Wie findet man Dinge, über die man schreiben, mit denen man sich künstlerisch auseinander setzen kann?
Zum einen kann man seine Wahrnehmung schulen, indem man aufmerksam durch den Tag geht, all seine kleinen Freuden und Irritationen aufnimmt. Man kann kuriose Artikel lesen, über die neueste Weltraumsonde, über unbekannte Lebewesen auf dem Meeresboden oder die Produktion von Strohhüten am Anfang des 20. Jahrhunderts. Dabei wird die Phantasie angeregt, man lernt neue Begriffe, lernt mehr Düfte, Farben, Geräusche zu benennen und schließlich, man weiß ja nie, wann man nicht etwas über das Flechten von Strohborten in einer Geschichte gebrauchen könnte.
Wie kommt man jedoch über das hinaus, was einen gegenwärtig beschäftigt - wie dringt man zu den großen Themen vor, die unter einer dicken Schicht an Zeit und Erinnerungen verborgen liegen? Die Themen, Vorlieben, Richtungen, die sich, schaut man genau hin, schon durch das ganze bisherige Leben ziehen.
“Was denke ich wirklich über diese Welt, was liebe ich, fürchte ich, hasse ich?” fragt Ray Bradbury in “Zen in der Kunst des Schreibens.” Wenn wir auf der Suche sind, nach dem einen kleinen Quadratmeter, nach unserem originellen, unverwechselbaren Stückchen Erde, von dem aus wir produktiv werden können, und fündig werden, dann wird es unendlich leicht sein, etwas Einzigartiges zu schaffen.
Hier liegt die Chance authentisch zu sein, etwas unverwechselbares zu gestalten, das die Menschen auf die ein oder andere Weise berührt. Denn wenn man dieses Wissen produktiv nach Außen lässt, sei es, dass man eine Geschichte schreibt, ein Lied komponiert, einen Artikel verfasst, eine wissenschaftliche Arbeit schreibt oder einem Menschen das Richtige sagt, dann verschenkt man einen Teil dessen, einen unendlich kleinen oder unendlich großen Teil der eigenen, unverwechselbaren Persönlichkeit.
Eine Technik, diese Themen an Land zu fischen ist zum Beispiel, eine Liste an Substantiven auf ein Blatt Papier zu schreiben. Man setzt sich und schreibt ohne groß zu denken, ein Wort nach dem nächsten hin. Diese Liste von Worten funktioniert wie eine Art Köder, der Ideenmaterial an die Oberfläche lockt, denn unser Unbewusstes speichert alles, was einmal einen bleibenden Eindruck auf uns gemacht hat. Wie an einem Faden aufgereiht können wir jene Bilder, die dann zu Geschichten werden aus unserem Unterbewusstsein ziehen.
Man kann so entdecken, welche verborgenen Hasslieben, welche Leidenschaften, Ängste, welche Vorlieben für kleine und große Dinge man in sich trägt.
Ich glaube, dass die grundlegenden Vorlieben, Marotten, Träume und Ziele in einem Menschenleben gleich bleiben. Sie zeigen sich vielleicht auf anderen Bahnen, in anderen Charakterzügen, doch es sind dieselben. Irgendwann fangen wir an, uns von unserem früheren Ich zu distanzieren. Manchmal ist es einem sogar peinlich. Vielleicht weil man alte Fotos sieht, einen Brief oder Aufzeichnungen entdeckt. Wir schämen uns für unseren vormals unreifen Musikgeschmack, für unseren Klamottenstil, für unsere geheimen Träume und Fantasien. Warum eigentlich?
