Vom Lese(r)glück

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 3:37 on Sonntag, Dezember 13, 2009

Literatur ist eine besondere Ausdrucksform. Sie braucht den Leser.
Erst durch die Phantasie des Lesers vollendet sich der Text. Nur mithilfe der Vorstellungskraft eines jeden Einzelnen wird die Welt aus Papier lebendig. Jeder kann die Probe aufs Exempel machen und prüfen, inwieweit mithilfe des reichen Fundus an eigenen Erinnerungen und Bildern die Welt zwischen zwei Buchdeckeln lebendig wird.
Literatur hat etwas Privates, man kann sich eine Geschichte durch das Lesen buchstäblich zu eigen machen. Die Begegnung mit Literatur geschieht zu Hause im Lesesessel, im Zug, auf dem Balkon, im Café oder wo auch immer man am liebsten lesen mag. Beim Lesen verschwindet die Welt und der Fokus richtet sich auf den Sog jener aneinander gereihten Buchstaben, die eine andere, fiktive Welt vor dem inneren Auge entstehen lassen. Braucht es mehr zum Leseglück? Oder muss man noch etwas über die Biographie des Autors wissen, über die Entstehungsumstände des Buches oder über den Schaffensprozess?

Ich habe eine Leserin, die mir schrieb, dass sie das “Schreiben über das Schreiben” eitel findet und dass ein guter Autor hinter dem Text kommt. Ich glaube, dass sie damit recht hat. Ich glaube aber auch, dass es sich lohnt (vor allem, wenn man einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin begegnet, dessen/deren Dichtung man wirklich mag), auch auf den Menschen zu sehen, der schreibt, auf seinen Weg, auf seine Fragen und auf sein Schreiben. Besucht man etwa eine Literaturausstellung, so kann man sehen, dass jedes Blatt Papier, jeder Gegenstand Spuren trägt, kleine manchmal unbedeutend anmutende Zeichen, die uns Geschichte vergegenwärtigen und den Menschen vorstellbar machen. Sie zeigen etwas von dem kreativen, selten auf Anhieb glückenden Prozess des Schreibens. Und ich glaube, dass dadurch das Verständnis einer Dichtung reifen kann.
Literatur ist (im Gegensatz etwa zur Bildenden Kunst) aber nicht zur Ausstellung bestimmt. Ist das, was man in einer Vitrine sieht, Literatur? Der in einem Museum ausgestellte Text ist nicht “die Sache selbst”. Es verhält sich mit ihm wie mit der Notation eines Musikstücks: Musik ist nicht die Partitur auf einem Blatt Papier.

Und dennoch lohnt sich der Blick ins Museum. Zu Hause im Lesesessel erfährt man ein Buch als etwas Fertiges und Privates. Die Welt zwischen zwei Buchdeckeln fängt immer dann an, sich vor meinem inneren Auge auszubreiten, wenn ich das Buch aufschlage. Ich fülle die Leerstellen mit meinen Bildern. Liest man Hintergrundinformationen oder schaut sich das Manuskript im Original an, so erfährt man Literatur als etwas Gewordenes und auch etwas Fremdes, das einem trotz aller Liebe zum Lesen nicht ganz begreifbar wird. Und gerade deswegen halte ich es für sinnvoll, die Entstehungsumstände einer Dichtung zu beleuchten. Man muss nicht so lange hinschauen, bis der Autor einem als Mensch entgegen tritt, aber so lange, bis das Werden eines Werks sichtbar wird. Ich glaube hier liegt der feine Unterschied. Ich muss nicht wissen, was jemand gerne zu Abend isst oder etwas über sein Liebesleben erfahren, ich muss keine als Devotionalien präsentierte Gegenstände eines Autors bewundern, doch jede Information über das Schreiben (mit seinen Höhenflügen und seinen Abgründen), kann mein Verständnis des Textes präzisieren.

Ich muss nicht die Biographie von Hermann Hesse kennen, um seine Bücher mit Gewinn zu lesen. Ich kann aber Hesses Aufzeichnungen etwa zum Glasperlenspiel lesen und begreifen, warum es Fragment geblieben ist und warum der Autor ganze zehn Jahre daran geschrieben hat. Ich kann entdecken, dass das Buch nicht linear und nur bedingt zielgerichtet entstanden ist. Was bedeutet das? Hesse schrieb von verschiedenen Stellen aus seinen Roman, überarbeitete Passagen über Jahre hinweg und arbeitete zwischenzeitlich monatelang nicht an seinem Buch. Doch auch das nicht geschriebene Werk war für ihn immer Mittelpunkt des Lebens. Wer kennt das nicht. Je anhaltender die Arbeit stockt, desto größer ist die Sehnsucht nach dem Schreiben.

Wenn wir uns als Leser auf die Suche machen nach der Genese einer Dichtung, nach jenen Zeichen, Wortlisten, Streichungen und Plänen, können wir unser Bild, das wir beim Lesen des Textes gewonnen haben, überdenken. Wir können es neu ausrichten oder bestätigt finden. Wir können Bezüge zu unserer eigenen Lebenswelt herstellen. Doch all diese Fragen verlangen Bescheidenheit. Denn das letztendliche Geheimnis jeder Kreativität, jedes Kunstwerks, kann (zum Glück) nicht gelüftet werden. Ein Buch, das man liebt, gehört einem auf unveränderliche Weise. Ist ein Buch fertig, löst es sich von seinem Urheber und wird gewissermaßen autark, autonom. Ein Autor verschenkt seine Dichtung. Und er verschenkt, wenn er das möchte, ebenso die Augenblicke, die zwischen den weißen Seiten und der fertigen Geschichte liegen.

PS: Vielen Dank für die unendliche Geduld meiner Leser. Der Roman wächst und gedeiht immer noch. Ich hoffe es werden letztendlich nicht sieben Jahre à la Zauberberg! Eine neue Rubrik, die eigene Texte vorstellt, soll bald einen kleinen Einblick in die Schreibstube geben…

Eure Iris

Durch die Tiefe

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 9:33 on Samstag, Juni 6, 2009

Ist es nicht verwunderlich, dass man auch als Autor manchmal nicht hinter das Geheimnis des Schreibens kommt? Dass man manchmal die Genese seines eigenen Textes nicht versteht? Woher kommt die Phantasie? Warum entzieht sie sich, wenn man sie gerade zu fassen versucht? Man kann sie nicht zwingen, so scheint es, sie arbeitet im Stillen, Geheimen und sucht sich ihre Wege um irgendwo aufzutauchen, im Schlepptau die Bilder und Gedankenfetzen, die man, manchmal mühsam, manchmal wie in einem einzigen Rausch, zu einer Geschichte verarbeitet.

Dabei sucht und sammelt man beständig, spitzt die Ohren wenn man heimlicher Zuhörer eines Gespräches wird, studiert markante Gesichter, ausdrucksstarke Gesten. Man notiert Szenenentwürfe in Notizbücher und an den Rand der aktuellen Buchlektüre oder auch nur mental. Dann vergisst man die Details (und man tut gut daran) und sie werden genau zum richtigen Zeitpunkt wieder auftauchen, sich in einer Geschichte verselbstständigen. Und auch wenn man diese Erfahrung wieder und wieder gemacht hat, so wird doch die Summe der Erfahrung nicht zur Gewissheit des eigenen Könnens.
Woher kommt es, dass man, obwohl man auf viele niedergeschriebene Seiten zurückblicken kann immer wieder Angst hat, nicht mehr schreiben zu können? Gerade so als wäre es etwas, was man unachtsam verlieren könnte. Man kann noch so viel zu Papier gebracht haben, noch so viel Lob oder Anerkennung bekommen haben, man fürchtet sich davor, es einzubüßen, zu verlieren, zu vergessen. Hier ähnelt das Schreiben keiner anderen Tätigkeit. Nirgendwo sonst, als in der Kunst, ist die Tätigkeit so sehr abhängig (oft gefühlsmäßig abhängig) von etwas, was man kaum benennen kann.

Es ist, wie es Thomas Mann im Tristan sagt: “Daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten.” Dem ist nur hinzuzufügen, dass dies auch für Schriftstellerinnen gilt. Es gibt natürlich einige Ausnahmen. Irene Dische sagte etwa nach einer Lesung, dass ihr das Schreiben leicht von der Hand ginge. Sie kenne dieses Dichterklischee nicht, dass man am schreiben leide. Unter meinen großen Vorbildern gibt es, wenn ich darüber nachdenke, jedoch viele, die am Schreiben litten. Das Konzept des melancholischen Genies und der zerrissenen Künstlers etablierte sich vor allem in der Frühromantik. Seither gehören Selbstzweifel und Schreibblockaden für einen Autor geradezu zum guten Ton. Diese besondere Leidens-Disposition hat zu Sehnsüchten und Projektionen, Artikeln und ganzen Büchern geführt. Etwa, um bei Thomas Mann zu bleiben, seine novellistische Studie Schwere Stunde, in der er einen Friedrich Schiller imaginiert, der mit der Fertigstellung seines Wallestein ringt. Die Entstehungsgeschichte wird zur Leidensgeschichte. Selbst bei großem Talent ist das Schreiben nicht immer von Leichtigkeit geprägt.

