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Über die Liebe und das Loslassen
Jeder, der schreibt, weiß, dass man sich öffnen, hingeben muss, damit das Buch oder die Geschichte sich selbst gestaltet und zu einem spricht. All die Gedanken mit ihren verschiedenen Stimmen, die einen erinnern und ermahnen, müssen schweigen. Man braucht diese Stunden, in denen man nicht weiß, was in der Zeitung gestanden hat, nicht darüber nachdenkt, wie man die Miete für die nächsten Monate bezahlen wird, ja manchmal nicht einmal weiß, wie alt man ist und wie man eigentlich jeden Tag sein Leben lebt.
Schreiben hat im Wesentlichen mit Loslassen zu tun. Wir brauchen die Bereitschaft, alles aus den Händen zu geben damit wir wahrnehmen, was uns im Innersten beschäftigt. Die Gedanken müssen leer sein, damit wir empfangen können.
Gleichzeitig - und das scheint auf den ersten Blick fast unvereinbar - ist die Fähigkeit an Momenten, Dingen und Menschen festzuhalten unabdingbar für kreatives Schreiben. Für mich ist die Liebe zu meiner Heimat, zu den Menschen, zur Natur, zu den Straßen und Bergen, den Festen und Ritualen Siebenbürgens, ein unerschöpflicher Quell an Inspiration und immer währende Motivation zum Schreiben. Vielleicht weil ich dort zum ersten Mal geliebt und erfahren habe, was das Leben ist. Wenn ich schreibe, wird das Erinnern in manchen Momenten so stark, dass es die Gegenwart an den Rand des Bedeutungslosen spült. Und nicht nur meine Kindheit, meine verlorene Heimat taucht auf, sondern alle Menschen, alle Hoffnungen und Verluste, alle kleinen und großen Begebenheiten, die ich erlebt habe oder die ich beobachten konnte - alles ist beim Schreiben gegenwärtig.
Wenn man einen Charakter treffend beschreiben will scannt man in Gedanken alle Menschen, die Ähnlichkeiten mit ihm besitzen um ihn authentisch beschreiben zu können. Ein fiktiver Charakter setzt sich aus vielen Menschen zusammen die man gut oder auch nur flüchtig kennt. “Der alte Medu” in meinem Buch ist beispielsweise ein alter Mann, den ich in den Straßen des französischen Städtchens Gassin gesehen habe. Jeden Tag ging er langsamen Schrittes an unserem Haus vorbei. In seinem Gesicht war so viel Wärme und Güte, in seinen hinter dem Rücken verschränkten Händen so viel gelebtes Leben, ich wollte ihn nicht mehr loslassen. Jeden Tag, an dem ich schreibe ist er mir nun gegenwärtig.
Doch ist er es in meinem Buch? Ich habe ihm ein Herz gegeben und eine Biografie aber dieses Herz und dieses erdachte Leben setzt sich wiederum aus vielen andren Leben zusammen.
Und manchmal “verteilt” sich ein Mensch sogar über viele Figuren. Meine Urgroßmutter Frieda findet sich in beiden Großmüttern, die es im “Halben Stein” gibt. Ich wollte sie in beiden Frauenfiguren festhalten.
Wenn man schreibt, rauscht ein beständiger Strom an Erinnerungen durch das Unterbewusstsein. In diesem Strudel aus Farben, Dingen, Menschen und Erinnerungen findet sich auch viel Leid. Es ist Leid, das man beobachtet, von dem man gelesen, erfahren oder das man selbst erlebt hat. Um ein gutes Buch zu schreiben muss man den Mut besitzen, dieses Leid hervorzuholen und bei Tageslicht zu betrachten. Mitunter kann das schmerzlich sein und man nimmt sich vor, das nächste Mal ein Buch zu schreiben, in dem nur glückliche Menschen vorkommen.
Aber: Der Bogen zwischen Leid und Glück bestimmt die Handlungen der Figuren, er ist es, der ein Buch lesenswert macht.
Man kann nur über Menschen dichten, wenn man ihre Unvollkommenheiten beschreibt. Würde man bei ihren vollkommenen Taten bleiben, wäre die Geschichte uninteressant und sie wäre nicht wahrhaftig. Genau das, was einen menschlich macht, eben das ist unendlich liebenswert. Die Unvollkommenheiten des Lebens sind es, die man als Schriftsteller, als Künstler liebt. - Dem Leser wiederum können Passagen, die diese Unvollkommenheiten beschreiben weh tun. Weil er sich in ihnen erkennen kann, weil die Zeilen ins Schwarze treffen. Aber sie treffen immer mit Liebe.
