Das Aroma der Farbe Weiß
Eines Morgens war er da gewesen, jener unscheinbare Riss im Körper. Es war, als würde sie mit einem Mal hören, wie das Blut durch die Adern rauschte. Ein feiner, klingender Ton in den Ohren. Als würde sie plötzlich spüren, wo die Hüfte saß, die Wirbelsäule, das Schlüsselbein, die Kniekehlen, die Handgelenke, die Speiseröhre, der Magen, das Herz. Ein Gefühl, als zerplatze langsam eine dünne Schale. Als berste ein Holzscheit unter züngelnden Flammen. Sie lag im Bett und horchte.
Die Jugend ihres Körpers war fort. Wenn sie ehrlich war, so hatte es sich lange schon angekündigt. Der verschlossne Zug um den Mund, wenn sie sich im Rückspiegel des Wagens betrachtete. Die feinen Fältchen an den Augen. Ein halbmondförmiger Kranz. Die bleierne Müdigkeit am Abend. Die Rückenschmerzen. Der Körper, bislang auf schlichte Weise da, stand nun selbst im Mittelpunkt. Jedes zu viel rächte sich. Sie versuchte ihren Körper zu schützen, ihn zu schonen, nur das Notwendigste zu tun, nur das Unerlässlichste zu denken. Manchmal vergaß sie alles, lief über die Felder, wenn es in Strömen regnete, und hielt die ausgebreiteten Arme in den Wind.
Es schneite seit Tagen ohne Unterlass. Sie klopfte ihre Schuhe an der Haustür ab, bürstete die Hosenbeine mit einem Besen und sah noch einmal zurück. Unter den Straßenlaternen sammelte sich Licht. Der Nachthimmel war sternübersät. Unter dem Schnee wurde alles durchsichtig, unerreichbar fern. Die Autos waren weiß überzuckert, nur die Seitenspiegel lugten hervor wie kleine Ohren. An den Trottoirs Maulwurfshügel aus Schnee, in den Gärten vereinzelt Schneemänner mit Augen aus Stein. Manche Wege waren von Salz aufgeweicht, manche glatt getreten, als liefe man auf Eis.
Selbst Drinnen war das Leuchten der Welt spürbar. Der Schnee fiel im Mondschein. Er wehte von links nach rechts über die Fenster, als schüttele jemand oben sein Federbett aus. Auf den Dächern lag er wie ausgebreitete Leintücher. Die Äste der Bäume waren zu gleichen Teilen schwarz und weiß. Ihr Rücken schmerzte. Der Druck fing in Hüfthöhe als leises Ziehen an und festigte sich in Schulterhöhe als pulsierender Schmerz. Sie ging in die Küche und setzte Wasser für eine Wärmflasche auf. Während der Wasserkocher siedete, zog sie die Tagesdecke des Bettes ab und faltete sie sorgfältig auf dem Stuhl. Dann drapierte sie Kissen und Wärmflasche in den Rücken und sah Fern. Manchmal wunderte sie sich über die Fülle an Leben, das die Menschen auf dem Bildschirm in ihren Händen hielten.
Im Rahmen des Eingangsspiegels steckte eine Fotografie. Das Haar der Frau glänzte, ihre Augen waren geschminkt, eine hellblaue Kette übergoss Hals und Schultern wie ein Wasserfall. Wie lange war es her, dass sie so Lachen konnte? Es schien in einem anderen Leben gewesen zu sein. In einem Sommer, der viele Winter schon vergangen war.
Die Tage gingen so dahin. Laute und stumme Tage. Lange, einsame Tage. Da waren die Montage mit ihrem grimmigen Weckerklingeln. Die Sonntage mit den langen Nachmittagsstunden, in denen eine eigenartige Betäubung von ihr Besitz ergriff. Nur im Sommer waren die Sonntage schön. Sie sah, roch und spürte den Sommer in besonderer Weise. Sie hörte die vielen einzelnen Noten, die sich zu jenem lebendigen Geräuschteppich eines Sommertags zusammen fügten: Die Vögel, die Autos auf den Landstraßen, das Stühlerücken auf den Terrassen, das Kindergeschrei, die knisternden Baumwipfel, die Ähren im Wind. Sie roch den Flieder, die Rosensträucher, später den Holunder und die Linden, das zertrampelte Gras und den heißen Asphalt. Sie sah die Wolken, wie aus Seide, und das Licht, das sich am Horizont wie in einer gläsernen Obstschale sammelte. Orangeblau und purpurweiß. Wenn sie die Hände hob war es, als könne sie eine Handvoll davon schöpfen.
