Imitation

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 1:27 on Dienstag, August 22, 2006

Jedem Schreiben geht ein genialer Gedanke voran. Eine unverwechselbare Idee. Ein Bild, ein Tagtraum, eine Geschichte. Das Material mit dem wir diesem Traum Leben einhauchen sind Worte - doch wie findet man seinen eigenen Stil, seine unverwechselbare Stimme?

Kaum eine andere Tätigkeit ist so vom Gedanken angeborener Genialität durchdrungen wie das Schreiben. Die Mühe und Feinarbeit der zahlreichen Entwürfe, ist dem fertigen Werk ebenso wenig anzusehen wie die Wortfeile den einzelnen Sätzen.
Kopieren, Imitieren, Nachahmen der eigenen Lieblingsautoren unterwandert den Gedanken der schöpferischen Genialität. Doch nur zum Schein - denn nirgendwo ist Imitation so sehr erlaubt wie in der Kunst. Durch Fingerübungen bringt man sich im Zeichenunterricht die Schraffur und Linienführung bei, die eine bestimmte Stimmung erzeugt. Beim Kopieren anderer Werke studiert man deren Farbkomposition und Formensprache und entwickelt dabei ganz automatisch seinen eigenen Stil.

Auch Autoren haben sich schon immer an anderen Autoren geschult. Warum kommt man auf die Idee zu schreiben? Weil man andere Literatur gelesen hat. Literatur funktioniert nur, weil es Literatur gibt, auf der sie aufbaut, an der sie anknüpft, die sie weiterführt.
James N. Frey stellt in “Wie man einen verdammt guten Kriminalroman schreibt” eine Erfolg versprechende Methode vor, wie man sich durch Imitation verschiedene Stile beibringt und dabei ganz nebenbei den eigenen, unverwechselbaren Schreibstil findet.

  • Jeden Tag, bevor man sich zum Schreiben hinsetzt, nimmt man sich einen Text eines stilistisch guten Autors und tippt zwei bis drei Seiten Wort für Wort ab. So bekommt man ein Gefühl für den Rhythmus, den Stil des Textes und es wird sichtbar, wie der Autor seine Dialoge zum Funkeln und Sprühen bringt.
  • Dann schreibt man eine etwa eine Seite lange Imitation dessen, was man abgetippt hat, möglichst in der Sprache des Textes. Wenn man also eine Außenszene mit Action abgetippt hat, dann schreibt man eine Außenzene mit Action.
  • Man nimmt sich so mehrere Autoren und Stile vor, bis man den Eindruck hat, diverse Erzählerstimmen und Stile imitieren zu können. Aus dieser Fähigkeit, Stil, Tonfall und Erzählerstimme mühelos zu wechseln wird die eigene unverwechselbare Stimme hervorgehen. Eine Stimme, die zu der Geschichte passt, die man erzählen will, eine Stimme, die ganz anders ist als die, die man imitiert hat.

Wenn dann Freunde und Probeleser, die die Entwürfe lesen einem erzählen, die Texte seien genial und man selbst besitze ein angeborenes Talent, hat man immer noch die Wahl, sie aufzuklären oder die Leute in dem Glauben zu lassen, man sei ein Genie.

[Inspiriert bei: James N. Frey: Wie man einen verdammt guten Kriminalroman schreibt. Hermann-Josef Emons Verlag 2005]

Gerahmt

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 2:40 on Mittwoch, August 9, 2006

Goldgebacken hing der Mond in meinem Fenster…
In den Abendstunden sind die Gedanken immer ein kleines bisschen anders, ein kleines bisschen reifer als die Stunden des Tages. Sie umrahmen, ebenso wie das Fenster die dahinter liegende Landschaft, die Begegnungen und Stunden des Tages. Wenn man lange genug hinaussieht, seinen Blick in dieses kleine Quadrat gerahmten Lebens legt wird man irgendwann nicht mehr mit allen Sinnen drinnen sein. Die Gedanken folgen dem Blick und sammeln sich draußen, schmiegen sich an die wogenden Zweige des Baumes, glätten sich an der weißen Hauswand gegenüber, wandern über Berge oder sammeln sich unten am Fluss.
Diese Augenblicke sind wertvoll. Auch wenn man vielleicht das Gefühl hat, nicht mehr in den eigenen Räumen zu wohnen, so findet man sich nach einer Weile verändert wieder. Dann merkt man, dass man etwas mitgenommen hat aus den Wanderungen im Fensterrahmen, dass man draußen war und zugleich drinnen, dass in dieser Zeit die jüngsten Erlebnisse ein wenig tiefer gesunken sind, dass sich Schicht um Schicht die Bilder des Tages regen, die Zusammenhänge deutlicher werden.