Man mag es also auf der einen Seite wissen und kann doch auf der anderen Seite nicht aus seiner Haut. Es ist, als ob diese Klage immer wieder und für (fast) jeden, der schreibt, aufs Neue gilt. Aber, so wage ich zu behaupten, gerade diese Zweifel und diese Qual, die Fähigkeit, schonungslos ehrlich mit seinen Gefühlen umzugehen, wird letztlich für die Qualität des Textes bürgen. “Kunst definiert sich weniger durch das ausgedrückte Objekt, sondern durch die Tiefe des Subjekts, das dieses Objekt ausdrückt.” schreibt Ken Wilber. Die Fähigkeit, diesen Tanz zwischen absoluter Selbstüberschätzung (immerhin wird man zum Schöpfer einer eigenen Welt) und absolutem Selbstzweifel (denn es könnte doch immer besser sein und ist im Grunde nie fertig) auszuhalten, ist noch gar nicht gebührend gewürdigt worden.
Das Schreiben nimmt, wenn man sich traut, es ernst zu nehmen, einen hohen Stellenwert im eigenen Leben ein und gleichzeitig bleibt es doch immer auch eine Art Spiel, etwas, das zu schaffen keine Notwendigkeit besteht, dem immer auch ein Hauch Luxus, Narzissmus, Verzichtbarkeit anhaftet. So ist man manchmal doppelt zerrissen: Zwischen Spiel und absoluter Notwendigkeit. Zwischen Glaube und Selbstzweifel.

Ich hoffe, dass es letztlich immer ein wenig von beidem braucht: Einsicht und Mysterium, intellektuelle Analyse und traumwandlerischer Hingebung. Es ist ein schmaler Grat, denn in beiden Richtungen kann man sich verlieren und in beiden Richtungen liegt das Versprechen, tatsächlich teilzuhaben, an dem großen Traum, eines Tages ein eigenes Buch in den Händen zu halten.

Der Horchende am Stein

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 5:48 on Freitag, Januar 16, 2009

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Was ist das Geheimnis des künstlerischen Schaffens?
Gibt es da überhaupt ein Geheimnis, das man mit Worten lüften kann? Ist es vielleicht schon gänzlich erforscht? Oder bleibt der schöpferische Prozess zuletzt unergründlich und es gibt auf diese Frage so viele Antworten, wie es künstlerisch tätige Menschen gibt? - Nun, wie es auch sei: vielversprechender kann eine Frage zu Beginn eines Artikels kaum sein. Manch einer wird darin den Titel von Stefan Zweigs Vortrag “Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens” von 1938 erkannt haben, ein anderer mag sich denken, dass diese Frage so alt ist wie die Kunst selbst. Manchmal kann es wichtig sein, seine eigene Antwort zu finden. Als Trost, wenn es Zeiten gibt, in denen das künstlerische Schaffen nur schwer gelingen mag. Wenn die Angst wächst, sich von seiner Kreativität zu entfernen.

Ein Kunstwerk entsteht nach seinen eigenen Gesetzen und ist immer an den jeweiligen Künstler gebunden, wie befreiend der “Tod des Autors” auch immer für die Interpretation von Texten sein mag.°°° Im Augenblick seiner Entstehung ist das Kunstwerk gleichwohl an den Autor, an den Künstler gebunden, denn aus der Fülle an Material, seien es Farben, Linien oder Worte, die allen Menschen zur Verfügung stehen, formt er, um es mit Zweig zu sagen “ein Etwas, was vorher nicht gewesen ist.”
Diese Verbindung kann eine leichte, kann eine qualvolle sein.
Der Begriff Inspiration, von lat. inspiratio macht das deutlich. Inspiration ist nur ein Hauch, ein völlig immaterieller, unfasslicher Vorgang, eine unsichtbare Beseelung. So wird die Inspiration oft in dem Bild der Äolsharfe beschrieben (von Äolus, dem griechischen Gott des Windes) und wurde zum Sinnbild des Dichters. Dieses Saiteninstrument ähnelt einer Harfe und wird nicht von Menschenhand, sondern vom Wind, vom Wetter zum Klingen gebracht.

Dieser unfassliche Hauch ist es, den wir an Kunstwerken bestaunen. Wir spüren ihn, wenn wir den Tanz im Moulin de la Galette von Renoir bestaunen, den wirbelnden, wogenden Schatten auf den Kleidern der Frauen folgen und von der Lebenslust und Freude in den Gesichtern der Dargestellten, die für immer und alle Zeit eingefangen ist, berührt werden. Wir spüren ihn, wenn wir Edvard Griegs Solvejgs Lied hören und fast dahin schmelzen weil es so unbegreiflich ist, wie Schmerzen und Freude in einer einzigen Melodie so nah beieinander wohnen. Wir spüren es, wenn wir in Rilkes Stundenbuch blättern und lesen “Mach mich zum Wächter deiner Weiten, mach mich zum Horchenden am Stein, gib mir die Augen auszubreiten auf deiner Meere Einsamsein; lass mich der Flüsse Gang begleiten aus dem Geschrei zu beiden Seiten weit in den Klang der Nacht hinein.”
Und doch: Betrachten wir das Werden dieser Kunstwerke so finden wir Vorstudien, Skizzen, Notenblätter, zerrissenes Papier, abgebrochene Linien, durchgestrichene, überarbeitete, verworfene und wieder aufgenommene Zeilenfolgen. Wirft der Künstler die Pinselstriche in traumwandlerischer Sicherheit auf die Leinwand? Tragen ihn die Worte über alle Nöte und Schwierigkeiten einer Szene, einer Dichtung hinweg?

Ich kenne sie, solche Momente. In denen man wirklich entrückt ist, in denen man den Saum einer tiefen, unbewussten Schöpferkraft zu fassen bekommt, danach greift und davon getragen wird. Die Tasten klappern haltlos, da ist kein Stuhl mehr auf dem man sitzt, kein Rücken, der vom langen Sitzen schmerzt, keine Dächer und Antennen vor den Fenstern, kein Innehalten, keine Grübelei, nur Leichtigkeit und Freude. Da stolpern die Sätze ungeplant hervor und es ist ein wenig so, als müsse man nichts anderes tun, als genau hinhören und aufschreiben, was irgendwo schon für einen geschrieben steht.
Aber es gibt auch andere Stunden. Ringende, mühsame, unproduktive, langsame, gedankenvolle Stunden, in denen man so wenig zu Papier bringt, dass unweigerlich Zweifel am eigenen Talent auftauchen.
Die Muse ist launisch. Manchmal sitzt man viele Stunden vor dem blinkenden Cursor oder vor Papier, auf dem jeder Strich zu misslingen scheint. Und manchmal gibt es auch jene Stunden, in denen die besten Szenen entstehen, weil man sie logisch und mit dem nötigen Handwerkszeug, durchdacht und geplant zu Papier bringt.
Eben dies ist Stefan Zweigs These: Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens vollzieht sich im Spannungsfeld dieser beiden Pole. Unbewusstheit und Bewusstheit, Inspiration und Technik. Darüber hinaus hat jeder einzelne Künstler innerhalb dieser Grenzen sein ganz eigenes Geheimnis der künstlerischen Schöpfung. Und dieses eigene, kleine Geheimnis ist es, auf das man sich - so schwer der Gedanke auch manchmal zu sein scheint - verlassen kann.
Wie oft zweifelt man so rigoros an seinem Talent, an seiner Begabung, dass man alles in Frage stellt? Jeder, der an einer Arbeit sitzt, die für ihn wichtig ist, kann sich diese Frage selbst beantworten.

Die Frage, die ich mir gerade stelle ist: Brauche ich mein Leid, um schreiben zu können? Brauche ich die Zeiten, in denen große, existentielle Fragestellungen mich bewegen? Oder gelingt es auch in Zeiten, in denen die Seele ganz ruhig ist? Kann ich nur über mich schreiben, meine Biographie schreibend verarbeiten, wie es Erstlingswerken nachgesagt wird, oder gelingt es mir, über die fiktionale Brücke zu gehen? Was ist mit den unendlich langen Stunden, in denen ich bereits geschriebenes korrigiere oder unvollständige Szenen und Dialoge ergänze? Wo bleibt, wenn ich zweifle, meine Inspiration? - Dort, irgendwo zwischen all diesen Fragen nach dem Grad der eigenen Begabung, nach der Qualität der eigenen Arbeit liegt das Geheimnis. Jenes individuelle Geheimnis, das jeder Schaffende hat. Ich glaube fest daran: Solange wir zweifeln, wollen wir wachsen, weitergehen. Und auch wenn man es nicht immer spürt, man ist zumindest einmal im Leben mit etwas so sehr in Berührung gekommen, dass es reicht, um ein ganzes Leben daraus tätig zu sein. Das kann eine intellektuelle Gewissheit sein. Das kann eine existentielle, eine tragische oder beglückende Situation gewesen sein. Das eigene Geheimnis, die magische Schneekugel, die wir immer wieder betrachten können, ist immer da.

