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Dieser Eintrag dient der Registrierung bei Internetverzeichnissen und wird bald wieder gelöscht.
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Jeder, der schreibt, weiß, dass man sich öffnen, hingeben muss, damit das Buch oder die Geschichte sich selbst gestaltet und zu einem spricht. All die Gedanken mit ihren verschiedenen Stimmen, die einen erinnern und ermahnen, müssen schweigen. Man braucht diese Stunden, in denen man nicht weiß, was in der Zeitung gestanden hat, nicht darüber nachdenkt, wie man die Miete für die nächsten Monate bezahlen wird, ja manchmal nicht einmal weiß, wie alt man ist und wie man eigentlich jeden Tag sein Leben lebt.
Schreiben hat im Wesentlichen mit Loslassen zu tun. Wir brauchen die Bereitschaft, alles aus den Händen zu geben damit wir wahrnehmen, was uns im Innersten beschäftigt. Die Gedanken müssen leer sein, damit wir empfangen können.
Gleichzeitig - und das scheint auf den ersten Blick fast unvereinbar - ist die Fähigkeit an Momenten, Dingen und Menschen festzuhalten unabdingbar für kreatives Schreiben. Für mich ist die Liebe zu meiner Heimat, zu den Menschen, zur Natur, zu den Straßen und Bergen, den Festen und Ritualen Siebenbürgens, ein unerschöpflicher Quell an Inspiration und immer währende Motivation zum Schreiben. Vielleicht weil ich dort zum ersten Mal geliebt und erfahren habe, was das Leben ist. Wenn ich schreibe, wird das Erinnern in manchen Momenten so stark, dass es die Gegenwart an den Rand des Bedeutungslosen spült. Und nicht nur meine Kindheit, meine verlorene Heimat taucht auf, sondern alle Menschen, alle Hoffnungen und Verluste, alle kleinen und großen Begebenheiten, die ich erlebt habe oder die ich beobachten konnte - alles ist beim Schreiben gegenwärtig.
Wenn man einen Charakter treffend beschreiben will scannt man in Gedanken alle Menschen, die Ähnlichkeiten mit ihm besitzen um ihn authentisch beschreiben zu können. Ein fiktiver Charakter setzt sich aus vielen Menschen zusammen die man gut oder auch nur flüchtig kennt. “Der alte Medu” in meinem Buch ist beispielsweise ein alter Mann, den ich in den Straßen des französischen Städtchens Gassin gesehen habe. Jeden Tag ging er langsamen Schrittes an unserem Haus vorbei. In seinem Gesicht war so viel Wärme und Güte, in seinen hinter dem Rücken verschränkten Händen so viel gelebtes Leben, ich wollte ihn nicht mehr loslassen. Jeden Tag, an dem ich schreibe ist er mir nun gegenwärtig.
Doch ist er es in meinem Buch? Ich habe ihm ein Herz gegeben und eine Biografie aber dieses Herz und dieses erdachte Leben setzt sich wiederum aus vielen andren Leben zusammen.
Und manchmal “verteilt” sich ein Mensch sogar über viele Figuren. Meine Urgroßmutter Frieda findet sich in beiden Großmüttern, die es im “Halben Stein” gibt. Ich wollte sie in beiden Frauenfiguren festhalten.
Wenn man schreibt, rauscht ein beständiger Strom an Erinnerungen durch das Unterbewusstsein. In diesem Strudel aus Farben, Dingen, Menschen und Erinnerungen findet sich auch viel Leid. Es ist Leid, das man beobachtet, von dem man gelesen, erfahren oder das man selbst erlebt hat. Um ein gutes Buch zu schreiben muss man den Mut besitzen, dieses Leid hervorzuholen und bei Tageslicht zu betrachten. Mitunter kann das schmerzlich sein und man nimmt sich vor, das nächste Mal ein Buch zu schreiben, in dem nur glückliche Menschen vorkommen.
Aber: Der Bogen zwischen Leid und Glück bestimmt die Handlungen der Figuren, er ist es, der ein Buch lesenswert macht.
Man kann nur über Menschen dichten, wenn man ihre Unvollkommenheiten beschreibt. Würde man bei ihren vollkommenen Taten bleiben, wäre die Geschichte uninteressant und sie wäre nicht wahrhaftig. Genau das, was einen menschlich macht, eben das ist unendlich liebenswert. Die Unvollkommenheiten des Lebens sind es, die man als Schriftsteller, als Künstler liebt. - Dem Leser wiederum können Passagen, die diese Unvollkommenheiten beschreiben weh tun. Weil er sich in ihnen erkennen kann, weil die Zeilen ins Schwarze treffen. Aber sie treffen immer mit Liebe.
Ein Gefäß für die Liebe zu sein, für Leid, für Erinnerungen, für Menschen und ihre Geschichten, das ist es was man aushalten können muss, wenn man schreiben will. Im Grunde unterscheidet man sich also als Autor nicht von anderen Menschen. Doch der Schriftsteller macht sich dies alles bewusst und hat es sich in gewisser Weise als Lebensaufgabe gesetzt. Wir alle wollen unsere Geschichten erzählen, sind auf der Suche nach Sinn, nach Bedeutung in unserem Leben. Wir alle müssen den Tod verstehen und mit ihm fertig werden und jeder braucht bei den Übergängen, bei Veränderungen und Verlusten Begleitung.
Die größte Herausforderung, auf die man im schöpferischen Prozess trifft, ist die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit. Das ist die wahre Triebfeder aller Künste und aller großen Werke. In dem Moment, in dem man auf den Auslöser drückt, ist der Moment schon vorbei, den man eingefangen hat. Die Frauen auf den Gemälden von Klimt, mit ihren roten Wangen und ihren beseelten Augen sind lange schon tot. Die Hand, die die Zeilen von Narziss und Goldmund geschrieben hat, ist begraben und längst verwest.
“Du wirst nie schöner sein als in diesem Augenblick”, sagt der Held Achill zu der Gefangenen Briseis vor den Toren von Troja. Wenn es eins gäbe, um das uns die Götter beneiden würden, dann wäre es unsere Sterblichkeit. Nur weil wir sterblich sind, können wir lieben, versprechen einander unsere Herzen. Weil wir sterblich sind, suchen wir voller Tatendrang den Sinn unseres Lebens. Deswegen schreiben wir Geschichten.
Wenn man schreibt, setzt man der Vergänglichkeit ein Denkmal. Man feiert das Leben, weil man es festhält, würdigt. Doch gleichzeitig übt man sich im Loslassen. Warum? Man holt das ans Licht, was man an Empfindungen, Erfahrungen, an gelebtem und erdachtem Leben in sich vorfindet, holt es ans Licht und betrachtet es von allen Seiten, schreibt es auf und muss es dann loslassen. Es ist zu Kunst geworden. Es existiert nun außerhalb von einem selbst, ist autonom, ein eigenständiges Wesen. Wie Kinder, die man groß gezogen hat, die man liebt und doch gehen lassen muss. Wie in der Liebe zu einem Menschen, bei dem man das Gefühl so tiefer Nähe hat, als sei man aus demselben Stein gehauen und doch weiß, dass man gleichzeitig immer getrennt bleibt. Weil das Leben so unendlich kostbar und doch so zerbrechlich ist. Weil man ein einzelnes Wesen ist und doch in allem teilhaftig.
Es ist viel, was es zum Schreiben braucht und gleichzeitig so wenig. Es ist die Kraft, den Spagat auszuhalten zwischen Liebe und Loslassen. Zwischen immer währender Hingabe ans Leben und der Gewissheit des Todes. Jeder, der liebt, weiß das.