Weil wir denken, dass wir jetzt erwachsen sind, dass wir Unzähliges hinter uns gelassen und uns einen reifen Geschmack zugelegt haben. Weil vieles von dem Überschwang, von der sanften Melancholie, die bisweilen ziemlich pathetisch war, ja… aber na und? Das waren ebenso wir, jünger und längst nicht so voll von Erfahrungen und längst nicht so selbstsicher, aber dennoch wir. Da ist ein kleiner Junge der Star Wars liebt und davon träumt, wie Han Solo zu sein. Wie weit ist die Distanz zu dem Mann, der heute eben jenen Mut besitzt, sich den Herausforderungen zu stellen, die sein Leben für ihn bereit hält? Da ist das Mädchen, dass sich die neueste Ausgabe von Gespenster Geschichten am Kiosk kauft und fasziniert von der Idee ist, es gäbe Fähigkeiten, die über die normalen Alltagsbegabungen hinaus gehen. Wie weit ist die Distanz zu der Frau, die heute entdeckt, dass Worte jede erdenkliche Welt erschaffen können?
“Der Wagen. Die Nacht. Das Geheimnis. Das Haus. Die Tauben. Die Glocken. Der Kirchturm. Das Meer. Die Nachbarn. Die Straßen. Der Gang. Die Liebe. Der Dachboden.
Was sagt mir meine Liste an Substantiven?
Ich war als Kind verliebt in Detektivgeschichten, ich hatte Angst, dass Nachts unter meinem Bett eine Mumie liegt, ich liebte es, mit Freunden auf der unasphaltierten Straße vor unserem Haus zu spielen, ich erinnere mich an den Geräuschteppich warmer Sommerferienabende, die warmen hallenden Straßen, den heißen Sand des Spielplatzes, ich konnte stundenlang auf der Mauer vor unserem Haus sitzen und den Passanten auf ihren Wegen zusehen, mir überlegen, wohin sie wohl gehen, wovor sie sich fürchten, was sie mochten. Ich war gerne am Wasser, egal ob Flüsse, Seen, Meer oder der Regentonne hinterm Haus. Ich liebte den Geruch der Kirchtürme, in denen Tauben nisteten und in denen man die Glocken an langen Seilen läutete, die einen hoch in die Luft mitnahmen. Ich bewunderte die auch im Sommer schneebedeckten Gipfel der Karpaten, die Weite der Wälder, die Pferdewagen mit dem frisch gemähten Heu. Später war ich verrückt nach Romanen, die mysteriöse Geschichten zum Inhalt hatten, nach Reihen, die sich paranormalen Vorkommnissen widmeten. Überall vermutete ich Geschichten und Geheimnisse. Wann immer ich mich mit meinen Eltern beim Essen gehen langweilte, sponn ich mir Geschichten aus. Ein nicht besetzter Platz mit einem einsamen Namensschild genügte, um in mir eine Lawine von Überlegungen auszulösen, warum derjenige nicht zum Essen erschienen war.
Das sind die Bilder aus denen meine Geschichten auch jetzt noch sind. Nur dass ich heute versuche, sie zu Papier zu bringen, statt sie still vor mich hin zu träumen. Diese Erinnerungen schlummerten alle an der Wortschnur an Substantiven. Das Besondere an dieser Methode ist, man braucht keinen Zwang auszuüben. Die Worte schlafen im Innern und warten darauf, an die Oberfläche zu steigen. Das Wichtigste dabei ist: Nicht denken! Hört sich schwierig an? Ist aber notwendig. Und Stille braucht man dabei, sonst verjagt man sie wie scheue Fische. Man muss erst eine ganze Weile still sein, möglichst wenig denken, loslassen, vielleicht in ein Musikstück versinken, Meditieren, bevor die Worte auftauchen und man sie mit einer schnellen Bewegung fangen kann.
Bradbury benutzt die Metapher “Steine in den Brunnen werfen”. Jedes Mal, wenn man einen Stein hinein geworfen hat und ein Echo aus dem Unbewussten hört, lernt man sich selbst ein wenig besser kennen. Ein kleines Echo kann einen Gedanken auslösen, ein großes Echo kann zu einer Geschichte führen.
[Inspiriert bei: Ray Bradbury: Zen in der Kunst des Schreibens. Autorenhaus Verlag, 2003.]




