Brunnenfinden
Manchmal, besonders an Regentagen, an denen unablässig ein dämmergrauer Teppich vor den Fenstern hinabsinkt, und ich zu nichts recht aufgelegt bin, vermisse ich ein Gefühl. Ein Gefühl, dass ein wenig an Kindertage geknüpft ist, an jene Geborgenheit erinnert und vielleicht am besten zu beschreiben ist, als ein Angekommen-Sein.
Ein Angekommen-Sein ohne große Aufregung, ein stilles, immer währendes Gefühl.
Manchmal, da will ich alle meine Pläne vergessen, meine großen Ziele, die mir doch sonst immer Antrieb und Zündschnur sind für meine Handlungen und Tage. Da will ich einfach hier sein, da sein, und in meinem Leben das zu Hause Gefühl feiern.
Mit all unseren Hoffnungen und Anstrengungen, bestimmte Dinge zu erreichen, die wir als fehlend in unseren Tagen beschreiben, mit unseren Zielen und Zeitplänen, entfernen wir uns nicht immer weiter vom Ursprung, wie ein Volk, das sich auf einer Wüstenwanderung immer weiter von seinen heimatlichen Brunnenlöchern wegbewegt? Wo bin ich nicht schon überall gewesen, mein Leben hat Ländergrenzen überschritten und zahlreiche Ortschaften gesehen, hat sich innerlich wie äußerlich unzählige Male gewandelt.
Was ist davon geblieben?
Ich erinnere mich an eine Stelle in “Der kleine Prinz”, die mir bei der ersten Lektüre schon besonders gefiel, auch wenn ich glaube, heute zum ersten Mal zu verstehen, was sie in mir berührt:
“Die Leute”, sagte der kleine Prinz, “schieben sich in die Schnellzüge, aber sie wissen gar nicht, wohin sie fahren wollen. Nachher regen sie sich auf und drehen sich im Kreis …” Und er fügte hinzu: “Das ist nicht der Mühe wert …”
Der Brunnen, den wir erreicht hatten, glich nicht den Brunnen der Sahara. Die Brunnen der Sahara sind einfache, in den Sand gegrabene Löcher. Dieser da glich einem Dorfbrunnen. Aber es war keinerlei Dorf da, und ich glaubte zu träumen.
“Das ist merkwürdig”, sagte ich zum kleinen Prinzen, “alles ist bereit: die Winde, der Kübel und das Seil …” Er lachte, berührte das Seil, ließ die Rolle spielen. Und die Rolle knarrte wie ein altes Windrad, wenn der Wind lange geschlafen hat. “Du hörst”, sagte der kleine Prinz, “wir wecken diesen Brunnen auf, und er singt …” Ich wollte nicht, daß er sich abmühte: “Laß mich das machen”, sagte ich zu ihm, “das ist zu schwer für dich”. Langsam hob ich den Kübel bis zum Brunnenrand. Ich stellte ihn dort schön aufrecht. In meinen Ohren war noch immer der Gesang der Zugwinde, und im Wasser, das noch zitterte, sah ich die Sonne zittern. “Ich habe Durst nach diesem Wasser”, sagte der kleine Prinz, “gib mir zu trinken …” Und ich verstand, was er gesucht hatte.
Der kleine Prinz hat Heimweh nach seinem Stern, nach seiner Blume, die er dort zurückgelassen hat und sein Durst ist ein Symbol dieser Sehnsucht. Als das Wasser an die Oberfläche geholt wird, durchbrechen die Geräusche die Stille der Wüste, als würde dem Brunnen Leben eingehaucht, als wäre das Wasser lebendig, als es zitternd die Sonne spiegelt. Der kleine Prinz weckt mit seinem Durst den Brunnen zum Leben als hätte dieser Brunnen inmitten der Wüste einzig auf ihn gewartet; ein Dorfbrunnen ohne das dazugehörige Dorf, doch mit einer Winde, einem Seil und einem Kübel.
Nach Tagen und Wochen, in denen ich meine goßen und kleinen Ziele verfolge, gibt es diese Stunden, in denen ich mich frage, an welchem Brunnen ich zuletzt getrunken habe, ob er weit zurückliegt, ob er noch Wasser hat und wo der nächste Brunnen auf mich wartet.
Doch das Wunder ist: Das Wasser, nach dem der Durst von Zeit zu Zeit so groß wird, ist beständig da. Alles was ich brauche ist das Bewusstsein dafür, wonach ich mich sehne und den Mut, mir immer wieder einen neuen Brunnen zu graben. Denn Brunnengraben, das ist ein Bild, dass mit der Einkehr in die Tiefe der eigenen Seele, mit der Suche nach den eigenen Bildern, mit den Gefühlen, die dort wohnen, unseren Träumen und ihrer Symbolsprache spielt. Und wie sollen wir sonst von dem sprechen, was uns bewegt? Wer hätte den Mut, sich auf das Meer unerfüllter Sehnsucht hinauszuwagen, wenn nicht Bilder in ihm angelegt wären, die ihm den Weg zeigen zu den eigenen Wünschen.
Was ist geblieben? Was ist geblieben von all der Zeit, von alle den Jahren, wenn ich doch immer noch nicht das Gefühl habe, angekommen zu sein.
Es ist die Fähigkeit, immer besser nach meinem eigenen Wasser graben zu können, den nächsten Brunnen sicherer zu finden. In Wüstenzeiten darauf zu vertrauen, dass Seil und Winde und Kübel für mich bereit liegen und das Wasser immer da ist, immer fließt als ein großes Geschenk und mir zeigt, dass nur ich es bin, der diesen Durst stillen kann. Nur aus meiner Bereitschaft, mich auf mich zu besinnen, mir die Fragen ans eigene Leben immer wieder neu aufzuschließen und darüber nachzudenken, welchen Durst ich am stärksten spüre, wonach ich mich am allermeisten sehne und wo ich den nächsten Brunnen für mich finden kann.
Der Erzähler im kleinen Prinzen beschreibt das Wassertrinken wiefogt: “Ich hob den Kübel an seine Lippen. Er trank mit geschlossenen Augen. Das war süß wie ein Fest. Dieses Wasser war etwas ganz anderes als ein Trunk. Es war entsprungen aus dem Marsch unter den Sternen, aus dem Gesang der Rolle, aus der Mühe meiner Arme. Es war gut fürs Herz, wie ein Geschenk.”
Zur Suche nach dem nächsten Brunnen anregen können uns die Bilder der Literatur, ganz sicher wecken können sie die eigene Sehnsucht, denn was sind sie anderes als eine “Verdichtung” der eigenen inneren Bilder? Wenn wir etwas aufrichtig suchen, dann taucht die Quelle zu jenem Gefühl auf, wie der Brunnen für den kleinen Prinzen mitten in der Wüste auftaucht. Denn dieses Wasser ist immer, wie ein kleines Wunder da und jeder Mensch hat die Gabe, sich seine größte Sehnsucht zu erfüllen.
