Folge deiner Freude

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 10:44 on Freitag, Oktober 19, 2007

Folge dem, was dich glücklich macht.
Ist das nicht eine ungeheuer egoistische Aussage? Was bedeutet dieser Satz und wo führt er hin? Welche Wege warten auf einen, wenn man diese Anweisung ernst nimmt und wie ist so ein Weg mit dem Glück anderer Menschen zu vereinbaren?
Ich empfinde großen Respekt vor denjenigen, die sich trauen, aus der eigenen Erfahrung zu schöpfen. Da ist zum Beispiel der Mensch, der die Herausforderung annimmt, das zu therapieren, was er selbst erfolgreich überstanden hat. Oder der Mensch, der sein Studium für etwas aufgibt, was ihm größer und wichtiger erscheint - und das allen Warnungen und gut gemeinten Ratschlägen zum Trotz.
Diese Menschen sind in irgend einem Moment ihres Lebens mit dem Gefühl in Berührung gekommen, bei einer bestimmten Tätigkeit authentischer zu sein, als bei einer anderen. Sie haben etwas gefunden, wo sie sich in höchstem Maße lebendig fühlen. Es ist ganz natürlich, dieses Gefühl weiter zu bestärken, immer wieder aufzusuchen und es im eigenen Leben zu halten, indem man es an andere weiter gibt. In Paulo Coelhos neuem Buch Die Hexe von Portobello heißt es, dass man das lehren soll, was man selbst sucht. Man wird stärker daran wachsen, als wenn man diesen Weg nur für sich alleine geht.

Folgt man seiner Freude und fängt an, scheinbar unberechenbare, der Vernunft zuwiderhandelnde Dinge zu tun, wird man unweigerlich einiges verlieren. Man wird zu spüren bekommen, dass sich Menschen entfernen, die einen vormals auf dem eigenen Weg unterstützt haben und es wird Zeiten geben, in denen man sich unendlich einsam fühlt. Und dennoch: Wenn wir das Glück haben, auch nur eine Ahnung von dem zu bekommen, was unserem Leben Freude gibt, eine Freude, die aus dem Inneren kommt und alles beseelt, wenn wir eine Aufgabe entdecken, die unsere Menschlichkeit fördert und uns glücklich macht, dann sollten wir uns dem widmen, mit Haut und Haar.
Wieso bereitet es mir eine so große Lust zu schreiben? Anderen vielleicht zu malen, zu sprechen, zu lehren? Anderen wiederum etwas zu bauen, zu erfinden, zu tüfteln oder zu helfen? Wenn wir dieses kleine Stückchen Erde entdecken, von dem aus wir echt sein können und die Möglichkeiten verwirklichen, die aus unseren eigenen Erfahrungen kommen, dann leben wir das, was in uns selbst angelegt ist und in keinem anderen Menschen besteht. Wir geben etwas weiter, was die Kraft hat, andere zu berühren, weil es uns selbst berührt.

In einem Ratgeber zum kreativen Schreiben bin ich auf die Empfehlung gestoßen, dass es lohnend für einen Schriftsteller sei, sich mit Mythologie zu beschäftigen. Von meinem Studium her kannte ich schon viele der religiösen Geschichten, doch dieses Mal las ich sie aus einem anderen Blickwinkel. Ich konnte begreifen wie viel das Abenteuer eines Helden mit der (auch heute noch gültigen) Suche nach einem erfüllten Leben zu tun hat: Man verlässt die Welt, in der man ist und geht in eine Tiefe, eine Ferne oder eine Höhe hinauf. Dann gelangt man zu dem, was einem in der Welt bewußtseinsmäßig fehlte. Oft ist das ein Kampf gegen etwas Dunkles, Böses. Nach dem überstandenen Kampf kommt die Entscheidung, die Welt von sich abfallen zu lassen oder wieder in die Gesellschaft zurück zu gehen.
Hier wurden mir zwei wesentliche Dinge bewusst. Zum einen: Dieser Weg der Wünsche, auf dem wir unserer Freude folgen und vielleicht Dinge tun, die unser Leben von Grund auf verändern, ist in sich schon so angelegt, dass er uns - bevor wir die Chance haben, gestärkt und voller Mut daraus hervorzugehen - zuerst einmal mitten hinein in unsre tiefsten Ängste, unsere dunkelste Seite führt.
Und: Wir brauchen einen Grund, um wieder zurück zu gehen.