Ein Gefäß für die Liebe zu sein, für Leid, für Erinnerungen, für Menschen und ihre Geschichten, das ist es was man aushalten können muss, wenn man schreiben will. Im Grunde unterscheidet man sich also als Autor nicht von anderen Menschen. Doch der Schriftsteller macht sich dies alles bewusst und hat es sich in gewisser Weise als Lebensaufgabe gesetzt. Wir alle wollen unsere Geschichten erzählen, sind auf der Suche nach Sinn, nach Bedeutung in unserem Leben. Wir alle müssen den Tod verstehen und mit ihm fertig werden und jeder braucht bei den Übergängen, bei Veränderungen und Verlusten Begleitung.
Die größte Herausforderung, auf die man im schöpferischen Prozess trifft, ist die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit. Das ist die wahre Triebfeder aller Künste und aller großen Werke. In dem Moment, in dem man auf den Auslöser drückt, ist der Moment schon vorbei, den man eingefangen hat. Die Frauen auf den Gemälden von Klimt, mit ihren roten Wangen und ihren beseelten Augen sind lange schon tot. Die Hand, die die Zeilen von Narziss und Goldmund geschrieben hat, ist begraben und längst verwest.
“Du wirst nie schöner sein als in diesem Augenblick”, sagt der Held Achill zu der Gefangenen Briseis vor den Toren von Troja. Wenn es eins gäbe, um das uns die Götter beneiden würden, dann wäre es unsere Sterblichkeit. Nur weil wir sterblich sind, können wir lieben, versprechen einander unsere Herzen. Weil wir sterblich sind, suchen wir voller Tatendrang den Sinn unseres Lebens. Deswegen schreiben wir Geschichten.
Wenn man schreibt, setzt man der Vergänglichkeit ein Denkmal. Man feiert das Leben, weil man es festhält, würdigt. Doch gleichzeitig übt man sich im Loslassen. Warum? Man holt das ans Licht, was man an Empfindungen, Erfahrungen, an gelebtem und erdachtem Leben in sich vorfindet, holt es ans Licht und betrachtet es von allen Seiten, schreibt es auf und muss es dann loslassen. Es ist zu Kunst geworden. Es existiert nun außerhalb von einem selbst, ist autonom, ein eigenständiges Wesen. Wie Kinder, die man groß gezogen hat, die man liebt und doch gehen lassen muss. Wie in der Liebe zu einem Menschen, bei dem man das Gefühl so tiefer Nähe hat, als sei man aus demselben Stein gehauen und doch weiß, dass man gleichzeitig immer getrennt bleibt. Weil das Leben so unendlich kostbar und doch so zerbrechlich ist. Weil man ein einzelnes Wesen ist und doch in allem teilhaftig.
Es ist viel, was es zum Schreiben braucht und gleichzeitig so wenig. Es ist die Kraft, den Spagat auszuhalten zwischen Liebe und Loslassen. Zwischen immer währender Hingabe ans Leben und der Gewissheit des Todes. Jeder, der liebt, weiß das.
Folge deiner Freude
Folge dem, was dich glücklich macht.
Ist das nicht eine ungeheuer egoistische Aussage? Was bedeutet dieser Satz und wo führt er hin? Welche Wege warten auf einen, wenn man diese Anweisung ernst nimmt und wie ist so ein Weg mit dem Glück anderer Menschen zu vereinbaren?
Ich empfinde großen Respekt vor denjenigen, die sich trauen, aus der eigenen Erfahrung zu schöpfen. Da ist zum Beispiel der Mensch, der die Herausforderung annimmt, das zu therapieren, was er selbst erfolgreich überstanden hat. Oder der Mensch, der sein Studium für etwas aufgibt, was ihm größer und wichtiger erscheint - und das allen Warnungen und gut gemeinten Ratschlägen zum Trotz.
Diese Menschen sind in irgend einem Moment ihres Lebens mit dem Gefühl in Berührung gekommen, bei einer bestimmten Tätigkeit authentischer zu sein, als bei einer anderen. Sie haben etwas gefunden, wo sie sich in höchstem Maße lebendig fühlen. Es ist ganz natürlich, dieses Gefühl weiter zu bestärken, immer wieder aufzusuchen und es im eigenen Leben zu halten, indem man es an andere weiter gibt. In Paulo Coelhos neuem Buch Die Hexe von Portobello heißt es, dass man das lehren soll, was man selbst sucht. Man wird stärker daran wachsen, als wenn man diesen Weg nur für sich alleine geht.
