Der besondere Mut, den die Liebe uns abverlangt
Über alles lässt sich’s schreiben. Jedes Gefühl, jeder Gedanke, jeder Geruch, jedes Geräusch lässt sich aufs Papier bannen. Sei es der Klang des Juniregens auf den Blättern einer Linde oder der Duft von Erdbeeren, wenn man vorsichtig ihre rosettenförmigen Blätter abzupft. Vom Klingeln des Telefons, das, je nachdem in welcher Stimmung wir sind oder wessen Anruf wir erwarten, anders zu klingeln scheint bis zur Erinnerung an die verwegensten Kindheitsträume. - Über alles kann man schreiben. Fast alles. Fünf unscheinbare Buchstaben scheinen alles auf den Kopf zu stellen, durcheinander zu wirbeln, weil zu vieles mit ihnen mitklingt, weil sie uns aufs Äußerste herausfordern. Sie formen zusammen das schönste Wort, das es gibt. Liebe.
Sie ist es, über die es sich nicht so leicht schreiben lässt. Vielleicht weil über sie alles schon gesagt zu sein scheint, so oft gesagt, so oft beschrieben, dass jede Rede von ihr, auf Überkommenes, ja auf Klischees zurückzugreifen droht. Vielleicht aber auch, weil man schlicht über sie nicht schreiben kann, weil sie sich entzieht, sobald man sie einfangen will. Will man ihre Körperlichkeit einfangen, wird sie erdenschwer und flacht mit den aneinander gereihten Wörtern ab. Betont man ihre Geistigkeit, nimmt sie die schnellste Abkürzung übers Papier und droht zwischen abtastenden Phrasen zu verschwinden.
Aber gerade sie ist es doch, mag man einwenden, die selbst den schreib-scheuesten Menschen geradezu dazu zwingt, sein überfließendes Herz in einem Brief, in Tagebuchnotizen, in Gedichten oder Gedankenfetzen zu Papier zu bringen. Ist die Liebe nicht geradezu dazu geschaffen, uns zum schreiben zu bewegen?
Tatsächlich, sie bringt uns zum schreiben, wenn wir unsere Liebe einem anderen Menschen zueignen möchten. Sie verführt uns zum schreiben, weil sie das stärkste und zugleich bodenloseste Gefühl ist. Sie zwingt uns zum schreiben, weil wir schreibend unsere Gedanken für uns ordnen können. Und manchmal gleicht sie einem Strudel, in den wir hinein fallen und dann schreiben wir, weil wir sonst Angst haben, um den Verstand zu kommen.
Zu den schönsten und berührendsten literarischen Dokumenten gehören Liebesbriefe. Sie entstehen, wie so vieles im Leben, aus Abwesenheit. Die Abwesenheit des geliebten Menschen bringt uns dazu unsere Sehnsucht, unsere Einsichten und Beschwörungen zu Papier zu bringen. Nirgendwo sonst reicht man bedingungsloser sein Herz hin, nirgendwo sonst erzählt man sich so ehrlich, so schonungslos oder aber ist bemüht, um alles in der Welt zu gefallen. Die Selbstsetzung, das “Sich-selbst-erzählen” passiert nirgendwo sonst so existentiell, so eindrücklich.
Gleichzeitig transzendiert die Liebe zu einem anderen Menschen, wie kaum etwas anderes, unseren Blick. Bettina Brentano schreibt an Achim von Arnim: “Da ging aber bald darauf die Sonne ganz rot unter, da hab ich durch den Winter durchgesehen in den Frühling… da fühlte ich ganz deutlich, dass alles ewig ist, dass die Liebe ewig ist, aber nicht alt wird, dass sie durchdringt, dass Gott nur die Liebe in sein Reich aufnimmt, und dass sie der einzige Reichtum ist, den er gewährt; und wohl dem der sich von ihr entzünden lässt, wo sie in Wahrheit ist.”