An den Sonntagen, an denen der Himmel grau war wie Beton, räumte sie die Wohnung auf. Alles sollte seinen Platz haben, nicht um Zentimeter verrückt duldete sie die Dinge. Sie nahm einen Gegenstand nach dem anderen in die Hände. Kerzenständer, Vasen, Bilderrahmen, Telefon, Lampen, Kartons. Alles ging durch ihre Hände, wurde vom Staub befreit und wieder an seinen Platz gestellt. Als bestünde das Leben darin, die Gegenstände zu verwalten, die einem freiwillig oder notwendig zufallen. Sie ärgerte sich über die Zeit und die Energie, die ihr die Dinge stahlen und doch genoss sie das Aufräumen. Es war, als würde sie sich ihr Leben dadurch aneignen. Als würde sie sich vergewissern, dass es mehr gab als jeden neuen Augenblick. Alles umgab sie, weil sie bereits ein Wegstück hinter sich hatte. Es erinnerte sie an vergangene Augenblicke, Menschen, Entscheidungen. Alles Gegenständliche war herausgehoben aus dem Strom der Zeit.
Wenn sie fertig war besah sie ihre Wohnung. Sie saß mit angewinkelten Beinen auf dem kleinen Schemel neben dem Sofa, als würde sie allein auf der großen, weißen Couch verloren gehen. Ein Werktisch ihres Großvaters neben modernen Stühlen. Weiße, geblümte Bettwäsche auf einem schlichten, schmucklosen Bett. Bilder an die Wände gelehnt, als gäbe es keine Nägel. Es war nicht viel. An einem Nachmittag hätte man alles einpacken können, wenn es galt zu gehen. Eine kleine überschaubare Welt.
Vereinzelte Spaziergänger führten auf den verschneiten Straßen ihre Hunde aus. In dem Altersheim schräg gegenüber der Balkontüre brannte noch Licht. Sie sandte dem alten Mann, der jeden Morgen, wenn sie zur Arbeit ging vor der Einganstüre saß, in Gedanken einen Gruß. Die ersten Monate hatten sie einander nur stumm zugenickt, dann hatten sie sich gegrüßt - ein flüchtiger, abwartender Gruß. Irgendwann war sie stehen geblieben, hatte ihn gefragt, ob er nicht friere. Der Mann trug im Sommer dunkelblaue Polohemden und im Winter dunkelblaue Wollpullover. Sie sorgte sich um seine Gesundheit, da er selbst bei regennassem Wetter vor der Eingangstüre saß. Er winkte ab. Er sei Bergsteiger gewesen und sei das Wetter gewöhnt. Er hatte ein kantiges, dunkles Gesicht, dichte Brauen und schmale Lippen. Sie mochte seine Stimme. Ein tiefer Bariton, den man nur verstand, wenn man mit dem Ohr nahe an seinen Mund ging.