Folgt man seiner Freude und fängt an, scheinbar unberechenbare, der Vernunft zuwiderhandelnde Dinge zu tun, wird man unweigerlich einiges verlieren. Man wird zu spüren bekommen, dass sich Menschen entfernen, die einen vormals auf dem eigenen Weg unterstützt haben und es wird Zeiten geben, in denen man sich unendlich einsam fühlt. Und dennoch: Wenn wir das Glück haben, auch nur eine Ahnung von dem zu bekommen, was unserem Leben Freude gibt, eine Freude, die aus dem Inneren kommt und alles beseelt, wenn wir eine Aufgabe entdecken, die unsere Menschlichkeit fördert und uns glücklich macht, dann sollten wir uns dem widmen, mit Haut und Haar.
Wieso bereitet es mir eine so große Lust zu schreiben? Anderen vielleicht zu malen, zu sprechen, zu lehren? Anderen wiederum etwas zu bauen, zu erfinden, zu tüfteln oder zu helfen? Wenn wir dieses kleine Stückchen Erde entdecken, von dem aus wir echt sein können und die Möglichkeiten verwirklichen, die aus unseren eigenen Erfahrungen kommen, dann leben wir das, was in uns selbst angelegt ist und in keinem anderen Menschen besteht. Wir geben etwas weiter, was die Kraft hat, andere zu berühren, weil es uns selbst berührt.
In einem Ratgeber zum kreativen Schreiben bin ich auf die Empfehlung gestoßen, dass es lohnend für einen Schriftsteller sei, sich mit Mythologie zu beschäftigen. Von meinem Studium her kannte ich schon viele der religiösen Geschichten, doch dieses Mal las ich sie aus einem anderen Blickwinkel. Ich konnte begreifen wie viel das Abenteuer eines Helden mit der (auch heute noch gültigen) Suche nach einem erfüllten Leben zu tun hat: Man verlässt die Welt, in der man ist und geht in eine Tiefe, eine Ferne oder eine Höhe hinauf. Dann gelangt man zu dem, was einem in der Welt bewußtseinsmäßig fehlte. Oft ist das ein Kampf gegen etwas Dunkles, Böses. Nach dem überstandenen Kampf kommt die Entscheidung, die Welt von sich abfallen zu lassen oder wieder in die Gesellschaft zurück zu gehen.
Hier wurden mir zwei wesentliche Dinge bewusst. Zum einen: Dieser Weg der Wünsche, auf dem wir unserer Freude folgen und vielleicht Dinge tun, die unser Leben von Grund auf verändern, ist in sich schon so angelegt, dass er uns - bevor wir die Chance haben, gestärkt und voller Mut daraus hervorzugehen - zuerst einmal mitten hinein in unsre tiefsten Ängste, unsere dunkelste Seite führt.
Und: Wir brauchen einen Grund, um wieder zurück zu gehen.
Unsere Ängste überwältigen uns manchmal im hellsten Tageslicht und wir begreifen nicht warum. All die alten Geschichten von Prüfungen und schrecklichen Nachtmeerfahrten, sei es Jona, der von einem Wal verschluckt wird oder Siegfried, der den Drachen tötet, können uns zeigen, wie wichtig es ist, den Abstieg ins eigene Innere zu wagen und gegen den inneren Drachen zu kämpfen.
Wer sich auf den Weg in die eigene Mitte macht, wird unweigerlich auf diese unbewusste Energie treffen, die es zu bewältigen gilt, um mit sich ins Reine zu kommen und, wieder zurück im Alltagsleben, ein erfüllteres Leben führen zu können. Dieser abenteuerliche Weg kann zuerst über Leid, Zweifel und einen riesigen Berg an negativen Gedanken führen. Doch das ist heilsam, denn: Diese dunkle Seite, die wir in uns spüren, all die eingeschlossenen Ängste, all das ungelebte Leben möchte integriert werden. Das alles, was uns als Hemmnis und innerer Widerstand entgegen tritt, ist zu großen Teilen eingeschlossene Lebenskraft.
Was kann helfen, auf dem eigenen Weg zu bleiben?
