beleuchten. Man muss nicht so lange hinschauen, bis der Autor einem als Mensch entgegen tritt, aber so lange, bis das Werden eines Werks sichtbar wird. Ich glaube hier liegt der feine Unterschied. Ich muss nicht wissen, was jemand gerne zu Abend isst oder etwas über sein Liebesleben erfahren, ich muss keine als Devotionalien präsentierte Gegenstände eines Autors bewundern, doch jede Information über das Schreiben (mit seinen Höhenflügen und seinen Abgründen), kann mein Verständnis des Textes präzisieren.

Ich muss nicht die Biographie von Hermann Hesse kennen, um seine Bücher mit Gewinn zu lesen. Ich kann aber Hesses Aufzeichnungen etwa zum Glasperlenspiel lesen und begreifen, warum es Fragment geblieben ist und warum der Autor ganze zehn Jahre daran geschrieben hat. Ich kann entdecken, dass das Buch nicht linear und nur bedingt zielgerichtet entstanden ist. Was bedeutet das? Hesse schrieb von verschiedenen Stellen aus seinen Roman, überarbeitete Passagen über Jahre hinweg und arbeitete zwischenzeitlich monatelang nicht an seinem Buch. Doch auch das nicht geschriebene Werk war für ihn immer Mittelpunkt des Lebens. Wer kennt das nicht. Je anhaltender die Arbeit stockt, desto größer ist die Sehnsucht nach dem Schreiben.

Wenn wir uns als Leser auf die Suche machen nach der Genese einer Dichtung, nach jenen Zeichen, Wortlisten, Streichungen und Plänen, können wir unser Bild, das wir beim Lesen des Textes gewonnen haben, überdenken. Wir können es neu ausrichten oder bestätigt finden. Wir können Bezüge zu unserer eigenen Lebenswelt herstellen. Doch all diese Fragen verlangen Bescheidenheit. Denn das letztendliche Geheimnis jeder Kreativität, jedes Kunstwerks, kann (zum Glück) nicht gelüftet werden. Ein Buch, das man liebt, gehört einem auf unveränderliche Weise. Ist ein Buch fertig, löst es sich von seinem Urheber und wird gewissermaßen autark, autonom. Ein Autor verschenkt seine Dichtung. Und er verschenkt, wenn er das möchte, ebenso die Augenblicke, die zwischen den weißen Seiten und der fertigen Geschichte liegen.

PS: Vielen Dank für die unendliche Geduld meiner Leser. Der Roman wächst und gedeiht immer noch. Ich hoffe es werden letztendlich nicht sieben Jahre à la Zauberberg! Eine neue Rubrik, die eigene Texte vorstellt, soll bald einen kleinen Einblick in die Schreibstube geben…

Eure Iris

Lebenslust unter freiem Himmel

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 10:49 on Freitag, Oktober 23, 2009

Herrlich schöne Musik, grandiose Frauen, die mir (besonders am Morgen) mit ihrer guten Laune ins Herz singen:

http://www.youtube.com/watch?v=-AIdYoMpINQ&feature=related

Später Mut

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 5:58 on Samstag, August 22, 2009

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Menschen zu fotografieren ist die Königsdisziplin des Fotografierens. Warum? Weil ein Gesicht sich stetig verändert, weil die schönsten Momente dann schon wieder vorbei sind, wenn man auf den Auslöser drückt. Weil ein Gesicht immer gleichzeitig spricht und verbirgt. Die Landschaft, die Natur ist anders. Die Tropfen auf der Kapuzinerkresse bleiben so lange übers Grün gestreut, bis ich sie eingefangen habe. Der Abend formt den Himmel, siebt die Farben zwischen die Wolken bis sie mir stark genug, leuchtend genug sind. Dann suche ich meine Perspektive und löse aus. Der lieben Landschaft macht das nix, wenn ich sie knipse. Anders Menschen. Der gefühlvollste Ausdruck, das erinnerungsvollste Innehalten, das stärkste Lächeln kann brüchig werden, wenn es sich entdeckt glaubt.

