Die Welt in einer Schneekugel

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 11:34 on Mittwoch, Dezember 31, 2008

Ach, schrittest du durch den Garten / Noch einmal in raschem Gang, / Wie gerne wollt ich warten, / Warten stundenlang.

Längst verflossene Momente, Augenblicke der Vergangenheit tanzen durch die Erinnerung und werden in Theodor Fontanes Gedicht “Im Garten”, zu Bildern einer großen Sehnsucht. Manchmal, so scheint es mir in diesen Tagen, hat man das Gefühl, zwei Leben gleichzeitig zu leben. Das eine zerrinnt unaufhörlich in den gegenwärtigen Momenten und das andere lebt in der Erinnerung. Wie in einer Schneekugel tanzen dort Bilder und Szenen, die ich mir wieder und wieder ansehen kann. Ich kann sie hüten wie einen Schatz, das Flockentreiben beobachten bis das Wasser erneut klar wird oder ich kann sie, je nach meiner eigenen Entwicklung, immer wieder anders deuten.

Gerade jetzt zum Jahreswechsel, wo das Verrinnen der Zeit so greifbar ist, wo Gegenwart und Vergangenheit einander die Hand reichen, in den Stunden, in denen wir auf das vergangene Jahr zurück schauen, gerade jetzt ist der Augenblick, in dem die Träume stark werden. Die Träume der Vergangenheit, die Träume der Zukunft. Ich schreibe an meinem Buch und betrachte die kleine Schneekugel, in der die Welt meiner Kindheitstage für immer bewahrt ist. Ich suche Worte und Bilder für sie, entdecke, dass inmitten der Kugel ein alter Kirschbaum steht und augenblicklich verwandeln sich die weißen Flocken in Kirschblüten, die das Gras zudecken wie Schnee.
Die neun Musen, die Schutzgöttinnen der Künste, entstanden aus der Vereinigung von Zeus und Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung. Die Erinnerung ist unser geheimer Schatz - aus dieser Kraft entsteht alles künstlerische Schaffen.

Der vergangenen Welt in unserer Schneekugel begegnet eine andere: Die Gegenwart. Hier sind es Gespräche mit Menschen, es sind Bücher oder Musik, die uns berühren und uns beflügeln, die eigenen Träume nicht zu vergessen. Was wünschen wir uns für unsere Zukunft? Was ist unsere Vision? “Es ist wichtig, für seine Träume ein paar Kämpfe durchzustehen - nicht als Opfer, sondern als Abenteurer”, schreibt Paulo Coelho. Für dieses Abenteuer zwischen Vergangenheit und Zukunft wünsche ich allen meinen Lesern Kraft, Mut und den Glauben an die Liebe, die uns über alle Hindernisse hinweg trägt.

Eure Iris

Die Dinge und die Worte gehen im Kreis herum

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 1:10 on Montag, Oktober 27, 2008

Darf man sich als Germanistin und Büchernärrin trauen, zu sagen, man hätte Judith Hermanns Sommerhaus, später nicht gelesen? - Fast acht Jahre lang nicht gelesen, schlicht weil es in aller Munde war?
Ein seltsames und weit verbreitetes Phänomen: Man scheut sich die Bücher eines Autors zur Hand zu nehmen, weil einem der Ruhm und Erfolg zu viel Aufmerksamkeit einnimmt. Für wen sich die Massen begeistern, kann eigentlich nicht gut sein.

Ich habe mich überwunden. Ohne große Mühe, weil der Zufall mir das tiefblaue Taschenbuch in die Hände gespielt hat. Sie haben mir gefallen, die Kurzgeschichten Judith Hermanns, und ich nehme sie zum Anlass, über etwas zu sprechen, worüber ich schon eine Weile nachdenke: Die Sprachmelodie eines Autors.
Es mag seltsam klingen, aber es irritiert mich nachhaltig, wenn die Wörter wie ein Uhrwerk ineinander greifen und sich keine Irritation ergibt, die Sätze kein Innehalten erzwingen, um dem eigentümlichen und immer eigenen Klang eines Textes nachzuspüren. Die Geschichte mag noch so spannend sein, die Beobachtungen differenziert, wenn jenseits der Wörter kein Erstaunen wächst, das einen Passagen wieder und wieder lesen lässt, schmälert das für mich den Genuss einer Lektüre.

“Sie ist aus alter Gewohnheit früh aufgewacht, gegen sechs Uhr am Morgen, über den Dächern ein schmaler Streifen Himmel, Antennen und Schornsteine, auf den Regenrinnen die Tauben.” - Judith Hermann reiht hier die Beobachtungen eines frühen Morgens aneinander, ganz reduziert, und das Bild, das dabei entsteht, gleicht einer verblassten und doch detailreichen Fotografie. Schon an einem Satz zeigt sich: Die Autorin hat ihren eigenen Klang und wenn ich hier über jenen sinniere, so wohl wissend, nichts Neues zu entdecken. Die Literaturkritik spricht immer wieder, besonders wenn es gilt, Lobeshymnen zu verfassen, von einem gewissen “Sound”. So etwa vom Sebald-Sound, des 2001 verstorbenen Autors W.G. Sebald oder von Judith Hermann, deren Geschichten Hellmuth Karasek als “Sound einer neuen Generation” beschreibt.
“Ich schüttete die roten Korallen von der linken in die rechte Hand, sie machten ein schönes, zärtliches Geräusch, fast wie ein kleines Gelächter”, heißt es in der ersten Geschichte des Sommerhauses. Die phonetisch, das heißt akustisch wahrnehmbaren Regeln dieses Satzes sind prägnant: Die roten Korallen allein, als schöner, geheimnisvoller Begriff, in ihrer dunklen Assonanz, dem Gleichklang des o-Vokals. Die beiden Adjektive schönes und zärtliches sind durch einen Reim verbunden. Schüttete nimmt Korrespondenz zu schönes und Geräusch auf - zärtliches wiederum zu Geräusch oder Gelächter durch denselben Umlaut. - Dieses Spiel, die Beziehungen, die Verknüpfungen innerhalb eines Satzes aufzuspüren, ließe sich unendlich weiterführen. Auch wenn man sich diese Beziehungen, die “Webart” eines Textes während der Lektüre (und auch während des Schreibens) nicht bewusst macht, man nimmt sie wahr. Sie tragen dazu bei, dass wir uns in den Sätzen eines anderen Autors wohl fühlen - oder eben nicht.