In dem Mythos von Ariadne und Theseus, in dem Theseus den Minotaurus in der Mitte eines Labyrinths töten soll (wieder lauert am Ziel das Ungeheuer), gibt Ariadne ihm ein Fadenknäuel. Mit Hilfe dieses Fadens gelingt es ihm, wieder aus der Mitte des Labyrinths heraus zu finden. - Manchmal, so interpretiert Joseph Campbell den Mythos, warten wir auf eine große Macht oder große Ideen als Rettung, wenn wir in Wirklichkeit nicht mehr brauchen als dieses Stück Schnur.
Die Metapher eines Labyrinths für den eigenen Lebensweg kann uns sagen, dass die Mitte das Ziel, nicht das Ende ist. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass der Weg in das Innere eines Labyrinths leichter ist, als der Weg zurück. Wenn man immer nur den Mut hat, weiter zu gehen, wird man auch ankommen. Den Weg zurück in die Gesellschaft findet der Held durch ein Pfand der Liebe.
Der Gang in die Mitte gleicht einem Abenteuer, der Rückweg ist davon geprägt, den Faden nicht aus den Händen zu lassen. Der Weg hinein ist eine Heldentat, der Weg zurück ist der Weg der Liebe.
In dem wunderbaren Film Wie im Himmel findet der Dirigent und Hauptdarsteller, den “einen vollkommenen Ton”, den er sein halbes Leben schon gesucht hat, im Gesang eines einfachen schwedischen Dorfchors. Weil er die Liebe in seinem Herzen für diese Menschen zulässt. Und weil er diese Liebe zulässt, kann er mit seiner Musik andere berühren.
Die Liebe führt uns zurück ins Leben, führt uns wieder hinein in Stunden des Alltags und der Einfachheit. Das, was wir in der Mitte entdeckt und besiegt haben, hat vielleicht den Zweck, uns wieder zurück zu schicken, um genau das Leben wieder aufzunehmen, das wir vorher hatten. Nur, und das ist das Entscheidende: Mit verändertem Bewusstsein. Wenn wir zurück gehen wartet unser gewohntes Leben auf uns. Doch es hat sich verwandelt, aus dem Inneren heraus. Es hat sich verwandelt, weil wir nun Augen haben, es anders zu sehen.
Der Rückweg ist der Weg der Liebe, weil uns unser Gefühl sagt, dass wir das, was wir gelernt haben, nicht für uns behalten können, dass wir es weitergeben sollen an andere Menschen. Und hier sind wir wieder am Anfang und bei der Frage, wohin uns die Entscheidung führt, dem eigenen Glück zu folgen.
Die Aufgaben und Dinge, über die dieser Weg führt, sind so vielfältig wie es Menschen gibt. Wir müssen uns nicht sorgen, dass er andere kränkt. Oder, um den Kreis zu schließen und es mit Joseph Campbells Worten zu sagen: Indem wir uns selbst achten, achten wir die Welt.
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Wände aus Licht
Diese leuchtend warmen Farben graben sich nur unter der französischen Sonne in die Mauern der Häuser, so scheint es mir zumindest. Es war eine Freude die Straßen und Orte wiederzusehen, in denen die Idee zu diesem Blog zur ersten papiernen Wirklichkeit heranreifte. Im Hintergrund des Banners ist jener Kraftort, an dem alles seinen Anfang nahm, festgehalten. Immer gegenwärtig schirmt er nun schon mehr als ein Jahr lang die Texte, die seitdem entstanden sind.
Und jetzt beginnt ein neuer Zyklus - Ich freue mich auf alle Artikel, die im kommenden Jahr entstehen werden, auf alle Wege, die vor uns liegen und besonders über alle Menschen, die immer wieder auf diese Seiten blättern.
Wie Puderzucker über warmem Kuchen
Seit einiger Zeit sitze ich oft in einem kleinen Tonstudio und lese vor. 350 Seiten zählt das umfangreiche Werk über den Buddhismus, das ich ins Mikrofon spreche. Die Klimaanlage surrt kaum hörbar im Hintergrund, durch ein kleines Fenster auf der Seite fällt Tageslicht auf den kleinen Lesetisch und meine Stimme erfüllt den lärmisolierten Raum.