Zuletzt (und das wohl wissend, um die Länge dieser Zeilen) noch einige Gedanken, wie man das Feuer der Inspiration schüren kann. Es ist ganz einfach: Man muss sich hinaus stellen, in den Wind, damit die Seiten der Harfe klingen. Die Berührung suchen, die man vermisst. Sich öffnen und verletzlich machen. Seiner Freude folgen, wie Joseph Campbell es sagt, es wagen - trotz der periodisch wiederkehrenden Zweifel - unsere eigene Sicht der Welt der großen Sammlung von Erfahrungen hinzufügen. Vielleicht, so habe ich mir vorgenommen, jeden Tag ein Gedicht lesen, um jene Verbindung zu mir selbst zu bewahren. Wagemutig sein und an das Geheimnis rühren, das uns verletzlich, das uns menschlich macht und immer in der Lage ist, uns über das hinaus zu heben, was momentan unser Alltag ist.

°°° Dieses poststrukturalistische Konzept bezweifelt, dass der Autor die alleinige Autorität ist, die den Sinngehalt eines Textes bestimmt. Einmal in der Welt, ist ein Kunstwerk autonom, losgelöst von seinem Schöpfer oder seiner Schöpferin und kann so Bedeutungen entfalten, die außerhalb der Intention des Autors liegen. Der fertige Text wird so zur Grundlage jeglicher Interpretation.

Die Dinge und die Worte gehen im Kreis herum

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 1:10 on Montag, Oktober 27, 2008

Darf man sich als Germanistin und Büchernärrin trauen, zu sagen, man hätte Judith Hermanns Sommerhaus, später nicht gelesen? - Fast acht Jahre lang nicht gelesen, schlicht weil es in aller Munde war?
Ein seltsames und weit verbreitetes Phänomen: Man scheut sich die Bücher eines Autors zur Hand zu nehmen, weil einem der Ruhm und Erfolg zu viel Aufmerksamkeit einnimmt. Für wen sich die Massen begeistern, kann eigentlich nicht gut sein.

Ich habe mich überwunden. Ohne große Mühe, weil der Zufall mir das tiefblaue Taschenbuch in die Hände gespielt hat. Sie haben mir gefallen, die Kurzgeschichten Judith Hermanns, und ich nehme sie zum Anlass, über etwas zu sprechen, worüber ich schon eine Weile nachdenke: Die Sprachmelodie eines Autors.
Es mag seltsam klingen, aber es irritiert mich nachhaltig, wenn die Wörter wie ein Uhrwerk ineinander greifen und sich keine Irritation ergibt, die Sätze kein Innehalten erzwingen, um dem eigentümlichen und immer eigenen Klang eines Textes nachzuspüren. Die Geschichte mag noch so spannend sein, die Beobachtungen differenziert, wenn jenseits der Wörter kein Erstaunen wächst, das einen Passagen wieder und wieder lesen lässt, schmälert das für mich den Genuss einer Lektüre.

“Sie ist aus alter Gewohnheit früh aufgewacht, gegen sechs Uhr am Morgen, über den Dächern ein schmaler Streifen Himmel, Antennen und Schornsteine, auf den Regenrinnen die Tauben.” - Judith Hermann reiht hier die Beobachtungen eines frühen Morgens aneinander, ganz reduziert, und das Bild, das dabei entsteht, gleicht einer verblassten und doch detailreichen Fotografie. Schon an einem Satz zeigt sich: Die Autorin hat ihren eigenen Klang und wenn ich hier über jenen sinniere, so wohl wissend, nichts Neues zu entdecken. Die Literaturkritik spricht immer wieder, besonders wenn es gilt, Lobeshymnen zu verfassen, von einem gewissen “Sound”. So etwa vom Sebald-Sound, des 2001 verstorbenen Autors W.G. Sebald oder von Judith Hermann, deren Geschichten Hellmuth Karasek als “Sound einer neuen Generation” beschreibt.
“Ich schüttete die roten Korallen von der linken in die rechte Hand, sie machten ein schönes, zärtliches Geräusch, fast wie ein kleines Gelächter”, heißt es in der ersten Geschichte des Sommerhauses. Die phonetisch, das heißt akustisch wahrnehmbaren Regeln dieses Satzes sind prägnant: Die roten Korallen allein, als schöner, geheimnisvoller Begriff, in ihrer dunklen Assonanz, dem Gleichklang des o-Vokals. Die beiden Adjektive schönes und zärtliches sind durch einen Reim verbunden. Schüttete nimmt Korrespondenz zu schönes und Geräusch auf - zärtliches wiederum zu Geräusch oder Gelächter durch denselben Umlaut. - Dieses Spiel, die Beziehungen, die Verknüpfungen innerhalb eines Satzes aufzuspüren, ließe sich unendlich weiterführen. Auch wenn man sich diese Beziehungen, die “Webart” eines Textes während der Lektüre (und auch während des Schreibens) nicht bewusst macht, man nimmt sie wahr. Sie tragen dazu bei, dass wir uns in den Sätzen eines anderen Autors wohl fühlen - oder eben nicht.

“Wir waren allein, mitten im Wald, in der Einsamkeit, die aus der Einsamkeit der Nacht, der Morgenfrühe, des Waldes und der Tiere besteht und in der man für einen Augenblick immer das Gefühl hat, man habe sich im Leben und in der Welt verirrt, und eines Tages müsse man in dieses wilde gefährliche Zuhause zurückkehren, das doch das einzige und wahre ist.” - Der Ich-Erzähler in Sandor Marais Die Glut erinnert sich an einen Augenblick, der einundvierzig Jahre zurück liegt. Wir waren allein, fängt der Satz an, mitten im Wald, in der Einsamkeit… Marei schrieb nicht etwa: Wir waren mitten in der Einsamkeit des Waldes allein - was durchaus auch denkbar gewesen wäre - er reiht die Beobachtungen, die Gedanken bruchstückhaft aneinander, sodass sie sich ergänzen, aufeinander aufbauen, die Erinnerung Schritt für Schritt präzisieren. Diese Präzision der rückwärts gewandten Beobachtung wird auch an der auffälligen Reihung der Substantive deutlich: Einsamkeit, Nacht, Morgenfrühe, Wald, Tiere. Erst als der Ich-Erzähler diese Nomen-Reihe abgeschlossen hat und damit der Imagination Raum und Tiefe gibt, mündet der Satz in der gefühlsmäßigen Essenz des Erlebten.

Manch einer mag sich an dieser Stelle fragen: Wozu diese Wortklauberei? Alle Worte wurden schließlich schon einmal gesagt, wieso kommt es darauf an, sich ihrer Melodie hingeben zu können? Warum sollte man, wenn man selbst schreibt, eine Weile hinhören, wie sich die Worte zueinander stellen? Ist es nicht viel wichtiger, dass meine Botschaft, meine Idee in einem Text so klar wie möglich zutage tritt?
Aus eigener Erfahrung gesprochen: Das eine kann ohne das andere nicht sein. Literatur ist immer auch eine Beschwörung. Ähnlich den Merseburger Zaubersprüchen, den althochdeutschen Versen vorchristlichen Ursprungs, in denen ein Lösesegen und Heilung ausgesprochen wird. Sprache ist Sichtbarmachung, Veränderung, eine symbolische Tat, eine Hingabe an die eigenen Möglichkeiten und damit die Chance, andere Menschen zu berühren. Und es ist gleich, ob ich meine Sätze mit einer Eingebung aufs Papier bringe oder sie stundenlang umkreise. Ich kann sicher sein, dass ich dann zufrieden bin, wenn sie schlicht daherkommen, wenn sie mir in gewisser Weise ähnlich sind, wenn ich mich in ihnen wohl fühle, wie in einem Zimmer, das ich eingerichtet oder wie in einem Bild, das ich gemalt habe.

Das alles schließt nicht aus, dass uns Sätze treffen können, wie ein Faustschlag. Sätze, Wortfolgen, Rhythmen, die uns entsprechen, müssen nicht zwangsweise wirken wie eine lang ersehnte Umarmung. Im Schreiben findet sich nicht nur das Schöne wieder, auch das Namenlose, das Unbeantwortete und es kann in seiner Wirkung dem ähneln, was Kafka in einem Brief an Oskar Pollak wie folgt formuliert: “Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen [...] ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.”
Die Melodie der eigenen Schreibe stellt sich nicht immer auf Anhieb ein. Allzu oft bedarf es der Wortfeile, die wieder und wieder über die Sätze geht, dem Goldwaschen nicht unähnlich, das Materialien nach ihrer Dichte sortiert. Das schwere, dichteste Gestein sammelt sich unten. Der langsame Prozess des Siebens, ist weder ein Zeichen des eigenen Unvermögens, noch mangelndem Genie. In Die Glut heißt es: “Ja, die Worte kehren wieder. Alles kehrt wieder, die Dinge und die Worte gehen im Kreis herum, manchmal umkreisen sie die ganze Welt und treffen dann an ihrem Ausgangspunkt ein und schließen etwas ab.”
Die Suche nach den treffendsten Worten und Bildern braucht seine Zeit. Aber wenn wir unseren Klang gefunden haben wird deutlich, dass vielleicht eben nur so, auf diese eine Art, in dieser einen Sprachmelodie, die Dinge für uns abschließbar sind.