“Wir waren allein, mitten im Wald, in der Einsamkeit, die aus der Einsamkeit der Nacht, der Morgenfrühe, des Waldes und der Tiere besteht und in der man für einen Augenblick immer das Gefühl hat, man habe sich im Leben und in der Welt verirrt, und eines Tages müsse man in dieses wilde gefährliche Zuhause zurückkehren, das doch das einzige und wahre ist.” - Der Ich-Erzähler in Sandor Marais Die Glut erinnert sich an einen Augenblick, der einundvierzig Jahre zurück liegt. Wir waren allein, fängt der Satz an, mitten im Wald, in der Einsamkeit… Marei schrieb nicht etwa: Wir waren mitten in der Einsamkeit des Waldes allein - was durchaus auch denkbar gewesen wäre - er reiht die Beobachtungen, die Gedanken bruchstückhaft aneinander, sodass sie sich ergänzen, aufeinander aufbauen, die Erinnerung Schritt für Schritt präzisieren. Diese Präzision der rückwärts gewandten Beobachtung wird auch an der auffälligen Reihung der Substantive deutlich: Einsamkeit, Nacht, Morgenfrühe, Wald, Tiere. Erst als der Ich-Erzähler diese Nomen-Reihe abgeschlossen hat und damit der Imagination Raum und Tiefe gibt, mündet der Satz in der gefühlsmäßigen Essenz des Erlebten.

Manch einer mag sich an dieser Stelle fragen: Wozu diese Wortklauberei? Alle Worte wurden schließlich schon einmal gesagt, wieso kommt es darauf an, sich ihrer Melodie hingeben zu können? Warum sollte man, wenn man selbst schreibt, eine Weile hinhören, wie sich die Worte zueinander stellen? Ist es nicht viel wichtiger, dass meine Botschaft, meine Idee in einem Text so klar wie möglich zutage tritt?
Aus eigener Erfahrung gesprochen: Das eine kann ohne das andere nicht sein. Literatur ist immer auch eine Beschwörung. Ähnlich den Merseburger Zaubersprüchen, den althochdeutschen Versen vorchristlichen Ursprungs, in denen ein Lösesegen und Heilung ausgesprochen wird. Sprache ist Sichtbarmachung, Veränderung, eine symbolische Tat, eine Hingabe an die eigenen Möglichkeiten und damit die Chance, andere Menschen zu berühren. Und es ist gleich, ob ich meine Sätze mit einer Eingebung aufs Papier bringe oder sie stundenlang umkreise. Ich kann sicher sein, dass ich dann zufrieden bin, wenn sie schlicht daherkommen, wenn sie mir in gewisser Weise ähnlich sind, wenn ich mich in ihnen wohl fühle, wie in einem Zimmer, das ich eingerichtet oder wie in einem Bild, das ich gemalt habe.

Das alles schließt nicht aus, dass uns Sätze treffen können, wie ein Faustschlag. Sätze, Wortfolgen, Rhythmen, die uns entsprechen, müssen nicht zwangsweise wirken wie eine lang ersehnte Umarmung. Im Schreiben findet sich nicht nur das Schöne wieder, auch das Namenlose, das Unbeantwortete und es kann in seiner Wirkung dem ähneln, was Kafka in einem Brief an Oskar Pollak wie folgt formuliert: “Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen [...] ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.”
Die Melodie der eigenen Schreibe stellt sich nicht immer auf Anhieb ein. Allzu oft bedarf es der Wortfeile, die wieder und wieder über die Sätze geht, dem Goldwaschen nicht unähnlich, das Materialien nach ihrer Dichte sortiert. Das schwere, dichteste Gestein sammelt sich unten. Der langsame Prozess des Siebens, ist weder ein Zeichen des eigenen Unvermögens, noch mangelndem Genie. In Die Glut heißt es: “Ja, die Worte kehren wieder. Alles kehrt wieder, die Dinge und die Worte gehen im Kreis herum, manchmal umkreisen sie die ganze Welt und treffen dann an ihrem Ausgangspunkt ein und schließen etwas ab.”
Die Suche nach den treffendsten Worten und Bildern braucht seine Zeit. Aber wenn wir unseren Klang gefunden haben wird deutlich, dass vielleicht eben nur so, auf diese eine Art, in dieser einen Sprachmelodie, die Dinge für uns abschließbar sind.