Gesichter zu fotografieren ist schwierig. Gesichter zu fotografieren ist wunderschön. Der Körper erzählt alles. Was Worte verschweigen erzählen Gesichter, Gesten, Bewegungen. Der Körper kann nicht verbergen. Er spricht, äußert sich, strömt über, von Sekunde zu Sekunde. Ich habe mich lange nicht an Menschen heran getraut. An dieser Stelle also: Danke liebe Elfy, fürs Modell sein! (Übrigens: Wer sehen will, wer das wirklich kann, der schaue auf die Homepage meiner Freundin Stine: www.stine-wiemann.com )
Auch in meinem Buch ging mir das nicht leicht von der Hand. Um wie vieles einfacher ist es, die Figuren als Gefäß für unsere Gedanken zu benutzen, ihnen kluge, verzweifelte, zweifelnde, schelmische Worte in den Mund zu legen. Sie als Erweiterung unserer Selbst zu behandeln. Doch wenn man lange genug am Schreiben dran bleibt, wandelt sich das. Dann nehmen sich die Figuren ihren Körper. Dann fangen sie an, Wirklichkeit zu werden. Vielleicht streicht sich einer von ihnen mit fahriger Geste eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Vielleicht schweigt einer von ihnen über seine Angst und doch verrät ihn die Art, wie er durchs Zimmer geht. Je körperlicher die Figuren werden, desto echter.

In jedem Buch übers kreative Schreiben finden sich Tipps, die einen in diese Richtung führen wollen. Was habe ich mir anfangs über eine Marotte meiner Hauptfigur den Kopf zerbrochen! Sie sollte unbedingt einen Tick haben, etwas, das sie unbewusst wiederholt und sie so individualisiert, vielleicht sogar das Potenzial hat, ihr Markenzeichen zu werden. Alles, was mir einfiel, hatte einen gekünstelten Beigeschmack, alles, was sie tat, blieb ein wenig hölzern und gestellt. Irgendwann haben wir einfach die Rollen getauscht. Ich ließ den Gedanken fallen, ihr eine Marotte anzudichten und sie fing im Gegenzug an, mir viele kleine Wirklichkeiten zu schenken. Ich wurde zum Beobachter und sah etwa eines Tages, wie meine Protagonistin anfing, mit einer losen Kachel unter dem Waschbecken zu spielen. Wie das? Ganz einfach. Sie wusch sich die Hände im Bad, wähnte sich wohl unbeobachtet, und bemerkte mit dem bloßen Fuß eine lose, zersprungene Kachel unter dem Waschbecken. Ihr Fuß ging automatisch hin und ließ die losen Enden wippen, sodass ein rhythmisches Klappern entstand, ein ruhiges “Klap-Klap”, das sich unters Fließen des Wasserhahns mischte.

Eigentlich relativ unspektakulär, möchte man meinen.
Das entscheidende ist: Das war ihre erste echte Geste, eine Geste aus der sich unendlich viele weitere Szenen ganz von selbst ergaben, bis ich dann irgendwann wusste, dass sie unglaublich gerne barfuß läuft, den Kontakt zur Erde genießt und dass sie sich die Dinge, die sie umgeben, schlicht über deren Berührung einverleibt. Jetzt ist sie sinnlich geworden. Sie ist keine Idee in einer papiernen Welt. Sie ist echt. Und das mit der Kachel? Sie macht das nun im Bad immer so, dieses selbstvergessene Klappern, egal ob sie sich die Zähne putzt oder die Hände wäscht. Und ich lasse sie.


Blaue Stunde

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 3:39 on Samstag, Juli 4, 2009

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Fotografien zur Blauen Stunde vom 18. Juni bis zum 18. September im EnBw Kraftwerk Altbach/Deizisau.
Malerei, Skulptur, Fotografie in der Ausstellung: Kunst zu Kohle mit Edda Witt, Edel Zimmer, Iris Wolff und Torsten W. Licker.

Ich lade Euch herzlich dazu ein!

Durch die Tiefe

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 9:33 on Samstag, Juni 6, 2009

Ist es nicht verwunderlich, dass man auch als Autor manchmal nicht hinter das Geheimnis des Schreibens kommt? Dass man manchmal die Genese seines eigenen Textes nicht versteht? Woher kommt die Phantasie? Warum entzieht sie sich, wenn man sie gerade zu fassen versucht? Man kann sie nicht zwingen, so scheint es, sie arbeitet im Stillen, Geheimen und sucht sich ihre Wege um irgendwo aufzutauchen, im Schlepptau die Bilder und Gedankenfetzen, die man, manchmal mühsam, manchmal wie in einem einzigen Rausch, zu einer Geschichte verarbeitet.