Wie ein feiner Seismograf schlägt die elektronische Nadel des Aufnahmeprogramms aus und misst meinen Stimmumfang. Sie muss in einem bestimmten Bereich liegen und jedes Mal, bevor ich mich über die Zeilen beuge, pendele ich sie mit einem der runden Regler sacht aus. Während ich laut und deutlich eins, zwei, drei ins Mikrofon spreche, bemühe ich mich, meinen Hals, meinen Kiefer, meine Lippen zu lockern, meine Stimme freizuschütteln von allen unausgegorenen Gedanken und Stimmungen des Tages. Manchmal scheint es zu gelingen. Dann klettert mein Blick über die Zeilen, kleine Punkte und Kommas als winzige Ruhekissen benutzend und die Seiten wachsen auf der linken Buchhälfte, fest unter die Finger geklemmt.
Ein anderes Mal führt ein hastig ausgesprochenes Wort oder eine leicht dahin gesagte Phrase immer wieder dazu, das Programm anhalten zu müssen und die Sätze neu zu sprechen - die Aufnahme wird mühsam. Am leichtesten lässt sich lesen, wenn man gar nicht daran denkt, wie man sich anhört. Denn fängt man einmal an, den Klang der Wörter zu hinterfragen, so klopft der Perfektionismus immer häufiger an die Tür der kleinen Tonkabine.
Während ich zurück spule und die passende Atempause suche, in die ich einhaken kann, denke ich darüber nach, wie leicht es in diesem abgetrennten Raum ist, Dinge neu zu sagen. Ich kann sie wieder und wieder sprechen, bis sie voll und tönend klingen und ich die Entscheidung treffe, sie für einen Zuhörer frei zu geben. Ich kann sie üben, Teile von ihnen ausschneiden und neu sprechen. Ich kann Phrasen wegschneiden und woanders einfügen. Ich drehe an den Reglern und denke daran, wie oft wir uns Worte versagen, weil wir Angst davor haben, wie sie sich anhören. Weil wir wissen, dass sie sich im Moment des Sprechens unwiderruflich ihren Ton, ihren Klang gewählt haben und für jeden Anwesenden im Raum hörbar - und interpretierbar sind.
Die Erzählungen und Anweisungen, die ich vorlese, wurden viele Jahrhunderte hindurch weiter erzählt, da man überzeugt war, dass man durch sie das, was einem widerfährt, in einer anderen Perspektive sehen kann. Wenn uns eine Geschichte berührt, dann erkennt man die Relevanz für etwas, was einem im eigenen Leben passiert. Genauso in unserer täglichen Kommunikation: Wir erzählen uns unsere Gefühle, Erlebnisse und Geschichten, um mit der Welt ins Reine zu kommen. Um uns progressiv an das anzunähern, was wir Wirklichkeit nennen. Mit unserer Stimme signalisieren wir dabei Akzeptanz bis Ablehnung, wir akzentuieren unsere Überzeugungen und thematisieren unsere Innerlichkeit. Würden es nicht vorher die Augen verraten oder eine Geste, so ist es die Stimme eines Menschen, die uns am ehesten sagen kann, wie der- oder diejenige sich wirklich fühlt.
Allzu oft ist unsere Kommunikation jedoch bestimmt von einem gedanklich-klanglichen Spagat zwischen verbergen und zeigen. Wir wollen uns unsere Geschichten erzählen, aber drehen so lange an den Reglern, bis der Moment dafür vergangen ist. Wir wollen uns mitteilen und verlagern die Aufmerksamkeit einseitig auf die Wirkung. Wir vergessen wie viel Lust es macht, sich unmittelbar und aufrichtig auszudrücken, sich mitzuteilen, Gefühle und Stimmungen in der Stimme zuzulassen.
Wenn man für einige Zeit allein ist mit seiner Stimme wird einem erst so recht bewusst, was für ein feines Instrument sie ist. Und wenn man gezwungen ist, sie wieder und wieder zu hören und zu prüfen wird einem deutlich, wie viel sie von unseren Gefühlen trägt. Wie ein Stimmungsring am Finger wechselt sie fließend die Farbe, ist ständig bewegt, ununterbrochen im Fluss.
Es sind nur kleine Nuancen, vielleicht kaum hörbar im Strom der gesprochenen Wörter und Sätze. Und doch trägt die Stimme in jedem Augenblick unsere Gefühle an die Oberfläche. Sie klingt an manchen Tagen mutiger als an andren, manchmal leiser, manchmal beherzter, manchmal zögerlich und manchmal forsch. Die Gedanken schleichen sich in die Stimme, die langen und kurzen Nächte, unsre Ängste, aber auch unsre Energie, unser Glaube. Egal wie sehr man sich manchmal um einen gleich bleibenden Klang bemühen mag, etwas von unseren Gefühlen liegt immer darin. An manchen Tagen wie eine hauchfeine Schicht Reif, an anderen wie Puderzucker über warmem Kuchen.