Es irrt der Mensch, solang’ er strebt

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 10:51 on Donnerstag, März 6, 2008

Es gibt eine geheime Lust an Fehlern. - Man zähle einmal die Foren im Internet, die Fehler in Filmen sammeln. Von den ins Bild ragenden Mikrophonen bist zu den Kleidungsstücken, die sich in den filmisch eingefangenen Jahren auf wundersame Weise nicht verändern bis hin zu den Szenen, in denen jemand ins Wasser fällt und mit trockener Garderobe wieder auftaucht.
Fehltritte und Ausrutscher zählen oft mehr als Vorzüge und Erfolge. Was am Rand der Klassenarbeiten mit rotem Stift festgehalten und zuletzt gezählt wird, sind die Fehler und nicht die Phantasie und der Mut, mit dem wir sie begangen haben.
Die Fehler an anderen Menschen fallen uns schneller auf als ihre Vorzüge und wir benutzen sie gern, um uns ins bessre Licht zu rücken. Aber auch die eigenen Fehler bleiben einem zumeist länger im Gedächtnis, als unsere Erfolge.

An was rührt diese Lust, Fehler zu entdecken? - Was sind eigentlich Fehler? Das Deutsche Institut für Normung (DIN) definiert Fehler als einen “Merkmalswert, der die vorgegebenen Forderungen nicht erfüllt”. Einfach gesagt: als Nichterfüllung einer Forderung. Diese Definition ist ein Fingerzeig und bringt uns auf direktem Wege zum Kern des Themas. Die Ursache für unseren problemorientierten Umgang mit Fehlern sind nicht die Fehler selbst, es sind die Forderungen, die wir an die Dinge, an unsere Handlungen und die Menschen stellen, die uns umgeben. Was wir als Fehler bewerten entspringt unserem subjektiven Urteil. Doch was für den Einen fehlerhaft ist, kann für den Anderen makellos und mustergültig sein.

Was passiert mit unserem Denken, mit unserer Beurteilung von Fehlern, wenn wir den Kontext, in dem etwas gedacht, gesagt, geschrieben oder getan wird (und somit fehlerhaft sein kann) auf Literatur beschränken? Wie beurteilen wir, so stelle ich mir die Frage, Fehler auf dem Papier? Worin unterscheiden sie sich von den Fehlern, die man im Leben machen kann?
Es relativiert sich vieles, wenn man über Fehler im Ästhetischen Bereich nachdenkt, denn Urteile über richtig oder falsch wollen einem hier nicht so leicht von den Lippen gehen. Denken wir nur einmal an die “falschen” Töne im Jazz oder Bilder der Modernen Kunst. Denken wir an eigene Fotografien, in denen die Belichtung falsch eingestellt war und plötzlich ein überraschend ansprechendes Bild entstanden ist.
Dennoch: Auch hier, in der Welt der Kunst, in der Literatur, in den erdachten Geschichten auf Papier, passieren Fehler. Der berühmteste Fehler stammt wohl aus Shakespeares “Winter Märchen”, in dem der König Siziliens sein nicht gewolltes Kind an der Böhmischen Küste aussetzen lässt. Doch Böhmen liegt nun einmal nicht am Meer. - Dem Klassiker hat das nicht geschadet, im Gegenteil: Die poetische Ortsangabe “Böhmen am Meer” ist zur Metapher eines utopischen Idealzustandes geworden und spukt als Motto diverser kultureller Veranstaltungen und Ausstellungen umher. Enzensberger schrieb einen Essay mit gleichnamigem Titel und Ingeborg Bachmann ein Gedicht. Darin heißt es: “Spielt die Komödien, die lachen machen” /Und die zum Weinen sind. / Und irrt euch hundertmal, / Wie ich mich irrte und Proben nie bestand / Doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal. / Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags / Ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.”

Und irrt euch hundertmal, schreibt Ingeborg Bachmann. Wie sehr das lustvolle Irren auf einen schöpferischen Umgang mit dem eigenen Leben hindeuten kann, zeigt der Blick in den Reichtum an “Fehlern” in der Lyrik. Die orthographischen und grammatischen Fehler in einem Gedicht tragen ganz wesentlich dazu bei, dass der Bedeutungsreichtum unserer Sprache offenbar wird. Sie zeigen, dass die Wirklichkeit nicht eins zu eins von unserer Sprache abgebildet wird und sie schaffen mitunter die wunderbaren Momente, in denen man irritiert, eine Zeile wieder und wieder liest, um sie zu verstehen, zu begreifen. Sie machen das Leuchten sichtbar, das hinter den Wörtern liegt und auf größere Zusammenhänge unseres Lebens verweist. Wie lesen und verstehen wir etwa die ersten Zeilen von Rilkes Gedicht “Alle, welche dich suchen”?
Alle, welche dich suchen, versuchen dich. / Und die, so dich finden, binden dich. / An Bild und Gebärde.

Vielleicht, so möchte ich sagen, bestehen die schönsten und kunstvollsten Gedichte aus in Form gebrachten Fehlern.
Wie viele vermeintliche Fehler finden sich etwa in dem Gedicht “Ballade des äußeren Lebens” von Hugo von Hofmannsthal? Ich zitiere drei der sieben Strophen:
Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, / Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben, / Und alle Menschen gehen ihre Wege. [...] Was frommt das alles uns und diese Spiele, / Die wir doch groß und ewig einsam sind / Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele? / Was frommt’s, dergleichen viel gesehen haben? / Und dennoch sagt der viel, der “Abend” sagt, / Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt [...]

Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele. - Man muss die Wörter laut sprechen, um den Rhythmus dieser Zeile zu finden und immer wieder lesen, um ihnen auf die Spur zu kommen. Trotz dieser kühnen Regelbrüche herrscht eine strenge, kaum wahrgenommene Ordnung in den Zeilen: Das ganze Gedicht ist in Terzinen geschrieben (dreizeilige jambische Strophen / Unbetont - Betont), jede Zeile hat genau elf Silben und die mittlere Zeile ist immer durch einen Reim mit der nächsten Strophe verbunden. Die spielerische Übertretung von syntaktischen Regeln und dem Spiel mit der Beteutungsvielfalt der Wörter ist gebettet in eine traditionelle, kunstvolle Versform, die Hofmannsthal perfekt beherrscht.
Die Regeln perfekt zu beherrschen und im Augenblick des Kunstschaffens gleichsam zu vergessen ist genau das, was künstlerische Arbeit ausmacht. Hätten alle Dichter immer nur Subjekt, Prädikat und Objekt schematisch hintereinander gesetzt, welche treffenden, einprägsamen, melodischen Sätze wären uns dabei verloren gegangen? Wenn Schiller in der Ballade “Der Taucher” geschrieben hätte “Und Gürtel und Mantel wirft er nun weg”, wäre uns dieser Satz in Erinnerung geblieben? Indem er schreibt: “Und Gürtel wirft er, den Mantel weg“, malt er das Wegwerfen des Gürtels und des Mantels, bildhaft und einprägsam vor unser inneres Auge.

Fehler, in der Literatur wie im Leben, haben die Kraft, uns zu bereichern und sind nicht ausnahmslos dazu bestimmt, ausgemerzt zu werden. Wenn wir immer nur darauf bedacht sind, keine Fehler zu machen, beschneiden wir uns in der unendlichen Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten. “Der schlimmste Fehler in diesem Leben ist, ständig zu befürchten, dass man einen macht.” - Dieses Zitat von Elbert Hubbard mag es auf den Punkt bringen. Was nicht heißt, dass man blind und regellos drauflos schreiben oder schlimmer noch, drauflos leben soll. “Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war” rät uns dazu Bertolt Brecht.
Vielleicht würden wir uns nicht damit begnügen, unser halbes Leben von Dingen zu träumen, wenn nur unsere Angst nachließe, zu irren. Vielleicht führt uns ein krummer, mit Fehlern gepflasterter Weg zu etwas, wovon wir nicht einmal zu träumen wagten. Warum nicht? Amerika würde auf diese Weise entdeckt. - An dem Goethe-Zitat, dass diesem Artikel seinen Titel gegeben hat, kann zuletzt noch ein kleines Geheimnis offenbar werden. Die Betonung liegt für mich in der zweiten Hälfte des Satzes, nach dem Komma. Solange wir uns auf unsere Wünsche zu bewegen, solange wir versuchen, zu wachsen und beherzt unseren Weg gehen, solange werden wir Fehler machen, irren, vielleicht verrückte Dinge tun, aber das ist gut so. Fehlerfrei wäre nur die Idee eines Menschen (ja vielleicht nicht einmal jene), der sich niemals einlässt auf dieses Wagnis Leben.

Über die Liebe und das Loslassen

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 1:50 on Montag, November 12, 2007

Jeder, der schreibt, weiß, dass man sich öffnen, hingeben muss, damit das Buch oder die Geschichte sich selbst gestaltet und zu einem spricht. All die Gedanken mit ihren verschiedenen Stimmen, die einen erinnern und ermahnen, müssen schweigen. Man braucht diese Stunden, in denen man nicht weiß, was in der Zeitung gestanden hat, nicht darüber nachdenkt, wie man die Miete für die nächsten Monate bezahlen wird, ja manchmal nicht einmal weiß, wie alt man ist und wie man eigentlich jeden Tag sein Leben lebt.
Schreiben hat im Wesentlichen mit Loslassen zu tun. Wir brauchen die Bereitschaft, alles aus den Händen zu geben damit wir wahrnehmen, was uns im Innersten beschäftigt. Die Gedanken müssen leer sein, damit wir empfangen können.