Dabei sucht und sammelt man beständig, spitzt die Ohren wenn man heimlicher Zuhörer eines Gespräches wird, studiert markante Gesichter, ausdrucksstarke Gesten. Man notiert Szenenentwürfe in Notizbücher und an den Rand der aktuellen Buchlektüre oder auch nur mental. Dann vergisst man die Details (und man tut gut daran) und sie werden genau zum richtigen Zeitpunkt wieder auftauchen, sich in einer Geschichte verselbstständigen. Und auch wenn man diese Erfahrung wieder und wieder gemacht hat, so wird doch die Summe der Erfahrung nicht zur Gewissheit des eigenen Könnens.
Woher kommt es, dass man, obwohl man auf viele niedergeschriebene Seiten zurückblicken kann immer wieder Angst hat, nicht mehr schreiben zu können? Gerade so als wäre es etwas, was man unachtsam verlieren könnte. Man kann noch so viel zu Papier gebracht haben, noch so viel Lob oder Anerkennung bekommen haben, man fürchtet sich davor, es einzubüßen, zu verlieren, zu vergessen. Hier ähnelt das Schreiben keiner anderen Tätigkeit. Nirgendwo sonst, als in der Kunst, ist die Tätigkeit so sehr abhängig (oft gefühlsmäßig abhängig) von etwas, was man kaum benennen kann.

Es ist, wie es Thomas Mann im Tristan sagt: “Daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten.” Dem ist nur hinzuzufügen, dass dies auch für Schriftstellerinnen gilt. Es gibt natürlich einige Ausnahmen. Irene Dische sagte etwa nach einer Lesung, dass ihr das Schreiben leicht von der Hand ginge. Sie kenne dieses Dichterklischee nicht, dass man am schreiben leide. Unter meinen großen Vorbildern gibt es, wenn ich darüber nachdenke, jedoch viele, die am Schreiben litten. Das Konzept des melancholischen Genies und der zerrissenen Künstlers etablierte sich vor allem in der Frühromantik. Seither gehören Selbstzweifel und Schreibblockaden für einen Autor geradezu zum guten Ton. Diese besondere Leidens-Disposition hat zu Sehnsüchten und Projektionen, Artikeln und ganzen Büchern geführt. Etwa, um bei Thomas Mann zu bleiben, seine novellistische Studie Schwere Stunde, in der er einen Friedrich Schiller imaginiert, der mit der Fertigstellung seines Wallestein ringt. Die Entstehungsgeschichte wird zur Leidensgeschichte. Selbst bei großem Talent ist das Schreiben nicht immer von Leichtigkeit geprägt.

Man mag es also auf der einen Seite wissen und kann doch auf der anderen Seite nicht aus seiner Haut. Es ist, als ob diese Klage immer wieder und für (fast) jeden, der schreibt, aufs Neue gilt. Aber, so wage ich zu behaupten, gerade diese Zweifel und diese Qual, die Fähigkeit, schonungslos ehrlich mit seinen Gefühlen umzugehen, wird letztlich für die Qualität des Textes bürgen. “Kunst definiert sich weniger durch das ausgedrückte Objekt, sondern durch die Tiefe des Subjekts, das dieses Objekt ausdrückt.” schreibt Ken Wilber. Die Fähigkeit, diesen Tanz zwischen absoluter Selbstüberschätzung (immerhin wird man zum Schöpfer einer eigenen Welt) und absolutem Selbstzweifel (denn es könnte doch immer besser sein und ist im Grunde nie fertig) auszuhalten, ist noch gar nicht gebührend gewürdigt worden.
Das Schreiben nimmt, wenn man sich traut, es ernst zu nehmen, einen hohen Stellenwert im eigenen Leben ein und gleichzeitig bleibt es doch immer auch eine Art Spiel, etwas, das zu schaffen keine Notwendigkeit besteht, dem immer auch ein Hauch Luxus, Narzissmus, Verzichtbarkeit anhaftet. So ist man manchmal doppelt zerrissen: Zwischen Spiel und absoluter Notwendigkeit. Zwischen Glaube und Selbstzweifel.

Ich hoffe, dass es letztlich immer ein wenig von beidem braucht: Einsicht und Mysterium, intellektuelle Analyse und traumwandlerischer Hingebung. Es ist ein schmaler Grat, denn in beiden Richtungen kann man sich verlieren und in beiden Richtungen liegt das Versprechen, tatsächlich teilzuhaben, an dem großen Traum, eines Tages ein eigenes Buch in den Händen zu halten.

Torfwanderung - Ein irischer Reisebericht

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 4:29 on Freitag, Mai 8, 2009

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Wolken verbergen dich, wenn man sich anschleicht
Wenn man dir naht, übers Meer kommt
Könnte man dich übersehen, ein kleiner
Grüner Punkt inmitten des Ozeans

Wie aufgeschäumte Sahne, launisch und fliehend
Ein pudriger Zuckerguss auf jedem deiner Berge
Ein kurzer Regenschauer mit zerfetztem Himmel
Dein Wetter - ist immer Worte wert

Weiches Moos zieht sich über deine Wiesen
Und Steinmauern, gleich feinen pulsierenden Adern
Jedem Schritt folgt ein sachtes Schmatzen
Deiner durchnässten Mooreinsamkeit

Wie alt du wohl sein magst, verwunschne Insel
Davon sprechen Straßen und Brücken, davon
Zeugen Steine und Muscheln
Davon singt das Meer ein Lied

Wolken verbergen dich, sobald man fortgeht
Wenn man dich verlässt, übers Meer reist
Ein Regenschauer folgt aufgeklartem Himmel
Deine Schönheit - ist immer Worte wert

Try. Fail. Try again. Fail Better.