Wenn sie früher von der Arbeit kam und das Wetter es zuließ, holte sie ihn zu einem Spaziergang ab. Sie führte ihn auf die Felder, zum Fluss oder in den Stadtwald. Sie schob seinen Rollstuhl, blieb stehen, wenn er ihr etwas sagen wollte. Manchmal schob sie den Rollstuhl neben eine Bank, dann saßen sie, die Köpfe einander zugeneigt. Er erzählte ihr von seinen Touren, von der Sehnsucht, die ihn immer wieder angetrieben hatte, sein gewohntes Leben zu verlassen. Sie wusste von seiner gescheiterten Ehe, seinen Kindern, die ihn nur selten besuchen kamen und von seinem Unfall auf einer Tour in Südtirol. Sie wusste von seiner Einsamkeit. Sie staunte über seinen Mut. Als sie ihn fragte, ob ihn an seinem Lebensweg etwas reute, sagte er: „Wenn man etwas lernen will, empfehlen sich Wege, die noch keiner gegangen ist.“
Er hatte einen österreichischen Akzent. Eine schleppende, abwägende Sprachmelodie. Und er sprach mit den Händen. Als griffen sie nach unsichtbaren Steigbügeln, als suchten sie kleine Felsvorsprünge, Spalten und Furchen, kleine Widerhaken für die leisen Worte. Er sprach so leise, dass er die Hände brauchte, um ihnen Gewicht zu geben. Sie hatte ihm zuhören gelernt. Seit einiger Zeit hatte er angefangen, sich einen Bart wachsen zu lassen. Auf ihre Frage warum er sich nicht mehr rasiere, sagte er:„Ich lasse mir den Bart stehen, bis sie wieder glücklich sind.“
Ihr letzter Sommer begann an einem Sonntag. Das Leben nahm stets am letzten Wochentag Anlauf. Sie war wie jeden Abend im Park gesessen, hatte die Schuhe ausgezogen und die Füße barfuß ins Gras geschoben. Mit geschlossenen Augen fühlte sie, wie die Grashalme unter den Füßen einknickten, sich zwischen die Zehen schoben und unter den Sohlen kitzelten. Der Wind war still, sie hörte auf die Fliegenschwärme und das gleichmäßige Wimmern einer Schaukel. Ihre Hände waren rot verklebt von den Brombeeren, die sie über einen niedrigen Gartenzaun gepflückt hatte. Der Schatten der Kastanie hinter der Bank berührte gerade ihre Schultern.
Jemand setzte sich neben sie. Sie hielt die Augen geschlossen und hörte auf den leisen Atem. Als sich mit einem Mal ihr Herzschlag erhöhte schlug sie die Augen auf und sah zur Seite. Lange rotblonde Haare. Ein großer, lächelnder Mund. Sporthosen und Turnschuhe. Er legte eine Rose auf die Bank.„Sie fiel mir heute zu“, sagte er und sah sie unverwandt an.
Sie hatten einander lange Briefe geschrieben. In diesen Briefen war es, als könne sie ihr Leben wiederfinden. Als bekomme es eine Richtung, vielleicht ein Ziel, zumindest aber einen Grund.Einmal war sie Zug gefahren. Die Rapsfelder blühten, übergossen das Land wie flüssiges Kupfer. In ihrem Abteil saß ein kleiner Junge. Er erzählte ihr, wie er jedes Wochenende zwischen seiner Mutter und seinem Vater hin- und herfahre. Im Frühling blühten die Rapsfelder. Im Herbst fuhren Traktoren übers Land. Sie sprachen miteinander, als wären sie alte Bekannte. Er trug eine Stoppelfrisur, kurze Hosen und fror trotz der Klimaanlage nicht. Sie zog einen Schal um die Schultern, hörte ihm zu und wusste, dass sie später davon schreiben würde. Alles, was ihr begegnete prüfte sie, wog behutsam ab, wie sie davon erzählen würde. Gerade so, als verlor es sich, wenn sie nicht davon erzählte.
Aus den Briefen wurden Spaziergänge, aus den Spaziergängen wurden Nächte. Es war, als wäre der Körper einzig für diese Nächte da. Zehn Monate schlief sie in seinen Armen ein. Die Laken blau unter dem Mondlicht. Ihre Körper warm von der Liebe. Nur der Schein der Straßenlaterne fiel zum Fenster herein, zerteilte das Bett in einer schrägen, gezackten Linie. Seine Augen leuchteten in diesem Licht. Seine Haut war voller Sommersprossen, auf den Schultern wie verschütteter brauner Zucker, an den Händen wie gekerbte Erde. Sie hatte den törichten Wunsch gehabt sie alle zu zählen.
Später, als er längst fort war, fragte sie sich immer wieder: Was galt es, Lieder zu hören, wenn man sie nicht teilen konnte. Was taugte es, Erinnerungen und Erfahrungen zu sammeln, wenn niemand da war, dem man es mitteilen konnte? Eine Welt, das erfuhr sie in jenen Tagen, von der man nicht erzählen konnte, hörte auf zu sein.
Sie lag im Bett und spürte, wie ihr Rücken schmerzte. Wie die Arme schwer in die Matratze sanken. Ihr Nacken war heiß von der Wärmflasche. Sie schaltete den Fernseher ab und schaute auf den kieselgrauen Februarhimmel. Er war in den Fenstern festgezurrt, seit Wochen schon.