Unsere Ängste überwältigen uns manchmal im hellsten Tageslicht und wir begreifen nicht warum. All die alten Geschichten von Prüfungen und schrecklichen Nachtmeerfahrten, sei es Jona, der von einem Wal verschluckt wird oder Siegfried, der den Drachen tötet, können uns zeigen, wie wichtig es ist, den Abstieg ins eigene Innere zu wagen und gegen den inneren Drachen zu kämpfen.
Wer sich auf den Weg in die eigene Mitte macht, wird unweigerlich auf diese unbewusste Energie treffen, die es zu bewältigen gilt, um mit sich ins Reine zu kommen und, wieder zurück im Alltagsleben, ein erfüllteres Leben führen zu können. Dieser abenteuerliche Weg kann zuerst über Leid, Zweifel und einen riesigen Berg an negativen Gedanken führen. Doch das ist heilsam, denn: Diese dunkle Seite, die wir in uns spüren, all die eingeschlossenen Ängste, all das ungelebte Leben möchte integriert werden. Das alles, was uns als Hemmnis und innerer Widerstand entgegen tritt, ist zu großen Teilen eingeschlossene Lebenskraft.

Was kann helfen, auf dem eigenen Weg zu bleiben?
In dem Mythos von Ariadne und Theseus, in dem Theseus den Minotaurus in der Mitte eines Labyrinths töten soll (wieder lauert am Ziel das Ungeheuer), gibt Ariadne ihm ein Fadenknäuel. Mit Hilfe dieses Fadens gelingt es ihm, wieder aus der Mitte des Labyrinths heraus zu finden. - Manchmal, so interpretiert Joseph Campbell den Mythos, warten wir auf eine große Macht oder große Ideen als Rettung, wenn wir in Wirklichkeit nicht mehr brauchen als dieses Stück Schnur.
Die Metapher eines Labyrinths für den eigenen Lebensweg kann uns sagen, dass die Mitte das Ziel, nicht das Ende ist. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass der Weg in das Innere eines Labyrinths leichter ist, als der Weg zurück. Wenn man immer nur den Mut hat, weiter zu gehen, wird man auch ankommen. Den Weg zurück in die Gesellschaft findet der Held durch ein Pfand der Liebe.
Der Gang in die Mitte gleicht einem Abenteuer, der Rückweg ist davon geprägt, den Faden nicht aus den Händen zu lassen. Der Weg hinein ist eine Heldentat, der Weg zurück ist der Weg der Liebe.
In dem wunderbaren Film Wie im Himmel findet der Dirigent und Hauptdarsteller, den “einen vollkommenen Ton”, den er sein halbes Leben schon gesucht hat, im Gesang eines einfachen schwedischen Dorfchors. Weil er die Liebe in seinem Herzen für diese Menschen zulässt. Und weil er diese Liebe zulässt, kann er mit seiner Musik andere berühren.

Die Liebe führt uns zurück ins Leben, führt uns wieder hinein in Stunden des Alltags und der Einfachheit. Das, was wir in der Mitte entdeckt und besiegt haben, hat vielleicht den Zweck, uns wieder zurück zu schicken, um genau das Leben wieder aufzunehmen, das wir vorher hatten. Nur, und das ist das Entscheidende: Mit verändertem Bewusstsein. Wenn wir zurück gehen wartet unser gewohntes Leben auf uns. Doch es hat sich verwandelt, aus dem Inneren heraus. Es hat sich verwandelt, weil wir nun Augen haben, es anders zu sehen.
Der Rückweg ist der Weg der Liebe, weil uns unser Gefühl sagt, dass wir das, was wir gelernt haben, nicht für uns behalten können, dass wir es weitergeben sollen an andere Menschen. Und hier sind wir wieder am Anfang und bei der Frage, wohin uns die Entscheidung führt, dem eigenen Glück zu folgen.
Die Aufgaben und Dinge, über die dieser Weg führt, sind so vielfältig wie es Menschen gibt. Wir müssen uns nicht sorgen, dass er andere kränkt. Oder, um den Kreis zu schließen und es mit Joseph Campbells Worten zu sagen: Indem wir uns selbst achten, achten wir die Welt.