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 11:19 on Sonntag, April 5, 2009

Eine gute Freundin sagte einmal zu mir: “Wir sind es nicht mehr gewohnt zu verlieren.” Wer verliert schon gern, dachte ich. - Ich nicht. Im Gegenteil. Ich habe es (könnt’ ichs mir nur wünschen) eigentlich am liebsten, wenn mich meine Umwelt bestätigt, bestärkt, wenn mir meine Unternehmungen gelingen und mir meine Aufgaben leicht von der Hand gehen. Wer sucht schon Kritik? Haben wir das Verlieren etwa je gelernt?
Sei es Schule, Studium oder Arbeit, selbst in unserer Freizeit und in unserem sozialen Leben ist der Druck alles richtig zu machen gegenwärtig. Es fehlen uns die Schauplätze des spielerischen Versuchs, des lustvollen Ausprobierens, des haushohen Verlierens oder des glücklichen Gewinnens. Alles, was wir in unserem Leben anfangen, hat den strengen Beigeschmack der ernsten Angelegenheit. Das behutsame, vorsichtige Anfassen, bedachtsame Umkreisen oder gar das tobende, genussvolle und enthusiastische aber auch selbstvergessene Ausprobieren einer Sache gehört nicht zu den Dingen auf unserem Erziehungsplan. Können wir es bei mit dem Scheitern und Verlieren halten wie es in Samuel Becketts letztem Werk “Worstward ho” steht?
Ever tried. Ever failed. No matter. Try. Fail. Try again. Fail Better.

Wir fühlen uns unserer Arbeit, unseren Werken und Zielen zugehörig und knüpfen unser Wohl und Wehe daran. Je mehr wir mit unseren Projekten verschwistert sind, umso eher werden wir erfolgreich sein, oder? Was wir auch tun, wir tun es ganz. Klingt eigentlich wünschenswert. Doch was folgt, wenn wir uns ganz und gar einer Sache verschrieben haben und diese misslingt? Was folgen kann ist ein Selbstwerteinbruch, ein Zweifeln an den eigenen Talenten, im schlimmsten Fall am eigenen Wert.
Ich plädiere jetzt nicht für ein halbherziges Herangehen an die Dinge - ganz im Gegenteil. Wenn wir die Projekte, an denen wir arbeiten in den Vordergrund, uns gewissermaßen in ihren Dienst stellen, dann nimmt man sich selbst auf ganz leichte und unspektakuläre Weise heraus. Unsere Projekte wären ohne unser Zutun so nicht auf der Welt. Und dennoch führen sie ein Eigenleben, sind gleichermaßen losgelöst von unserem Wollen und fest an die Schöpferin oder den Schöpfer geknüpft, haben ihren eigenen Kopf und können uns den unsrigen ab und an gehörig waschen. Diese Freiheit, diesen Übermut und Eigensinn können wir ihnen lassen. (Schließlich wünschen wir uns doch, dass sie eines Tages auf eigenen Beinen stehen können) Ein Versuch ist es wert: Man nimmt sich zurück, bringt sich hinter einer Aufgabe zum verschwinden und damit jene Aufgabe recht eigentlich erst zum Leuchten.

Und noch etwas anderes passiert, wenn man sich ein kleines bisschen mehr heraus nimmt und in den Dienst einer Sache stellt: Man gewöhnt sich daran, Kunst und Schönheit unabhängig von einem bestimmten Ort, einer bestimmten Person oder einem konditionierten Zusammenhang zu erkennen. Das hört sich leicht an? Es ist das schwerste.
Einer der bekanntesten Geiger der Welt, Joshua Bell spielte inkognito in einer Metrostation in Washigton DC. Er spielte Stücke von Bach auf seiner Geige im Wert von 3,5 Millionen Dollar. Die Passanten gingen vorbei, verhielten sich ebenso wie sie es bei jedem anderen der Straßenmusiker getan hätten. Sie sahen auf die Uhr, drängten ihre Kinder weiter und spendeten ein paar Münzen. Kaum jemand nahm sich Zeit, der Musik zuzuhören, die Schönheit wahrzunehmen. Weil sie den Menschen in einem Zusammenhang begegnete, in dem sie nicht auf sie eingestellt waren. Wie hätten die Passanten sich verhalten, wenn sie um den Erfolg und die Popularität, der Kunstfertigkeit und dem “Wert” der Musik und des Geigers gewusst hätten?
Zwei Tage zuvor hatte Joshua Bell Konzertkarten für durchschnittlich 100 Dollar verkauft.