Früher konnte sie aus ihrem Bett eine alte Purpur-Weide sehen. Sie hatte drei schlanke Stämme, dicht nebeneinander, die sich unablässig im Wind bewegten. Ihre Blätter rauschten wie ein Wasserfall. In ihren Ästen nisteten zahllose Vögel. Eines Tages waren Waldarbeiter angerückt und hatten sie abgesägt. Die Motorsäge heulte, Baumstamm für Baumstamm verschwand. Sie war fassungslos gewesen. Wütend. Traurig. Wie konnte etwas, das so fest verwurzelt war mit der Erde, das lang schon gestanden hatte, bevor die ersten Häuser dieser Stadtrandsiedlung den Hang hinauf gekrochen waren, mit einem Mal fort sein? Die ersten Tage, nachdem er gegangen war, hatte sie das Bett nicht verlassen. Die ersten Wochen, nachdem er fort war, hatte sie keine Musik mehr gehört, den Fernseher nicht angeschaltet. Jedes Wort war ihr zu viel. Jedes Geräusch schreckte sie auf. Ihr Körper wurde schwer und teilnahmslos. Doch der brennende Schmerz verging.
Sie zündete am Abend Kerzen im Wohnzimmer an, ließ in jedem Zimmer ein kleines Signallicht brennen. Legte Musik in die Anlage ein, wenn sie zu Abend aß. Sie wusste, wie Trost schmeckte. An warmen Augustabenden saß sie im Liegestuhl auf dem Balkon und hörte Hörbücher. Sie kaufte sich im Januar Blumen in den Farben des Frühlings. Ein warmes Orange. Junges Grün. Sattes Violett.Sie vergaß den Schmerz wie man Gesichter vergisst. Erst wenn man sich wieder begegnet, weiß man, dass man einander kennt. Und wenn sie müde von der Arbeit kam und der Tag vergessen hatte, ihr eine Freude zu bereiten, wenn am Morgen der Mann im Rollstuhl fehlte und sie sich bewusst machte, dass er alt war und sie bald verlassen würde, wenn das Telefonklingeln im Büro nicht aufhören mochte während der Anrufbeantworter zu Hause stumm blieb, wenn sie am Abend mit hungrigem Magen vor ihrem leeren Kühlschrank stand, dann ahnte sie: Das Schreiben an ihn hatte sie gehalten. Das Abtasten des Tages nach kleinen Momenten, die sie erzählen konnte, hatte sie glücklich gemacht. Wenn sie wütend war, mochte sie daran nicht glauben. Sie schlug mit der offenen Hand gegen die Küchentür. Konnte es sein, dass das kleine bisschen Scheiben alles war, was sie dem Leben entgegen zu setzen hatte? Das sie nicht quälte, wie es vielleicht andere Menschen quälte, durch Schicksalsschläge und Entbehrungen. Dessen einzige Strafe die Stille war.
In ihrem einzigen gemeinsamen Winter waren sie Schlittschuh laufen gegangen. Das Eis über dem See war zugefroren. Die dunklen Tannen des Waldes standen halbweiß in der Sonne. Unter einer Bank hatten sie die Schuhe verstaut und die Taschen mit dem Proviant. Der Weg, der um den See führte, war gestreut. Kleine schwarze Kieselsteine. Die Sonne war hell an jenem Tag, an den Zweigen fing es an zu tropfen. Sie nahm seine Hand und fuhr weit hinaus. Mitten auf dem See ließ er ihre Hand los. Er sah zu Boden, nahm Schwung, scherte aus, drehte lange Runden über dem Eis. Sie stand mitten auf dem See und sah ihm nach.
