Dort, wo du bist

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 8:35 on Montag, Februar 12, 2007

Unser Glücklich-Sein hängt in großem Maße von unserer Fähigkeit ab, die Dinge, die wir tun, mit Hingabe zu tun und die Situation, in der wir sind, so anzunehmen, wie sie ist. Schlicht: Von unserer Fähigkeit, im Augenblick zu sein.
Eigentlich einfach, nicht?

Es ist leicht eine Situation, eine Zeit, voll und ganz anzunehmen, in der es uns gut geht. Meist sind das einzelne Momente, in denen wir in dem aufgehen, was wir gerade tun: Bei einem guten Essen oder einem vertrauten Gespräch, dass wir führen. Bei der Freude, ein gutes Buch zu lesen, wenn wir Sport machen oder Spielen. Es sind die Momente, in denen wir zurück blicken und uns über ein gelungenes Projekt oder über den Erfolg einer Arbeit freuen.

Wie steht es jedoch mit den Situationen, in denen wir inne halten, über die Stunden unsres Tages blicken und merken, dass sich Unzufriedenheit breit macht? Gedanken wie: Ich wollte doch eigentlich schon viel weiter sein. Ich kann das gar nicht. Warum fällt es anderen leichter als mir. Wieso habe ich kein Glück. Wieso erreiche ich das nicht schneller, was ich erreichen will.

Wem kommt das nicht bekannt vor?
Auf diese Gefühle und alle anderen, die damit verwandt sind, gibt es eine Antwort. Es ist ein simples Wort und doch kommt man ihm immer mehr auf die Schliche, je mehr man darüber nachdenkt. Das Wort heißt: Großzügigkeit.

Was steckt alles in diesem Wort?

Großzügigkeit bedeutet, das eigene Leben nicht mit dem anderer Menschen zu vergleichen. Wenn ich mir selbst das Gefühl gebe, ich könnte schon viel weiter sein, als ich es momentan bin, dann orientiere ich mich an einem Punkt, einem Ideal, dass ich mir außerhalb meiner selbst gesetzt habe. Wie kommen wir eigentlich darauf, dass es eine ideale Art gibt, dass zu tun, was WIR gerade tun? Dass “man” dass, was wir gerade machen, richtiger, schneller, effektiver machen kann? Gibt es irgendwo auf der Welt einen Menschen, der UNSER Leben lebt und es irgendwie besser macht?
Kein Mensch gleicht dem anderen, jeder von uns ist unverwechselbar und einzig. Jede Unzufriedenheit, die man in sich nährt, jeder Vergleich mit selbst gesetzten Idealen oder anderen Menschen, die es vermeintlich besser haben oder die schneller sind oder die etwas erreicht haben, was wir erreichen wollen (usw. usf.), wirkt sich leider unmittelbar auf die Sache aus, an der wir arbeiten. Und ganz ehrlich: Glauben wir wirklich, dass es dem Universum dann leichter fällt, uns zu belohnen, wenn solche Gedanken unsere Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen?

Großzügigkeit bedeutet, mit sich selbst geduldig zu sein. Sich nicht zu hetzen auf dem Weg zu den selbst gesetzten Zielen und Idealen, sondern zu begreifen, dass wir schlicht immer nur den gegenwärtigen Moment besitzen und uns fragen, warum wir so oft unzufriedene Gedanken zulassen, statt uns unsere Fehler zu verzeihen.
Wir träumen oft davon, dass wir, wenn wir dies und jenes erreicht haben, dann dies und jenes Gute tun werden. Manchmal denke ich, dass man es sich damit im Grunde auf eine bequeme Art einfach macht und sich zuletzt nur selbst betrügt.
Denn eigentlich kann man, von jedem kleinen Fleckchen Erde, dass man unter den Füßen hat, Gutes tun, mit den Möglichkeiten und Fähigkeiten, die man JETZT besitzt: Tue, was du kannst, mit dem was du hast, dort wo du bist.