Schönheit, Kunstfertigkeit auch in unerwarteten Zusammenhängen zu erkennen - kann man dafür achtsam bleiben? Wie sieht es mit unserer eigenen Schönheit aus? Können wir unser Talent wahrnehmen, darauf vertrauen, wenn wir an etwas gescheitert sind, wenn etwas länger dauert oder anders verläuft, als wir es uns ursprünglich vorgestellt haben? Können wir uns selbst dieses Wohlwollen, diese Aufmerksamkeit schenken?
Jedes Mal wenn ich mich wieder an mein Buch setzte, Strukturen und Dialoge aufbreche, versuche besser hinzuhören, ist dieser Weg von Zweifeln geprägt. Wieso gelingt mir eine Szene nicht im ersten Wurf? Wie oft muss ich über das Gefühl des Scheiterns hinweg kommen bis alles so auf dem Papier steht, wie es soll?
Wie tief muß man graben bis der Acker Milch gibt und Honig heißt es in Erich Frieds Notwendigen Fragen. Manche Dinge stelle ich mir unendlich leicht vor. Ich fange an zu graben und mache mir keine Gedanken darüber, an wie viel Erde ich mich abarbeiten muss. Ich spanne meine Flügel und laufe los, springe über Abgründe ohne zu wissen, was mich auf der anderen Seite erwartet. Dieser Wagemut ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Viel eher von sonderbaren Ab- und Umbrüchen, von schier endlosen Zeitfenstern und spielerischen Verrücktheiten. In diesem Weg liegt auch ein gewisser Leichtsinn. Was für ein schönes Wort. Leicht. Sinn. Und doch von so warnender Statur.
Aber, wie heißt es so treffend: Man kann einen Abgrund eben nicht in zwei Sprüngen überqueren.

Die glückliche Vermeidung eines Berufs

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 4:05 on Freitag, Februar 20, 2009

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Wer kennt ihn nicht, den Spagat zwischen Kunst und Leben?
Manchmal scheint da gar keine Distanz zu sein. In wenigen glücklichen Momenten haben wir das Gefühl, in unserem täglichen Leben der zu sein, der wir auch in unserer Kunst sind. Dann ist da keine Brücke, über die man gehen muss, kein Gefühl der Erleichterung, wenn endlich der Moment gekommen ist, in dem wir die Tür hinter uns zuziehen und dort angekommen sind, wo wir am liebsten sind. “Das Zuhause ist der einzige Ort der Freiheit. Ja, es ist der einzige Ort der Anarchie. Es ist der einzige Fleck auf Erden, wo man urplötzlich seine Entschlüsse ändern, ein Experiment machen oder sich einer Laune überlassen kann.” Gilbert Keith Chesterton hat Recht. - Wie schön ist es, einer Arbeit nachzugehen, die man in den eigenen vier Wänden ebenso gut wie irgendwo anders verfolgen kann.

Ist das nicht einer der heimlichen Gründe warum man so gern schreibt? Einer von unzähligen, mehr oder weniger bewussten Gründen?
Weil es so herrlich ist im Morgenmantel mit einer Tasse Tee oder Kaffee den Rechner hochzufahren, sich an dem heimeligen Knistern zu erwärmen wie vordem Menschen aus vergangenen Jahrhunderten am Kaminfeuer? Weil man über die Dächer der Häuser oder hinaus ins Grüne schauen kann während die Finger über die Tasten fliegen? Und weil man währenddessen einfach sein kann, wie man ist?

Ganz ehrlich: Ich fühle mich jeden Tag ein wenig anders. Im Kosmos meiner erdachten, papiernen Welt kann ich alles einbringen, was ich bin. Ich kann schreibend viele Eigenheiten ausleben, die ich mein halbes Erwachsenenleben mit mir herum trage. Eigenheiten, die ich mag und doch oft mit einem schlechten Gewissen auslebe: Meine Liebe zum späten Aufstehen, zu meinem Zuhause, unregelmäßigen Arbeitszeiten, langen Unterhaltungen, zu Ruhe und Träumen. Ich bin ein großer Fan von der Idee, Arbeit und Leben miteinander zu verflechten. Dieses Prinzip herrscht auch im Leben meiner Romanfiguren vor. Sie arbeiten, aber es gibt auch Tage, in denen sie im Schatten des Kirschbaums liegen und in die Wolken schauen oder ein Stündchen zwischendurch am Gartenzaun mit einem Nachbarn plaudern.
Oh ja, ich weiß, das klingt fernab von der Welt, in der wir jetzt leben.