Die Sonne warf blaue und gelbe Streifen über den Wald. Am Ufer zog ein Mann einen Schlitten. Sie zog ihre Hände aus den Handschuhen und rieb sie warm. Da hörte sie das Knacken. Wie ein jäher Riss zog sich eine dünne, gezahnte Linie quer über den See. Als würde das Eis zwischen zwei großen Handflächen zerdrückt. Sie spürte, wie ihre Knie weich wurden und schwankte. Sie stand genau auf der Linie. Weißes, splitterndes Eis. Der See schien entzwei zu brechen. Ein raunender, tiefer Ton drang aus dem See, als schöbe sich ein Schiffsbug in den Sand. Wasser strömte in Blasen zu ihren Füßen. Gelbe und blaue Sonnenstreifen blendeten sie. Ein Fisch wurde an die Oberfläche gespült, schlingerte schwarz über das Eis, zappelte und blieb schließlich liegen. Sie fing an zu schreien, konnte nicht mehr aufhören, unfähig, sich zu bewegen. Sie sah einen Schatten auf sie zukommen, schlug die Hände vors Gesicht und weinte. Er schob sie halb, zog sie ans Ufer und brachte sie zur Bank. Er schenkte ihr eine Tasse Tee ein, verstand nicht, warum sie weinte. Warum sie Panik schlug, statt vom Eis zu gehen. Sie besah ihre Hände. Sie schüttelte stumm den Kopf und konnte nicht aufhören zu schluchzen. Sie hörte noch immer das dumpfe Knacken. Den dunklen, berstenden Ton, der die Erde unter ihren Füßen zum Schwanken brachte. Der Boden brach auf und sie konnte diesen Ton nicht vergessen. Sie waren nach Hause gefahren, die Tage vergingen, der Frühling löste den Winter ab, das Eis schmolz, der See war wieder dunkelgrün und über den Waldweg spazierten Fußgänger. Nur der Frost in seinen Augen blieb. Eine Mischung aus Mitleid und Missmut. Ungeduld und Distanz. Eiskörner zwischen braunem Zucker und gekerbter Erde.
Drei Jahre waren seit seinem Fortgehen vergangen. Die Tage wurden zu einer endlosen, unerzählten Geschichte. Am gestrigen Nachhauseweg, hatten ihr zwei Kinder den Weg versperrt. Sie hatten auf dem Weg, der vom Fluss ins Wohngebiet führte, mehrere runde Schneeballen zu einer Mauer aufgetürmt und verlangten Wegzoll. Sie blieb stehen, fing eine Unterhaltung an und freute sich vor diebischer Lust, wenn sie an die Autos dachte, die hier nicht mehr durch kamen. Die Kinder ließen sie passieren. Weit oben am Ende der Straße drehte sie sich nach den beiden um, die ihre Schneemauer verstärkten. Wenn es ihn noch gäbe, würde sie ihm davon schreiben.
Wenn es ihn noch gäbe, hätte sie vielleicht Kinder.
Er war fort. Und es war, als wäre ihr Körper nutzlos geworden. Ohne versöhnende Berührung wuchs die Grenze zwischen Innen und Außen. Sie stand am Morgen vor dem Spiegel und wartete, dass das blasse Gesicht ihr sagte, was zu tun sei. Sie stand unter der Dusche bis ihre Haut rot wurde. Sie zählte die Tage nicht mehr. Und nicht die Nächte. Sie kamen und gingen, lösten einander ab, wie gleichförmige Perlen an einer Schnur. Sie saß am Tag im Büro und wunderte sich, wie schwer ihr die Arbeit wurde. Vor langer Zeit, als sie eingestellt wurde, bereitete sie ihr Freude. Doch wenn sie in diesen Tagen sah, dass ihr Postfach überfüllt war, wenn das Telefon unermüdlich klingelte, fragte sie sich, wie lange sie ihre Zeit noch dem Büro schenken würde. Was erreichte sie, wenn sie Papier über den Tisch schob, in andere Abteilungen schickte, Fragen beantwortete, Ärger mit Gleichmut bekämpfte, die Sticheleien der Kollegen, so gut es ging, ausblendete. An manchen Tage war sie schon müde, wenn sie die Tür zu ihrem Büro öffnete. Manchmal sah sie am Abend stundenlang aus dem Fenster. Manchmal weinte sie. Manchmal starrte sie auf ein Buch, ohne zu lesen. Manchmal genügte eine Zeile, um ihr begreiflich zu machen, dass sie dabei war, ihr Glück zu verlieren.
