Authentisch schreiben

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 4:35 on Dienstag, September 26, 2006

Warum überhaupt schreiben?
Warum überhaupt all die kleinen täglichen Gedanken ebenso wie die großen Gefühle zu Papier bringen und in die Öffentlichkeit tragen? Gibt es nicht genug von jener Sorte Mensch, die ihre Sicht der Welt in die große Sammlung von Erfahrungen und Betrachtungen einreihen, die es - mancher mag es denken - schon zu Hauf gibt?

Genau. Es gibt bereits unendlich viele Menschen, die schreiben und es gibt unendlich viele Geschichten und Texte. Und genau das ist das große Wunder: Jeder, der schreibt, sei es Tagebuch, seien es Briefe, sei es ein Artikel, jeder, der an einem Blog oder vielleicht an einem Buch arbeitet, fügt seine eigene unverwechselbare und individuelle Sicht der Welt, der großen Sammlung von Erfahrungen aller übrigen Menschen hinzu.
Schreiben ist die wundervolle Möglichkeit, zu diesem großen Ganzen beizutragen.

Grundlegend hierbei ist, zu einer wohlwollenden und positiven Haltung sich selbst gegenüber zu finden. Denn nur wenn wir unsere Gedanken überhaupt für wertvoll erachten, schreiben wir sie mit der Intention auf, sie anderen Menschen zugänglich zu machen, sie vielleicht sogar eines Tages zu veröffentlichen.
Wenn wir dann von Begebenheiten, Personen oder Dingen schreiben, dann kommen wir gar nicht umhin, originell zu sein. Denn es wird keinen anderen Menschen auf der Welt mit exakt demselben Blickwinkel geben. Kein Mensch beschäftigt sich genau mit denselben Gedanken wie ein anderer. Kein anderer Mensch hat exakt denselben Erfahrungsschatz, aus dem er schöpfen kann, wie man selbst. Und genau das ist ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg: Authentisch sein.
Wie sieht es mit den großen lebensphilosophischen Fragen aus: Glaube ich an Gott? Glaube ich an den freien Willen? Was ist das größte Glück, dass ich mir vorstellen kann? Was die größte Katastrophe? All diese Fragen (und noch unzählige mehr) liegen einer authentischen Arbeit zugrunde. Je besser ich Position zu solchen Fragen beziehen kann, desto eindringlicher werden meine Texte.

Vor jedem Schreiben, was glaubwürdig und fesselnd sein will, steht also ein ehrlicher Kontakt zu sich selbst. Nur wenn ich weiß, wie ich zu den großen Themen des Lebens stehe, bin ich fähig, einzigartige Dinge zu schreiben. Das bedeutet nicht, dass meine Meinung zu diesen Themen eine endgültige Überzeugung sein muss. Im Gegenteil, ich kann täglich dabei zusehen, wie sich meine Meinungen und Haltungen zu den Dingen wandeln. Und das ist gut so, denn Leben bedeutet Wachstum und es lohnt sich, den Weg dieser Veränderung zu genießen und die eigene Kreativität nicht so lange unter Verschluss zu halten, bis irgendwann vielleicht die großen Worte an unsere Tür klopfen.

Was wir also authentisch vermitteln können sind unsere gegenwärtigen Einstellungen, etwas von unserer Weltanschauung, und je aufrichtiger und ehrlicher wir das tun, desto direkter und kraftvoller wird alles, was wir schreiben.
Viele warten viel zu lange, bevor sie es wagen, mit dem Stift in der Hand oder den klappernden Tasten unter den Fingerkuppen zu schreiben. Und das, weil erst noch das große Thema fehlt. Im Grunde ist alles einen Artikel oder eine Erzählung wert, was uns genug bewegt hat, um einen simplen Kommentar dazu abzugeben. Wenn eine Situation unsere Aufmerksamkeit erregt hat, dann hat sie Bedeutung für uns und wenn es uns gelingt herauszufinden warum, dann haben wir die Grundlage für unseren Text.

Der Wert eines Themas bemisst sich nach dem, was der Autor darin sieht und wie tief er es ergründet. Die besten Texte basieren auf festen Überzeugungen! Ist das nicht ein wundervoller Grund, an die Wurzeln der eigenen Überzeugungen zu gelangen?

