Ein ganz gewöhnlicher Hut
Wie riecht eigentlich eine Zitrone?
Eine Geschichte wird erst richtig fesselnd, wenn über die bloße Beschreibung der Handlung und dem Einsatz von direkter Rede Sinneseindrücke und Details vermittelt werden. Wir können unsere Sinne trainieren und üben, Worte für das zu finden, was wir sehen, hören, fühlen und riechen. In meinen Kursen weise ich die teilnehmenden Kinder darauf hin, aufmerksam durch den Tag zu gehen und ihre Wahrnehmung zu schulen. Woran erkennt man, ob jemand fröhlich oder traurig ist? Wie klingt eine Nähmaschine? Was für ein Muster kann das Fell einer Katze haben und wie fühlt es sich an, wenn man gegen den Strich darüber fährt?
Solche Details machen eine Geschichte lebhafter, sinnlicher. Der Leser bekommt die Möglichkeit, sich eine Welt aus kraftvollen Assoziationen und Unterscheidungen zu schaffen. Doch sie dienen nicht nur dazu, den Gang der Handlung plastischer zu gestalten und unsere Beobachtungsgabe unter Beweis zu stellen - Krimiautoren platzieren bewusst kleine Details als wichtige Hinweise in ihren Geschichten. Liegt Staub auf den Schuhen? Warum ist der Knopf an einer Jacke abgerissen? Wieso hängt das ockerfarbene Bild über dem Kamin schief? Die simple Beobachtung, ob der Asphalt der regennassen Straße unter dem Auto des Verdächtigen noch trocken ist, kann ein Alibi überprüfen. Der ermittelnde Detektiv nimmt diese kleinen Details wahr, die zuletzt das Geheimnis eines Ereignisses lösen können.
Das ist keine abgetragene Kopfbedeckung sondern eine Denksportaufgabe.
Sagt Sherlock Holmes zu seinem Freund Watson, als er sich darüber wundert, warum der Detektiv am zweiten Weihnachtsfeiertag im Morgenrock und mit seiner Pfeife nachdenklich vor einem gefundenen Hut sitzt.
Wenn wir lernen wollen, wie man Menschen und Situationen gut beschreiben kann und warum schon Kleinigkeiten wesentlich sind, können wir viel von Detektiv-Figuren lernen. In der Kurzgeschichte “Der blaue Karfunkel” von Sir Athur Conan Doyle kann Sherlock Holmes seinem Freund Watson einen Mann nur anhand dessen Kopfbedeckung beschreiben.
Er behauptet, es wäre der Hut eines hochintelligenten Mannes, der vor ein paar Jahren noch wohlhabend gewesen war aber jetzt schlechte Zeiten durchzumachen habe. Früher wäre er ein sorgfältiger, vorsichtiger Mensch gewesen, aber nun sei er nachlässiger geworden, was wohl Hand in Hand mit seinem finanziellen Abstieg passiert ist - doch seine Selbstachtung habe er immerhin noch nicht ganz verloren.
Zur Physiognomie kann der Detektiv aus der Betrachtung des Huts schließen, dass es sich um einen Mann mittleren Alters mit leicht ergrautem Haar handelt, das er sich erst kürzlich hat schneiden lassen.
Mit Tinte übermalt.
Als der erstaunte Watson zuletzt hört, dass der gesuchte Mann höchstwahrscheinlich kein Gaslicht im Haus habe, ist er sich sicher, dass Holmes sich einen Scherz mit ihm erlaubt. Wie soll man denn dies alles aus einem simplen Hut heraus lesen können!
Wie kommt der Detektiv auf seine Schlüsse? - Anhand einer modischen Krempe kann das Alter und der ehemalige Wert des Hutes festgelegt werden: Er ist drei Jahre alt und war seinerzeit sehr teuer. Wenn nun ein Mann, der sich vor drei Jahren einen solchen Hut hat leisten können, ihn immer noch trägt, so kann es ihm heute nicht mehr so gut gehen. Die Wandlung vom sorgfältigen Menschen, der in der Gegenwart nicht mehr so viel auf sich hält, zeigt Holmes ein Gummiband. Das Band, vom Träger des Huts extra angebracht, um vor Wind und Sturm gewappnet zu sein, ist abgerissen und wurde nicht mehr angebracht. Seine Selbstachtung hat der Hutträger noch nicht verloren, da manche der Flecken, die das Alter des Hutes zeigen, mit Tinte übermalt wurden.
Kleine graue Haare im Innenfutter des Hutes weisen auf den kürzlichen Friseurbesuch hin und zahlreiche Stearinkerzenflecken deuten auf die fehlende Gasheizung.
Nur noch eine Kleinigkeit Sir.
Eine ganze Lebensgeschichte kann in einem Detail stecken. So wie der abgetragene Hut die Geschichte seines Besitzers erzählt, weisen die Dinge in einer Erzählung auf das Innere der Figur. Sie sind keine bloße Requisite, die den Hintergrund der Handlung koloriert und können in ihrer symbolischen Bedeutung weit über ihren Gebrauchs- und Alltagswert hinaus gehen.
Man kann ruhig der Einfachheit halber bei sich selbst anfangen, um seine Beobachtungsgabe zu schulen. Welche Dinge umgeben mich? Welche haben eine besondere Bedeutung? Wie sind sie zu mir gekommen? Weiß ich etwas über ihre Geschichte? Kann man an der Beschaffenheit und der Art des Materials ablesen, wie alt sie sind oder welchen Weg sie hinter sich haben? Warum sind sie Teil unserer Lebenswelt? Sind sie bloße Staffage oder verbindet uns etwas mit ihnen? In Geschichten sind die Möglichkeiten sinnliche Details und Gegenstände bewusst einzusetzen unendlich: Denken wir nur einmal an Columbo und seinen zerknitterten Trenchcoat, der über die Zeit zu einem Markenzeichen des Inspektors geworden ist. Er trägt genauso wie sein altes knatterndes Auto dazu bei, dass die Täter ihn zuerst einmal leichtfertig (und folgenreich) unterschätzen.
Bei meiner Tante im Strumpfenband, wie irgendwo daneben.
Das Schreiben zu üben kann bedeuten, seinen Blick für die vielen Gegenstände und Dinge zu schulen, die uns (und unsere Figuren) umgeben. Mit detektivischem Spürsinn können Details platziert werden, die von Anfang an eine Spur für das Geheimnis unserer Geschichte legen.
Das Schreiben kann uns lehren, die Welt in ihrer Überfülle an sinnlichen Details wahrzunehmen und neue Wörter und Zusammenhänge zu suchen, für das, was uns umgibt. Wenn man lange genug hinschaut, ist jedes Leben interessant, sagt die Schriftstellerin Julia Cameron in “Von der Kunst des Schreibens”. Durch beständige Aufmerksamkeit lassen sich die Nuancen, die vielen Zwischentöne unseres Alltags zu unserer Schreib-Palette dazu gewinnen. Und zuletzt ist es fast unmöglich, die Dinge, die uns umgeben, nicht wertzuschätzen und sich nicht damit verbunden zu fühlen. Oder wie schon Ringelnatz so treffend dichtete: Überall ist Wunderland, überall ist Leben. Bei meiner Tante im Strumpfenband, wie irgendwo daneben.
