Die Welt in einer Schneekugel
Ach, schrittest du durch den Garten / Noch einmal in raschem Gang, / Wie gerne wollt ich warten, / Warten stundenlang.
Längst verflossene Momente, Augenblicke der Vergangenheit tanzen durch die Erinnerung und werden in Theodor Fontanes Gedicht “Im Garten”, zu Bildern einer großen Sehnsucht. Manchmal, so scheint es mir in diesen Tagen, hat man das Gefühl, zwei Leben gleichzeitig zu leben. Das eine zerrinnt unaufhörlich in den gegenwärtigen Momenten und das andere lebt in der Erinnerung. Wie in einer Schneekugel tanzen dort Bilder und Szenen, die ich mir wieder und wieder ansehen kann. Ich kann sie hüten wie einen Schatz, das Flockentreiben beobachten bis das Wasser erneut klar wird oder ich kann sie, je nach meiner eigenen Entwicklung, immer wieder anders deuten.
Gerade jetzt zum Jahreswechsel, wo das Verrinnen der Zeit so greifbar ist, wo Gegenwart und Vergangenheit einander die Hand reichen, in den Stunden, in denen wir auf das vergangene Jahr zurück schauen, gerade jetzt ist der Augenblick, in dem die Träume stark werden. Die Träume der Vergangenheit, die Träume der Zukunft. Ich schreibe an meinem Buch und betrachte die kleine Schneekugel, in der die Welt meiner Kindheitstage für immer bewahrt ist. Ich suche Worte und Bilder für sie, entdecke, dass inmitten der Kugel ein alter Kirschbaum steht und augenblicklich verwandeln sich die weißen Flocken in Kirschblüten, die das Gras zudecken wie Schnee.
Die neun Musen, die Schutzgöttinnen der Künste, entstanden aus der Vereinigung von Zeus und Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung. Die Erinnerung ist unser geheimer Schatz - aus dieser Kraft entsteht alles künstlerische Schaffen.
Der vergangenen Welt in unserer Schneekugel begegnet eine andere: Die Gegenwart. Hier sind es Gespräche mit Menschen, es sind Bücher oder Musik, die uns berühren und uns beflügeln, die eigenen Träume nicht zu vergessen. Was wünschen wir uns für unsere Zukunft? Was ist unsere Vision? “Es ist wichtig, für seine Träume ein paar Kämpfe durchzustehen - nicht als Opfer, sondern als Abenteurer”, schreibt Paulo Coelho. Für dieses Abenteuer zwischen Vergangenheit und Zukunft wünsche ich allen meinen Lesern Kraft, Mut und den Glauben an die Liebe, die uns über alle Hindernisse hinweg trägt.
Eure Iris