Als ich so saß, versunken, verloren zuerst in die kleine Wolke vor dem Dunkelblau, in die Linien der Ziegeldächer, in die Wellen der kleinen getupften Bäume, dachte ich an den Moment, in dem ich heute durch die Bücherschluchten der Bibliotheksmagazine gelaufen bin. In den langen Reihen der unterirdischen Papierschluchten hat mich ein Gedanke erwischt. So als hätte er sich aus alle den Buchstabenmeeren da unten zusammen gefunden, aus allen alten und neuen Büchern, die für Jahrhunderte in dunklen Kellern schlafen und die Geschichten und Gefühle derer tragen, die sie geschrieben haben. Sie flüsterten aus ihren Halbschläfen und sie sprachen zu mir nicht ganz neidlos von dem Glück, dass ich habe: Dass ich jetzt in eben diesem Moment fühlen kann. Das ich alle die Geschichten, Erfahrungen, Begegnungen, Gefühle, alle die Momente, die ein Menschenleben ausmachen, die sich als Worte in Buchstaben und Klang in Büchern finden lebe. Jetzt lebe.

Unser Bewusstsein ist ist so gut wie ganz von den täglichen Beschäftigungen, mit Erinnerungen und Erwartungen in Beschlag genommen. Uns ist gar nicht mehr bewusst, dass es eine andere Erfahrung als diejenige des Augenblicks nicht gibt. Wir verwechseln die Welt, über die man redet und schreibt und die man beurteilt, mit der Welt, die tatsächlich ist. Die Faszination für Bücher, mit all ihren Namen und Zahlen, ihren Symbolen, Zeichen, Begriffen und Ideen lässt uns manchmal vergessen, dass wir eben jene Wege genauso gehen. Dass alle Liebe, die wir für Bücher und Worte haben, für die großen und kleinen Geschichten von Menschen, auch für unsere eigenen großen und kleinen Geschichten gilt.
An jedem einzelnen Tag schaffen wir die Wirklichkeiten, die in Bibliotheken und in Regalen Buchseiten füllen. Was die Dichter beschreiben ist nichts anderes, als das, was wir jeden Tag leben gehen, ihre Bilder sind unsere Bilder nur unsere sind warm und lebendig, sind formbar und nah. Wenn man am Abend eine Weile aus dem Fenster sieht, legt sich der Rahmen wie die Vorder- und Rückseite eines Buches um unser Leben. Setzt, wie der Ausschnitt eines Fotos, alltägliche Dinge anders miteinander in Beziehung. Alle Gedanken, alle Momente eines Tages sind in ihrer Summe ebenso wertvoll wie die großen Momente der Literatur. Sind sie doch aus demselben schlichten, schönen Material gebaut. Was sie von unseren Tagen unterscheidet ist die Rahmung durch die Buchseiten, doch wovon sie erzählen sind die Sehnsüchte, die jedes Menschenleben bewegt.
Solange man seine Welt im Auge behält, sie in einem kleinen Rahmen liebevoll betrachtet, ihr Zeit und Ruhe gibt, sich zu wandeln in Bilder, die wir dann in uns tragen, solange können wir sie zum Guten verändern. Dann machen wir nichts anderes, als die Dichter. Wir sammeln die Gefühle, die Wünsche und Sehnsüchte in Bilder und erzählen sie uns. Und ebenso wie wir uns selbst diese Bilder vorstellen, können wir es auch in den Begegnungen mit Menschen tun. Bilder erzählen, einen Rahmen legen ist eindrücklicher als theoretische Gedanken, Vorwürfe, Bitten formulieren. Lieber: Klare Bilder beschreiben, die der andere sehen kann als würde er durch unser kleines Fenster schauen. Und immer Gefühl mit ihnen mitgeben. Dann fallen die Bilder tiefer und bleiben nachhaltiger.

Ich fühle mich geborgen in der Welt wenn ein andrer Mensch übers Leben schreibt und ich mich in darin finde. Ich fühle mich geborgen wenn ein andrer Mensch mir seine Bilder mitteilt und mir Gefühle zeigt, die ich achten kann. Ich fühle mich zu hause in der Welt wenn ich meinen Blick am Abend durch das Fenster freilasse und ein wenig von dem begreife, aus dem mein Leben gebaut ist. Und wenn meine Gedanken von ihren Wanderungen zurückkommen, weiß ich ein kleines bisschen mehr, welche der Wege ich am nächsten Tag weitergehen möchte, mit größerer Wachsamkeit noch und mehr Vertrauen. Dann weiß ich ein kleines bisschen mehr um die Wünsche und Gedanken, die meine Handlungen am Tage formen, dann wächst in mir der Wunsch ihnen noch mehr Freiraum zu geben und noch schönere Bilder für sie zu finden.