Die Dinge und die Worte gehen im Kreis herum
Darf man sich als Germanistin und Büchernärrin trauen, zu sagen, man hätte Judith Hermanns Sommerhaus, später nicht gelesen? - Fast acht Jahre lang nicht gelesen, schlicht weil es in aller Munde war?
Ein seltsames und weit verbreitetes Phänomen: Man scheut sich die Bücher eines Autors zur Hand zu nehmen, weil einem der Ruhm und Erfolg zu viel Aufmerksamkeit einnimmt. Für wen sich die Massen begeistern, kann eigentlich nicht gut sein.
Ich habe mich überwunden. Ohne große Mühe, weil der Zufall mir das tiefblaue Taschenbuch in die Hände gespielt hat. Sie haben mir gefallen, die Kurzgeschichten Judith Hermanns, und ich nehme sie zum Anlass, über etwas zu sprechen, worüber ich schon eine Weile nachdenke: Die Sprachmelodie eines Autors.
Es mag seltsam klingen, aber es irritiert mich nachhaltig, wenn die Wörter wie ein Uhrwerk ineinander greifen und sich keine Irritation ergibt, die Sätze kein Innehalten erzwingen, um dem eigentümlichen und immer eigenen Klang eines Textes nachzuspüren. Die Geschichte mag noch so spannend sein, die Beobachtungen differenziert, wenn jenseits der Wörter kein Erstaunen wächst, das einen Passagen wieder und wieder lesen lässt, schmälert das für mich den Genuss einer Lektüre.
“Sie ist aus alter Gewohnheit früh aufgewacht, gegen sechs Uhr am Morgen, über den Dächern ein schmaler Streifen Himmel, Antennen und Schornsteine, auf den Regenrinnen die Tauben.” - Judith Hermann reiht hier die Beobachtungen eines frühen Morgens aneinander, ganz reduziert, und das Bild, das dabei entsteht, gleicht einer verblassten und doch detailreichen Fotografie. Schon an einem Satz zeigt sich: Die Autorin hat ihren eigenen Klang und wenn ich hier über jenen sinniere, so wohl wissend, nichts Neues zu entdecken. Die Literaturkritik spricht immer wieder, besonders wenn es gilt, Lobeshymnen zu verfassen, von einem gewissen “Sound”. So etwa vom Sebald-Sound, des 2001 verstorbenen Autors W.G. Sebald oder von Judith Hermann, deren Geschichten Hellmuth Karasek als “Sound einer neuen Generation” beschreibt.
“Ich schüttete die roten Korallen von der linken in die rechte Hand, sie machten ein schönes, zärtliches Geräusch, fast wie ein kleines Gelächter”, heißt es in der ersten Geschichte des Sommerhauses. Die phonetisch, das heißt akustisch wahrnehmbaren Regeln dieses Satzes sind prägnant: Die roten Korallen allein, als schöner, geheimnisvoller Begriff, in ihrer dunklen Assonanz, dem Gleichklang des o-Vokals. Die beiden Adjektive schönes und zärtliches sind durch einen Reim verbunden. Schüttete nimmt Korrespondenz zu schönes und Geräusch auf - zärtliches wiederum zu Geräusch oder Gelächter durch denselben Umlaut. - Dieses Spiel, die Beziehungen, die Verknüpfungen innerhalb eines Satzes aufzuspüren, ließe sich unendlich weiterführen. Auch wenn man sich diese Beziehungen, die “Webart” eines Textes während der Lektüre (und auch während des Schreibens) nicht bewusst macht, man nimmt sie wahr. Sie tragen dazu bei, dass wir uns in den Sätzen eines anderen Autors wohl fühlen - oder eben nicht.
