Es irrt der Mensch, solang’ er strebt

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 10:51 on Donnerstag, März 6, 2008

Es gibt eine geheime Lust an Fehlern. - Man zähle einmal die Foren im Internet, die Fehler in Filmen sammeln. Von den ins Bild ragenden Mikrophonen bist zu den Kleidungsstücken, die sich in den filmisch eingefangenen Jahren auf wundersame Weise nicht verändern bis hin zu den Szenen, in denen jemand ins Wasser fällt und mit trockener Garderobe wieder auftaucht.
Fehltritte und Ausrutscher zählen oft mehr als Vorzüge und Erfolge. Was am Rand der Klassenarbeiten mit rotem Stift festgehalten und zuletzt gezählt wird, sind die Fehler und nicht die Phantasie und der Mut, mit dem wir sie begangen haben.
Die Fehler an anderen Menschen fallen uns schneller auf als ihre Vorzüge und wir benutzen sie gern, um uns ins bessre Licht zu rücken. Aber auch die eigenen Fehler bleiben einem zumeist länger im Gedächtnis, als unsere Erfolge.

An was rührt diese Lust, Fehler zu entdecken? - Was sind eigentlich Fehler? Das Deutsche Institut für Normung (DIN) definiert Fehler als einen “Merkmalswert, der die vorgegebenen Forderungen nicht erfüllt”. Einfach gesagt: als Nichterfüllung einer Forderung. Diese Definition ist ein Fingerzeig und bringt uns auf direktem Wege zum Kern des Themas. Die Ursache für unseren problemorientierten Umgang mit Fehlern sind nicht die Fehler selbst, es sind die Forderungen, die wir an die Dinge, an unsere Handlungen und die Menschen stellen, die uns umgeben. Was wir als Fehler bewerten entspringt unserem subjektiven Urteil. Doch was für den Einen fehlerhaft ist, kann für den Anderen makellos und mustergültig sein.

Was passiert mit unserem Denken, mit unserer Beurteilung von Fehlern, wenn wir den Kontext, in dem etwas gedacht, gesagt, geschrieben oder getan wird (und somit fehlerhaft sein kann) auf Literatur beschränken? Wie beurteilen wir, so stelle ich mir die Frage, Fehler auf dem Papier? Worin unterscheiden sie sich von den Fehlern, die man im Leben machen kann?
Es relativiert sich vieles, wenn man über Fehler im Ästhetischen Bereich nachdenkt, denn Urteile über richtig oder falsch wollen einem hier nicht so leicht von den Lippen gehen. Denken wir nur einmal an die “falschen” Töne im Jazz oder Bilder der Modernen Kunst. Denken wir an eigene Fotografien, in denen die Belichtung falsch eingestellt war und plötzlich ein überraschend ansprechendes Bild entstanden ist.
Dennoch: Auch hier, in der Welt der Kunst, in der Literatur, in den erdachten Geschichten auf Papier, passieren Fehler. Der berühmteste Fehler stammt wohl aus Shakespeares “Winter Märchen”, in dem der König Siziliens sein nicht gewolltes Kind an der Böhmischen Küste aussetzen lässt. Doch Böhmen liegt nun einmal nicht am Meer. - Dem Klassiker hat das nicht geschadet, im Gegenteil: Die poetische Ortsangabe “Böhmen am Meer” ist zur Metapher eines utopischen Idealzustandes geworden und spukt als Motto diverser kultureller Veranstaltungen und Ausstellungen umher. Enzensberger schrieb einen Essay mit gleichnamigem Titel und Ingeborg Bachmann ein Gedicht. Darin heißt es: “Spielt die Komödien, die lachen machen” /Und die zum Weinen sind. / Und irrt euch hundertmal, / Wie ich mich irrte und Proben nie bestand / Doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal. / Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags / Ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.”

Und irrt euch hundertmal, schreibt Ingeborg Bachmann. Wie sehr das lustvolle Irren auf einen schöpferischen Umgang mit dem eigenen Leben hindeuten kann, zeigt der Blick in den Reichtum an “Fehlern” in der Lyrik. Die orthographischen und grammatischen Fehler in einem Gedicht tragen ganz wesentlich dazu bei, dass der Bedeutungsreichtum unserer Sprache offenbar wird. Sie zeigen, dass die Wirklichkeit nicht eins zu eins von unserer Sprache abgebildet wird und sie schaffen mitunter die wunderbaren Momente, in denen man irritiert, eine Zeile wieder und wieder liest, um sie zu verstehen, zu begreifen. Sie machen das Leuchten sichtbar, das hinter den Wörtern liegt und auf größere Zusammenhänge unseres Lebens verweist. Wie lesen und verstehen wir etwa die ersten Zeilen von Rilkes Gedicht “Alle, welche dich suchen”?
Alle, welche dich suchen, versuchen dich. / Und die, so dich finden, binden dich. / An Bild und Gebärde.