Es ist wichtig sich bewusst zu machen, dass wir aufrichtig sein dürfen, wenn wir uns unsere Geschichten erzählen, dass Leben und Wandel darin sein darf - und Unvollkommenheit.
Es kann befreiend sein, die Lust zu erfahren, die sich einstellt, wenn die Stimme frei gelassen wird und nicht im gleichen Augenblick darüber reflektiert wird, wie sie wohl klingt und wie das, was man sagt, vom Gegenüber aufgefasst werden könnte. Die Stimme zu begreifen als etwas, was unsere Gefühle offenbaren darf und worin wir uns sicher und lebendig fühlen können.
Joseph Campbell, ein amerikanischer Professor und Autor, der über Mythologie, Literatur und Religion forschte hat einmal gefragt: Was ist der Sinn des Weltalls? Was ist der Sinn eines Flohs? Er ist einfach da. Mehr nicht. Wir sind so sehr damit beschäftigt, alles mögliche zu machen, um äußere Werte zu erreichen, dass wir darüber den inneren Wert vergessen, die Lust, lebendig zu sein, um die es eigentlich allein geht.
Ein ganz gewöhnlicher Hut
Wie riecht eigentlich eine Zitrone?
Eine Geschichte wird erst richtig fesselnd, wenn über die bloße Beschreibung der Handlung und dem Einsatz von direkter Rede Sinneseindrücke und Details vermittelt werden. Wir können unsere Sinne trainieren und üben, Worte für das zu finden, was wir sehen, hören, fühlen und riechen. In meinen Kursen weise ich die teilnehmenden Kinder darauf hin, aufmerksam durch den Tag zu gehen und ihre Wahrnehmung zu schulen. Woran erkennt man, ob jemand fröhlich oder traurig ist? Wie klingt eine Nähmaschine? Was für ein Muster kann das Fell einer Katze haben und wie fühlt es sich an, wenn man gegen den Strich darüber fährt?
Solche Details machen eine Geschichte lebhafter, sinnlicher. Der Leser bekommt die Möglichkeit, sich eine Welt aus kraftvollen Assoziationen und Unterscheidungen zu schaffen. Doch sie dienen nicht nur dazu, den Gang der Handlung plastischer zu gestalten und unsere Beobachtungsgabe unter Beweis zu stellen - Krimiautoren platzieren bewusst kleine Details als wichtige Hinweise in ihren Geschichten. Liegt Staub auf den Schuhen? Warum ist der Knopf an einer Jacke abgerissen? Wieso hängt das ockerfarbene Bild über dem Kamin schief? Die simple Beobachtung, ob der Asphalt der regennassen Straße unter dem Auto des Verdächtigen noch trocken ist, kann ein Alibi überprüfen. Der ermittelnde Detektiv nimmt diese kleinen Details wahr, die zuletzt das Geheimnis eines Ereignisses lösen können.
Das ist keine abgetragene Kopfbedeckung sondern eine Denksportaufgabe.
Sagt Sherlock Holmes zu seinem Freund Watson, als er sich darüber wundert, warum der Detektiv am zweiten Weihnachtsfeiertag im Morgenrock und mit seiner Pfeife nachdenklich vor einem gefundenen Hut sitzt.
Wenn wir lernen wollen, wie man Menschen und Situationen gut beschreiben kann und warum schon Kleinigkeiten wesentlich sind, können wir viel von Detektiv-Figuren lernen. In der Kurzgeschichte “Der blaue Karfunkel” von Sir Athur Conan Doyle kann Sherlock Holmes seinem Freund Watson einen Mann nur anhand dessen Kopfbedeckung beschreiben.
Er behauptet, es wäre der Hut eines hochintelligenten Mannes, der vor ein paar Jahren noch wohlhabend gewesen war aber jetzt schlechte Zeiten durchzumachen habe. Früher wäre er ein sorgfältiger, vorsichtiger Mensch gewesen, aber nun sei er nachlässiger geworden, was wohl Hand in Hand mit seinem finanziellen Abstieg passiert ist - doch seine Selbstachtung habe er immerhin noch nicht ganz verloren.