Gleichzeitig - und das scheint auf den ersten Blick fast unvereinbar - ist die Fähigkeit an Momenten, Dingen und Menschen festzuhalten unabdingbar für kreatives Schreiben. Für mich ist die Liebe zu meiner Heimat, zu den Menschen, zur Natur, zu den Straßen und Bergen, den Festen und Ritualen Siebenbürgens, ein unerschöpflicher Quell an Inspiration und immer währende Motivation zum Schreiben. Vielleicht weil ich dort zum ersten Mal geliebt und erfahren habe, was das Leben ist. Wenn ich schreibe, wird das Erinnern in manchen Momenten so stark, dass es die Gegenwart an den Rand des Bedeutungslosen spült. Und nicht nur meine Kindheit, meine verlorene Heimat taucht auf, sondern alle Menschen, alle Hoffnungen und Verluste, alle kleinen und großen Begebenheiten, die ich erlebt habe oder die ich beobachten konnte - alles ist beim Schreiben gegenwärtig.

Wenn man einen Charakter treffend beschreiben will scannt man in Gedanken alle Menschen, die Ähnlichkeiten mit ihm besitzen um ihn authentisch beschreiben zu können. Ein fiktiver Charakter setzt sich aus vielen Menschen zusammen die man gut oder auch nur flüchtig kennt. “Der alte Medu” in meinem Buch ist beispielsweise ein alter Mann, den ich in den Straßen des französischen Städtchens Gassin gesehen habe. Jeden Tag ging er langsamen Schrittes an unserem Haus vorbei. In seinem Gesicht war so viel Wärme und Güte, in seinen hinter dem Rücken verschränkten Händen so viel gelebtes Leben, ich wollte ihn nicht mehr loslassen. Jeden Tag, an dem ich schreibe ist er mir nun gegenwärtig.
Doch ist er es in meinem Buch? Ich habe ihm ein Herz gegeben und eine Biografie aber dieses Herz und dieses erdachte Leben setzt sich wiederum aus vielen andren Leben zusammen.
Und manchmal “verteilt” sich ein Mensch sogar über viele Figuren. Meine Urgroßmutter Frieda findet sich in beiden Großmüttern, die es im “Halben Stein” gibt. Ich wollte sie in beiden Frauenfiguren festhalten.

Wenn man schreibt, rauscht ein beständiger Strom an Erinnerungen durch das Unterbewusstsein. In diesem Strudel aus Farben, Dingen, Menschen und Erinnerungen findet sich auch viel Leid. Es ist Leid, das man beobachtet, von dem man gelesen, erfahren oder das man selbst erlebt hat. Um ein gutes Buch zu schreiben muss man den Mut besitzen, dieses Leid hervorzuholen und bei Tageslicht zu betrachten. Mitunter kann das schmerzlich sein und man nimmt sich vor, das nächste Mal ein Buch zu schreiben, in dem nur glückliche Menschen vorkommen.
Aber: Der Bogen zwischen Leid und Glück bestimmt die Handlungen der Figuren, er ist es, der ein Buch lesenswert macht.
Man kann nur über Menschen dichten, wenn man ihre Unvollkommenheiten beschreibt. Würde man bei ihren vollkommenen Taten bleiben, wäre die Geschichte uninteressant und sie wäre nicht wahrhaftig. Genau das, was einen menschlich macht, eben das ist unendlich liebenswert. Die Unvollkommenheiten des Lebens sind es, die man als Schriftsteller, als Künstler liebt. - Dem Leser wiederum können Passagen, die diese Unvollkommenheiten beschreiben weh tun. Weil er sich in ihnen erkennen kann, weil die Zeilen ins Schwarze treffen. Aber sie treffen immer mit Liebe.

Ein Gefäß für die Liebe zu sein, für Leid, für Erinnerungen, für Menschen und ihre Geschichten, das ist es was man aushalten können muss, wenn man schreiben will. Im Grunde unterscheidet man sich also als Autor nicht von anderen Menschen. Doch der Schriftsteller macht sich dies alles bewusst und hat es sich in gewisser Weise als Lebensaufgabe gesetzt. Wir alle wollen unsere Geschichten erzählen, sind auf der Suche nach Sinn, nach Bedeutung in unserem Leben. Wir alle müssen den Tod verstehen und mit ihm fertig werden und jeder braucht bei den Übergängen, bei Veränderungen und Verlusten Begleitung.
Die größte Herausforderung, auf die man im schöpferischen Prozess trifft, ist die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit. Das ist die wahre Triebfeder aller Künste und aller großen Werke. In dem Moment, in dem man auf den Auslöser drückt, ist der Moment schon vorbei, den man eingefangen hat. Die Frauen auf den Gemälden von Klimt, mit ihren roten Wangen und ihren beseelten Augen sind lange schon tot. Die Hand, die die Zeilen von Narziss und Goldmund geschrieben hat, ist begraben und längst verwest.

“Du wirst nie schöner sein als in diesem Augenblick”, sagt der Held Achill zu der Gefangenen Briseis vor den Toren von Troja. Wenn es eins gäbe, um das uns die Götter beneiden würden, dann wäre es unsere Sterblichkeit. Nur weil wir sterblich sind, können wir lieben, versprechen einander unsere Herzen. Weil wir sterblich sind, suchen wir voller Tatendrang den Sinn unseres Lebens. Deswegen schreiben wir Geschichten.
Wenn man schreibt, setzt man der Vergänglichkeit ein Denkmal. Man feiert das Leben, weil man es festhält, würdigt. Doch gleichzeitig übt man sich im Loslassen. Warum? Man holt das ans Licht, was man an Empfindungen, Erfahrungen, an gelebtem und erdachtem Leben in sich vorfindet, holt es ans Licht und betrachtet es von allen Seiten, schreibt es auf und muss es dann loslassen. Es ist zu Kunst geworden. Es existiert nun außerhalb von einem selbst, ist autonom, ein eigenständiges Wesen. Wie Kinder, die man groß gezogen hat, die man liebt und doch gehen lassen muss. Wie in der Liebe zu einem Menschen, bei dem man das Gefühl so tiefer Nähe hat, als sei man aus demselben Stein gehauen und doch weiß, dass man gleichzeitig immer getrennt bleibt. Weil das Leben so unendlich kostbar und doch so zerbrechlich ist. Weil man ein einzelnes Wesen ist und doch in allem teilhaftig.

Es ist viel, was es zum Schreiben braucht und gleichzeitig so wenig. Es ist die Kraft, den Spagat auszuhalten zwischen Liebe und Loslassen. Zwischen immer währender Hingabe ans Leben und der Gewissheit des Todes. Jeder, der liebt, weiß das.

Ein ganz gewöhnlicher Hut

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 4:49 on Sonntag, Juli 22, 2007


Wie riecht eigentlich eine Zitrone?

Eine Geschichte wird erst richtig fesselnd, wenn über die bloße Beschreibung der Handlung und dem Einsatz von direkter Rede Sinneseindrücke und Details vermittelt werden. Wir können unsere Sinne trainieren und üben, Worte für das zu finden, was wir sehen, hören, fühlen und riechen. In meinen Kursen weise ich die teilnehmenden Kinder darauf hin, aufmerksam durch den Tag zu gehen und ihre Wahrnehmung zu schulen. Woran erkennt man, ob jemand fröhlich oder traurig ist? Wie klingt eine Nähmaschine? Was für ein Muster kann das Fell einer Katze haben und wie fühlt es sich an, wenn man gegen den Strich darüber fährt?

Solche Details machen eine Geschichte lebhafter, sinnlicher. Der Leser bekommt die Möglichkeit, sich eine Welt aus kraftvollen Assoziationen und Unterscheidungen zu schaffen. Doch sie dienen nicht nur dazu, den Gang der Handlung plastischer zu gestalten und unsere Beobachtungsgabe unter Beweis zu stellen - Krimiautoren platzieren bewusst kleine Details als wichtige Hinweise in ihren Geschichten. Liegt Staub auf den Schuhen? Warum ist der Knopf an einer Jacke abgerissen? Wieso hängt das ockerfarbene Bild über dem Kamin schief? Die simple Beobachtung, ob der Asphalt der regennassen Straße unter dem Auto des Verdächtigen noch trocken ist, kann ein Alibi überprüfen. Der ermittelnde Detektiv nimmt diese kleinen Details wahr, die zuletzt das Geheimnis eines Ereignisses lösen können.

Das ist keine abgetragene Kopfbedeckung sondern eine Denksportaufgabe.