Willkommen in der wirklichen Welt. - Das scheint mir jeden Montagmorgen mein Büro zuzurufen. Da klingelt das Telefon und irgendjemand möchte immer etwas von mir. Ich verkaufe meine Lebenszeit für Dinge, die ich anders machen würde - geschweige denn, dass ich sie überhaupt machen würde.
Doch “wirkliche Welt” - Was ist das? Bedeutet wirkliche Welt den ganzen Tag zu arbeiten? Bedeutet wirkliche Welt Kontoauszüge, Rechnungen, Versicherungen und Konsum? Ist die wirkliche Welt vernünftig, ziel- und leistungsorientiert? Wer sagt denn, dass all dies nicht in Wirklichkeit die falsche Welt ist? Die Welt, die wir erschaffen, um uns von der Welt abzulenken, die wir in unseren Köpfen bewohnen? Beide Welten sind letztendlich die Produkte von Phantasie und Sprache. Wieso soll die eine besser als die andere sein? Und wieso ist man nur dann ein sinnvolles Mitglied der Gesellschaft, wenn man ein tätiges Leben führt?
“Handeln… die Zuflucht jener, die sonst keine Aufgabe haben… Es beruht auf Phantasiemangel. Es ist der letzte Ausweg derer, die nicht zu träumen verstehen.” Oscar Wilde hat zu träumen verstanden. So wie jeder von uns zu träumen versteht, der sich an das große Abenteuer wagt, sich seiner Kunst zu verschreiben. Was machen wir in unserer Kunst? Wir verschaffen der Welt, die wir in unseren Köpfen, in unseren Herzen tragen, ein sichtbares Abbild. Wir stülpen wagemutig unser Innerstes nach Außen. Kunst machen heißt, sich einem Leben zu verschreiben, das sich vielleicht nicht dem allgemein gültigen (weil auf Gewinnstreben ausgerichteten) Handeln verschreibt, sondern dem Sein. Und vielleicht nicht dem Sein, sondern dem Werden.

“Es ist auch wirklich so, glaube ich, dass Schriftsteller sein kein Beruf ist, sondern, wenn es funktioniert, ökonomisch funktioniert, die glückliche Vermeidung eines Berufes.” - Über dieses wundervolle Zitat bin ich letzte Woche gestoßen und musste herzlich lachen. Daniel Kehlmann hat hier einen heimlichen Grund für den Traumberuf Schriftsteller in herrlich ehrlicher Weise auf den Punkt gebracht. Ich nenne diese Gründe heimlich, weil sie hinter unseren großen Gründen verschwinden - und wären sie die vordergründigsten, so wären sie in der Tat zweifelhaft.
Unsere großen Gründe sind die Lust und die Freude, die wir auf dem Weg des Schreibens spüren, es ist das Gefühl einer Berufung, die innere Welt zu verschenken. Es ist der Wunsch andere Menschen mit unseren Geschichten zu berühren und uns mit den wesentlichen Fragen des Lebens auseinander zu setzen. Doch neben, hinter, zwischen allen großen Gründen gibt es eben auch unsere heimlichen. Und unter ihnen wohnt der Wunsch unkonventionell zu leben, sich treu bleiben zu können. Der Wunsch seine Zeit nicht an einen Arbeitgeber zu verkaufen und eine gewisse Narrenfreiheit genießen zu können.
Ganz wesentlich: Frei zu sein.

Folgendes erzählerisches Selbstverständnis wird Daniel Kehlmann zugeschrieben (er allein wird wissen, ob er es wirklich so gesagt hat):
“Ein Erzähler operiert mit Wirklichkeiten. Aus dem Wunsch heraus, die vorhandene nach seinen Vorstellungen zu korrigieren, erfindet er eine zweite, private.”
Dieser Wunsch steckt in uns allen - in allen, die sich immer wenn sie sich ein wenig Zeit stehlen können, dieser inneren Welt zuwenden und künstlerisch verarbeiten. In allen, die (manchmal staunend, manchmal verzweifelnd) die seltsamen Wirrungen des Lebens beobachten, aufsaugen und auf dem Papier wieder ausspucken.
Ich möchte damit nicht nur den Archetypus des Künstlers bestätigen, der im klassischen Sinn “an der Welt leidet”. Es gibt genug wunderbare Künstler, die das nicht tun, die sich auch innerhalb des Wirtschaft- und Kulturbetriebs positionieren und die “wirkliche Welt” humorvoll und ironisch spiegeln.
Was ich mir wünsche ist schlicht die Anerkennung dieser wunderlichen Welt, dieser anderen wirklichen Welt, die wir in unseren Köpfen mit uns herum tragen. Dazu gehören eben auch die vielen Stunden, in denen man beobachtet, liest, feiert, nachdenkt, träumt, liebt… und nicht für jeden offenbar wird, was einen beschäftigt. “Wenn der Künstler oder Dichter am wenigsten mit seinem Werk beschäftigt zu sein scheint, ist er oft am innigsten darin vertieft”, schreibt Pierre Larousse.
Ich wünsche jedem, der diese Zeilen liest, dass sich die Spannweite seines Spagats zwischen der einen und der anderen Welt verringert. So weit und so beständig verkleinert, dass er (und sie!) eines morgens aufwacht und feststellt, dass statt ein großer Sprung, nur ein kleiner Schritt vonnöten ist.

