Eins
In uns gibt es eine Quelle an Stärke, die kennt man nicht, wenn man nicht eines Tages, oft zuerst unter Schmerzen, darauf gestoßen wird.
Manchmal, da gibt es Zeiten, da bricht einem der Boden unter den Füßen weg. Aus vielen Gründen. Vielleicht weil man etwas Gewünschtes nicht erreicht, vielleicht weil jemand ernsthaft erkrankt, vielleicht weil einen jemand verlässt. Genau in so einer Zeit kommt eine Kraft daher und man weiß gar nicht richtig woher. Auf einmal schmilzt der Widerstand im Herzen gegen diese Situation, breitet sich wie ein warmes lichtes Band vom Kopf bis zu den Zehen aus. Gibt einem Kraft einen Schritt nach dem anderen zu tun, hebt den Kopf wieder, schenkt Orientierung.
Was ist passiert?
Vielleicht haben wir in solchen Momenten den Anschluss an unser innerstes Wesen gefunden. Vielleicht schlummern in uns ordnende und heilende Kräfte, die nur auftauchen, wenn etwas Elementares wegbricht, etwas worauf wir uns still verlassen haben. Ordnend, weil mit einem Mal Wichtiges von Unwichtigem getrennt wird. Heilend, weil eine Energie freigesetzt wird, die einen gleichzeitig mit anderen verbindet und auf uns selbst zurückführt. Als würde man Hülle um Hülle abstreifen, sich schälen bis etwas übrig bleibt, das eine ungeahnte Kraft besitzt. Dieses innerstes Wesen geht mit einem Mal über unsere normale Alltagserfahrung hinaus. Als würde etwas durch uns durchgehen, das stärker, das weiser ist, als wir es sind. Als würde etwas durch uns sprechen, das wenig mit dem zu tun hat, wer wir bislang waren, wovor wir uns gefürchtet haben, wo unser Herz verstockt war. Da kommt diese Kraft und wir sprechen von Dingen, über die wir noch nie sprachen und wir glauben Dinge, an die wir nur zaghaft glaubten und wir merken: Worum es eigentlich geht, immer geht auf diesem Erdenrund ist… Die Liebe.
Jede Schwellensituation birgt in sich eine unendlich große heilende Kraft. Weil sie uns mit aller Wucht darauf stößt, dass wir uns einen großen Teil unserer Stunden unserem tieferen Lebenssinn verschließen. Weil wir alle wie betäubt sind von Zeit zu Zeit und vergessen, dass jeder einzelne Tag so unendlich kostbar ist. Weil wir Widerstände mit uns herumtragen und uns schwer tun, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind. Dass wir blind sind manchmal und so tun, als hätten wir unerschöpfliche Vorräte von diesem seltsamen Material „Leben“. Als wüssten wir wer wir sind und was unsere Ziele sind, als müssten wir unerschütterlich Gut und Schlecht mit unserem Verstand unterscheiden.
Damit meine ich nicht, dass das Bild, dass wir von uns haben, dass die Ziele, die wir uns stecken nicht nützlich und sinnvoll sind. Es ist nur so, geschieht etwas Unerwartetes, etwas, dass so existentiell ist, dass die Welt eingefroren scheint und alle Bilder und Konzepte der Welt, gegen den Augenblick nichtig werden, dann entsteht eine Gewissheit, dann merkt man, was das Wesentlichste ist: Die Liebe, die uns mit anderen verbindet.
In einem Sufi-Gedicht heißt es: „Wer die Stadt der Liebe betritt, findet dort nur Raum für einen.“
Es gibt kein „Du“ und „Ich“, alles was es dort gibt, ist das, was in dem Wort „Eins“ steckt. Wir fühlen uns die meiste Zeit getrennt von allen und genau hier liegt die große Heilkraft der Liebe. Sie führt uns mitten hinein in eine sonst kaum erfahrbare Entgrenzung, eine Zeitlosigkeit, eine tiefe Verbundenheit. In dieser Verbundenheit wird uns bewusst: Der tiefere Sinn unsres Lebens liegt in dieser Nähe, liegt im Augenblick.
In jedem Augenblick liegt die Chance, loszulassen, anzunehmen, was jetzt ist und dadurch frei zu werden, durchlässig zu werden für diese Kraft, die durch uns hindurchgeht, wie Musik. Es gibt kein Versprechen, wie lange ein Glück hält, es gibt kein Versprechen ob eine Suche zu einem Ergebnis führt. Doch wer diesen Raum der Liebe betritt sieht, dass hier und nirgends anders die Ewigkeit wohnt. Wenn die Grenzen zwischen zwei Menschen schmelzen, wenn man in sich selbst diese Quelle an Kraft entdeckt weil man schlicht annimmt, wenn man so eine Erfahrung macht, wieso sollte man daran festhalten wollen, dass andere Grenzen Bestand haben werden…
Es gibt kein größeres Heilmittel als diese Liebe.
