Die Farbe der Geborgenheit

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 9:50 on Donnerstag, September 4, 2008

Jeder kennt dieses Gefühl. Man hat ein paar ruhige Stunden für sich, vielleicht sogar eine ganze Woche und man genießt es, nirgendwohin gehen zu müssen, keine Termine zu haben, nichts Zwingendes passiert, das einen hinaus oder in die Weite treibt. Am ersten Tag gelingt es vielleicht nicht ganz, bei sich zu bleiben, eine gewisse Unruhe und Rastlosigkeit macht sich bemerkbar. Doch wenn man ausharrt und sich nicht allzu früh verführen, ablenken, hinaustreiben lässt, kommt man etwas Wertvollem auf die Spur: Man fängt an, sich selbst besser wahrzunehmen, eine angenehme Distanz, eine Art Abgegrenztheit den Dingen und Ereignissen gegenüber stellt sich ein.

Wenn ich zu lange beschäftigt bin, wenn Arbeit und Herausforderungen des täglichen Lebens mich zu sehr in Anspruch nehmen, bekomme ich richtiges Heimweh nach solchen Tagen. Es erwacht eine Sehnsucht nach dem Vertrauten, nach der Ruhe und der Einfachheit, die sie mit sich bringen. Was steckt dahinter? Ist es das Bedürfnis hinter die bewährten, vertrauten Wände und Schutzwälle zu fliehen, weil sie vor den Herausforderungen, dem Unerwarteten besser abschirmen? Weil die eigenen vier Wände vor den Kränkungen, den Zweifeln und der Kritik der Anderen schützen können? Weil sie Können und Wert eines Menschen nicht auf den Prüfstand stellen? Es ist mehr.
Dieses “mehr” nährt sich aus dem nie erfüllten Traum, dem Wunsch nach einer inneren Abgegrenztheit und Unabhängigkeit. Einer Differenzierung gegenüber den Dingen des äußeren und des inneren Lebens. Wie schwer ist es oft, sich von anderen Menschen oder von Ereignissen abzugrenzen. Sie nicht so nahe an sich heran zu lassen, dass man buchstäblich mit ihnen verschmilzt. Jeder kann die Probe aufs Exempel machen: Wenn etwas Unerwartetes passiert (und eigentlich ist alles unerwartbar), ich werde kritisiert, jemand oder etwas ärgert mich, kann ich mich davon abgrenzen? Wie sehr berührt es mich? Erhält das jeweilige Gefühl so viel Raum, dass ich nur noch diese eine Kritik bin, nur noch dieser Zweifel oder aber nur noch dieses Lob oder jenes Glück?

Das Misslingen einer Aufgabe oder Kritik führt oft dazu, dass wir unsere grundsätzlichen Eignung, unser Können in Frage stellen. Wenn uns unsere Umwelt jedoch bestätigt, bestärkt, wenn uns unsere Unternehmungen gelingen und wir das Gefühl haben, Dinge gut gemacht zu haben, blühen wir auf und werden wiederum eins mit dieser Bestätigung. Das liegt zum einen sicherlich daran, dass uns die Schauplätze des spielerischen Versuchs, des lustvollen Ausprobierens, des haushohen Verlierens oder des glücklichen Gewinnens fehlen. Alles, was wir in unserem Leben anfangen, hat den strengen Beigeschmack der ernsten Angelegenheit. Das behutsame Anfassen, bedachtsame Umkreisen oder gar das genussvolle und enthusiastische aber auch selbstvergessene Ausprobieren einer Sache gehört nicht so ohne weiteres zu den Fähigkeiten, die uns in unserer Erziehung mitgegeben werden.

Was wir auch tun, wir tun es ganz. Wir verschreiben uns mit Haut und Haar einer Sache. - Klingt eigentlich wünschenswert. Doch was geschieht, wenn es uns nicht gelingt? - Wenn wir in unserer Fähigkeit zur Differenzierung nicht weit fortgeschritten sind, folgt ein absoluter Selbstwerteinbruch, ein Zweifeln an den eigenen Talenten, im schlimmsten Fall an dem eigenen Wert.
Wie nachvollziehbar erscheint nun der Wunsch, irgendwo einen Platz zu haben, der gänzlich unabhängig ist. Der immer autark, immer geschützt, immer unberührt ist. Und welcher Ort eignet sich mehr dafür als das eigene Zuhause?
Wenn wir uns immer nur auf den äußeren Schauplätzen unseres Lebens bewegen, entsteht irgendwann die Illusion einer Vertrautheit mit uns selbst, einer Verlässlichkeit unserer Wahrnehmung, der Richtigkeit unserer Bewertungen, der Unausweichlichkeit unserer Entscheidungen. Dabei geschieht das genaue Gegenteil: Wir entfernen uns von uns selbst, weil wir aufhören, uns zu spüren. Weil wir nur noch jener Ärger, jenes Lob, jene Herausforderung, jene Aufgabe sind.