Es schneite ohne Unterlass. Sie saß am Fenster, die Flocken fielen gerade herunter, wie ein Perlenvorhang. Die Lampe auf dem Schreibtisch beleuchtete das Papier, das sie vor sich ausgebreitet hatte. Sie malte runde Kringel an die Seiten, um die eingetrocknete Tinte zu verflüssigen. Sie begann ein paar Worte. Überlegte, während der Füller Kreise, Striche und Sterne an die Seitenränder malte, wovon sie erzählen wollte. Sie legte den Füller ab und besah ihre Hände. Sie hatte einmal von einem Gleichnis gelesen, in dem ein Meister seinen Schülern die Gewichtung der Dinge zeigte. Er füllte vor ihren Augen einen Glaskrug, zuerst mit Steinen, dann mit kleinen Kieseln, dann mit Sand und zuletzt mit Wasser. Bei jedem Schritt fragte er seine Zuhörer, ob der Krug voll sei. Jedes Mal erhielt er ein Ja zur Antwort. Jedes Mal passte ein weiteres Element in den Krug. Als der Krug voll war sah er seine Schüler an und sagte: „Tragt dafür sorge, dass in eurem Leben zuerst die großen Steine in den Krug kommen. Beginnt nicht mit dem Sand.“
Sie stand auf, nahm den Schal, der über der Stuhllehne hing, und trat ans Fenster. Die Welt in weiß war eine stille Welt. Noch stiller als sonst. Sie öffnete das Fenster und streckte die Hand aus. Schmelzende Flocken berührten ihre Haut. Es roch nach vereister Erde und Salz. Die Schneedecke glitzerte unter den Laternenkegeln. Wie ein Ufersteg führte die Straße ins Nichts. Die Häuser waren vom Schnee verweht. Verschollen die Tankstelle am Ende der Straße. Fort war die Kreuzung und die nächste Ortschaft, die man aus ihrem Fenster sah. Ihre Wohnung trieb schwerelos durch die Nacht. Ihr Atem kondensierte, wurde groß, sank in sich zusammen, verebbte. Wurde groß, sank, verebbte. Sie stand so lange am Fenster, bis ein Fußgänger am Haus vorbei ging, hinauf sah und kurz nickte. Seit langer Zeit schon füllte sie Sand in ihren Krug. Unaufhörlich Sand. Er rann durch ihre Finger, Hände, Arme und sickerte in den Mund. Er war trocken und zäh. Er ließ sich nicht weg kehren, der leiseste Wind trug ihn wieder über ihren Weg. Ihre Füße sanken ein, ihre Gelenke schmerzten von seinem Widerstand. Sand rieselte durch das Schlüsselloch ihrer Bürotür, er quoll aus der Tastatur, rann durch den Telefonhörer, wartete an der Kasse des Supermarkts, im Flur, wenn sie die Haustür aufschloss, in der Küche, im Bad. Der letzte große Stein war ihr vor drei Jahren begegnet. Der größte Stein war die Liebe.Sie schloss das Fenster, legte den Schal ab und zerknüllte das Papier auf dem Schreibtisch. Ihre Gedanken glichen auffliegenden Sperlingen. Sie waren nicht einzufangen, ohne ein Gegenüber, dem sie ihre Worte widmen konnte. Wovon erzählen? Von der langen, ermüdenden Sitzung, in der sie unaufhörlich auf einen weißen Faden am Jackett ihres Gegenübers gestarrt hatte? Von der jungen Frau mit den geblümten Handschuhen, die ihr in der Bahn gegenüber Platz genommen hatte und die sie hemmungslos angestarrt hatte, sich wundernd, woher die Schönheit ihres Gesichts rührte. Von der Müdigkeit, die sie spürte, wenn sie zu Hause war? Sollte sie von dem langen Winter erzählen? Von den Kindern mit der Schneesperre und dem Wegzoll?
Sie knüllte das Papier zusammen, warf es in den Papierkorb, sah noch einmal auf die fallenden Schneeflocken vor ihrem Wohnzimmerfenster und ging dann ins Bad, um sich für die Nacht zu richten.