Vielleicht, so möchte ich sagen, bestehen die schönsten und kunstvollsten Gedichte aus in Form gebrachten Fehlern.
Wie viele vermeintliche Fehler finden sich etwa in dem Gedicht “Ballade des äußeren Lebens” von Hugo von Hofmannsthal? Ich zitiere drei der sieben Strophen:
Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, / Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben, / Und alle Menschen gehen ihre Wege. [...] Was frommt das alles uns und diese Spiele, / Die wir doch groß und ewig einsam sind / Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele? / Was frommt’s, dergleichen viel gesehen haben? / Und dennoch sagt der viel, der “Abend” sagt, / Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt [...]

Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele. - Man muss die Wörter laut sprechen, um den Rhythmus dieser Zeile zu finden und immer wieder lesen, um ihnen auf die Spur zu kommen. Trotz dieser kühnen Regelbrüche herrscht eine strenge, kaum wahrgenommene Ordnung in den Zeilen: Das ganze Gedicht ist in Terzinen geschrieben (dreizeilige jambische Strophen / Unbetont - Betont), jede Zeile hat genau elf Silben und die mittlere Zeile ist immer durch einen Reim mit der nächsten Strophe verbunden. Die spielerische Übertretung von syntaktischen Regeln und dem Spiel mit der Beteutungsvielfalt der Wörter ist gebettet in eine traditionelle, kunstvolle Versform, die Hofmannsthal perfekt beherrscht.
Die Regeln perfekt zu beherrschen und im Augenblick des Kunstschaffens gleichsam zu vergessen ist genau das, was künstlerische Arbeit ausmacht. Hätten alle Dichter immer nur Subjekt, Prädikat und Objekt schematisch hintereinander gesetzt, welche treffenden, einprägsamen, melodischen Sätze wären uns dabei verloren gegangen? Wenn Schiller in der Ballade “Der Taucher” geschrieben hätte “Und Gürtel und Mantel wirft er nun weg”, wäre uns dieser Satz in Erinnerung geblieben? Indem er schreibt: “Und Gürtel wirft er, den Mantel weg“, malt er das Wegwerfen des Gürtels und des Mantels, bildhaft und einprägsam vor unser inneres Auge.

Fehler, in der Literatur wie im Leben, haben die Kraft, uns zu bereichern und sind nicht ausnahmslos dazu bestimmt, ausgemerzt zu werden. Wenn wir immer nur darauf bedacht sind, keine Fehler zu machen, beschneiden wir uns in der unendlichen Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten. “Der schlimmste Fehler in diesem Leben ist, ständig zu befürchten, dass man einen macht.” - Dieses Zitat von Elbert Hubbard mag es auf den Punkt bringen. Was nicht heißt, dass man blind und regellos drauflos schreiben oder schlimmer noch, drauflos leben soll. “Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war” rät uns dazu Bertolt Brecht.
Vielleicht würden wir uns nicht damit begnügen, unser halbes Leben von Dingen zu träumen, wenn nur unsere Angst nachließe, zu irren. Vielleicht führt uns ein krummer, mit Fehlern gepflasterter Weg zu etwas, wovon wir nicht einmal zu träumen wagten. Warum nicht? Amerika würde auf diese Weise entdeckt. - An dem Goethe-Zitat, dass diesem Artikel seinen Titel gegeben hat, kann zuletzt noch ein kleines Geheimnis offenbar werden. Die Betonung liegt für mich in der zweiten Hälfte des Satzes, nach dem Komma. Solange wir uns auf unsere Wünsche zu bewegen, solange wir versuchen, zu wachsen und beherzt unseren Weg gehen, solange werden wir Fehler machen, irren, vielleicht verrückte Dinge tun, aber das ist gut so. Fehlerfrei wäre nur die Idee eines Menschen (ja vielleicht nicht einmal jene), der sich niemals einlässt auf dieses Wagnis Leben.