Mein Zuhause schont meine Kräfte und lenkt die Aufmerksamkeit weg von der trügerischen Gewissheit eines Richtig und Falsch, von der Vereinnahmung durch ein bestimmtes Gefühl. Es zwingt mich nicht zu aufgesetzter Entschiedenheit.
Was wir uns aber selten bewusst machen ist, dass die eigenen vier Wände uns nicht wirklich vor einem unberechenbaren “Außen” schützen, sie schützen uns vor unserem unberechenbaren “Inneren”. Denn wenn mich jemand lobt, so ist nicht er es, der mir ein angenehmes Gefühl schenkt - ich schenke es mir. Wenn mich jemand ärgert oder kränkt, dann schmerzt nicht die eigentliche Handlung oder die Worte, sondern das sinnlose Schattenspiel, das ich vor mir selbst aufführe, indem ich wieder und wieder das Gift jener Situation heraufbeschwöre und schlucke.
Unberechenbar sind nicht die Dinge, die passieren, sondern unsere Reaktion darauf. Das ist ein ganz feiner, entscheidender Unterschied. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass wir niemals wissen, was bestimmte Ereignisse in uns hervorholen, hinauf spülen aus dem unendlich tiefen Bildersee unserer Seele, was aus den unzähligen Räumen und verborgenen Winkeln ans Tageslicht dringt. Diese Bilder verflüssigen sich, noch ehe wir sie mit unserem Verstand abtasten können. Wir wundern uns über die Unstetigkeit unserer Laune, unseres Selbstwertgefühls, dabei können wir nur einen Bruchteil dessen, was uns beschäftigt fassen, geschweige denn zur Sprache bringen.

Ich habe Heimweh nach den eigenen vier Wänden und Zeit mit mir alleine, weil ich mich hier, in meinem Zuhause vor der Flüchtigkeit und Unbeständigkeit meiner Seele besser schützen kann. Hier besitzen die inneren Schutzwälle die größte Kraft - nicht, um mich vor etwas zu schützen, das von außen kommt - höchstens indirekt - sondern um mich in mir vor mir selbst zu schützen.
Ein paar Tage nur für mich zu sein, in diesen, meinen vier Wänden ist für mich geradezu lebenswichtig. Wenn ich mehrere Wochen am Stück völlig eingenommen bin von Arbeit, von immer währendem Tun, wird die Sehnsucht nach solchen Tagen unermesslich groß. Weil ich das Gefühl habe, mich selbst zu verlieren. Weil ich Angst habe, meine Konturen nicht mehr zu finden. Weil die Ruhe und die Zeit fehlt, mich wahrzunehmen, die inneren Schutzwälle aufzubauen, auszubessern und zu spüren, die mich vor der Ruhelosigkeit der Seele schützen.

Dies gelingt mir am leichtesten in diesen Tagen der Stille, in Tagen, in denen ich alle geliebten Dinge, meine Bücher, meine Bilder, meine Erinnerungsstücke um mich habe. Wie viele Schreibtische gibt es, in denen alles eine geheime Ordnung haben muss, bevor eine produktive und kreative Arbeit beginnen kann. Die genau platzierten Dinge (oder aber das geplante Chaos) stärken unsere Differenzierung, sie spiegeln uns wieder und wieder kleine Bruchstücke unserer Persönlichkeit in dem uferlosen Meer unserer Möglichkeiten.
Der Raum den ich bewohne, ist nicht nur eine Erweiterung meines Körpers, er ist ein sicherer Schutzwall, in dem ich ich sein kann. Ich berühre meine geliebten Dinge unzählige Male, sie an ihrem Platz zu wissen verschafft mir ein Gefühl der Ruhe. Den Wänden von Zeit zu Zeit eine andere Farbe zu geben, verwandelt sie in große, offene Fenster dieser Suche nach innerer Abgegrenztheit und Selbstvergewisserung.
Gerade tragen meine inneren Räume Lila und Frühlingsgrün. Zwischen ihren realen Entsprechungen und der Geborgenheit, die sie vermitteln, kann ich mich darauf einlassen, mich in den weiten Räumen meiner inneren Landschaft zu bewegen. Sie geben mir genau so viel Sicherheit und Unbestimmtheit, dass sich wie von selbst eine ganz andere Wahrnehmung schärft. Eine Wahrnehmung die sich auf die tausend Spielarten der Phantasie einlässt. Denn: Die Einsamkeit mit sich selbst - sie bringt die Ruhe, die Leerheit, die für das Schreiben so unabdingbar sind.