Sagt Sherlock Holmes zu seinem Freund Watson, als er sich darüber wundert, warum der Detektiv am zweiten Weihnachtsfeiertag im Morgenrock und mit seiner Pfeife nachdenklich vor einem gefundenen Hut sitzt.
Wenn wir lernen wollen, wie man Menschen und Situationen gut beschreiben kann und warum schon Kleinigkeiten wesentlich sind, können wir viel von Detektiv-Figuren lernen. In der Kurzgeschichte “Der blaue Karfunkel” von Sir Athur Conan Doyle kann Sherlock Holmes seinem Freund Watson einen Mann nur anhand dessen Kopfbedeckung beschreiben.

Er behauptet, es wäre der Hut eines hochintelligenten Mannes, der vor ein paar Jahren noch wohlhabend gewesen war aber jetzt schlechte Zeiten durchzumachen habe. Früher wäre er ein sorgfältiger, vorsichtiger Mensch gewesen, aber nun sei er nachlässiger geworden, was wohl Hand in Hand mit seinem finanziellen Abstieg passiert ist - doch seine Selbstachtung habe er immerhin noch nicht ganz verloren.
Zur Physiognomie kann der Detektiv aus der Betrachtung des Huts schließen, dass es sich um einen Mann mittleren Alters mit leicht ergrautem Haar handelt, das er sich erst kürzlich hat schneiden lassen.

Mit Tinte übermalt.

Als der erstaunte Watson zuletzt hört, dass der gesuchte Mann höchstwahrscheinlich kein Gaslicht im Haus habe, ist er sich sicher, dass Holmes sich einen Scherz mit ihm erlaubt. Wie soll man denn dies alles aus einem simplen Hut heraus lesen können!

Wie kommt der Detektiv auf seine Schlüsse? - Anhand einer modischen Krempe kann das Alter und der ehemalige Wert des Hutes festgelegt werden: Er ist drei Jahre alt und war seinerzeit sehr teuer. Wenn nun ein Mann, der sich vor drei Jahren einen solchen Hut hat leisten können, ihn immer noch trägt, so kann es ihm heute nicht mehr so gut gehen. Die Wandlung vom sorgfältigen Menschen, der in der Gegenwart nicht mehr so viel auf sich hält, zeigt Holmes ein Gummiband. Das Band, vom Träger des Huts extra angebracht, um vor Wind und Sturm gewappnet zu sein, ist abgerissen und wurde nicht mehr angebracht. Seine Selbstachtung hat der Hutträger noch nicht verloren, da manche der Flecken, die das Alter des Hutes zeigen, mit Tinte übermalt wurden.
Kleine graue Haare im Innenfutter des Hutes weisen auf den kürzlichen Friseurbesuch hin und zahlreiche Stearinkerzenflecken deuten auf die fehlende Gasheizung.

Nur noch eine Kleinigkeit Sir.
Eine ganze Lebensgeschichte kann in einem Detail stecken. So wie der abgetragene Hut die Geschichte seines Besitzers erzählt, weisen die Dinge in einer Erzählung auf das Innere der Figur. Sie sind keine bloße Requisite, die den Hintergrund der Handlung koloriert und können in ihrer symbolischen Bedeutung weit über ihren Gebrauchs- und Alltagswert hinaus gehen.
Man kann ruhig der Einfachheit halber bei sich selbst anfangen, um seine Beobachtungsgabe zu schulen. Welche Dinge umgeben mich? Welche haben eine besondere Bedeutung? Wie sind sie zu mir gekommen? Weiß ich etwas über ihre Geschichte? Kann man an der Beschaffenheit und der Art des Materials ablesen, wie alt sie sind oder welchen Weg sie hinter sich haben? Warum sind sie Teil unserer Lebenswelt? Sind sie bloße Staffage oder verbindet uns etwas mit ihnen? In Geschichten sind die Möglichkeiten sinnliche Details und Gegenstände bewusst einzusetzen unendlich: Denken wir nur einmal an Columbo und seinen zerknitterten Trenchcoat, der über die Zeit zu einem Markenzeichen des Inspektors geworden ist. Er trägt genauso wie sein altes knatterndes Auto dazu bei, dass die Täter ihn zuerst einmal leichtfertig (und folgenreich) unterschätzen.

Bei meiner Tante im Strumpfenband, wie irgendwo daneben.
Das Schreiben zu üben kann bedeuten, seinen Blick für die vielen Gegenstände und Dinge zu schulen, die uns (und unsere Figuren) umgeben. Mit detektivischem Spürsinn können Details platziert werden, die von Anfang an eine Spur für das Geheimnis unserer Geschichte legen.
Das Schreiben kann uns lehren, die Welt in ihrer Überfülle an sinnlichen Details wahrzunehmen und neue Wörter und Zusammenhänge zu suchen, für das, was uns umgibt. Wenn man lange genug hinschaut, ist jedes Leben interessant, sagt die Schriftstellerin Julia Cameron in “Von der Kunst des Schreibens”. Durch beständige Aufmerksamkeit lassen sich die Nuancen, die vielen Zwischentöne unseres Alltags zu unserer Schreib-Palette dazu gewinnen. Und zuletzt ist es fast unmöglich, die Dinge, die uns umgeben, nicht wertzuschätzen und sich nicht damit verbunden zu fühlen. Oder wie schon Ringelnatz so treffend dichtete: Überall ist Wunderland, überall ist Leben. Bei meiner Tante im Strumpfenband, wie irgendwo daneben.


Alles grün - oder die Freuden des Korrigierens

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 3:00 on Donnerstag, Mai 24, 2007

Mein Buch wird nun lektoriert. Die Blätter rascheln in fremden Händen, andere Augen als meine gehen darüber und prüfen die Worte, überdenken die Geschichte. Ich bin froh um diese Pause. Obwohl ich mein Buch schon etliche Male gelesen und korrigiert habe, erschien mir doch der letzte Korrekturgang sehr beschwerlich.
Es war, als hätte sich die Intensität des Wahrnehmens verändert. Zu Beginn kam ich aus dem Staunen und der Ungeduld fast nicht mehr heraus. Ich starrte versunken auf den Monitor und merkte nach einer Stunde, dass kaum eine halbe Seite geschafft war. Egal wie sehr ich mich anstrengte, ich konnte nicht schneller darüber lesen. Meine Ungeduld wuchs. Wenn ich in dem Tempo weiter lesen würde, säße ich noch Wochen davor. Doch es half nichts. Ich knotete meine Beine am Tischbein fest und harrte aus.

Was forderte so viel Zeit? Die Perspektive lag auf den Details, auf alle den kleinen Worten, die in den Monaten vorher wie selbstverständlich auf den Seiten saßen und sich in keinster Weise auffällig verhalten haben. Da schlummert der grüne Kachelofen in der Zimmerecke, die Küchentüre leuchtet grün, durch die grünen, schweren Vorhänge streicht der Wind, von den Holztoren hängt die grüne Farbe in langen Blättern herab, Krusten von Grün schälen sich von der Hauswand … und plötzlich kommt die Erkenntnis: Wieso um Himmels willen ist denn in meinem Buch alles grün? Ist das der Schleier der Erinnerung, der Sepia-Ton meiner Phantasie? Bevor ein Hobby-Farbpsychologe voreilige Schlüsse ziehen kann: Ich habe den Farbenkreis noch einmal studiert und die grüne Dominanz durch ein paar bewusst gestreute Farbkleckse aufgebrochen.

Doch nicht nur Fabpräferenzen - auch Worte wiederholten sich in auffallender Weise. Besonders die lieblichen Adjektive “klein” und “groß”: Neben ihm der kleine Tisch, hinter der Tür die kleine Kammer, in ihren Händen das kleine Foto, auf dem Dachboden die große Uhr, über ihren Köpfen die großen Tannen und vor ihrem Blick der große See. Zwischenzeitlich musste ich lachen, ich kam mir vor wie in Gullivers Reisen, wo es den Helden einmal auf eine Insel verschlägt, auf der ganz kleine Leute leben und dann in ein Gebiet von Riesen.
Einige mögen nun einwenden: Ja, aber Autoren haben eben ihre Lieblingsworte, Lieblingsfarben und Lieblingsperspektiven. Das macht den Reiz und das Individuelle einer Lektüre aus. Da stimme ich durchaus zu und versichere hiermit, dass ein jeder beim Lesen des Buches diese Dinge noch vorfinden und sich daran freuen kann, denn - Literatur ist immer auch erzählte Perspektive! Doch ich bin überzeugt: Die Erweiterung der Farbpalette und die Eliminierung des Adjektivs “klein” ist einer der Haupterfolge meiner letzten Korrekturphase. - Neben der empirischen Erforschung der zahlreichen Möglichkeiten, die Sitzposition auf einem Stuhl zu variieren.

