Eins

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 10:54 on Donnerstag, Dezember 28, 2006

In uns gibt es eine Quelle an Stärke, die kennt man nicht, wenn man nicht eines Tages, oft zuerst unter Schmerzen, darauf gestoßen wird.
Manchmal, da gibt es Zeiten, da bricht einem der Boden unter den Füßen weg. Aus vielen Gründen. Vielleicht weil man etwas Gewünschtes nicht erreicht, vielleicht weil jemand ernsthaft erkrankt, vielleicht weil einen jemand verlässt. Genau in so einer Zeit kommt eine Kraft daher und man weiß gar nicht richtig woher. Auf einmal schmilzt der Widerstand im Herzen gegen diese Situation, breitet sich wie ein warmes lichtes Band vom Kopf bis zu den Zehen aus. Gibt einem Kraft einen Schritt nach dem anderen zu tun, hebt den Kopf wieder, schenkt Orientierung.

Was ist passiert?
Vielleicht haben wir in solchen Momenten den Anschluss an unser innerstes Wesen gefunden. Vielleicht schlummern in uns ordnende und heilende Kräfte, die nur auftauchen, wenn etwas Elementares wegbricht, etwas worauf wir uns still verlassen haben. Ordnend, weil mit einem Mal Wichtiges von Unwichtigem getrennt wird. Heilend, weil eine Energie freigesetzt wird, die einen gleichzeitig mit anderen verbindet und auf uns selbst zurückführt. Als würde man Hülle um Hülle abstreifen, sich schälen bis etwas übrig bleibt, das eine ungeahnte Kraft besitzt. Dieses innerstes Wesen geht mit einem Mal über unsere normale Alltagserfahrung hinaus. Als würde etwas durch uns durchgehen, das stärker, das weiser ist, als wir es sind. Als würde etwas durch uns sprechen, das wenig mit dem zu tun hat, wer wir bislang waren, wovor wir uns gefürchtet haben, wo unser Herz verstockt war. Da kommt diese Kraft und wir sprechen von Dingen, über die wir noch nie sprachen und wir glauben Dinge, an die wir nur zaghaft glaubten und wir merken: Worum es eigentlich geht, immer geht auf diesem Erdenrund ist… Die Liebe.

Jede Schwellensituation birgt in sich eine unendlich große heilende Kraft. Weil sie uns mit aller Wucht darauf stößt, dass wir uns einen großen Teil unserer Stunden unserem tieferen Lebenssinn verschließen. Weil wir alle wie betäubt sind von Zeit zu Zeit und vergessen, dass jeder einzelne Tag so unendlich kostbar ist. Weil wir Widerstände mit uns herumtragen und uns schwer tun, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind. Dass wir blind sind manchmal und so tun, als hätten wir unerschöpfliche Vorräte von diesem seltsamen Material „Leben“. Als wüssten wir wer wir sind und was unsere Ziele sind, als müssten wir unerschütterlich Gut und Schlecht mit unserem Verstand unterscheiden.
Damit meine ich nicht, dass das Bild, dass wir von uns haben, dass die Ziele, die wir uns stecken nicht nützlich und sinnvoll sind. Es ist nur so, geschieht etwas Unerwartetes, etwas, dass so existentiell ist, dass die Welt eingefroren scheint und alle Bilder und Konzepte der Welt, gegen den Augenblick nichtig werden, dann entsteht eine Gewissheit, dann merkt man, was das Wesentlichste ist: Die Liebe, die uns mit anderen verbindet.

In einem Sufi-Gedicht heißt es: „Wer die Stadt der Liebe betritt, findet dort nur Raum für einen.“
Es gibt kein „Du“ und „Ich“, alles was es dort gibt, ist das, was in dem Wort „Eins“ steckt. Wir fühlen uns die meiste Zeit getrennt von allen und genau hier liegt die große Heilkraft der Liebe. Sie führt uns mitten hinein in eine sonst kaum erfahrbare Entgrenzung, eine Zeitlosigkeit, eine tiefe Verbundenheit. In dieser Verbundenheit wird uns bewusst: Der tiefere Sinn unsres Lebens liegt in dieser Nähe, liegt im Augenblick.
In jedem Augenblick liegt die Chance, loszulassen, anzunehmen, was jetzt ist und dadurch frei zu werden, durchlässig zu werden für diese Kraft, die durch uns hindurchgeht, wie Musik. Es gibt kein Versprechen, wie lange ein Glück hält, es gibt kein Versprechen ob eine Suche zu einem Ergebnis führt. Doch wer diesen Raum der Liebe betritt sieht, dass hier und nirgends anders die Ewigkeit wohnt. Wenn die Grenzen zwischen zwei Menschen schmelzen, wenn man in sich selbst diese Quelle an Kraft entdeckt weil man schlicht annimmt, wenn man so eine Erfahrung macht, wieso sollte man daran festhalten wollen, dass andere Grenzen Bestand haben werden…
Es gibt kein größeres Heilmittel als diese Liebe.