[Inspiriert bei: Dorothea Brande: Schriftsteller werden. Autorenhaus Verlag 2001]

Mandala

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 10:47 on Montag, September 18, 2006

Mit äußerster Präzision bringen tibetische Mönche einen Strom gefärbte Sandkörner mit Hilfe eines hölzernen Röhrchens an die richtige Stelle. Sie regulieren den Atem ganz sacht, damit die Sandkörner nicht über den Boden geblasen werden und das Muster zerstören.
So entsteht, aus der Mitte heraus, kreisförmig strukturiert ein filigranes Mandala.
Ein Kunstwerk und gleichzeitig eine symbolische Abbildung der Welt, einer Welt, in der jeder glücklich sein kann und keinerlei Leiden unterworfen ist.
Tage- und wochenlang sind die Mönche damit beschäftigt, den farbigen Sand in geometrischen Figuren auf den Klosterboden zu streuen. Wenn das Mandala fertig ist wird schlicht der Sand zusammen gefegt und in der Umgebung in fließendes Wasser gestreut.

Gibt es ein eindrücklicheres Bild für Vergänglichkeit?

Im Grunde ist nichts real außer der Augenblick, jeder Augenblick aufs neue. Sich ganz auf ihn zu konzentrieren bedeutet, nicht an Vergangenes zu denken und nicht gedanklich in die Zukunft zu reisen. Das hört sich so einfach an, einfacher als es meist ist. Denn viel leichter scheint es, sich an vergangene Momente zu erinnern und das, neben den Erinnerungen an glückliche Momente, öfter mit einem Gefühl, Dinge anders machen zu wollen, vielleicht an verpasste Gelegenheiten zu denken, vielleicht über einem erlittenen Schmerz zu brüten. Genauso unausweichlich scheint es, sich immer wieder und wieder die Zukunft vorzustellen. Die ferne Zukunft mit den Fragen nach dem Gelingen der Träume und Sehnsüchte, und öfter noch die nahe Zukunft mit ihren Herausforderungen. Und hier kommt meist ein schleichendes Gefühl, eines, das lähmen kann und Zweifel nährt: Die Angst.
Angst kann uns schützen wenn Gefahr droht. Doch sie kommt auch auf leisen Sohlen wenn wir über unsere Träume nachdenken, wenn wir über unsere Talente sinnieren und an Situationen denken, die wir in naher Zukunft meistern wollen. Sie kommt weil wir Situationen hypothetisch in ihrer Möglichkeit des Scheiterns durchspielen, uns vorstellen, Dinge nicht zu erreichen. Im schmerzlichsten Fall landen wir bei der Vorstellung, am Ende unsres Lebens nicht das Beste aus unseren Möglichkeiten gemacht zu haben.

Doch gäbe es die Angst auch noch wenn nur der Augenblick gilt?

Angst entsteht weil wir über die Zukunft grübeln und darüber vergessen, dass nichts realer ist als der Augenblick. Weil wir an Vergangenem festhalten und die Wirklichkeit nicht als das begreifen, was sie ist: Unendlich wandelbar. Wenn wir einmal in einer Situation gescheitert sind, warum sollten wir das auch in einer anderen? Wenn wir in der Vergangenheit vermeintliche Fehler gemacht haben warum sollten wir immer wieder und wieder daran denken?
Ein tibetischer Mönch wäre töricht, würde er dem Mandala nachtrauern, sich an seine Schönheit erinnern, die Momente seiner Entstehung revue passieren lassen, um sich dem Schmerz des Verlustes hinzugeben. Die einzig reale Schönheit ist die des Augenblicks, ist die der Entstehung. In dem Moment, in dem das erste farbige Sandkorn den Boden berührt weiß der Mönch um seine Zerstörung. Und in dem Moment, in dem das Mandala nicht mehr ist, lässt der Mönch auch seine Vorstellung des Mandalas los.

Wenn nur der Augenblick gilt, dann wäre es leichter, das zu tun, was man liebt. Dann wäre jeder Gedanke an Kommendes wie das Gefühl, dass man als Kind in den Sommerferien beim Zubettgehen hatte. Wenn die Laken einen sanft umhüllen und der Tag nachklingt, während der Sand auf den Spielplätzen kühlt und das Wissen um einen neuen Tag einen mit freudiger Erregung füllt. Ein wenig als wäre das Leben wieder in diese sanfte Regelmäßigkeit, in diese schlichte Einfachheit gelegt. Dinge kommen und gehen und dazwischen liegt die Nacht und die Gewissheit, dass jemand um einen sorgt.

