Alles grün - oder die Freuden des Korrigierens

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 3:00 on Donnerstag, Mai 24, 2007

Mein Buch wird nun lektoriert. Die Blätter rascheln in fremden Händen, andere Augen als meine gehen darüber und prüfen die Worte, überdenken die Geschichte. Ich bin froh um diese Pause. Obwohl ich mein Buch schon etliche Male gelesen und korrigiert habe, erschien mir doch der letzte Korrekturgang sehr beschwerlich.
Es war, als hätte sich die Intensität des Wahrnehmens verändert. Zu Beginn kam ich aus dem Staunen und der Ungeduld fast nicht mehr heraus. Ich starrte versunken auf den Monitor und merkte nach einer Stunde, dass kaum eine halbe Seite geschafft war. Egal wie sehr ich mich anstrengte, ich konnte nicht schneller darüber lesen. Meine Ungeduld wuchs. Wenn ich in dem Tempo weiter lesen würde, säße ich noch Wochen davor. Doch es half nichts. Ich knotete meine Beine am Tischbein fest und harrte aus.

Was forderte so viel Zeit? Die Perspektive lag auf den Details, auf alle den kleinen Worten, die in den Monaten vorher wie selbstverständlich auf den Seiten saßen und sich in keinster Weise auffällig verhalten haben. Da schlummert der grüne Kachelofen in der Zimmerecke, die Küchentüre leuchtet grün, durch die grünen, schweren Vorhänge streicht der Wind, von den Holztoren hängt die grüne Farbe in langen Blättern herab, Krusten von Grün schälen sich von der Hauswand … und plötzlich kommt die Erkenntnis: Wieso um Himmels willen ist denn in meinem Buch alles grün? Ist das der Schleier der Erinnerung, der Sepia-Ton meiner Phantasie? Bevor ein Hobby-Farbpsychologe voreilige Schlüsse ziehen kann: Ich habe den Farbenkreis noch einmal studiert und die grüne Dominanz durch ein paar bewusst gestreute Farbkleckse aufgebrochen.

Doch nicht nur Fabpräferenzen - auch Worte wiederholten sich in auffallender Weise. Besonders die lieblichen Adjektive “klein” und “groß”: Neben ihm der kleine Tisch, hinter der Tür die kleine Kammer, in ihren Händen das kleine Foto, auf dem Dachboden die große Uhr, über ihren Köpfen die großen Tannen und vor ihrem Blick der große See. Zwischenzeitlich musste ich lachen, ich kam mir vor wie in Gullivers Reisen, wo es den Helden einmal auf eine Insel verschlägt, auf der ganz kleine Leute leben und dann in ein Gebiet von Riesen.
Einige mögen nun einwenden: Ja, aber Autoren haben eben ihre Lieblingsworte, Lieblingsfarben und Lieblingsperspektiven. Das macht den Reiz und das Individuelle einer Lektüre aus. Da stimme ich durchaus zu und versichere hiermit, dass ein jeder beim Lesen des Buches diese Dinge noch vorfinden und sich daran freuen kann, denn - Literatur ist immer auch erzählte Perspektive! Doch ich bin überzeugt: Die Erweiterung der Farbpalette und die Eliminierung des Adjektivs “klein” ist einer der Haupterfolge meiner letzten Korrekturphase. - Neben der empirischen Erforschung der zahlreichen Möglichkeiten, die Sitzposition auf einem Stuhl zu variieren.

Die dritte einschneidende Entdeckung war, dass in den Szenen immer die Lichtverhältnisse, Klänge und Geräusche beschrieben werden. Die Autorin, so wurde mir klar, denkt in hell und dunkel, in Licht und Schatten und Umrissen und liebt es, wenn Streifen von Licht sich im Fenster brechen und in kleinen Mustern auf dem Boden schwimmen. Sie liebt es, wenn der Wind raschelnd durch die Blätter der Bäume greift und sie den Leser auf dieses Klangspiel hinweisen darf. Hier ist es mir nicht so leicht gefallen, mit dem Korrekturstift darüber zu gehen. Hier habe ich etwas von dem geahnt, was unbewusst beim Schreiben passiert und was sich trotz allem Nachdenken und Reflektieren nicht kontrollieren lässt. Es sind die Bilder, die man im Inneren trägt und die, schreibt man sie sich nur lange genug von der Seele eine bestimmte Tonspur haben und in ein bestimmtes Licht getaucht sind. Und eben hier passierte etwas, was in dieser Intensität im Schreibprozess noch nicht passiert war: Durch die gelebte Langsamkeit meines Lesens befand ich mich plötzlich inmitten der Räume, in denen diese Lichtmuster schwammen und die Figuren sich bewegten. Vorher war ich immer ein wenig abseits gestanden, war Beobachter meiner Figuren und kreierte die Räume, in denen sie ihre Schritte lenkten. Jetzt war ich Leser und durfte reisen, mich an jenen Orten umschauen, als wäre alles neu.

Da betritt eine Figur den Raum und das Brodeln des Wasserkochers begleitet ihre Gedanken. Und auf einmal taucht das Wissen auf: In dem alten Haus steht kein Wasserkocher, es ist ein Teekessel, der dampft.
Die Protagonistin geht in die Berge, schaut in die Landschaft und erzählt aus ihrer Kindheit. Und hier schlüpfe ich in die Figur hinein und prüfe: Würde sie das wirklich so sagen? Was könnte sie noch tun, fragen, empfinden?
Unstimmigkeiten werden an die Seitenränder gespült, die in dem großen Meer der Worte fast untergegangen wären. Stehen die Möbel richtig und ist die Tageszeit stimmig? Und wieder sind es oft die Figuren, die mir helfen, wenn ich nach stundenlangem Brüten vor dem Monitor verzweifelt aus dem Fenster starre und mir für ein Problem keine Lösung einfällt. Ich suchte beispielsweise lange nach einer Macke, die eine der Figuren noch ein bisschen besser zeichnen würde. Ich ging in Gedanken Freunde und Bekannte durch, doch es fiel mir keine Geste oder wiederholte Handlung ein, die zur Figur passen würde. Dann, in einer unscheinbaren Szene merkte ich, dass eben jene Figur zum wiederholten Mal ihre Schuhe abstreift und die Füße ins warme Gras schiebt. Ich fragte mich ernsthaft: Wie konnte sie diese prägnante Geste so lange vor mir verborgen halten und machte mich freudig daran, sie noch in einigen anderen Szenen einzubauen.

Das sind die Momente, die auch diese neuerliche Arbeit zuletzt schön machen. Auch wenn das Korrigieren manchmal schwer fällt, da es eben nicht mehr die Phase ist, in der die Phantasie und Kreativität mit einem drauflos stürmen dürfen, in der Räume und Figuren entstehen und wachsen und das Geräusch klappernder Tasten das Arbeitszimmer füllt. In dieser ersten Phase hat man das wunderbare Gefühl schöpferisch tätig zu sein, während in der Korrekturzeit der Blick naturgegeben kritischer wird und manchmal auch echte Zweifel an dem Werk aufkommen. Wenn einen jemand in dieser Zeit beim Abendessen fragt was man so gemacht hat, könnte man in Tränen ausbrechen wenn man daran denkt, dass man drei schlichte Seiten korrigiert hat und doch voller Stolz und mit dem Gefühl unendlicher Wichtigkeit Adjektive und Wasserkocher in imaginären Welten ausgetauscht hat.
Jetzt bin ich froh, dass es jemand anders liest, denn wenn ich es lesen würde, ich bräuchte sicherlich ein halbes Jahr dafür. Und es gibt ja schließlich noch ein Leben da draußen!