Der Horchende am Stein

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 5:48 on Freitag, Januar 16, 2009

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Was ist das Geheimnis des künstlerischen Schaffens?
Gibt es da überhaupt ein Geheimnis, das man mit Worten lüften kann? Ist es vielleicht schon gänzlich erforscht? Oder bleibt der schöpferische Prozess zuletzt unergründlich und es gibt auf diese Frage so viele Antworten, wie es künstlerisch tätige Menschen gibt? - Nun, wie es auch sei: vielversprechender kann eine Frage zu Beginn eines Artikels kaum sein. Manch einer wird darin den Titel von Stefan Zweigs Vortrag “Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens” von 1938 erkannt haben, ein anderer mag sich denken, dass diese Frage so alt ist wie die Kunst selbst. Manchmal kann es wichtig sein, seine eigene Antwort zu finden. Als Trost, wenn es Zeiten gibt, in denen das künstlerische Schaffen nur schwer gelingen mag. Wenn die Angst wächst, sich von seiner Kreativität zu entfernen.

Ein Kunstwerk entsteht nach seinen eigenen Gesetzen und ist immer an den jeweiligen Künstler gebunden, wie befreiend der “Tod des Autors” auch immer für die Interpretation von Texten sein mag.°°° Im Augenblick seiner Entstehung ist das Kunstwerk gleichwohl an den Autor, an den Künstler gebunden, denn aus der Fülle an Material, seien es Farben, Linien oder Worte, die allen Menschen zur Verfügung stehen, formt er, um es mit Zweig zu sagen “ein Etwas, was vorher nicht gewesen ist.”
Diese Verbindung kann eine leichte, kann eine qualvolle sein.
Der Begriff Inspiration, von lat. inspiratio macht das deutlich. Inspiration ist nur ein Hauch, ein völlig immaterieller, unfasslicher Vorgang, eine unsichtbare Beseelung. So wird die Inspiration oft in dem Bild der Äolsharfe beschrieben (von Äolus, dem griechischen Gott des Windes) und wurde zum Sinnbild des Dichters. Dieses Saiteninstrument ähnelt einer Harfe und wird nicht von Menschenhand, sondern vom Wind, vom Wetter zum Klingen gebracht.

Dieser unfassliche Hauch ist es, den wir an Kunstwerken bestaunen. Wir spüren ihn, wenn wir den Tanz im Moulin de la Galette von Renoir bestaunen, den wirbelnden, wogenden Schatten auf den Kleidern der Frauen folgen und von der Lebenslust und Freude in den Gesichtern der Dargestellten, die für immer und alle Zeit eingefangen ist, berührt werden. Wir spüren ihn, wenn wir Edvard Griegs Solvejgs Lied hören und fast dahin schmelzen weil es so unbegreiflich ist, wie Schmerzen und Freude in einer einzigen Melodie so nah beieinander wohnen. Wir spüren es, wenn wir in Rilkes Stundenbuch blättern und lesen “Mach mich zum Wächter deiner Weiten, mach mich zum Horchenden am Stein, gib mir die Augen auszubreiten auf deiner Meere Einsamsein; lass mich der Flüsse Gang begleiten aus dem Geschrei zu beiden Seiten weit in den Klang der Nacht hinein.”
Und doch: Betrachten wir das Werden dieser Kunstwerke so finden wir Vorstudien, Skizzen, Notenblätter, zerrissenes Papier, abgebrochene Linien, durchgestrichene, überarbeitete, verworfene und wieder aufgenommene Zeilenfolgen. Wirft der Künstler die Pinselstriche in traumwandlerischer Sicherheit auf die Leinwand? Tragen ihn die Worte über alle Nöte und Schwierigkeiten einer Szene, einer Dichtung hinweg?

