Authentisch schreiben
Warum überhaupt schreiben?
Warum überhaupt all die kleinen täglichen Gedanken ebenso wie die großen Gefühle zu Papier bringen und in die Öffentlichkeit tragen? Gibt es nicht genug von jener Sorte Mensch, die ihre Sicht der Welt in die große Sammlung von Erfahrungen und Betrachtungen einreihen, die es - mancher mag es denken - schon zu Hauf gibt?
Genau. Es gibt bereits unendlich viele Menschen, die schreiben und es gibt unendlich viele Geschichten und Texte. Und genau das ist das große Wunder: Jeder, der schreibt, sei es Tagebuch, seien es Briefe, sei es ein Artikel, jeder, der an einem Blog oder vielleicht an einem Buch arbeitet, fügt seine eigene unverwechselbare und individuelle Sicht der Welt, der großen Sammlung von Erfahrungen aller übrigen Menschen hinzu.
Schreiben ist die wundervolle Möglichkeit, zu diesem großen Ganzen beizutragen.
Grundlegend hierbei ist, zu einer wohlwollenden und positiven Haltung sich selbst gegenüber zu finden. Denn nur wenn wir unsere Gedanken überhaupt für wertvoll erachten, schreiben wir sie mit der Intention auf, sie anderen Menschen zugänglich zu machen, sie vielleicht sogar eines Tages zu veröffentlichen.
Wenn wir dann von Begebenheiten, Personen oder Dingen schreiben, dann kommen wir gar nicht umhin, originell zu sein. Denn es wird keinen anderen Menschen auf der Welt mit exakt demselben Blickwinkel geben. Kein Mensch beschäftigt sich genau mit denselben Gedanken wie ein anderer. Kein anderer Mensch hat exakt denselben Erfahrungsschatz, aus dem er schöpfen kann, wie man selbst. Und genau das ist ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg: Authentisch sein.
Wie sieht es mit den großen lebensphilosophischen Fragen aus: Glaube ich an Gott? Glaube ich an den freien Willen? Was ist das größte Glück, dass ich mir vorstellen kann? Was die größte Katastrophe? All diese Fragen (und noch unzählige mehr) liegen einer authentischen Arbeit zugrunde. Je besser ich Position zu solchen Fragen beziehen kann, desto eindringlicher werden meine Texte.
Vor jedem Schreiben, was glaubwürdig und fesselnd sein will, steht also ein ehrlicher Kontakt zu sich selbst. Nur wenn ich weiß, wie ich zu den großen Themen des Lebens stehe, bin ich fähig, einzigartige Dinge zu schreiben. Das bedeutet nicht, dass meine Meinung zu diesen Themen eine endgültige Überzeugung sein muss. Im Gegenteil, ich kann täglich dabei zusehen, wie sich meine Meinungen und Haltungen zu den Dingen wandeln. Und das ist gut so, denn Leben bedeutet Wachstum und es lohnt sich, den Weg dieser Veränderung zu genießen und die eigene Kreativität nicht so lange unter Verschluss zu halten, bis irgendwann vielleicht die großen Worte an unsere Tür klopfen.
Was wir also authentisch vermitteln können sind unsere gegenwärtigen Einstellungen, etwas von unserer Weltanschauung, und je aufrichtiger und ehrlicher wir das tun, desto direkter und kraftvoller wird alles, was wir schreiben.
Viele warten viel zu lange, bevor sie es wagen, mit dem Stift in der Hand oder den klappernden Tasten unter den Fingerkuppen zu schreiben. Und das, weil erst noch das große Thema fehlt. Im Grunde ist alles einen Artikel oder eine Erzählung wert, was uns genug bewegt hat, um einen simplen Kommentar dazu abzugeben. Wenn eine Situation unsere Aufmerksamkeit erregt hat, dann hat sie Bedeutung für uns und wenn es uns gelingt herauszufinden warum, dann haben wir die Grundlage für unseren Text.
Der Wert eines Themas bemisst sich nach dem, was der Autor darin sieht und wie tief er es ergründet. Die besten Texte basieren auf festen Überzeugungen! Ist das nicht ein wundervoller Grund, an die Wurzeln der eigenen Überzeugungen zu gelangen?
[Inspiriert bei: Dorothea Brande: Schriftsteller werden. Autorenhaus Verlag 2001]