Die dritte einschneidende Entdeckung war, dass in den Szenen immer die Lichtverhältnisse, Klänge und Geräusche beschrieben werden. Die Autorin, so wurde mir klar, denkt in hell und dunkel, in Licht und Schatten und Umrissen und liebt es, wenn Streifen von Licht sich im Fenster brechen und in kleinen Mustern auf dem Boden schwimmen. Sie liebt es, wenn der Wind raschelnd durch die Blätter der Bäume greift und sie den Leser auf dieses Klangspiel hinweisen darf. Hier ist es mir nicht so leicht gefallen, mit dem Korrekturstift darüber zu gehen. Hier habe ich etwas von dem geahnt, was unbewusst beim Schreiben passiert und was sich trotz allem Nachdenken und Reflektieren nicht kontrollieren lässt. Es sind die Bilder, die man im Inneren trägt und die, schreibt man sie sich nur lange genug von der Seele eine bestimmte Tonspur haben und in ein bestimmtes Licht getaucht sind. Und eben hier passierte etwas, was in dieser Intensität im Schreibprozess noch nicht passiert war: Durch die gelebte Langsamkeit meines Lesens befand ich mich plötzlich inmitten der Räume, in denen diese Lichtmuster schwammen und die Figuren sich bewegten. Vorher war ich immer ein wenig abseits gestanden, war Beobachter meiner Figuren und kreierte die Räume, in denen sie ihre Schritte lenkten. Jetzt war ich Leser und durfte reisen, mich an jenen Orten umschauen, als wäre alles neu.

Da betritt eine Figur den Raum und das Brodeln des Wasserkochers begleitet ihre Gedanken. Und auf einmal taucht das Wissen auf: In dem alten Haus steht kein Wasserkocher, es ist ein Teekessel, der dampft.
Die Protagonistin geht in die Berge, schaut in die Landschaft und erzählt aus ihrer Kindheit. Und hier schlüpfe ich in die Figur hinein und prüfe: Würde sie das wirklich so sagen? Was könnte sie noch tun, fragen, empfinden?
Unstimmigkeiten werden an die Seitenränder gespült, die in dem großen Meer der Worte fast untergegangen wären. Stehen die Möbel richtig und ist die Tageszeit stimmig? Und wieder sind es oft die Figuren, die mir helfen, wenn ich nach stundenlangem Brüten vor dem Monitor verzweifelt aus dem Fenster starre und mir für ein Problem keine Lösung einfällt. Ich suchte beispielsweise lange nach einer Macke, die eine der Figuren noch ein bisschen besser zeichnen würde. Ich ging in Gedanken Freunde und Bekannte durch, doch es fiel mir keine Geste oder wiederholte Handlung ein, die zur Figur passen würde. Dann, in einer unscheinbaren Szene merkte ich, dass eben jene Figur zum wiederholten Mal ihre Schuhe abstreift und die Füße ins warme Gras schiebt. Ich fragte mich ernsthaft: Wie konnte sie diese prägnante Geste so lange vor mir verborgen halten und machte mich freudig daran, sie noch in einigen anderen Szenen einzubauen.

Das sind die Momente, die auch diese neuerliche Arbeit zuletzt schön machen. Auch wenn das Korrigieren manchmal schwer fällt, da es eben nicht mehr die Phase ist, in der die Phantasie und Kreativität mit einem drauflos stürmen dürfen, in der Räume und Figuren entstehen und wachsen und das Geräusch klappernder Tasten das Arbeitszimmer füllt. In dieser ersten Phase hat man das wunderbare Gefühl schöpferisch tätig zu sein, während in der Korrekturzeit der Blick naturgegeben kritischer wird und manchmal auch echte Zweifel an dem Werk aufkommen. Wenn einen jemand in dieser Zeit beim Abendessen fragt was man so gemacht hat, könnte man in Tränen ausbrechen wenn man daran denkt, dass man drei schlichte Seiten korrigiert hat und doch voller Stolz und mit dem Gefühl unendlicher Wichtigkeit Adjektive und Wasserkocher in imaginären Welten ausgetauscht hat.
Jetzt bin ich froh, dass es jemand anders liest, denn wenn ich es lesen würde, ich bräuchte sicherlich ein halbes Jahr dafür. Und es gibt ja schließlich noch ein Leben da draußen!

Die Wortfeile - oder warum ein Roman so lange braucht

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 10:19 on Donnerstag, März 8, 2007

Die Geschichte oder der Roman ist fertig, man schreibt den letzten Satz und genießt das aufregende Gefühl, das sich vom Kopf bis zu den Zehen ausbreitet. Es ist geschafft! Der Plot ist stimmig, die Figuren entwickeln sich von einer Szene zur nächsten, dazwischen schlummern schöne Bilder, schläft Poesie. Man lehnt sich zurück und es prickelt im Nacken vor Freude und Stolz.

Und dann… unversehens fangen die Figuren an, mit einem zu sprechen. An der Bushaltestelle schleichen sie sich an, tippen einem leicht auf die Schulter und sagen Sachen wie: “Du hast vergessen mir einen Beruf zu geben.” Oder: “Als ich in jener Szene aus dem Fenster sehe, wie sieht eigentlich die Landschaft draußen aus?”
Oder am Abend, wenn man sich ins Bett legt und die Augen schließt, dann kommen sie, nehmen einen an die Hand, spazieren eigensinnig durch die Szenen und geben Tipps was alles noch hinzugefügt und verändert werden kann.

Wo man die nächsten Tage steht und geht, sie sind wie Schatten, die man nicht los wird - und man muss aufpassen, dass man nicht sehr, sehr seltsam wird in dieser Zeit.
Zuerst denkt man: Was soll das? Werde ich jetzt komisch, habe ich zu viele bunte Buchstaben in die Tasten gehauen? Man ist ungeduldig, will man doch das Projekt, an dem man so lange Zeit saß, viele Stunden und Tage und Wochen gebrütet hat, loslassen, ihm Flügel geben. Jetzt sollen es endlich andere Augen lesen! Alles ist einem noch in Erinnerung, die Freude des Einfalls und die harte Arbeit des Niederschreibens, Worte- Findens und aus dem Fenster über dem Schreibtisch Starrens. Doch wenn man diesem Zustand erst einmal Raum gibt, sich zurück lehnt und anfängt, den Figuren zuzuhören, hat man vielleicht das Glück zu entdecken, dass diese Zeit die Schönste von allen ist.

Es gilt, diese Phase des Projekts neu für sich zu definieren. Statt: Jetzt muss es endlich fertig sein kann es heißen: Jetzt kommt die Kür!
Wenn man eine Weile darüber nachdenkt, merkt man, wie schön diese Zeit eigentlich ist. Die Seiten sind gefüllt, längst vorbei die Zeiten, in denen man vor einem unbarmherzig blinkenden Cursor sitzt, auf das jungfräuliche Blatt Papier starrt und sich mit der Frage quält, wie es weitergeht. Längst sind wir nicht mehr an dem Punkt, an dem wir irgendwo im Garten sitzen und uns passende Namen für das Personal der Geschichte ausdenken. Die Zeit, in der man nach Macken und besonderen Eigenschaften forscht und sich überlegt, mit welchen markanten Charakteren spannende Geschichten entstehen. Die Zeit, in der man sorglos drauflos schreibt und irgendwann merkt, dass man permanent zu viel sagt und dass der Wert und die Qualität der Geschichte auch daher rühren wird, was man NICHT sagt - außer natürlich, man will Drehbücher schreiben, die zur Rosamunde Pilcher Sendezeit ausgestrahlt werden!

Jetzt ist der Moment, in dem man die Wortfeile auspackt. In der man liebevoll über die Sätze geht und einmal hier und einmal dort gegen den Strich bürstet. Plötzlich ist die Ruhe zugegen, ein unscheinbares Wörtchen auszutauschen und siehe da: Der ganze Sinn ist treffender, die ganze Schönheit des Satzes kommt besser zum Vorschein. Plötzlich bleibt man mitten in einer direkten Rede hängen, bemerkt, dass die Figur ein wenig zu lange spricht und schiebt ein simples “und faltete ihre Hände im Schoß” ein und merkt, dass die Figur mit jedem dieser Einfügungen lebendiger und authentischer wird.
Wenn sich eine Figur dazu hinreißen lässt einer anderen liebevoll das Haar hinter die Ohren zu schieben oder wenn eine andere Figur plötzlich aufspringt, ins Haus geht und ein altes Foto herausbringt und somit klar wird, wie sie als junges Mädchen ausgesehen hat, dann entsteht Magie - und man hätte vorher nicht einmal sagen können, dass sie an jener Stelle fehlt.

Jetzt ist die Zeit, in der man seine Figuren eigentlich erst kennen lernt. Man hat sie selbst kreiert, in die Welt geworfen und dachte, sie würden schon atmen und auf ihren eigenen Beinen stehen können. Doch weit gefehlt. Sie müssen noch eine ganze geduldige Weile gefüttert und an die Hand genommen werden, bevor man sie hinaus lassen kann in die große weite Welt. Das Gute dabei ist: Sie helfen einem. Ja, jetzt ist es eigentlich erst so, dass SIE anfangen, die ganze Arbeit zu tun. In schlauen Büchern steht immer nur: Entwerfe gute Figuren und sie werden den Roman für dich schreiben. Von wegen! Erst nach dem ersten oder zweiten Entwurf fangen sie an, die Ärmel hochzukrempeln und was für ihre Geschichte zu tun. Sie schauen sich erst einmal das Ganze an und lassen dich in Schweiß und Verzweiflung häufig allein, bis sie sich dann endlich in dieser Phase des Projektes dazu entschließen - meistens demokratisch und geschlossen - die Dinge in die Hand zu nehmen. Du musst ihnen erst einmal den Rahmen geben, in dem sie handeln können, und dann erst, dann endlich legen sie los. Und ehrlich: Es ist eine reine Freude, wenn sie das tun.