Einem Mandala aus Sand nachzutrauern wäre, als würde man etwas zum Leben erwecken wollen, was längst nicht mehr ist. Und was ist dazu bestimmt Dauer zu haben?
Was ist dazu bestimmt, Bedeutung zu haben, wichtiger zu sein als anderes? Wie wäre es, das mit Aufmerksamkeit zu betrachten, dass man gerade jetzt in diesem Augenblick tut? Ganz schlicht immer zu wissen, dass Dinge nicht bleiben und ihnen trotzdem, ja gerade deswegen achtsam zu begegnen. Sich an der Handlung zu freuen, statt an das Ergebnis zu denken, an das Gelingen oder Scheitern.
Wie würde es sich anfühlen, nicht an die Vergangenheit zu denken, sondern mehr im Augenblick zu sein als in allem anderen. Immer mehr das zu leben, dass man als Kind fühlen konnte, als Handlungen noch nicht in wichtig und unwichtig, in sinnvoll und sinnlos aufgeteilt waren; jenen Augenblicken als man selbstvergessen mit einem Ast Linien in das Wasser einer Pfütze zeichnete und nichts, wirklich nichts begehrenswerter erschien als den Wellen nachzusehen, die sich in das Blau des spiegelnden Himmels zogen.

Als Schriftsteller lesen

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 10:33 on Mittwoch, September 13, 2006

Die meisten Menschen, die gerne schreiben, sind leidenschaftliche Leser.
Wir lesen die Bücher, die wir lieben jedoch meist mit unkritischen Augen, wir achten eher auf den Gang der Handlung, als auf das Handwerkszeug, das ein Autor benutzt.
Von anderen Texten können wir am meisten profitieren wenn wir sie danach befragen, was sie uns geben können, um die eigene Arbeit zu verbessern. Zunächst hat man vielleicht einen gewissen Widerwillen, Passagen, die einen verzaubern unters Mikroskop zu legen aber durch kritisches Lesen und Imitation können die Werke, die man liebt zu einer wirklichen Inspirationsquelle werden.

Wie sieht das kritische Lesen aus?
Es bedeutet jeden Text zweimal zu lesen. Zunächst einmal wie gewohnt, um sich an der Lektüre zu erfreuen. Dann notiert man sich Fragen zum Gelesenen.

  • Hat es mir gefallen oder nicht?
  • Was hat mir daran gefallen und an welchen Stellen hat der Autor meine Zustimmung verloren?
  • Sind mir einige Szenen besonders im Gedächtnis geblieben?
  • Liegt das daran, weil sie gut beschrieben waren oder weil der Autor hier einen Fehler gemacht hat?
  • Wie hat der Schriftsteller Situationen, die mir selbst schwer fallen, gemeistert?

Vor allem die Fragen nach den eigenen Schwierigkeiten ist wichtig. Bei jedem entstehenden Werk, sei es ein Roman, eine Erzählung, ein Drehbuch, ein Essay oder ein Artikel treten andere Schwierigkeiten auf. Die Spannweite reicht von der Frage wie man einen guten Einstieg findet bis zur Kunst einen spannenden Dialog oder einen klangvollen Satz zu schreiben. Jeder angehende Schriftsteller hat seine eigenen Fragen (die sich auch im Laufe der Zeit verändern) und findet in den Büchern, die er liest seine eigenen Antworten.

Im zweiten Schritt liest man den Text nochmals und dieses Mal mit den Augen eines Schriftstellers.

  • Wie erfährt man, dass Zeit vergangen ist?
  • Wie bewegen sich die Figuren von einer Szene zur nächsten?
  • Aus welcher Perspektive wird die Geschichte erzählt?
  • Weil wir das Ende bereits kennen ist es nun möglich auf Hinweise darauf zu achten: Wann wird eine Charaktereigenschaft, die später zu Problemen führt, zuerst erwähnt? Gibt es Vorausdeutungen, die die Spannung erhöhen?
  • Auch der Rhythmus des Textes ist von Bedeutung: Wird er langsamer oder schneller, wenn ein Autor etwas betonen will? Hat der Autor Lieblingswörter? Ändert sich das Vokabular, wenn die Aufmerksamkeit zu einer anderen Figur gelenkt wird?

Trainiert man diese Art zu lesen und macht sich Notizen zu den eigenen Fragen wird schon nach wenigen Büchern und Textpassagen das Gespür für die Bauart eines Werks wachsen. Will man an seinen Schwierigkeiten arbeiten, seinen Stil verbessern, bringt das kritische, aufmerksame Lesen große Fortschritte. Und die Verzauberung bei der Lektüre wird bleiben, denn in Wirklichkeit genießt man ein Werk umso mehr, wenn man um die kunstvolle Art und Weise weiß, in der ein Autor mit seinem Handwerkszeug umgegangen ist.

[Inspiriert bei: Dorothea Brande: Schriftsteller werden. Autorenhaus Verlag 2001]