Die Farbe der Geborgenheit

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 9:50 on Donnerstag, September 4, 2008

Jeder kennt dieses Gefühl. Man hat ein paar ruhige Stunden für sich, vielleicht sogar eine ganze Woche und man genießt es, nirgendwohin gehen zu müssen, keine Termine zu haben, nichts Zwingendes passiert, das einen hinaus oder in die Weite treibt. Am ersten Tag gelingt es vielleicht nicht ganz, bei sich zu bleiben, eine gewisse Unruhe und Rastlosigkeit macht sich bemerkbar. Doch wenn man ausharrt und sich nicht allzu früh verführen, ablenken, hinaustreiben lässt, kommt man etwas Wertvollem auf die Spur: Man fängt an, sich selbst besser wahrzunehmen, eine angenehme Distanz, eine Art Abgegrenztheit den Dingen und Ereignissen gegenüber stellt sich ein.

Wenn ich zu lange beschäftigt bin, wenn Arbeit und Herausforderungen des täglichen Lebens mich zu sehr in Anspruch nehmen, bekomme ich richtiges Heimweh nach solchen Tagen. Es erwacht eine Sehnsucht nach dem Vertrauten, nach der Ruhe und der Einfachheit, die sie mit sich bringen. Was steckt dahinter? Ist es das Bedürfnis hinter die bewährten, vertrauten Wände und Schutzwälle zu fliehen, weil sie vor den Herausforderungen, dem Unerwarteten besser abschirmen? Weil die eigenen vier Wände vor den Kränkungen, den Zweifeln und der Kritik der Anderen schützen können? Weil sie Können und Wert eines Menschen nicht auf den Prüfstand stellen? Es ist mehr.
Dieses “mehr” nährt sich aus dem nie erfüllten Traum, dem Wunsch nach einer inneren Abgegrenztheit und Unabhängigkeit. Einer Differenzierung gegenüber den Dingen des äußeren und des inneren Lebens. Wie schwer ist es oft, sich von anderen Menschen oder von Ereignissen abzugrenzen. Sie nicht so nahe an sich heran zu lassen, dass man buchstäblich mit ihnen verschmilzt. Jeder kann die Probe aufs Exempel machen: Wenn etwas Unerwartetes passiert (und eigentlich ist alles unerwartbar), ich werde kritisiert, jemand oder etwas ärgert mich, kann ich mich davon abgrenzen? Wie sehr berührt es mich? Erhält das jeweilige Gefühl so viel Raum, dass ich nur noch diese eine Kritik bin, nur noch dieser Zweifel oder aber nur noch dieses Lob oder jenes Glück?

Das Misslingen einer Aufgabe oder Kritik führt oft dazu, dass wir unsere grundsätzlichen Eignung, unser Können in Frage stellen. Wenn uns unsere Umwelt jedoch bestätigt, bestärkt, wenn uns unsere Unternehmungen gelingen und wir das Gefühl haben, Dinge gut gemacht zu haben, blühen wir auf und werden wiederum eins mit dieser Bestätigung. Das liegt zum einen sicherlich daran, dass uns die Schauplätze des spielerischen Versuchs, des lustvollen Ausprobierens, des haushohen Verlierens oder des glücklichen Gewinnens fehlen. Alles, was wir in unserem Leben anfangen, hat den strengen Beigeschmack der ernsten Angelegenheit. Das behutsame Anfassen, bedachtsame Umkreisen oder gar das genussvolle und enthusiastische aber auch selbstvergessene Ausprobieren einer Sache gehört nicht so ohne weiteres zu den Fähigkeiten, die uns in unserer Erziehung mitgegeben werden.

Was wir auch tun, wir tun es ganz. Wir verschreiben uns mit Haut und Haar einer Sache. - Klingt eigentlich wünschenswert. Doch was geschieht, wenn es uns nicht gelingt? - Wenn wir in unserer Fähigkeit zur Differenzierung nicht weit fortgeschritten sind, folgt ein absoluter Selbstwerteinbruch, ein Zweifeln an den eigenen Talenten, im schlimmsten Fall an dem eigenen Wert.
Wie nachvollziehbar erscheint nun der Wunsch, irgendwo einen Platz zu haben, der gänzlich unabhängig ist. Der immer autark, immer geschützt, immer unberührt ist. Und welcher Ort eignet sich mehr dafür als das eigene Zuhause?
Wenn wir uns immer nur auf den äußeren Schauplätzen unseres Lebens bewegen, entsteht irgendwann die Illusion einer Vertrautheit mit uns selbst, einer Verlässlichkeit unserer Wahrnehmung, der Richtigkeit unserer Bewertungen, der Unausweichlichkeit unserer Entscheidungen. Dabei geschieht das genaue Gegenteil: Wir entfernen uns von uns selbst, weil wir aufhören, uns zu spüren. Weil wir nur noch jener Ärger, jenes Lob, jene Herausforderung, jene Aufgabe sind.

Mein Zuhause schont meine Kräfte und lenkt die Aufmerksamkeit weg von der trügerischen Gewissheit eines Richtig und Falsch, von der Vereinnahmung durch ein bestimmtes Gefühl. Es zwingt mich nicht zu aufgesetzter Entschiedenheit.
Was wir uns aber selten bewusst machen ist, dass die eigenen vier Wände uns nicht wirklich vor einem unberechenbaren “Außen” schützen, sie schützen uns vor unserem unberechenbaren “Inneren”. Denn wenn mich jemand lobt, so ist nicht er es, der mir ein angenehmes Gefühl schenkt - ich schenke es mir. Wenn mich jemand ärgert oder kränkt, dann schmerzt nicht die eigentliche Handlung oder die Worte, sondern das sinnlose Schattenspiel, das ich vor mir selbst aufführe, indem ich wieder und wieder das Gift jener Situation heraufbeschwöre und schlucke.
Unberechenbar sind nicht die Dinge, die passieren, sondern unsere Reaktion darauf. Das ist ein ganz feiner, entscheidender Unterschied. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass wir niemals wissen, was bestimmte Ereignisse in uns hervorholen, hinauf spülen aus dem unendlich tiefen Bildersee unserer Seele, was aus den unzähligen Räumen und verborgenen Winkeln ans Tageslicht dringt. Diese Bilder verflüssigen sich, noch ehe wir sie mit unserem Verstand abtasten können. Wir wundern uns über die Unstetigkeit unserer Laune, unseres Selbstwertgefühls, dabei können wir nur einen Bruchteil dessen, was uns beschäftigt fassen, geschweige denn zur Sprache bringen.