Brunnenfinden

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 10:31 on Samstag, Oktober 7, 2006

Manchmal, besonders an Regentagen, an denen unablässig ein dämmergrauer Teppich vor den Fenstern hinabsinkt, und ich zu nichts recht aufgelegt bin, vermisse ich ein Gefühl. Ein Gefühl, dass ein wenig an Kindertage geknüpft ist, an jene Geborgenheit erinnert und vielleicht am besten zu beschreiben ist, als ein Angekommen-Sein.
Ein Angekommen-Sein ohne große Aufregung, ein stilles, immer währendes Gefühl.

Manchmal, da will ich alle meine Pläne vergessen, meine großen Ziele, die mir doch sonst immer Antrieb und Zündschnur sind für meine Handlungen und Tage. Da will ich einfach hier sein, da sein, und in meinem Leben das zu Hause Gefühl feiern.
Mit all unseren Hoffnungen und Anstrengungen, bestimmte Dinge zu erreichen, die wir als fehlend in unseren Tagen beschreiben, mit unseren Zielen und Zeitplänen, entfernen wir uns nicht immer weiter vom Ursprung, wie ein Volk, das sich auf einer Wüstenwanderung immer weiter von seinen heimatlichen Brunnenlöchern wegbewegt? Wo bin ich nicht schon überall gewesen, mein Leben hat Ländergrenzen überschritten und zahlreiche Ortschaften gesehen, hat sich innerlich wie äußerlich unzählige Male gewandelt.
Was ist davon geblieben?

Ich erinnere mich an eine Stelle in “Der kleine Prinz”, die mir bei der ersten Lektüre schon besonders gefiel, auch wenn ich glaube, heute zum ersten Mal zu verstehen, was sie in mir berührt:
“Die Leute”, sagte der kleine Prinz, “schieben sich in die Schnellzüge, aber sie wissen gar nicht, wohin sie fahren wollen. Nachher regen sie sich auf und drehen sich im Kreis …” Und er fügte hinzu: “Das ist nicht der Mühe wert …”
Der Brunnen, den wir erreicht hatten, glich nicht den Brunnen der Sahara. Die Brunnen der Sahara sind einfache, in den Sand gegrabene Löcher. Dieser da glich einem Dorfbrunnen. Aber es war keinerlei Dorf da, und ich glaubte zu träumen.
“Das ist merkwürdig”, sagte ich zum kleinen Prinzen, “alles ist bereit: die Winde, der Kübel und das Seil …” Er lachte, berührte das Seil, ließ die Rolle spielen. Und die Rolle knarrte wie ein altes Windrad, wenn der Wind lange geschlafen hat. “Du hörst”, sagte der kleine Prinz, “wir wecken diesen Brunnen auf, und er singt …” Ich wollte nicht, daß er sich abmühte: “Laß mich das machen”, sagte ich zu ihm, “das ist zu schwer für dich”. Langsam hob ich den Kübel bis zum Brunnenrand. Ich stellte ihn dort schön aufrecht. In meinen Ohren war noch immer der Gesang der Zugwinde, und im Wasser, das noch zitterte, sah ich die Sonne zittern. “Ich habe Durst nach diesem Wasser”, sagte der kleine Prinz, “gib mir zu trinken …” Und ich verstand, was er gesucht hatte.

Der kleine Prinz hat Heimweh nach seinem Stern, nach seiner Blume, die er dort zurückgelassen hat und sein Durst ist ein Symbol dieser Sehnsucht. Als das Wasser an die Oberfläche geholt wird, durchbrechen die Geräusche die Stille der Wüste, als würde dem Brunnen Leben eingehaucht, als wäre das Wasser lebendig, als es zitternd die Sonne spiegelt. Der kleine Prinz weckt mit seinem Durst den Brunnen zum Leben als hätte dieser Brunnen inmitten der Wüste einzig auf ihn gewartet; ein Dorfbrunnen ohne das dazugehörige Dorf, doch mit einer Winde, einem Seil und einem Kübel.
Nach Tagen und Wochen, in denen ich meine goßen und kleinen Ziele verfolge, gibt es diese Stunden, in denen ich mich frage, an welchem Brunnen ich zuletzt getrunken habe, ob er weit zurückliegt, ob er noch Wasser hat und wo der nächste Brunnen auf mich wartet.
Doch das Wunder ist: Das Wasser, nach dem der Durst von Zeit zu Zeit so groß wird, ist beständig da. Alles was ich brauche ist das Bewusstsein dafür, wonach ich mich sehne und den Mut, mir immer wieder einen neuen Brunnen zu graben. Denn Brunnengraben, das ist ein Bild, dass mit der Einkehr in die Tiefe der eigenen Seele, mit der Suche nach den eigenen Bildern, mit den Gefühlen, die dort wohnen, unseren Träumen und ihrer Symbolsprache spielt. Und wie sollen wir sonst von dem sprechen, was uns bewegt? Wer hätte den Mut, sich auf das Meer unerfüllter Sehnsucht hinauszuwagen, wenn nicht Bilder in ihm angelegt wären, die ihm den Weg zeigen zu den eigenen Wünschen.