“Wir waren allein, mitten im Wald, in der Einsamkeit, die aus der Einsamkeit der Nacht, der Morgenfrühe, des Waldes und der Tiere besteht und in der man für einen Augenblick immer das Gefühl hat, man habe sich im Leben und in der Welt verirrt, und eines Tages müsse man in dieses wilde gefährliche Zuhause zurückkehren, das doch das einzige und wahre ist.” - Der Ich-Erzähler in Sandor Marais Die Glut erinnert sich an einen Augenblick, der einundvierzig Jahre zurück liegt. Wir waren allein, fängt der Satz an, mitten im Wald, in der Einsamkeit… Marei schrieb nicht etwa: Wir waren mitten in der Einsamkeit des Waldes allein - was durchaus auch denkbar gewesen wäre - er reiht die Beobachtungen, die Gedanken bruchstückhaft aneinander, sodass sie sich ergänzen, aufeinander aufbauen, die Erinnerung Schritt für Schritt präzisieren. Diese Präzision der rückwärts gewandten Beobachtung wird auch an der auffälligen Reihung der Substantive deutlich: Einsamkeit, Nacht, Morgenfrühe, Wald, Tiere. Erst als der Ich-Erzähler diese Nomen-Reihe abgeschlossen hat und damit der Imagination Raum und Tiefe gibt, mündet der Satz in der gefühlsmäßigen Essenz des Erlebten.
Manch einer mag sich an dieser Stelle fragen: Wozu diese Wortklauberei? Alle Worte wurden schließlich schon einmal gesagt, wieso kommt es darauf an, sich ihrer Melodie hingeben zu können? Warum sollte man, wenn man selbst schreibt, eine Weile hinhören, wie sich die Worte zueinander stellen? Ist es nicht viel wichtiger, dass meine Botschaft, meine Idee in einem Text so klar wie möglich zutage tritt?
Aus eigener Erfahrung gesprochen: Das eine kann ohne das andere nicht sein. Literatur ist immer auch eine Beschwörung. Ähnlich den Merseburger Zaubersprüchen, den althochdeutschen Versen vorchristlichen Ursprungs, in denen ein Lösesegen und Heilung ausgesprochen wird. Sprache ist Sichtbarmachung, Veränderung, eine symbolische Tat, eine Hingabe an die eigenen Möglichkeiten und damit die Chance, andere Menschen zu berühren. Und es ist gleich, ob ich meine Sätze mit einer Eingebung aufs Papier bringe oder sie stundenlang umkreise. Ich kann sicher sein, dass ich dann zufrieden bin, wenn sie schlicht daherkommen, wenn sie mir in gewisser Weise ähnlich sind, wenn ich mich in ihnen wohl fühle, wie in einem Zimmer, das ich eingerichtet oder wie in einem Bild, das ich gemalt habe.
Das alles schließt nicht aus, dass uns Sätze treffen können, wie ein Faustschlag. Sätze, Wortfolgen, Rhythmen, die uns entsprechen, müssen nicht zwangsweise wirken wie eine lang ersehnte Umarmung. Im Schreiben findet sich nicht nur das Schöne wieder, auch das Namenlose, das Unbeantwortete und es kann in seiner Wirkung dem ähneln, was Kafka in einem Brief an Oskar Pollak wie folgt formuliert: “Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen [...] ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.”
Die Melodie der eigenen Schreibe stellt sich nicht immer auf Anhieb ein. Allzu oft bedarf es der Wortfeile, die wieder und wieder über die Sätze geht, dem Goldwaschen nicht unähnlich, das Materialien nach ihrer Dichte sortiert. Das schwere, dichteste Gestein sammelt sich unten. Der langsame Prozess des Siebens, ist weder ein Zeichen des eigenen Unvermögens, noch mangelndem Genie. In Die Glut heißt es: “Ja, die Worte kehren wieder. Alles kehrt wieder, die Dinge und die Worte gehen im Kreis herum, manchmal umkreisen sie die ganze Welt und treffen dann an ihrem Ausgangspunkt ein und schließen etwas ab.”
Die Suche nach den treffendsten Worten und Bildern braucht seine Zeit. Aber wenn wir unseren Klang gefunden haben wird deutlich, dass vielleicht eben nur so, auf diese eine Art, in dieser einen Sprachmelodie, die Dinge für uns abschließbar sind.