Ich habe Heimweh nach den eigenen vier Wänden und Zeit mit mir alleine, weil ich mich hier, in meinem Zuhause vor der Flüchtigkeit und Unbeständigkeit meiner Seele besser schützen kann. Hier besitzen die inneren Schutzwälle die größte Kraft - nicht, um mich vor etwas zu schützen, das von außen kommt - höchstens indirekt - sondern um mich in mir vor mir selbst zu schützen.
Ein paar Tage nur für mich zu sein, in diesen, meinen vier Wänden ist für mich geradezu lebenswichtig. Wenn ich mehrere Wochen am Stück völlig eingenommen bin von Arbeit, von immer währendem Tun, wird die Sehnsucht nach solchen Tagen unermesslich groß. Weil ich das Gefühl habe, mich selbst zu verlieren. Weil ich Angst habe, meine Konturen nicht mehr zu finden. Weil die Ruhe und die Zeit fehlt, mich wahrzunehmen, die inneren Schutzwälle aufzubauen, auszubessern und zu spüren, die mich vor der Ruhelosigkeit der Seele schützen.

Dies gelingt mir am leichtesten in diesen Tagen der Stille, in Tagen, in denen ich alle geliebten Dinge, meine Bücher, meine Bilder, meine Erinnerungsstücke um mich habe. Wie viele Schreibtische gibt es, in denen alles eine geheime Ordnung haben muss, bevor eine produktive und kreative Arbeit beginnen kann. Die genau platzierten Dinge (oder aber das geplante Chaos) stärken unsere Differenzierung, sie spiegeln uns wieder und wieder kleine Bruchstücke unserer Persönlichkeit in dem uferlosen Meer unserer Möglichkeiten.
Der Raum den ich bewohne, ist nicht nur eine Erweiterung meines Körpers, er ist ein sicherer Schutzwall, in dem ich ich sein kann. Ich berühre meine geliebten Dinge unzählige Male, sie an ihrem Platz zu wissen verschafft mir ein Gefühl der Ruhe. Den Wänden von Zeit zu Zeit eine andere Farbe zu geben, verwandelt sie in große, offene Fenster dieser Suche nach innerer Abgegrenztheit und Selbstvergewisserung.
Gerade tragen meine inneren Räume Lila und Frühlingsgrün. Zwischen ihren realen Entsprechungen und der Geborgenheit, die sie vermitteln, kann ich mich darauf einlassen, mich in den weiten Räumen meiner inneren Landschaft zu bewegen. Sie geben mir genau so viel Sicherheit und Unbestimmtheit, dass sich wie von selbst eine ganz andere Wahrnehmung schärft. Eine Wahrnehmung die sich auf die tausend Spielarten der Phantasie einlässt. Denn: Die Einsamkeit mit sich selbst - sie bringt die Ruhe, die Leerheit, die für das Schreiben so unabdingbar sind.

Regenreiche Zeit

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 2:44 on Freitag, Juli 18, 2008

Regen.jpg

Der besondere Mut, den die Liebe uns abverlangt

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 9:27 on Donnerstag, Juni 12, 2008

Über alles lässt sich’s schreiben. Jedes Gefühl, jeder Gedanke, jeder Geruch, jedes Geräusch lässt sich aufs Papier bannen. Sei es der Klang des Juniregens auf den Blättern einer Linde oder der Duft von Erdbeeren, wenn man vorsichtig ihre rosettenförmigen Blätter abzupft. Vom Klingeln des Telefons, das, je nachdem in welcher Stimmung wir sind oder wessen Anruf wir erwarten, anders zu klingeln scheint bis zur Erinnerung an die verwegensten Kindheitsträume. - Über alles kann man schreiben. Fast alles. Fünf unscheinbare Buchstaben scheinen alles auf den Kopf zu stellen, durcheinander zu wirbeln, weil zu vieles mit ihnen mitklingt, weil sie uns aufs Äußerste herausfordern. Sie formen zusammen das schönste Wort, das es gibt. Liebe.

Sie ist es, über die es sich nicht so leicht schreiben lässt. Vielleicht weil über sie alles schon gesagt zu sein scheint, so oft gesagt, so oft beschrieben, dass jede Rede von ihr, auf Überkommenes, ja auf Klischees zurückzugreifen droht. Vielleicht aber auch, weil man schlicht über sie nicht schreiben kann, weil sie sich entzieht, sobald man sie einfangen will. Will man ihre Körperlichkeit einfangen, wird sie erdenschwer und flacht mit den aneinander gereihten Wörtern ab. Betont man ihre Geistigkeit, nimmt sie die schnellste Abkürzung übers Papier und droht zwischen abtastenden Phrasen zu verschwinden.
Aber gerade sie ist es doch, mag man einwenden, die selbst den schreib-scheuesten Menschen geradezu dazu zwingt, sein überfließendes Herz in einem Brief, in Tagebuchnotizen, in Gedichten oder Gedankenfetzen zu Papier zu bringen. Ist die Liebe nicht geradezu dazu geschaffen, uns zum schreiben zu bewegen?

