“Den ganzen Tag keine Pläne. Und ich bleibe ruhig”
Diesen Haiku habe ich in dem wunderbaren Buch: Anleitung zum Müßiggang von Tom Hodgkinson gefunden. Ich las das Buch in einer Zeit, in der genau das Gegenteil auf dem Tagesplan stand. Ich war gerade mit vielen Jobs beschäftigt und sorgte mich über ihr Gelingen. Ich dachte unentwegt an die Zukunft und ob meine Wünsche in Erfüllung gehen würden.
Je länger ich diese Zeilen anschaute, desto mehr wurde mir klar, dass sie sich in ihrer Bedeutung nicht nur auf einen Tag erstreckten, sondern sich in alle die Zeit dehnen, die vor uns liegt. Wie die Stunden des Tages liegen auch die Wochen und Monate und Jahre vor einem und in seltenen Momenten wird einem klar, dass man eigentlich so gar nicht weiß, was das Leben für einen bereit hält. Natürlich sind da unsere Wünsche und Träume, doch im Grunde haben wir keine Ahnung was noch kommen wird.
Alle unsere Pläne verscheuchen die Stille, die Unwägbarkeit, in die unser Leben gelegt ist. Verscheuchen dieses Gefühl, das man meist nur hat, wenn man Nachts zu den Sternen hoch sieht und eine Ahnung davon bekommt, das alles, was wir tun, so unendlich klein und doch unbegreiflich groß ist.
Aber Planen ist heilsam, kann man einwenden, geben unsere Pläne doch unsrem Weg eine Richtung. Aber wie wäre es, wenn es wie in jenen Zeilen keine Pläne gäbe? Wenn die Sicherheit des Vorausplanens, Vorausdenkens, Einteilens wegfallen würde - wäre ich ruhig?
Als mein Studium zu Ende war und ich nicht wusste, wie es konkret weitergehen würde, hat mich diese Ungewissheit halb wahnsinnig gemacht. Die tausend Möglichkeiten, die mir offen standen und das Gefühl, nicht zu wissen wohin, hat mich gelähmt. Als ich drei Jahre später nach meinem ersten “richtigen” Job zum ersten Mal wieder an einer Wegkreuzung stand, verfiel ich nicht mehr in diese Schockstarre, es reifte in mir das Bewusstsein, dass es völlig in Ordnung ist, immer wieder stehen zu bleiben, den Kopf zu lüften und den Blick nach allen Richtungen zu wenden. Auch wenn ich jetzt besser mit dieser Unverlässlichkeit des Planens umgehen kann, gehört dieses Gefühl, nicht sicher zu wissen, wie der Weg weiter gehen wird, immer noch zu den Dingen, die mich manchmal verzweifeln lassen.
“Werde ich mit dem, was ich tue, erfolgreich sein?” “Wird mein Buch veröffentlicht werden?” “Werde ich nächstes Jahr noch Aufträge haben?” Auf keine dieser Fragen gibt es eine sichere Antwort. Genau deswegen ist es so wichtig, sich immer wieder dem Augenblick zu widmen, nicht zu planen, nicht in die Zukunft zu denken. Wenn man nicht ab und zu inne hält erscheint einem das, was man tut und was man wünscht, wie in Stein gemeißelt. Man richtet es sich in seiner kleinen Welt gemütlich ein und wenn etwas dann nur ein klein wenig anders kommt, kann es einen völlig aus der Bahn werfen.
Ich plädiere nicht für ausgedehntes Nichtstun. Ich liebe meine Pläne und meine Arbeit. Ich sage nur, dass man sich ab und an die Frage stellen darf: Wäre ich auch ohne glücklich? Würde ich wissen, wie ich meine Tage füllen würde. Könnte ich einfach nur da sein oder würde ich keine Woche ohne die vermeintliche Sicherheit des Vorausdenkens und Planens aushalten?
In gewisser Weise erinnert mich die Verkettung von Augenblicken, die wir unser Leben nennen, an die Entstehung eines Buchs. Der ganze Schreibprozess ähnelt der Betrachtung eines verschwommenen Bildes. Mit der Entscheidung, dieses Bild genauer betrachten zu wollen, fängt man an, am Fernglas zu drehen und beginnt mit dem Festhalten dessen, was sichtbar wird. Wenn ich anfange zu schreiben, weiß ich nie sicher, was dabei herauskommen wird. Aber ich bewege mich von einer Szene zur nächsten, drehe am Fernglas und schreibe auf, was ich sehe. Details werden sichtbar und die Landschaft rollt sich in die Tiefe aus. Doch das, was unmittelbar danach kommt, bleibt immer verschwommen.
Ich habe viele Stufendiagramme für den Plot der Geschichte erstellt und mich oft gefragt, warum ich ihren Ausführungen nicht beharrlich folgen kann. Warum ich wieder und wieder am Ende eines Kapitels still hinhören wollte, ob sich nicht doch eine andere Stimme meldet, sich ein anderer Lauf der Handlung entwickelt.
Erst nach Beendigung des Buches weiß ich: Es hat so sein müssen. Es war unbeschreiblich schön, sich ganz auf das Wagnis einzulassen, nicht zu wissen, wie es weiter geht. Einzelne Fährten zu verfolgen, die im Nirgendwo endeten, mich heranzupirschen wie ein Fremder und jeder einzelnen Szene zu lauschen, als wäre sie das alleinige Kunstwerk.
Und wie ist das im Leben? - Sollte man nicht Angst davor haben, viele Lunten zu legen, statt geradlinig ein Ziel zu verfolgen? Verliert man nicht seinen Weg aus dem Blick, wenn man dem Moment zuhört und keine Pläne schmiedet?
In meinem Buch klettert die Protagonistin zuletzt auf ein Naturmonument der Kreidezeit, ein großer Stein, der wie eine halbe Brücke über eine Uferwiese und einen Bach ragt. Sie blickt auf die nahen Berge und die schweren Wolken, die sich über dem Silberbachtal sammeln und wird sich dessen bewusst, dass nichts für immer verloren gehen kann - so wie der Halbe Stein die einstmalige Ganzheit spiegelt, die schon lange Jahrhunderte nicht mehr da ist (und doch immer da sein wird, solange die eine Hälfte daran erinnert). Es ist, wie wenn ein Tisch zerstört wird oder vielleicht sogar alle Tische dieser Welt und man doch weiß, dass die Idee Tisch nicht zerstört werden kann - unsere wichtigsten Gefühle, unsere Idee von Liebe, von Glück bleiben uns immer erhalten.
Viele leise Zwischentöne des Lebens liegen weitab von jenen Dingen, die unser durchgeplantes Leben bestimmen. Ich weiß inzwischen, dass das Verlangen nach Sicherheit trügerisch ist, weil es für die wesentlichen Dinge keine Sicherheit gibt. Ich weiß, dass ich schreibend und denkend und fühlend diesen Dingen immer mehr begegnen kann und es in manchen Zeiten schon mutig ist, einen Schritt nach dem anderen zu tun. Wenn man aber Tage hat, wie in dem Haiku beschrieben, sammelt man die Kraft und gewinnt den Überblick den es braucht, um jene Zeiten gut zu überstehen. Und gewisse Dinge kommen nur in einer großen Spanne Stille zu uns. Ich wünsche mir, dieses Gefühl bewahren zu können und mich daran zu erinnern, wenn die Zeiten wieder hektisch und voller Pläne werden.