Was ist geblieben? Was ist geblieben von all der Zeit, von alle den Jahren, wenn ich doch immer noch nicht das Gefühl habe, angekommen zu sein.
Es ist die Fähigkeit, immer besser nach meinem eigenen Wasser graben zu können, den nächsten Brunnen sicherer zu finden. In Wüstenzeiten darauf zu vertrauen, dass Seil und Winde und Kübel für mich bereit liegen und das Wasser immer da ist, immer fließt als ein großes Geschenk und mir zeigt, dass nur ich es bin, der diesen Durst stillen kann. Nur aus meiner Bereitschaft, mich auf mich zu besinnen, mir die Fragen ans eigene Leben immer wieder neu aufzuschließen und darüber nachzudenken, welchen Durst ich am stärksten spüre, wonach ich mich am allermeisten sehne und wo ich den nächsten Brunnen für mich finden kann.
Der Erzähler im kleinen Prinzen beschreibt das Wassertrinken wiefogt: “Ich hob den Kübel an seine Lippen. Er trank mit geschlossenen Augen. Das war süß wie ein Fest. Dieses Wasser war etwas ganz anderes als ein Trunk. Es war entsprungen aus dem Marsch unter den Sternen, aus dem Gesang der Rolle, aus der Mühe meiner Arme. Es war gut fürs Herz, wie ein Geschenk.”
Zur Suche nach dem nächsten Brunnen anregen können uns die Bilder der Literatur, ganz sicher wecken können sie die eigene Sehnsucht, denn was sind sie anderes als eine “Verdichtung” der eigenen inneren Bilder? Wenn wir etwas aufrichtig suchen, dann taucht die Quelle zu jenem Gefühl auf, wie der Brunnen für den kleinen Prinzen mitten in der Wüste auftaucht. Denn dieses Wasser ist immer, wie ein kleines Wunder da und jeder Mensch hat die Gabe, sich seine größte Sehnsucht zu erfüllen.

Authentisch schreiben

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 4:35 on Dienstag, September 26, 2006

Warum überhaupt schreiben?
Warum überhaupt all die kleinen täglichen Gedanken ebenso wie die großen Gefühle zu Papier bringen und in die Öffentlichkeit tragen? Gibt es nicht genug von jener Sorte Mensch, die ihre Sicht der Welt in die große Sammlung von Erfahrungen und Betrachtungen einreihen, die es - mancher mag es denken - schon zu Hauf gibt?

Genau. Es gibt bereits unendlich viele Menschen, die schreiben und es gibt unendlich viele Geschichten und Texte. Und genau das ist das große Wunder: Jeder, der schreibt, sei es Tagebuch, seien es Briefe, sei es ein Artikel, jeder, der an einem Blog oder vielleicht an einem Buch arbeitet, fügt seine eigene unverwechselbare und individuelle Sicht der Welt, der großen Sammlung von Erfahrungen aller übrigen Menschen hinzu.
Schreiben ist die wundervolle Möglichkeit, zu diesem großen Ganzen beizutragen.

Grundlegend hierbei ist, zu einer wohlwollenden und positiven Haltung sich selbst gegenüber zu finden. Denn nur wenn wir unsere Gedanken überhaupt für wertvoll erachten, schreiben wir sie mit der Intention auf, sie anderen Menschen zugänglich zu machen, sie vielleicht sogar eines Tages zu veröffentlichen.
Wenn wir dann von Begebenheiten, Personen oder Dingen schreiben, dann kommen wir gar nicht umhin, originell zu sein. Denn es wird keinen anderen Menschen auf der Welt mit exakt demselben Blickwinkel geben. Kein Mensch beschäftigt sich genau mit denselben Gedanken wie ein anderer. Kein anderer Mensch hat exakt denselben Erfahrungsschatz, aus dem er schöpfen kann, wie man selbst. Und genau das ist ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg: Authentisch sein.
Wie sieht es mit den großen lebensphilosophischen Fragen aus: Glaube ich an Gott? Glaube ich an den freien Willen? Was ist das größte Glück, dass ich mir vorstellen kann? Was die größte Katastrophe? All diese Fragen (und noch unzählige mehr) liegen einer authentischen Arbeit zugrunde. Je besser ich Position zu solchen Fragen beziehen kann, desto eindringlicher werden meine Texte.

Vor jedem Schreiben, was glaubwürdig und fesselnd sein will, steht also ein ehrlicher Kontakt zu sich selbst. Nur wenn ich weiß, wie ich zu den großen Themen des Lebens stehe, bin ich fähig, einzigartige Dinge zu schreiben. Das bedeutet nicht, dass meine Meinung zu diesen Themen eine endgültige Überzeugung sein muss. Im Gegenteil, ich kann täglich dabei zusehen, wie sich meine Meinungen und Haltungen zu den Dingen wandeln. Und das ist gut so, denn Leben bedeutet Wachstum und es lohnt sich, den Weg dieser Veränderung zu genießen und die eigene Kreativität nicht so lange unter Verschluss zu halten, bis irgendwann vielleicht die großen Worte an unsere Tür klopfen.