Tatsächlich, sie bringt uns zum schreiben, wenn wir unsere Liebe einem anderen Menschen zueignen möchten. Sie verführt uns zum schreiben, weil sie das stärkste und zugleich bodenloseste Gefühl ist. Sie zwingt uns zum schreiben, weil wir schreibend unsere Gedanken für uns ordnen können. Und manchmal gleicht sie einem Strudel, in den wir hinein fallen und dann schreiben wir, weil wir sonst Angst haben, um den Verstand zu kommen.
Zu den schönsten und berührendsten literarischen Dokumenten gehören Liebesbriefe. Sie entstehen, wie so vieles im Leben, aus Abwesenheit. Die Abwesenheit des geliebten Menschen bringt uns dazu unsere Sehnsucht, unsere Einsichten und Beschwörungen zu Papier zu bringen. Nirgendwo sonst reicht man bedingungsloser sein Herz hin, nirgendwo sonst erzählt man sich so ehrlich, so schonungslos oder aber ist bemüht, um alles in der Welt zu gefallen. Die Selbstsetzung, das “Sich-selbst-erzählen” passiert nirgendwo sonst so existentiell, so eindrücklich.
Gleichzeitig transzendiert die Liebe zu einem anderen Menschen, wie kaum etwas anderes, unseren Blick. Bettina Brentano schreibt an Achim von Arnim: “Da ging aber bald darauf die Sonne ganz rot unter, da hab ich durch den Winter durchgesehen in den Frühling… da fühlte ich ganz deutlich, dass alles ewig ist, dass die Liebe ewig ist, aber nicht alt wird, dass sie durchdringt, dass Gott nur die Liebe in sein Reich aufnimmt, und dass sie der einzige Reichtum ist, den er gewährt; und wohl dem der sich von ihr entzünden lässt, wo sie in Wahrheit ist.”

Meine Scheu von der Liebe zu schreiben ist mir während meiner Arbeit an meinem Roman deutlich geworden. Jedes andere Thema wächst unter den Seiten, reift mit den Gedanken, doch die Liebe stand lange Zeit sperrig und unwillig, schüchtern und sich entziehend, nur als leichte Textur mehr zwischen als in den Zeilen. Man muss sie sich mehr als jedes andere Thema vorstellen und selbst denken.
Ich bin noch lange nicht dahinter gekommen, woher diese Scheu kommt. Zum einen vielleicht weil es hier wirklich schwer ist, Beschreibungen zu finden, die nicht ausgelutscht und schon so oft gesagt wurden, dass sie zu leeren Worthülsen geworden sind. Zum anderen vielleicht, und das ist elementarer, weil man in der Liebe über mehr als sich selbst schreibt. Weil in der Liebe mehr als in allem anderen gebrochene Worte schmerzen. - Der performative Charakter unserer Sprache wird hier deutlich. Unsere Worte sind wirklichkeitsbildend, sie können Beziehungen aufbauen, sie können uns stärken, uns heilen. Die Liebe bringt unsere Konturen zum verschwimmen, weil das einzelne “Ich” sich nirgendwo radikaler in Bezug setzt zu einem “Du”. So schreibt Susette Gontard an Friedrich Hölderlin: “Und so mit mir verwebt bist Du, dass nichts Dich von mir trennen kann, wir sind beisammen, wo wir auch sind.”

Über die Liebe zu schreiben, verlangt Mut. Und es verlangt unsere ganze Vorstellungskraft und unsere ganze Individualität, will man nicht nur Phrasen und hohle Sätze zu Papier bringen. Jeder Mensch liebt anders, nimmt anders wahr, lässt anderes zu, setzt die Akzente auf andere Dinge. Hier gilt es mehr als anderswo, das kleine Stückchen Erde zu finden, das man authentisch beschreiben kann ohne zu kopieren oder zu verkünsteln.
Vielleicht hilft es, sich zu vergegenwärtigen, dass man weder glücklich, noch unglücklich lieben muss um darüber zu schreiben. Dass man an die Liebe nicht ein erfülltes Leben knüpfen, aber immer aus ganzem Herzen lieben darf. Michael Ende hat das wunderbar in einem Brief an einen Leser festgehalten: “Sie schreiben, dass derjenige, der diese Kraft der Liebe in sich trägt, alle Möglichkeiten hat, zu sich selbst zu finden und ein glückliches Leben zu führen. Hat Christus ein glückliches Leben geführt? Und geht es überhaupt darum? Macht nicht gerade die Bereitschaft zu lieben den Menschen im besonderen Maße verletzlich? Muss er sich nicht mehr als andere ausliefern? Und besteht nicht gerade darin der besondere Mut, den die Liebe uns abverlangt?”