Meine Scheu von der Liebe zu schreiben ist mir während meiner Arbeit an meinem Roman deutlich geworden. Jedes andere Thema wächst unter den Seiten, reift mit den Gedanken, doch die Liebe stand lange Zeit sperrig und unwillig, schüchtern und sich entziehend, nur als leichte Textur mehr zwischen als in den Zeilen. Man muss sie sich mehr als jedes andere Thema vorstellen und selbst denken.
Ich bin noch lange nicht dahinter gekommen, woher diese Scheu kommt. Zum einen vielleicht weil es hier wirklich schwer ist, Beschreibungen zu finden, die nicht ausgelutscht und schon so oft gesagt wurden, dass sie zu leeren Worthülsen geworden sind. Zum anderen vielleicht, und das ist elementarer, weil man in der Liebe über mehr als sich selbst schreibt. Weil in der Liebe mehr als in allem anderen gebrochene Worte schmerzen. - Der performative Charakter unserer Sprache wird hier deutlich. Unsere Worte sind wirklichkeitsbildend, sie können Beziehungen aufbauen, sie können uns stärken, uns heilen. Die Liebe bringt unsere Konturen zum verschwimmen, weil das einzelne “Ich” sich nirgendwo radikaler in Bezug setzt zu einem “Du”. So schreibt Susette Gontard an Friedrich Hölderlin: “Und so mit mir verwebt bist Du, dass nichts Dich von mir trennen kann, wir sind beisammen, wo wir auch sind.”
Über die Liebe zu schreiben, verlangt Mut. Und es verlangt unsere ganze Vorstellungskraft und unsere ganze Individualität, will man nicht nur Phrasen und hohle Sätze zu Papier bringen. Jeder Mensch liebt anders, nimmt anders wahr, lässt anderes zu, setzt die Akzente auf andere Dinge. Hier gilt es mehr als anderswo, das kleine Stückchen Erde zu finden, das man authentisch beschreiben kann ohne zu kopieren oder zu verkünsteln.
Vielleicht hilft es, sich zu vergegenwärtigen, dass man weder glücklich, noch unglücklich lieben muss um darüber zu schreiben. Dass man an die Liebe nicht ein erfülltes Leben knüpfen, aber immer aus ganzem Herzen lieben darf. Michael Ende hat das wunderbar in einem Brief an einen Leser festgehalten: “Sie schreiben, dass derjenige, der diese Kraft der Liebe in sich trägt, alle Möglichkeiten hat, zu sich selbst zu finden und ein glückliches Leben zu führen. Hat Christus ein glückliches Leben geführt? Und geht es überhaupt darum? Macht nicht gerade die Bereitschaft zu lieben den Menschen im besonderen Maße verletzlich? Muss er sich nicht mehr als andere ausliefern? Und besteht nicht gerade darin der besondere Mut, den die Liebe uns abverlangt?”
Dieser besondere Mut, den die Liebe uns abverlangt, uns wieder und wieder vertrauensvoll einem anderen Menschen hinzugeben, unsere Verletzlichkeit zu zeigen, ist es, dessen Ermangelung uns davon abhält mit Kraft und Feingefühl die Liebe zu leben, wie über die Liebe zu schreiben. Der mangelnde Mut ist es, der uns zögern lässt unsere Grenzen zu erweitern und unser Leben voll auszuschöpfen. Weil wir stets denken, dass wir glücklich sein müssen, dass uns die Liebe glücklich machen soll und uns ja nichts abverlangen darf. Und so auch unsere Figuren auf dem Papier: Sie dürfen glücklich oder unglücklich sein, in der Liebe wachsen oder aus ihr heraus fallen. Sie dürfen einander küssen auch wenn es der Autorin nur schwer in die Feder fließt, sie dürfen aneinander denken und sich einander hingeben. - So komme ich vom Nachdenken übers Schreiben einmal wieder zum Nachdenken über das Leben und die Zeilen drohen, zu lang zu werden. Aber die Antworten lassen sich, wie immer für mich, nur schreibend heraus finden.