Was wir also authentisch vermitteln können sind unsere gegenwärtigen Einstellungen, etwas von unserer Weltanschauung, und je aufrichtiger und ehrlicher wir das tun, desto direkter und kraftvoller wird alles, was wir schreiben.
Viele warten viel zu lange, bevor sie es wagen, mit dem Stift in der Hand oder den klappernden Tasten unter den Fingerkuppen zu schreiben. Und das, weil erst noch das große Thema fehlt. Im Grunde ist alles einen Artikel oder eine Erzählung wert, was uns genug bewegt hat, um einen simplen Kommentar dazu abzugeben. Wenn eine Situation unsere Aufmerksamkeit erregt hat, dann hat sie Bedeutung für uns und wenn es uns gelingt herauszufinden warum, dann haben wir die Grundlage für unseren Text.

Der Wert eines Themas bemisst sich nach dem, was der Autor darin sieht und wie tief er es ergründet. Die besten Texte basieren auf festen Überzeugungen! Ist das nicht ein wundervoller Grund, an die Wurzeln der eigenen Überzeugungen zu gelangen?

[Inspiriert bei: Dorothea Brande: Schriftsteller werden. Autorenhaus Verlag 2001]

Mandala

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 10:47 on Montag, September 18, 2006

Mit äußerster Präzision bringen tibetische Mönche einen Strom gefärbte Sandkörner mit Hilfe eines hölzernen Röhrchens an die richtige Stelle. Sie regulieren den Atem ganz sacht, damit die Sandkörner nicht über den Boden geblasen werden und das Muster zerstören.
So entsteht, aus der Mitte heraus, kreisförmig strukturiert ein filigranes Mandala.
Ein Kunstwerk und gleichzeitig eine symbolische Abbildung der Welt, einer Welt, in der jeder glücklich sein kann und keinerlei Leiden unterworfen ist.
Tage- und wochenlang sind die Mönche damit beschäftigt, den farbigen Sand in geometrischen Figuren auf den Klosterboden zu streuen. Wenn das Mandala fertig ist wird schlicht der Sand zusammen gefegt und in der Umgebung in fließendes Wasser gestreut.

Gibt es ein eindrücklicheres Bild für Vergänglichkeit?

Im Grunde ist nichts real außer der Augenblick, jeder Augenblick aufs neue. Sich ganz auf ihn zu konzentrieren bedeutet, nicht an Vergangenes zu denken und nicht gedanklich in die Zukunft zu reisen. Das hört sich so einfach an, einfacher als es meist ist. Denn viel leichter scheint es, sich an vergangene Momente zu erinnern und das, neben den Erinnerungen an glückliche Momente, öfter mit einem Gefühl, Dinge anders machen zu wollen, vielleicht an verpasste Gelegenheiten zu denken, vielleicht über einem erlittenen Schmerz zu brüten. Genauso unausweichlich scheint es, sich immer wieder und wieder die Zukunft vorzustellen. Die ferne Zukunft mit den Fragen nach dem Gelingen der Träume und Sehnsüchte, und öfter noch die nahe Zukunft mit ihren Herausforderungen. Und hier kommt meist ein schleichendes Gefühl, eines, das lähmen kann und Zweifel nährt: Die Angst.
Angst kann uns schützen wenn Gefahr droht. Doch sie kommt auch auf leisen Sohlen wenn wir über unsere Träume nachdenken, wenn wir über unsere Talente sinnieren und an Situationen denken, die wir in naher Zukunft meistern wollen. Sie kommt weil wir Situationen hypothetisch in ihrer Möglichkeit des Scheiterns durchspielen, uns vorstellen, Dinge nicht zu erreichen. Im schmerzlichsten Fall landen wir bei der Vorstellung, am Ende unsres Lebens nicht das Beste aus unseren Möglichkeiten gemacht zu haben.

Doch gäbe es die Angst auch noch wenn nur der Augenblick gilt?

Angst entsteht weil wir über die Zukunft grübeln und darüber vergessen, dass nichts realer ist als der Augenblick. Weil wir an Vergangenem festhalten und die Wirklichkeit nicht als das begreifen, was sie ist: Unendlich wandelbar. Wenn wir einmal in einer Situation gescheitert sind, warum sollten wir das auch in einer anderen? Wenn wir in der Vergangenheit vermeintliche Fehler gemacht haben warum sollten wir immer wieder und wieder daran denken?
Ein tibetischer Mönch wäre töricht, würde er dem Mandala nachtrauern, sich an seine Schönheit erinnern, die Momente seiner Entstehung revue passieren lassen, um sich dem Schmerz des Verlustes hinzugeben. Die einzig reale Schönheit ist die des Augenblicks, ist die der Entstehung. In dem Moment, in dem das erste farbige Sandkorn den Boden berührt weiß der Mönch um seine Zerstörung. Und in dem Moment, in dem das Mandala nicht mehr ist, lässt der Mönch auch seine Vorstellung des Mandalas los.

Wenn nur der Augenblick gilt, dann wäre es leichter, das zu tun, was man liebt. Dann wäre jeder Gedanke an Kommendes wie das Gefühl, dass man als Kind in den Sommerferien beim Zubettgehen hatte. Wenn die Laken einen sanft umhüllen und der Tag nachklingt, während der Sand auf den Spielplätzen kühlt und das Wissen um einen neuen Tag einen mit freudiger Erregung füllt. Ein wenig als wäre das Leben wieder in diese sanfte Regelmäßigkeit, in diese schlichte Einfachheit gelegt. Dinge kommen und gehen und dazwischen liegt die Nacht und die Gewissheit, dass jemand um einen sorgt.

