Imitation
Jedem Schreiben geht ein genialer Gedanke voran. Eine unverwechselbare Idee. Ein Bild, ein Tagtraum, eine Geschichte. Das Material mit dem wir diesem Traum Leben einhauchen sind Worte - doch wie findet man seinen eigenen Stil, seine unverwechselbare Stimme?
Kaum eine andere Tätigkeit ist so vom Gedanken angeborener Genialität durchdrungen wie das Schreiben. Die Mühe und Feinarbeit der zahlreichen Entwürfe, ist dem fertigen Werk ebenso wenig anzusehen wie die Wortfeile den einzelnen Sätzen.
Kopieren, Imitieren, Nachahmen der eigenen Lieblingsautoren unterwandert den Gedanken der schöpferischen Genialität. Doch nur zum Schein - denn nirgendwo ist Imitation so sehr erlaubt wie in der Kunst. Durch Fingerübungen bringt man sich im Zeichenunterricht die Schraffur und Linienführung bei, die eine bestimmte Stimmung erzeugt. Beim Kopieren anderer Werke studiert man deren Farbkomposition und Formensprache und entwickelt dabei ganz automatisch seinen eigenen Stil.
Auch Autoren haben sich schon immer an anderen Autoren geschult. Warum kommt man auf die Idee zu schreiben? Weil man andere Literatur gelesen hat. Literatur funktioniert nur, weil es Literatur gibt, auf der sie aufbaut, an der sie anknüpft, die sie weiterführt.
James N. Frey stellt in “Wie man einen verdammt guten Kriminalroman schreibt” eine Erfolg versprechende Methode vor, wie man sich durch Imitation verschiedene Stile beibringt und dabei ganz nebenbei den eigenen, unverwechselbaren Schreibstil findet.
- Jeden Tag, bevor man sich zum Schreiben hinsetzt, nimmt man sich einen Text eines stilistisch guten Autors und tippt zwei bis drei Seiten Wort für Wort ab. So bekommt man ein Gefühl für den Rhythmus, den Stil des Textes und es wird sichtbar, wie der Autor seine Dialoge zum Funkeln und Sprühen bringt.
- Dann schreibt man eine etwa eine Seite lange Imitation dessen, was man abgetippt hat, möglichst in der Sprache des Textes. Wenn man also eine Außenszene mit Action abgetippt hat, dann schreibt man eine Außenzene mit Action.
- Man nimmt sich so mehrere Autoren und Stile vor, bis man den Eindruck hat, diverse Erzählerstimmen und Stile imitieren zu können. Aus dieser Fähigkeit, Stil, Tonfall und Erzählerstimme mühelos zu wechseln wird die eigene unverwechselbare Stimme hervorgehen. Eine Stimme, die zu der Geschichte passt, die man erzählen will, eine Stimme, die ganz anders ist als die, die man imitiert hat.
Wenn dann Freunde und Probeleser, die die Entwürfe lesen einem erzählen, die Texte seien genial und man selbst besitze ein angeborenes Talent, hat man immer noch die Wahl, sie aufzuklären oder die Leute in dem Glauben zu lassen, man sei ein Genie.
[Inspiriert bei: James N. Frey: Wie man einen verdammt guten Kriminalroman schreibt. Hermann-Josef Emons Verlag 2005]
