Genuas Straßen
Es gab einen seltsam intensiven Moment, als wir vor zwei Jahren durch Genua unterwegs waren. Die Straßenführung war so verwirrend und unübersichtlich, dass wir uns auf den endlosen, gewundenen Autobahnen heillos verfahren hatten. Irgendwo war der Weg zur französischen Grenze, das rettende Schild, das uns den Weg weisen würde, doch für den Augenblick gab es nur vierspurige Betontrassen, vorbei rasende Häuserzeilen und pfirsichfarbene Dächer, soweit das Auge blicken konnte.
Der Anblick war beklemmend: Die Straßen waren kreuz und quer in die Hänge gebaut, ohne Rücksicht auf Landschaft und Häuser. Ihre Pfeiler ragten neben alten Häusern auf und trugen den Verkehr über die Stadt hinweg, über die Balkone und Gärten der Menschen. Sie warfen ihre Schatten auf die vormals ruhigen Wohngegenden und erfüllten die Luft mit Gestank und Lärm. Dieser Irrgarten aus Beton zog sich über die ganze Stadt, Tunnel durchbrachen die anliegenden Berge und wenn es jäh wieder hinaus ans Licht ging, raste man wieder unmittelbar an den Fenstern der Häuser vorbei. Wäsche flatterte von den Balkonen und sog den Geruch und die Abgase der Autos und Laster auf.
Wir sahen aus den Wagenfenstern und fragten uns in diesem Moment, was das Leben der Menschen in so einer Stadt zusammenhält. Wie mochten sie sich fühlen? Wovon mochten sie träumen? Wollten sie nicht fliehen aus so einer grässlichen, freudlosen Gegend?
Ähnliche Gedanken kann man haben, wenn man auf einer Reise aus dem Zugabteil schaut. Draußen rasen Häuser, Wohnblocks, Fenster, Balkone und Straßenschluchten vorbei, Dörfer und Städte wechseln einander ab; der Himmel überspannt gleichmütig schöne und hässliche Gegenden, gepflegte und heruntergekommene Gärten, versteckte Lauben, Schrebergärtenkolonien und Bankviertel. Und überall hinter den blinden Fensterscheiben sind Menschen. Sie kochen vielleicht gerade, lesen ein Buch, lachen, streiten sich, sind nachdenklich oder vielleicht gedankenlos. Sie rollen in Autos über die Straßen, die sich über die Felder zum Horizont spannen, flanieren durch die Einkaufspassagen oder fahren mit dem Rad durch die begrünten Parks. Unzählige Leben rasen in so einem Moment am Fenster vorbei, werden einem gleichsam für den Augenblick eines Herzschlags bewusst und gleiten dann wieder in die Tiefe unserer Erinnerungslosigkeit.
Was kann es sein, das ihr Leben zusammenhält? Warum fliehen nicht alle irgendwohin, wo es schöner ist?
Eine seltsame Frage. Und doch: Diese Frage stelle ich mir immer dann besonders, wenn ich an trostlosen Gegenden vorbeifahre, wenn die Fenster der Menschen so nah an den Bahngleisen sind, dass man die Hand hinüber reichen könnte oder so nah an den Straßen, dass der Lärm ihnen Tag und Nacht an die Haustür klopft.
Und heute, einmal wieder im Zug, hat sich eine Ahnung der Antwort in mein Bewusstsein geschlichen: Es ist nichts weniger als das Gefühl, zu anderen Menschen dazuzugehören und vielleicht für manche Menschen eine Ahnung davon, dass sie noch zu etwas viel größerem gehören.
Was bedeutet der Lärm, die mangelnde Aussicht, die Nöte und Sorgen die mit jedem Menschenleben einhergehen, wenn am Abend ein vertrautes Klopfen an der Tür einen Menschen ankündigt, mit dem man das Leben teilt? Wenn Freunde da sind und Nachbarn und vielleicht Kinder, all die Menschen, in deren Nähe das eigene Leben hinein gelegt ist.
Wo soll man ankommen, hingehen, wenn nicht genau dort, wo man ist. Was soll einen halten, stützen, einem das Leben leichter machen als sich liebend mit dem zu verbinden, was einen umgibt.
Es sind die Gedanken eines einzelnen, vielleicht im Grunde seines Herzens einsamen Menschen, der aus dem Zugabteil blickt und sich fragt, warum nicht alle fliehen und woanders hingehen. Sich ein schöneres Leben suchen, einen schöneren Platz zu wachsen. Und heute sind es all die Menschen hinter den Türen und Fenstern, die mir antworten.
Man kann einander beschenken, auch in Gegenden und Zeiten in denen das Äußere nicht immer verheißungsvoll erscheint. Man kann einander liebend begegnen und das fördern, was in einem lebendig ist.
Man kann sich anderen zuwenden, ihrer Sorgen und Nöte annehmen, kann die Weisheit, die sich im eigenen Inneren gesammelt hat, weitergeben in Gesten, Worten und Taten. Wie sinnlos scheint es, alles nur für sich anzuhäufen. Viele Menschen leben, als gelte es alles zu horten, zu schützen, für irgendetwas zu bewahren und das Leben vergeht, ohne dass man sich verschenkt hätte. Denn egal wie man sich fühlt, wie viel man noch glaubt, lernen zu müssen, wachsen zu müssen, es gibt nichts schöneres, als das, was in einem lebendig ist, zu verschenken.
In jedem einzelnen Menschen sammelt sich das Leben wie in einem Gefäß. Es sickert ins Herz und wird zu Meinungen, Anschauungen, wird zu Lebensweisheit, wird zu erzählten Geschichten. Wenn man mit Liebe und Empathie andere Leben, andere Menschen aufnehmen kann, wird man zu lebendigen Gemeinschaften und diese haben überall die Chance glücklich zu sein.
In dem schäbigsten Hinterhof, so kommt heute die Antwort der vorbei rasenden Städte und Dörfer, kann mehr Glück und Segen wohnen als im idyllischsten Wohnviertel, als in Gegenden, in denen vermeintlich immer die Sonne scheint. - Weil es überall den Zauberstab der Liebe gibt, der Worte und der Gesten.
Die Wandlungskraft unserer Liebe kann alles transformieren, was einem Außen stehenden vielleicht trostlos vorkommen mag. Und diese Liebe sammelt sich in den Altären an Familienfotos, die es in jeder Wohnung gibt, den Kinderzeichnungen und aufgehobene Postkartengrüßen, als wären sie ein Erinnerungsnetz der Liebe, die uns in unserem Leben hält, die uns einen Platz gibt zu sein. Aber mehr noch als das:
All die liebevollen Worte, die uns Menschen schenken, Blumen, die man bekommt, ein Zeichen der Aufmerksamkeit, aufmunternde Umarmungen und Berührungen. Die Gewissheit, dass manche Menschen immer für einen da sein werden und jede einzelne unserer Gesten die Möglichkeit hat, die Welt zu der Welt zu machen, in der wir gerne wohnen würden.