Einem Mandala aus Sand nachzutrauern wäre, als würde man etwas zum Leben erwecken wollen, was längst nicht mehr ist. Und was ist dazu bestimmt Dauer zu haben?
Was ist dazu bestimmt, Bedeutung zu haben, wichtiger zu sein als anderes? Wie wäre es, das mit Aufmerksamkeit zu betrachten, dass man gerade jetzt in diesem Augenblick tut? Ganz schlicht immer zu wissen, dass Dinge nicht bleiben und ihnen trotzdem, ja gerade deswegen achtsam zu begegnen. Sich an der Handlung zu freuen, statt an das Ergebnis zu denken, an das Gelingen oder Scheitern.
Wie würde es sich anfühlen, nicht an die Vergangenheit zu denken, sondern mehr im Augenblick zu sein als in allem anderen. Immer mehr das zu leben, dass man als Kind fühlen konnte, als Handlungen noch nicht in wichtig und unwichtig, in sinnvoll und sinnlos aufgeteilt waren; jenen Augenblicken als man selbstvergessen mit einem Ast Linien in das Wasser einer Pfütze zeichnete und nichts, wirklich nichts begehrenswerter erschien als den Wellen nachzusehen, die sich in das Blau des spiegelnden Himmels zogen.

Als Schriftsteller lesen

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 10:33 on Mittwoch, September 13, 2006

Die meisten Menschen, die gerne schreiben, sind leidenschaftliche Leser.
Wir lesen die Bücher, die wir lieben jedoch meist mit unkritischen Augen, wir achten eher auf den Gang der Handlung, als auf das Handwerkszeug, das ein Autor benutzt.
Von anderen Texten können wir am meisten profitieren wenn wir sie danach befragen, was sie uns geben können, um die eigene Arbeit zu verbessern. Zunächst hat man vielleicht einen gewissen Widerwillen, Passagen, die einen verzaubern unters Mikroskop zu legen aber durch kritisches Lesen und Imitation können die Werke, die man liebt zu einer wirklichen Inspirationsquelle werden.

Wie sieht das kritische Lesen aus?
Es bedeutet jeden Text zweimal zu lesen. Zunächst einmal wie gewohnt, um sich an der Lektüre zu erfreuen. Dann notiert man sich Fragen zum Gelesenen.

  • Hat es mir gefallen oder nicht?
  • Was hat mir daran gefallen und an welchen Stellen hat der Autor meine Zustimmung verloren?
  • Sind mir einige Szenen besonders im Gedächtnis geblieben?
  • Liegt das daran, weil sie gut beschrieben waren oder weil der Autor hier einen Fehler gemacht hat?
  • Wie hat der Schriftsteller Situationen, die mir selbst schwer fallen, gemeistert?

Vor allem die Fragen nach den eigenen Schwierigkeiten ist wichtig. Bei jedem entstehenden Werk, sei es ein Roman, eine Erzählung, ein Drehbuch, ein Essay oder ein Artikel treten andere Schwierigkeiten auf. Die Spannweite reicht von der Frage wie man einen guten Einstieg findet bis zur Kunst einen spannenden Dialog oder einen klangvollen Satz zu schreiben. Jeder angehende Schriftsteller hat seine eigenen Fragen (die sich auch im Laufe der Zeit verändern) und findet in den Büchern, die er liest seine eigenen Antworten.

Im zweiten Schritt liest man den Text nochmals und dieses Mal mit den Augen eines Schriftstellers.

  • Wie erfährt man, dass Zeit vergangen ist?
  • Wie bewegen sich die Figuren von einer Szene zur nächsten?
  • Aus welcher Perspektive wird die Geschichte erzählt?
  • Weil wir das Ende bereits kennen ist es nun möglich auf Hinweise darauf zu achten: Wann wird eine Charaktereigenschaft, die später zu Problemen führt, zuerst erwähnt? Gibt es Vorausdeutungen, die die Spannung erhöhen?
  • Auch der Rhythmus des Textes ist von Bedeutung: Wird er langsamer oder schneller, wenn ein Autor etwas betonen will? Hat der Autor Lieblingswörter? Ändert sich das Vokabular, wenn die Aufmerksamkeit zu einer anderen Figur gelenkt wird?

Trainiert man diese Art zu lesen und macht sich Notizen zu den eigenen Fragen wird schon nach wenigen Büchern und Textpassagen das Gespür für die Bauart eines Werks wachsen. Will man an seinen Schwierigkeiten arbeiten, seinen Stil verbessern, bringt das kritische, aufmerksame Lesen große Fortschritte. Und die Verzauberung bei der Lektüre wird bleiben, denn in Wirklichkeit genießt man ein Werk umso mehr, wenn man um die kunstvolle Art und Weise weiß, in der ein Autor mit seinem Handwerkszeug umgegangen ist.

[Inspiriert bei: Dorothea Brande: Schriftsteller werden. Autorenhaus Verlag 2001]

Imitation

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 1:27 on Dienstag, August 22, 2006

Jedem Schreiben geht ein genialer Gedanke voran. Eine unverwechselbare Idee. Ein Bild, ein Tagtraum, eine Geschichte. Das Material mit dem wir diesem Traum Leben einhauchen sind Worte - doch wie findet man seinen eigenen Stil, seine unverwechselbare Stimme?