Zur Physiognomie kann der Detektiv aus der Betrachtung des Huts schließen, dass es sich um einen Mann mittleren Alters mit leicht ergrautem Haar handelt, das er sich erst kürzlich hat schneiden lassen.
Mit Tinte übermalt.
Als der erstaunte Watson zuletzt hört, dass der gesuchte Mann höchstwahrscheinlich kein Gaslicht im Haus habe, ist er sich sicher, dass Holmes sich einen Scherz mit ihm erlaubt. Wie soll man denn dies alles aus einem simplen Hut heraus lesen können!
Wie kommt der Detektiv auf seine Schlüsse? - Anhand einer modischen Krempe kann das Alter und der ehemalige Wert des Hutes festgelegt werden: Er ist drei Jahre alt und war seinerzeit sehr teuer. Wenn nun ein Mann, der sich vor drei Jahren einen solchen Hut hat leisten können, ihn immer noch trägt, so kann es ihm heute nicht mehr so gut gehen. Die Wandlung vom sorgfältigen Menschen, der in der Gegenwart nicht mehr so viel auf sich hält, zeigt Holmes ein Gummiband. Das Band, vom Träger des Huts extra angebracht, um vor Wind und Sturm gewappnet zu sein, ist abgerissen und wurde nicht mehr angebracht. Seine Selbstachtung hat der Hutträger noch nicht verloren, da manche der Flecken, die das Alter des Hutes zeigen, mit Tinte übermalt wurden.
Kleine graue Haare im Innenfutter des Hutes weisen auf den kürzlichen Friseurbesuch hin und zahlreiche Stearinkerzenflecken deuten auf die fehlende Gasheizung.
Nur noch eine Kleinigkeit Sir.
Eine ganze Lebensgeschichte kann in einem Detail stecken. So wie der abgetragene Hut die Geschichte seines Besitzers erzählt, weisen die Dinge in einer Erzählung auf das Innere der Figur. Sie sind keine bloße Requisite, die den Hintergrund der Handlung koloriert und können in ihrer symbolischen Bedeutung weit über ihren Gebrauchs- und Alltagswert hinaus gehen.
Man kann ruhig der Einfachheit halber bei sich selbst anfangen, um seine Beobachtungsgabe zu schulen. Welche Dinge umgeben mich? Welche haben eine besondere Bedeutung? Wie sind sie zu mir gekommen? Weiß ich etwas über ihre Geschichte? Kann man an der Beschaffenheit und der Art des Materials ablesen, wie alt sie sind oder welchen Weg sie hinter sich haben? Warum sind sie Teil unserer Lebenswelt? Sind sie bloße Staffage oder verbindet uns etwas mit ihnen? In Geschichten sind die Möglichkeiten sinnliche Details und Gegenstände bewusst einzusetzen unendlich: Denken wir nur einmal an Columbo und seinen zerknitterten Trenchcoat, der über die Zeit zu einem Markenzeichen des Inspektors geworden ist. Er trägt genauso wie sein altes knatterndes Auto dazu bei, dass die Täter ihn zuerst einmal leichtfertig (und folgenreich) unterschätzen.
Bei meiner Tante im Strumpfenband, wie irgendwo daneben.
Das Schreiben zu üben kann bedeuten, seinen Blick für die vielen Gegenstände und Dinge zu schulen, die uns (und unsere Figuren) umgeben. Mit detektivischem Spürsinn können Details platziert werden, die von Anfang an eine Spur für das Geheimnis unserer Geschichte legen.
Das Schreiben kann uns lehren, die Welt in ihrer Überfülle an sinnlichen Details wahrzunehmen und neue Wörter und Zusammenhänge zu suchen, für das, was uns umgibt. Wenn man lange genug hinschaut, ist jedes Leben interessant, sagt die Schriftstellerin Julia Cameron in “Von der Kunst des Schreibens”. Durch beständige Aufmerksamkeit lassen sich die Nuancen, die vielen Zwischentöne unseres Alltags zu unserer Schreib-Palette dazu gewinnen. Und zuletzt ist es fast unmöglich, die Dinge, die uns umgeben, nicht wertzuschätzen und sich nicht damit verbunden zu fühlen. Oder wie schon Ringelnatz so treffend dichtete: Überall ist Wunderland, überall ist Leben. Bei meiner Tante im Strumpfenband, wie irgendwo daneben.