Dieser besondere Mut, den die Liebe uns abverlangt, uns wieder und wieder vertrauensvoll einem anderen Menschen hinzugeben, unsere Verletzlichkeit zu zeigen, ist es, dessen Ermangelung uns davon abhält mit Kraft und Feingefühl die Liebe zu leben, wie über die Liebe zu schreiben. Der mangelnde Mut ist es, der uns zögern lässt unsere Grenzen zu erweitern und unser Leben voll auszuschöpfen. Weil wir stets denken, dass wir glücklich sein müssen, dass uns die Liebe glücklich machen soll und uns ja nichts abverlangen darf. Und so auch unsere Figuren auf dem Papier: Sie dürfen glücklich oder unglücklich sein, in der Liebe wachsen oder aus ihr heraus fallen. Sie dürfen einander küssen auch wenn es der Autorin nur schwer in die Feder fließt, sie dürfen aneinander denken und sich einander hingeben. - So komme ich vom Nachdenken übers Schreiben einmal wieder zum Nachdenken über das Leben und die Zeilen drohen, zu lang zu werden. Aber die Antworten lassen sich, wie immer für mich, nur schreibend heraus finden.

Wo alles begann

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 3:41 on Samstag, April 19, 2008

Landschaft im Burzenland c.jpg IMG_1185.jpg

Es irrt der Mensch, solang’ er strebt

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 10:51 on Donnerstag, März 6, 2008

Es gibt eine geheime Lust an Fehlern. - Man zähle einmal die Foren im Internet, die Fehler in Filmen sammeln. Von den ins Bild ragenden Mikrophonen bist zu den Kleidungsstücken, die sich in den filmisch eingefangenen Jahren auf wundersame Weise nicht verändern bis hin zu den Szenen, in denen jemand ins Wasser fällt und mit trockener Garderobe wieder auftaucht.
Fehltritte und Ausrutscher zählen oft mehr als Vorzüge und Erfolge. Was am Rand der Klassenarbeiten mit rotem Stift festgehalten und zuletzt gezählt wird, sind die Fehler und nicht die Phantasie und der Mut, mit dem wir sie begangen haben.
Die Fehler an anderen Menschen fallen uns schneller auf als ihre Vorzüge und wir benutzen sie gern, um uns ins bessre Licht zu rücken. Aber auch die eigenen Fehler bleiben einem zumeist länger im Gedächtnis, als unsere Erfolge.

An was rührt diese Lust, Fehler zu entdecken? - Was sind eigentlich Fehler? Das Deutsche Institut für Normung (DIN) definiert Fehler als einen “Merkmalswert, der die vorgegebenen Forderungen nicht erfüllt”. Einfach gesagt: als Nichterfüllung einer Forderung. Diese Definition ist ein Fingerzeig und bringt uns auf direktem Wege zum Kern des Themas. Die Ursache für unseren problemorientierten Umgang mit Fehlern sind nicht die Fehler selbst, es sind die Forderungen, die wir an die Dinge, an unsere Handlungen und die Menschen stellen, die uns umgeben. Was wir als Fehler bewerten entspringt unserem subjektiven Urteil. Doch was für den Einen fehlerhaft ist, kann für den Anderen makellos und mustergültig sein.

Was passiert mit unserem Denken, mit unserer Beurteilung von Fehlern, wenn wir den Kontext, in dem etwas gedacht, gesagt, geschrieben oder getan wird (und somit fehlerhaft sein kann) auf Literatur beschränken? Wie beurteilen wir, so stelle ich mir die Frage, Fehler auf dem Papier? Worin unterscheiden sie sich von den Fehlern, die man im Leben machen kann?
Es relativiert sich vieles, wenn man über Fehler im Ästhetischen Bereich nachdenkt, denn Urteile über richtig oder falsch wollen einem hier nicht so leicht von den Lippen gehen. Denken wir nur einmal an die “falschen” Töne im Jazz oder Bilder der Modernen Kunst. Denken wir an eigene Fotografien, in denen die Belichtung falsch eingestellt war und plötzlich ein überraschend ansprechendes Bild entstanden ist.
Dennoch: Auch hier, in der Welt der Kunst, in der Literatur, in den erdachten Geschichten auf Papier, passieren Fehler. Der berühmteste Fehler stammt wohl aus Shakespeares “Winter Märchen”, in dem der König Siziliens sein nicht gewolltes Kind an der Böhmischen Küste aussetzen lässt. Doch Böhmen liegt nun einmal nicht am Meer. - Dem Klassiker hat das nicht geschadet, im Gegenteil: Die poetische Ortsangabe “Böhmen am Meer” ist zur Metapher eines utopischen Idealzustandes geworden und spukt als Motto diverser kultureller Veranstaltungen und Ausstellungen umher. Enzensberger schrieb einen Essay mit gleichnamigem Titel und Ingeborg Bachmann ein Gedicht. Darin heißt es: “Spielt die Komödien, die lachen machen” /Und die zum Weinen sind. / Und irrt euch hundertmal, / Wie ich mich irrte und Proben nie bestand / Doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal. / Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags / Ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.”

Und irrt euch hundertmal, schreibt Ingeborg Bachmann. Wie sehr das lustvolle Irren auf einen schöpferischen Umgang mit dem eigenen Leben hindeuten kann, zeigt der Blick in den Reichtum an “Fehlern” in der Lyrik. Die orthographischen und grammatischen Fehler in einem Gedicht tragen ganz wesentlich dazu bei, dass der Bedeutungsreichtum unserer Sprache offenbar wird. Sie zeigen, dass die Wirklichkeit nicht eins zu eins von unserer Sprache abgebildet wird und sie schaffen mitunter die wunderbaren Momente, in denen man irritiert, eine Zeile wieder und wieder liest, um sie zu verstehen, zu begreifen. Sie machen das Leuchten sichtbar, das hinter den Wörtern liegt und auf größere Zusammenhänge unseres Lebens verweist. Wie lesen und verstehen wir etwa die ersten Zeilen von Rilkes Gedicht “Alle, welche dich suchen”?
Alle, welche dich suchen, versuchen dich. / Und die, so dich finden, binden dich. / An Bild und Gebärde.