Kaum eine andere Tätigkeit ist so vom Gedanken angeborener Genialität durchdrungen wie das Schreiben. Die Mühe und Feinarbeit der zahlreichen Entwürfe, ist dem fertigen Werk ebenso wenig anzusehen wie die Wortfeile den einzelnen Sätzen.
Kopieren, Imitieren, Nachahmen der eigenen Lieblingsautoren unterwandert den Gedanken der schöpferischen Genialität. Doch nur zum Schein - denn nirgendwo ist Imitation so sehr erlaubt wie in der Kunst. Durch Fingerübungen bringt man sich im Zeichenunterricht die Schraffur und Linienführung bei, die eine bestimmte Stimmung erzeugt. Beim Kopieren anderer Werke studiert man deren Farbkomposition und Formensprache und entwickelt dabei ganz automatisch seinen eigenen Stil.

Auch Autoren haben sich schon immer an anderen Autoren geschult. Warum kommt man auf die Idee zu schreiben? Weil man andere Literatur gelesen hat. Literatur funktioniert nur, weil es Literatur gibt, auf der sie aufbaut, an der sie anknüpft, die sie weiterführt.
James N. Frey stellt in “Wie man einen verdammt guten Kriminalroman schreibt” eine Erfolg versprechende Methode vor, wie man sich durch Imitation verschiedene Stile beibringt und dabei ganz nebenbei den eigenen, unverwechselbaren Schreibstil findet.

  • Jeden Tag, bevor man sich zum Schreiben hinsetzt, nimmt man sich einen Text eines stilistisch guten Autors und tippt zwei bis drei Seiten Wort für Wort ab. So bekommt man ein Gefühl für den Rhythmus, den Stil des Textes und es wird sichtbar, wie der Autor seine Dialoge zum Funkeln und Sprühen bringt.
  • Dann schreibt man eine etwa eine Seite lange Imitation dessen, was man abgetippt hat, möglichst in der Sprache des Textes. Wenn man also eine Außenszene mit Action abgetippt hat, dann schreibt man eine Außenzene mit Action.
  • Man nimmt sich so mehrere Autoren und Stile vor, bis man den Eindruck hat, diverse Erzählerstimmen und Stile imitieren zu können. Aus dieser Fähigkeit, Stil, Tonfall und Erzählerstimme mühelos zu wechseln wird die eigene unverwechselbare Stimme hervorgehen. Eine Stimme, die zu der Geschichte passt, die man erzählen will, eine Stimme, die ganz anders ist als die, die man imitiert hat.

Wenn dann Freunde und Probeleser, die die Entwürfe lesen einem erzählen, die Texte seien genial und man selbst besitze ein angeborenes Talent, hat man immer noch die Wahl, sie aufzuklären oder die Leute in dem Glauben zu lassen, man sei ein Genie.

[Inspiriert bei: James N. Frey: Wie man einen verdammt guten Kriminalroman schreibt. Hermann-Josef Emons Verlag 2005]

Gerahmt

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 2:40 on Mittwoch, August 9, 2006

Goldgebacken hing der Mond in meinem Fenster…
In den Abendstunden sind die Gedanken immer ein kleines bisschen anders, ein kleines bisschen reifer als die Stunden des Tages. Sie umrahmen, ebenso wie das Fenster die dahinter liegende Landschaft, die Begegnungen und Stunden des Tages. Wenn man lange genug hinaussieht, seinen Blick in dieses kleine Quadrat gerahmten Lebens legt wird man irgendwann nicht mehr mit allen Sinnen drinnen sein. Die Gedanken folgen dem Blick und sammeln sich draußen, schmiegen sich an die wogenden Zweige des Baumes, glätten sich an der weißen Hauswand gegenüber, wandern über Berge oder sammeln sich unten am Fluss.
Diese Augenblicke sind wertvoll. Auch wenn man vielleicht das Gefühl hat, nicht mehr in den eigenen Räumen zu wohnen, so findet man sich nach einer Weile verändert wieder. Dann merkt man, dass man etwas mitgenommen hat aus den Wanderungen im Fensterrahmen, dass man draußen war und zugleich drinnen, dass in dieser Zeit die jüngsten Erlebnisse ein wenig tiefer gesunken sind, dass sich Schicht um Schicht die Bilder des Tages regen, die Zusammenhänge deutlicher werden.

Als ich so saß, versunken, verloren zuerst in die kleine Wolke vor dem Dunkelblau, in die Linien der Ziegeldächer, in die Wellen der kleinen getupften Bäume, dachte ich an den Moment, in dem ich heute durch die Bücherschluchten der Bibliotheksmagazine gelaufen bin. In den langen Reihen der unterirdischen Papierschluchten hat mich ein Gedanke erwischt. So als hätte er sich aus alle den Buchstabenmeeren da unten zusammen gefunden, aus allen alten und neuen Büchern, die für Jahrhunderte in dunklen Kellern schlafen und die Geschichten und Gefühle derer tragen, die sie geschrieben haben. Sie flüsterten aus ihren Halbschläfen und sie sprachen zu mir nicht ganz neidlos von dem Glück, dass ich habe: Dass ich jetzt in eben diesem Moment fühlen kann. Das ich alle die Geschichten, Erfahrungen, Begegnungen, Gefühle, alle die Momente, die ein Menschenleben ausmachen, die sich als Worte in Buchstaben und Klang in Büchern finden lebe. Jetzt lebe.