In diesen Tagen, wenn man den eigenen Figuren zuhören lernt, wenn man in Muße wieder und wieder über die Szenen geht und die Hälfte der Zeit dabei aussieht, als würde man Löcher in den Monitor starren, fängt man an, seine Geschichte wirklich kennen zu lernen. Jetzt erst, beginnt die Zeit, in der man die Reihenfolge der Szenen auswendig aufsagen kann. Nicht, dass es jemand hören wollte, doch damit wächst das Gefühl, ob die Dramaturgie stimmig ist, man merkt, wo man vielleicht etwas verhaltener oder wo man offensiver sein könnte.
Das Schönste ist: Man lernt in dieser Zeit, die Geschichte aufrichtig lieben. Sie wird einem zu einer wirklichen Welt, durch die man, egal wo man ist, durchwandern kann. Man hat die Chance, hier noch ein wenig zu bauen und dort noch ein wenig zu zimmern. Man dachte, man hätte alles schon so weit, doch in Wirklichkeit entsteht die Geschichte erst jetzt, inmitten dieser Ruhe und mit dieser Geduld - und mit dieser Zeit, die man sich lässt.
Und irgendwann, so hofft man, werden die Figuren einem schließlich sagen, dass man sie loslassen kann.



Wie scheue Fische

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 5:26 on Freitag, Januar 5, 2007

Wie findet man Dinge, über die man schreiben, mit denen man sich künstlerisch auseinander setzen kann?

Zum einen kann man seine Wahrnehmung schulen, indem man aufmerksam durch den Tag geht, all seine kleinen Freuden und Irritationen aufnimmt. Man kann kuriose Artikel lesen, über die neueste Weltraumsonde, über unbekannte Lebewesen auf dem Meeresboden oder die Produktion von Strohhüten am Anfang des 20. Jahrhunderts. Dabei wird die Phantasie angeregt, man lernt neue Begriffe, lernt mehr Düfte, Farben, Geräusche zu benennen und schließlich, man weiß ja nie, wann man nicht etwas über das Flechten von Strohborten in einer Geschichte gebrauchen könnte.

Wie kommt man jedoch über das hinaus, was einen gegenwärtig beschäftigt - wie dringt man zu den großen Themen vor, die unter einer dicken Schicht an Zeit und Erinnerungen verborgen liegen? Die Themen, Vorlieben, Richtungen, die sich, schaut man genau hin, schon durch das ganze bisherige Leben ziehen.
“Was denke ich wirklich über diese Welt, was liebe ich, fürchte ich, hasse ich?” fragt Ray Bradbury in “Zen in der Kunst des Schreibens.” Wenn wir auf der Suche sind, nach dem einen kleinen Quadratmeter, nach unserem originellen, unverwechselbaren Stückchen Erde, von dem aus wir produktiv werden können, und fündig werden, dann wird es unendlich leicht sein, etwas Einzigartiges zu schaffen.
Hier liegt die Chance authentisch zu sein, etwas unverwechselbares zu gestalten, das die Menschen auf die ein oder andere Weise berührt. Denn wenn man dieses Wissen produktiv nach Außen lässt, sei es, dass man eine Geschichte schreibt, ein Lied komponiert, einen Artikel verfasst, eine wissenschaftliche Arbeit schreibt oder einem Menschen das Richtige sagt, dann verschenkt man einen Teil dessen, einen unendlich kleinen oder unendlich großen Teil der eigenen, unverwechselbaren Persönlichkeit.

Eine Technik, diese Themen an Land zu fischen ist zum Beispiel, eine Liste an Substantiven auf ein Blatt Papier zu schreiben. Man setzt sich und schreibt ohne groß zu denken, ein Wort nach dem nächsten hin. Diese Liste von Worten funktioniert wie eine Art Köder, der Ideenmaterial an die Oberfläche lockt, denn unser Unbewusstes speichert alles, was einmal einen bleibenden Eindruck auf uns gemacht hat. Wie an einem Faden aufgereiht können wir jene Bilder, die dann zu Geschichten werden aus unserem Unterbewusstsein ziehen.
Man kann so entdecken, welche verborgenen Hasslieben, welche Leidenschaften, Ängste, welche Vorlieben für kleine und große Dinge man in sich trägt.

Ich glaube, dass die grundlegenden Vorlieben, Marotten, Träume und Ziele in einem Menschenleben gleich bleiben. Sie zeigen sich vielleicht auf anderen Bahnen, in anderen Charakterzügen, doch es sind dieselben. Irgendwann fangen wir an, uns von unserem früheren Ich zu distanzieren. Manchmal ist es einem sogar peinlich. Vielleicht weil man alte Fotos sieht, einen Brief oder Aufzeichnungen entdeckt. Wir schämen uns für unseren vormals unreifen Musikgeschmack, für unseren Klamottenstil, für unsere geheimen Träume und Fantasien. Warum eigentlich?
Weil wir denken, dass wir jetzt erwachsen sind, dass wir Unzähliges hinter uns gelassen und uns einen reifen Geschmack zugelegt haben. Weil vieles von dem Überschwang, von der sanften Melancholie, die bisweilen ziemlich pathetisch war, ja… aber na und? Das waren ebenso wir, jünger und längst nicht so voll von Erfahrungen und längst nicht so selbstsicher, aber dennoch wir. Da ist ein kleiner Junge der Star Wars liebt und davon träumt, wie Han Solo zu sein. Wie weit ist die Distanz zu dem Mann, der heute eben jenen Mut besitzt, sich den Herausforderungen zu stellen, die sein Leben für ihn bereit hält? Da ist das Mädchen, dass sich die neueste Ausgabe von Gespenster Geschichten am Kiosk kauft und fasziniert von der Idee ist, es gäbe Fähigkeiten, die über die normalen Alltagsbegabungen hinaus gehen. Wie weit ist die Distanz zu der Frau, die heute entdeckt, dass Worte jede erdenkliche Welt erschaffen können?

“Der Wagen. Die Nacht. Das Geheimnis. Das Haus. Die Tauben. Die Glocken. Der Kirchturm. Das Meer. Die Nachbarn. Die Straßen. Der Gang. Die Liebe. Der Dachboden.
Was sagt mir meine Liste an Substantiven?
Ich war als Kind verliebt in Detektivgeschichten, ich hatte Angst, dass Nachts unter meinem Bett eine Mumie liegt, ich liebte es, mit Freunden auf der unasphaltierten Straße vor unserem Haus zu spielen, ich erinnere mich an den Geräuschteppich warmer Sommerferienabende, die warmen hallenden Straßen, den heißen Sand des Spielplatzes, ich konnte stundenlang auf der Mauer vor unserem Haus sitzen und den Passanten auf ihren Wegen zusehen, mir überlegen, wohin sie wohl gehen, wovor sie sich fürchten, was sie mochten. Ich war gerne am Wasser, egal ob Flüsse, Seen, Meer oder der Regentonne hinterm Haus. Ich liebte den Geruch der Kirchtürme, in denen Tauben nisteten und in denen man die Glocken an langen Seilen läutete, die einen hoch in die Luft mitnahmen. Ich bewunderte die auch im Sommer schneebedeckten Gipfel der Karpaten, die Weite der Wälder, die Pferdewagen mit dem frisch gemähten Heu. Später war ich verrückt nach Romanen, die mysteriöse Geschichten zum Inhalt hatten, nach Reihen, die sich paranormalen Vorkommnissen widmeten. Überall vermutete ich Geschichten und Geheimnisse. Wann immer ich mich mit meinen Eltern beim Essen gehen langweilte, sponn ich mir Geschichten aus. Ein nicht besetzter Platz mit einem einsamen Namensschild genügte, um in mir eine Lawine von Überlegungen auszulösen, warum derjenige nicht zum Essen erschienen war.

Das sind die Bilder aus denen meine Geschichten auch jetzt noch sind. Nur dass ich heute versuche, sie zu Papier zu bringen, statt sie still vor mich hin zu träumen. Diese Erinnerungen schlummerten alle an der Wortschnur an Substantiven. Das Besondere an dieser Methode ist, man braucht keinen Zwang auszuüben. Die Worte schlafen im Innern und warten darauf, an die Oberfläche zu steigen. Das Wichtigste dabei ist: Nicht denken! Hört sich schwierig an? Ist aber notwendig. Und Stille braucht man dabei, sonst verjagt man sie wie scheue Fische. Man muss erst eine ganze Weile still sein, möglichst wenig denken, loslassen, vielleicht in ein Musikstück versinken, Meditieren, bevor die Worte auftauchen und man sie mit einer schnellen Bewegung fangen kann.
Bradbury benutzt die Metapher “Steine in den Brunnen werfen”. Jedes Mal, wenn man einen Stein hinein geworfen hat und ein Echo aus dem Unbewussten hört, lernt man sich selbst ein wenig besser kennen. Ein kleines Echo kann einen Gedanken auslösen, ein großes Echo kann zu einer Geschichte führen.

[Inspiriert bei: Ray Bradbury: Zen in der Kunst des Schreibens. Autorenhaus Verlag, 2003.]

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