Vielleicht, so möchte ich sagen, bestehen die schönsten und kunstvollsten Gedichte aus in Form gebrachten Fehlern.
Wie viele vermeintliche Fehler finden sich etwa in dem Gedicht “Ballade des äußeren Lebens” von Hugo von Hofmannsthal? Ich zitiere drei der sieben Strophen:
Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, / Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben, / Und alle Menschen gehen ihre Wege. [...] Was frommt das alles uns und diese Spiele, / Die wir doch groß und ewig einsam sind / Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele? / Was frommt’s, dergleichen viel gesehen haben? / Und dennoch sagt der viel, der “Abend” sagt, / Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt [...]

Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele. - Man muss die Wörter laut sprechen, um den Rhythmus dieser Zeile zu finden und immer wieder lesen, um ihnen auf die Spur zu kommen. Trotz dieser kühnen Regelbrüche herrscht eine strenge, kaum wahrgenommene Ordnung in den Zeilen: Das ganze Gedicht ist in Terzinen geschrieben (dreizeilige jambische Strophen / Unbetont - Betont), jede Zeile hat genau elf Silben und die mittlere Zeile ist immer durch einen Reim mit der nächsten Strophe verbunden. Die spielerische Übertretung von syntaktischen Regeln und dem Spiel mit der Beteutungsvielfalt der Wörter ist gebettet in eine traditionelle, kunstvolle Versform, die Hofmannsthal perfekt beherrscht.
Die Regeln perfekt zu beherrschen und im Augenblick des Kunstschaffens gleichsam zu vergessen ist genau das, was künstlerische Arbeit ausmacht. Hätten alle Dichter immer nur Subjekt, Prädikat und Objekt schematisch hintereinander gesetzt, welche treffenden, einprägsamen, melodischen Sätze wären uns dabei verloren gegangen? Wenn Schiller in der Ballade “Der Taucher” geschrieben hätte “Und Gürtel und Mantel wirft er nun weg”, wäre uns dieser Satz in Erinnerung geblieben? Indem er schreibt: “Und Gürtel wirft er, den Mantel weg“, malt er das Wegwerfen des Gürtels und des Mantels, bildhaft und einprägsam vor unser inneres Auge.

Fehler, in der Literatur wie im Leben, haben die Kraft, uns zu bereichern und sind nicht ausnahmslos dazu bestimmt, ausgemerzt zu werden. Wenn wir immer nur darauf bedacht sind, keine Fehler zu machen, beschneiden wir uns in der unendlichen Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten. “Der schlimmste Fehler in diesem Leben ist, ständig zu befürchten, dass man einen macht.” - Dieses Zitat von Elbert Hubbard mag es auf den Punkt bringen. Was nicht heißt, dass man blind und regellos drauflos schreiben oder schlimmer noch, drauflos leben soll. “Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war” rät uns dazu Bertolt Brecht.
Vielleicht würden wir uns nicht damit begnügen, unser halbes Leben von Dingen zu träumen, wenn nur unsere Angst nachließe, zu irren. Vielleicht führt uns ein krummer, mit Fehlern gepflasterter Weg zu etwas, wovon wir nicht einmal zu träumen wagten. Warum nicht? Amerika würde auf diese Weise entdeckt. - An dem Goethe-Zitat, dass diesem Artikel seinen Titel gegeben hat, kann zuletzt noch ein kleines Geheimnis offenbar werden. Die Betonung liegt für mich in der zweiten Hälfte des Satzes, nach dem Komma. Solange wir uns auf unsere Wünsche zu bewegen, solange wir versuchen, zu wachsen und beherzt unseren Weg gehen, solange werden wir Fehler machen, irren, vielleicht verrückte Dinge tun, aber das ist gut so. Fehlerfrei wäre nur die Idee eines Menschen (ja vielleicht nicht einmal jene), der sich niemals einlässt auf dieses Wagnis Leben.

Genuas Straßen

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 6:54 on Samstag, Februar 9, 2008

Es gab einen seltsam intensiven Moment, als wir vor zwei Jahren durch Genua unterwegs waren. Die Straßenführung war so verwirrend und unübersichtlich, dass wir uns auf den endlosen, gewundenen Autobahnen heillos verfahren hatten. Irgendwo war der Weg zur französischen Grenze, das rettende Schild, das uns den Weg weisen würde, doch für den Augenblick gab es nur vierspurige Betontrassen, vorbei rasende Häuserzeilen und pfirsichfarbene Dächer, soweit das Auge blicken konnte.
Der Anblick war beklemmend: Die Straßen waren kreuz und quer in die Hänge gebaut, ohne Rücksicht auf Landschaft und Häuser. Ihre Pfeiler ragten neben alten Häusern auf und trugen den Verkehr über die Stadt hinweg, über die Balkone und Gärten der Menschen. Sie warfen ihre Schatten auf die vormals ruhigen Wohngegenden und erfüllten die Luft mit Gestank und Lärm. Dieser Irrgarten aus Beton zog sich über die ganze Stadt, Tunnel durchbrachen die anliegenden Berge und wenn es jäh wieder hinaus ans Licht ging, raste man wieder unmittelbar an den Fenstern der Häuser vorbei. Wäsche flatterte von den Balkonen und sog den Geruch und die Abgase der Autos und Laster auf.
Wir sahen aus den Wagenfenstern und fragten uns in diesem Moment, was das Leben der Menschen in so einer Stadt zusammenhält. Wie mochten sie sich fühlen? Wovon mochten sie träumen? Wollten sie nicht fliehen aus so einer grässlichen, freudlosen Gegend?