Großzügigkeit hat auch mit Uneigennützigkeit zu tun. Mihaly Csikszentmihalyi, der Entdecker des “Flow” (die erfüllende Erfahrung, vollkommen in einer Tätigkeit aufzugehen) untersuchte die Persönlichkeitsstrukturen von berühmten Wissenschaftlern, Erfindern und Künstlern und konnte feststellen, dass ihnen allen eine bestimmte Art der Aufmerksamkeit gemeinsam ist. Das heißt, egal ob diese Menschen arbeiteten oder einer Beschäftigung in ihrer Freizeit nachgingen, war ihre Aufmerksamkeit bis zu einem gewissen Grad frei von persönlichen Zielen und Ambitionen.
Ist es nicht so, dass selbst geliebte Projekte manchmal unter der Last zusammenbrechen, die wir ihnen gedanklich aufbürden? Wenn dies nun nicht gelingt, was dann? Wird dieser und jener das gut finden, was ich tue? Was denken die anderen von mir? Werde ich damit Erfolg haben? Werde ich damit irgendwann Geld verdienen können?
Hätten alle Wissenschaftler, Erfinder und Künstler so gedacht, (und sich damit selbst im Weg gestanden) wäre die Menschheit um einigen Fortschritt und um einiges an Kunst und Kultur ärmer.

Großzügigkeit bedeutet, Dinge nicht stets bewerten zu wollen.
Wir wollen immer gerne ein sofortiges Feedback, dass das, was wir tun richtig ist und von Erfolg gekrönt sein wird. Wir machen es uns leicht, die Dinge, die andere Menschen tun, zu bewerten. Inzwischen denke ich wirklich, dass es im Grunde EGAL ist, was wir tun oder, wie es der Philosoph Carlos Castaneda sagte “Alle Wege sind gleich und führen nirgendwohin”. Die wichtigste Frage aber, die wir uns stellen können ist immer: Hat der Weg, den ich gehe ein Herz?
Wenn unser Herz in den Dingen ist, die wir tun, dann kann uns das Leben nur gelingen. Und das ist simpel: Selbst die Benutzung der Zahnbürste kann dieses Gefühl vermitteln, wenn man einfach in dem Moment bleibt und nicht in Gedanken davon stürmt! Und wenn wir an einer Arbeit sitzen, die uns viel bedeutet, dann gibt es nichts, was einen sicherer vom Erfolg abhält, als dauernd über den Erfolg der Arbeit nachzudenken. Wenn wir lernen, die Dinge um ihrer selbst Willen zu tun, mit Hingabe zu tun, dann besteht die Aussicht, dass sie uns so gelingen, wie wir sie eigentlich gemeint haben.

Zuletzt: Großzügigkeit bedeutet immer auch Generosität, tatsächliche Freigiebigkeit.
Eine simple äußere Handlung vermag etwas Entscheidendes im Inneren zu bewegen. Wie wenig das auch zu sein scheint, dass ich habe, so ist es immer noch genug, um anderen davon zu geben. Wie wenig Geld wir besitzen, es gibt Menschen, die haben weniger. Wie wenig Ausgeglichenheit wir zu meinen haben, so ist es gerade dann ein unglaubliches Geschenk, jemandem anderen zuzuhören und Liebe und Verständnis zu geben. Über die eigenen Sorgen hinweg zu schauen und für jemand anderes da zu sein, statt weiter um sich selbst zu kreisen.
Großzügig zu sein, in einem Moment, da man sich vielleicht selbst nicht so fühlt, als hätte einem das Schicksal den Weg mit Blumen überhäuft, erfordert großen Mut. Wie das kleine Mädchen in dem Sterntaler Märchen, dass immer noch weiter seine wenigen Habseligkeiten verschenkt, weil es begreift, dass es immer Menschen gibt, denen es schlechter geht, die mehr Hilfe brauchen, als es selbst. Und diese Selbstvergessenheit ist es, die ihm am Ende der Geschichte Sterne in den Schoß fallen lässt.