Ich kenne sie, solche Momente. In denen man wirklich entrückt ist, in denen man den Saum einer tiefen, unbewussten Schöpferkraft zu fassen bekommt, danach greift und davon getragen wird. Die Tasten klappern haltlos, da ist kein Stuhl mehr auf dem man sitzt, kein Rücken, der vom langen Sitzen schmerzt, keine Dächer und Antennen vor den Fenstern, kein Innehalten, keine Grübelei, nur Leichtigkeit und Freude. Da stolpern die Sätze ungeplant hervor und es ist ein wenig so, als müsse man nichts anderes tun, als genau hinhören und aufschreiben, was irgendwo schon für einen geschrieben steht.
Aber es gibt auch andere Stunden. Ringende, mühsame, unproduktive, langsame, gedankenvolle Stunden, in denen man so wenig zu Papier bringt, dass unweigerlich Zweifel am eigenen Talent auftauchen.
Die Muse ist launisch. Manchmal sitzt man viele Stunden vor dem blinkenden Cursor oder vor Papier, auf dem jeder Strich zu misslingen scheint. Und manchmal gibt es auch jene Stunden, in denen die besten Szenen entstehen, weil man sie logisch und mit dem nötigen Handwerkszeug, durchdacht und geplant zu Papier bringt.
Eben dies ist Stefan Zweigs These: Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens vollzieht sich im Spannungsfeld dieser beiden Pole. Unbewusstheit und Bewusstheit, Inspiration und Technik. Darüber hinaus hat jeder einzelne Künstler innerhalb dieser Grenzen sein ganz eigenes Geheimnis der künstlerischen Schöpfung. Und dieses eigene, kleine Geheimnis ist es, auf das man sich - so schwer der Gedanke auch manchmal zu sein scheint - verlassen kann.
Wie oft zweifelt man so rigoros an seinem Talent, an seiner Begabung, dass man alles in Frage stellt? Jeder, der an einer Arbeit sitzt, die für ihn wichtig ist, kann sich diese Frage selbst beantworten.

Die Frage, die ich mir gerade stelle ist: Brauche ich mein Leid, um schreiben zu können? Brauche ich die Zeiten, in denen große, existentielle Fragestellungen mich bewegen? Oder gelingt es auch in Zeiten, in denen die Seele ganz ruhig ist? Kann ich nur über mich schreiben, meine Biographie schreibend verarbeiten, wie es Erstlingswerken nachgesagt wird, oder gelingt es mir, über die fiktionale Brücke zu gehen? Was ist mit den unendlich langen Stunden, in denen ich bereits geschriebenes korrigiere oder unvollständige Szenen und Dialoge ergänze? Wo bleibt, wenn ich zweifle, meine Inspiration? - Dort, irgendwo zwischen all diesen Fragen nach dem Grad der eigenen Begabung, nach der Qualität der eigenen Arbeit liegt das Geheimnis. Jenes individuelle Geheimnis, das jeder Schaffende hat. Ich glaube fest daran: Solange wir zweifeln, wollen wir wachsen, weitergehen. Und auch wenn man es nicht immer spürt, man ist zumindest einmal im Leben mit etwas so sehr in Berührung gekommen, dass es reicht, um ein ganzes Leben daraus tätig zu sein. Das kann eine intellektuelle Gewissheit sein. Das kann eine existentielle, eine tragische oder beglückende Situation gewesen sein. Das eigene Geheimnis, die magische Schneekugel, die wir immer wieder betrachten können, ist immer da.

Zuletzt (und das wohl wissend, um die Länge dieser Zeilen) noch einige Gedanken, wie man das Feuer der Inspiration schüren kann. Es ist ganz einfach: Man muss sich hinaus stellen, in den Wind, damit die Seiten der Harfe klingen. Die Berührung suchen, die man vermisst. Sich öffnen und verletzlich machen. Seiner Freude folgen, wie Joseph Campbell es sagt, es wagen - trotz der periodisch wiederkehrenden Zweifel - unsere eigene Sicht der Welt der großen Sammlung von Erfahrungen hinzufügen. Vielleicht, so habe ich mir vorgenommen, jeden Tag ein Gedicht lesen, um jene Verbindung zu mir selbst zu bewahren. Wagemutig sein und an das Geheimnis rühren, das uns verletzlich, das uns menschlich macht und immer in der Lage ist, uns über das hinaus zu heben, was momentan unser Alltag ist.

°°° Dieses poststrukturalistische Konzept bezweifelt, dass der Autor die alleinige Autorität ist, die den Sinngehalt eines Textes bestimmt. Einmal in der Welt, ist ein Kunstwerk autonom, losgelöst von seinem Schöpfer oder seiner Schöpferin und kann so Bedeutungen entfalten, die außerhalb der Intention des Autors liegen. Der fertige Text wird so zur Grundlage jeglicher Interpretation.