Ähnliche Gedanken kann man haben, wenn man auf einer Reise aus dem Zugabteil schaut. Draußen rasen Häuser, Wohnblocks, Fenster, Balkone und Straßenschluchten vorbei, Dörfer und Städte wechseln einander ab; der Himmel überspannt gleichmütig schöne und hässliche Gegenden, gepflegte und heruntergekommene Gärten, versteckte Lauben, Schrebergärtenkolonien und Bankviertel. Und überall hinter den blinden Fensterscheiben sind Menschen. Sie kochen vielleicht gerade, lesen ein Buch, lachen, streiten sich, sind nachdenklich oder vielleicht gedankenlos. Sie rollen in Autos über die Straßen, die sich über die Felder zum Horizont spannen, flanieren durch die Einkaufspassagen oder fahren mit dem Rad durch die begrünten Parks. Unzählige Leben rasen in so einem Moment am Fenster vorbei, werden einem gleichsam für den Augenblick eines Herzschlags bewusst und gleiten dann wieder in die Tiefe unserer Erinnerungslosigkeit.
Was kann es sein, das ihr Leben zusammenhält? Warum fliehen nicht alle irgendwohin, wo es schöner ist?

Eine seltsame Frage. Und doch: Diese Frage stelle ich mir immer dann besonders, wenn ich an trostlosen Gegenden vorbeifahre, wenn die Fenster der Menschen so nah an den Bahngleisen sind, dass man die Hand hinüber reichen könnte oder so nah an den Straßen, dass der Lärm ihnen Tag und Nacht an die Haustür klopft.
Und heute, einmal wieder im Zug, hat sich eine Ahnung der Antwort in mein Bewusstsein geschlichen: Es ist nichts weniger als das Gefühl, zu anderen Menschen dazuzugehören und vielleicht für manche Menschen eine Ahnung davon, dass sie noch zu etwas viel größerem gehören.
Was bedeutet der Lärm, die mangelnde Aussicht, die Nöte und Sorgen die mit jedem Menschenleben einhergehen, wenn am Abend ein vertrautes Klopfen an der Tür einen Menschen ankündigt, mit dem man das Leben teilt? Wenn Freunde da sind und Nachbarn und vielleicht Kinder, all die Menschen, in deren Nähe das eigene Leben hinein gelegt ist.
Wo soll man ankommen, hingehen, wenn nicht genau dort, wo man ist. Was soll einen halten, stützen, einem das Leben leichter machen als sich liebend mit dem zu verbinden, was einen umgibt.

Es sind die Gedanken eines einzelnen, vielleicht im Grunde seines Herzens einsamen Menschen, der aus dem Zugabteil blickt und sich fragt, warum nicht alle fliehen und woanders hingehen. Sich ein schöneres Leben suchen, einen schöneren Platz zu wachsen. Und heute sind es all die Menschen hinter den Türen und Fenstern, die mir antworten.
Man kann einander beschenken, auch in Gegenden und Zeiten in denen das Äußere nicht immer verheißungsvoll erscheint. Man kann einander liebend begegnen und das fördern, was in einem lebendig ist.

Man kann sich anderen zuwenden, ihrer Sorgen und Nöte annehmen, kann die Weisheit, die sich im eigenen Inneren gesammelt hat, weitergeben in Gesten, Worten und Taten. Wie sinnlos scheint es, alles nur für sich anzuhäufen. Viele Menschen leben, als gelte es alles zu horten, zu schützen, für irgendetwas zu bewahren und das Leben vergeht, ohne dass man sich verschenkt hätte. Denn egal wie man sich fühlt, wie viel man noch glaubt, lernen zu müssen, wachsen zu müssen, es gibt nichts schöneres, als das, was in einem lebendig ist, zu verschenken.
In jedem einzelnen Menschen sammelt sich das Leben wie in einem Gefäß. Es sickert ins Herz und wird zu Meinungen, Anschauungen, wird zu Lebensweisheit, wird zu erzählten Geschichten. Wenn man mit Liebe und Empathie andere Leben, andere Menschen aufnehmen kann, wird man zu lebendigen Gemeinschaften und diese haben überall die Chance glücklich zu sein.

In dem schäbigsten Hinterhof, so kommt heute die Antwort der vorbei rasenden Städte und Dörfer, kann mehr Glück und Segen wohnen als im idyllischsten Wohnviertel, als in Gegenden, in denen vermeintlich immer die Sonne scheint. - Weil es überall den Zauberstab der Liebe gibt, der Worte und der Gesten.
Die Wandlungskraft unserer Liebe kann alles transformieren, was einem Außen stehenden vielleicht trostlos vorkommen mag. Und diese Liebe sammelt sich in den Altären an Familienfotos, die es in jeder Wohnung gibt, den Kinderzeichnungen und aufgehobene Postkartengrüßen, als wären sie ein Erinnerungsnetz der Liebe, die uns in unserem Leben hält, die uns einen Platz gibt zu sein. Aber mehr noch als das:
All die liebevollen Worte, die uns Menschen schenken, Blumen, die man bekommt, ein Zeichen der Aufmerksamkeit, aufmunternde Umarmungen und Berührungen. Die Gewissheit, dass manche Menschen immer für einen da sein werden und jede einzelne unserer Gesten die Möglichkeit hat, die Welt zu der Welt zu machen, in der wir gerne wohnen würden.