Unser Bewusstsein ist ist so gut wie ganz von den täglichen Beschäftigungen, mit Erinnerungen und Erwartungen in Beschlag genommen. Uns ist gar nicht mehr bewusst, dass es eine andere Erfahrung als diejenige des Augenblicks nicht gibt. Wir verwechseln die Welt, über die man redet und schreibt und die man beurteilt, mit der Welt, die tatsächlich ist. Die Faszination für Bücher, mit all ihren Namen und Zahlen, ihren Symbolen, Zeichen, Begriffen und Ideen lässt uns manchmal vergessen, dass wir eben jene Wege genauso gehen. Dass alle Liebe, die wir für Bücher und Worte haben, für die großen und kleinen Geschichten von Menschen, auch für unsere eigenen großen und kleinen Geschichten gilt.
An jedem einzelnen Tag schaffen wir die Wirklichkeiten, die in Bibliotheken und in Regalen Buchseiten füllen. Was die Dichter beschreiben ist nichts anderes, als das, was wir jeden Tag leben gehen, ihre Bilder sind unsere Bilder nur unsere sind warm und lebendig, sind formbar und nah. Wenn man am Abend eine Weile aus dem Fenster sieht, legt sich der Rahmen wie die Vorder- und Rückseite eines Buches um unser Leben. Setzt, wie der Ausschnitt eines Fotos, alltägliche Dinge anders miteinander in Beziehung. Alle Gedanken, alle Momente eines Tages sind in ihrer Summe ebenso wertvoll wie die großen Momente der Literatur. Sind sie doch aus demselben schlichten, schönen Material gebaut. Was sie von unseren Tagen unterscheidet ist die Rahmung durch die Buchseiten, doch wovon sie erzählen sind die Sehnsüchte, die jedes Menschenleben bewegt.
Solange man seine Welt im Auge behält, sie in einem kleinen Rahmen liebevoll betrachtet, ihr Zeit und Ruhe gibt, sich zu wandeln in Bilder, die wir dann in uns tragen, solange können wir sie zum Guten verändern. Dann machen wir nichts anderes, als die Dichter. Wir sammeln die Gefühle, die Wünsche und Sehnsüchte in Bilder und erzählen sie uns. Und ebenso wie wir uns selbst diese Bilder vorstellen, können wir es auch in den Begegnungen mit Menschen tun. Bilder erzählen, einen Rahmen legen ist eindrücklicher als theoretische Gedanken, Vorwürfe, Bitten formulieren. Lieber: Klare Bilder beschreiben, die der andere sehen kann als würde er durch unser kleines Fenster schauen. Und immer Gefühl mit ihnen mitgeben. Dann fallen die Bilder tiefer und bleiben nachhaltiger.

Ich fühle mich geborgen in der Welt wenn ein andrer Mensch übers Leben schreibt und ich mich in darin finde. Ich fühle mich geborgen wenn ein andrer Mensch mir seine Bilder mitteilt und mir Gefühle zeigt, die ich achten kann. Ich fühle mich zu hause in der Welt wenn ich meinen Blick am Abend durch das Fenster freilasse und ein wenig von dem begreife, aus dem mein Leben gebaut ist. Und wenn meine Gedanken von ihren Wanderungen zurückkommen, weiß ich ein kleines bisschen mehr, welche der Wege ich am nächsten Tag weitergehen möchte, mit größerer Wachsamkeit noch und mehr Vertrauen. Dann weiß ich ein kleines bisschen mehr um die Wünsche und Gedanken, die meine Handlungen am Tage formen, dann wächst in mir der Wunsch ihnen noch mehr Freiraum zu geben und noch schönere Bilder für sie zu finden.

Schritte auf Licht

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 10:09 on Freitag, Juli 21, 2006

Jetzt muss ich mich nicht mehr so viel suchen gehen
zwischen den Orten, Tagen, Stunden. Jetzt bin ich hier.
Jetzt finde ich mich suchend in meiner Mitte, wo es
Sturm und Stille gibt und Wolfsspuren und Vogelfedern.

Ich liebe Dich für Die Fährten, die ich aufnehmen kann
an Deiner Seite. Ich liebe Dich für die Wege, die sich
zwischen die Wünsche legen, für die Schritte auf Licht.

In Deinen Augen, ihr waldhonigbraun hindurchscheinend
liegt Deine Seele. Ich könnte Dir eine Himmelsewigkeit
hineinsehen, hinblicken zu dem Ort, wo es Schönheit
und Weite gibt und Schwertklänge und Adlerflügel.

Zyklen

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 9:55 on Freitag, Juli 21, 2006

Es gibt eine geheimnisvolle Uhr in unsrem Innern. Wie die Sonne den Pflanzen sagt, dass es Frühling wird und sie sich langsam in der Erde regen, ihre dunkle Kammer verlassen, in Zeitlupe zum Licht wachsen; wie der Mond den Ozean in Ebbe und Flut bewegt, so scheint jene unsre Gefühle und Gedanken zu bewegen. Es scheint, als haben wir immer wieder die gleichen Gedanken, die gleichen Probleme, stehen vor denselben Fragen, scheitern an derselben Stelle. Könnte es nicht sein, dass es darin ein Muster gibt? Wenn wir uns vorstellen, dass wir eine Überdimensionale Landkarte erstellen könnten, eine seismographische Aufzeichnung unsrer Gefühle und Gedanken während unsres ganzen Lebens, wäre es dann nicht denkbar, dass sich vor unsren Augen ganz klare Linien und Muster ergeben könnten?

Ich denke ja. Unsre Gedanken vergehen nicht spurlos. Sie verändern wer wir sind, sie verändern wer wir sein werden. Wenn wir uns öfter klar machen würden, dass all unsere Gedanken für immer wie in einem Gefäß aufgehoben sind, dass sie uns nach ihren eigenen Gesetzen an Vergangenes erinnern, würden wir uns ihrer Kraft nicht bewusster sein?

Die Erinnerung ist ein rhythmisches Gefäß. Wenn ein Gedanke, verbunden mit tiefen Gefühlen in unser Leben tritt, wird er nie wieder aus uns heraustreten. Es fließt in dieses Gefäß aus Erinnerung und taucht nach einem geheimnisvollen Muster wieder auf. Dieses Muster heißt Zeit. Wir tragen ein Gefäß an Erinnerungen in uns und sind uns oft nicht bewusst, warum genau an jenem und nicht an einem anderen Tag genau die eine und nicht die andere Erinnerung auftaucht, gleichsam an die Oberfläche des Gefäßes gespült wird und unsre Gedanken beschäftigt. Wie der Tag die Nacht ablöst oder die Jahreszeiten einander, so erinnern wir uns unseres vergangenen Lebens in Rhythmen. Wir leben und denken in Zyklen. Wir feiern unsre Geburtstage und Weihnachten, wir gedenken den wichtigen Tagen, wie dem Tag, an dem wir einen geliebten Menschen kennen gelernt, oder dem Tag, an dem wir einen geliebten Menschen verloren haben und geben dem Gedanken keinen Raum, dass auch unsere Erinnerungen Zyklen haben. Alles kehrt wieder, oft in veränderter Gestalt, nichts tritt aus Zufall in unsre Tagesgedanken ein. Wir besitzen ein feines Adersystem aus Uhren und Gefäßen im Innern, die alle zu ihrer Zeit und nach ihren Gesetzen Bilder ausspucken. Da werden Gesichter und Orte an Land gespült und wieder fort genommen um ein andres Mal wieder aufzutauchen, so lange, bis es Sand und Wasser und Welle zugleich ist. Solange bist es sich zerrieben hat und formlos und klein wird. Die Fragen, die wir uns stellen, unsere Gefühle und Gedanken wiederholen sich so lange, bis sie auf keinen Widerstand mehr stoßen. Bis wir sie als das anerkennen was sie sind, Wegweiser auf ungelöste Aufgaben. Bis wir sie umarmen und als Teil unsrer Suche ansehen. Denn: Was abgelehnt wird bleibt.

Was angenommen wird hingegen, was umarmt wird, sei es auch noch so ein ängstliches Gefühl, sei es auch noch so ein hemmender Gedanke, verliert seinen Schrecken. Wenn wir vertrauen darauf haben, dass Dinge nur so lange wiederkehren, solange wir sie nicht verwirklichen, in unser Handeln integriert haben, können sie uns auf unserer Suche helfen. Die Protagonisten der Märchen haben stets ein übergeordnetes Lebensthema, dass sie auf ihrer Suche zu erfüllen bestrebt sind. Das kann ein Aspekt ihrer Persönlichkeit sein, den sie noch nicht in ihr Leben integriert haben, eine Berufung, die es zu finden gilt oder die Suche nach dem Geliebten oder der Geliebten. (Es gibt so viele Lebensthemen, wie es Menschen gibt.) Sie scheitern so lange an ihrer Aufgabe, bis sie gelernt haben, sich den eigenen Fähigkeiten und dem eigenen Wissen anzuvertrauen. Bis sie erkennen, dass die Zeit von selbst gewisse Dinge anmahnt und eine unterschiedliche Qualität für das Gelingen birgt. Es bedarf oftmals mehreren Versuchen, bis das Vorhaben gelingt.

Wiederkehrende Gefühle und Gedanken sind kein Ausdruck dessen, dass wir auf der Stelle treten. Sie sind ein Zeichen dafür, dass wir eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen haben, dass wir die richtigen Worte und die richtigen Taten für sie noch suchen. In jenem Augenblick, da wir sie lieben lernen, als Ausdruck unseres Weges, werden wir ihr stetes Wiederkommen begrüßen. Dann werden sie zu Vergewisserungen, dann können wir an ihnen messen, ob wir uns immer noch auf unsere Ziele zu bewegen, zurückblicken und erkennen wie viele Schritte wir schon auf jene Ziele zugegangen sind.