Am nächsten Morgen stand sie lange im Flur, das zusammen geknüllte Papier in der Hand. Sie drehte es, wog es wie ein Gewicht. Es lag schwer in ihrer Hand. Zu sehen waren nur die Schreibspuren an den Rändern. Vor den Fenstern fiel noch immer Schnee. Die Autos fuhren langsam, die Räder sanken ein. Nur wenige Gehwege waren frei geschippt. Der Himmel eine träge, grauweiße Wand. Der Horizont, wie eine dünne abgerollte Schnur, noch ein wenig orange. Sie würde den Weg die Straße hinunter nehmen, am Altenheim vorbei. Wenn der Mann im Rollstuhl da war, würde sie stehen bleiben, froh, über die vertraute, sonore Stimme, über seine kräftigen, braunen Hände, über den krausen, weißen Bart. Dann würde sie über die große Kreuzung gehen an der ein Fußgängerüberweg fehlte, die Tankstelle umgehen, links den Berg hinunter, über den Fluss und auf der anderen Seite wieder hoch. Die Kälte würde ihr die Finger und Zehen taub frieren. Nach einer halben Stunde Fußmarsch würde sie in ihrem Büro ankommen, ihr Märkchen unter die Zeiterfassungsuhr halten und die Treppe zu ihrem Büro nehmen. Nach acht bis neun Stunden, in denen sie sich mehr oder weniger schadlos durch Anfragen, Papier und Gespräche geschlagen hatte, würde sie den Weg wieder zurück gehen. Den Berg hinab, auf der Fußgängerbrücke kurz innehalten und in beide Richtungen den Flusslauf verfolgen, dann die Straße hoch und an der Tankstelle vorbei. Vor dem Altersheim würde sie stehen bleiben, den leeren Platz vor dem Eingang bemerkend, wie man ein fehlendes Bild an einer Wand bemerkt. Sie würde die Tür aufschließen, die Frau im Spiegel wie eine Fremde betrachten, sie würde ihre Schuhe ausziehen, den Mantel ablegen und das zerknüllte Papier neben dem Papierkorb wahrnehmen, vielleicht aufheben, in den Händen halten, wiegen wie ein Gewicht. Keine Worte, nur Tintenspuren an den Rändern.
Sie zog die Türe hinter sich zu, schlang den Schal einige Male um den Hals, schulterte den Rucksack und ging ihren gewohnten Weg. Vor dem Altenheim blieb sie stehen. Vornüber gebeugt, als betrachte er die Welt vom Gipfel, saß der Mann in seinem Rollstuhl. Sein Bart reichte inzwischen über beide Wangen, eine krause, schneeweiße Haarwolle. Er sah auf, als er ihre Schritte hörte.
Sie berührte liebevoll seinen Bart und flüsterte: „Schauen sie täglich nach ihrer Post.“ Er nahm ihre Hand und zog sie zu sich herunter. „Wir sind alle unvollständig, Liebes“, flüsterte er in seinem tiefen Bariton. „Manche Menschen spüren diesen Mangel mehr als andere. Wenn wir unsere ganz eigenen Erfahrungen machen, dann wird dieser Mangel unsere Stärke. Denn abseits der ausgetretenen Wege wird uns klar, dass wir nicht für das Glück geschaffen sind, sondern für die Sehnsucht.“
Sie nickte. Dann küsste sie zum Abschied seine Stirn. Sie winkten sich wie ein Paar, das die Hand zum Gruß in der Gewissheit hebt, einander am Abend wiederzusehen. Sie überquerte die stark frequentierte Hauptstraße, ging an der Tankstelle vorbei, hinunter zum Fluss. Kurz bevor die Straße in den schmalen Gehweg mündete, an den letzten Häusern der Siedlung sah sie die weiße Mauer. Zusammen gebaut aus Schneekugeln, aufeinander getürmt zu einer weißen Wand. Die Wegzoll-Station der Kinder. Sie lief darauf zu und besah sie genau. Es war kein Durchkommen, stellte sie erstaunt fest. Ein Gartenzaun und ein dichter Busch begrenzten die Mauer an den Seiten.
Sie begann zu lachen. Zuerst ein kicherndes, verhaltenes Glucksen. Dann befreite sich daraus ein lautes, übermütiges Lachen, das sie nach Luft schnappen ließ. Sie dachte an ihre Wohnung und fühlte sich, als hätte ihr jemand ein Gewicht von den Füßen gebunden. Sie dachte daran, dass sie den Schlüssel an die Nachbarin gegeben hatte, mit der Bitte nach den Pflanzen zu sehen. Sie dachte an die verdutzte Stimme der Sekretärin beim heutigen Telefonat. Und dann dachte sie an die dunklen, gütigen Augen des alten Mannes. Er hatte sie sofort verstanden. Er allein wusste, was auf dem Spiel stand. Mit einem Mal wandte sie sich nach rechts, nahm an der nächsten Kreuzung die Straße nach links, begann zu rennen, rannte bis sie Seitenstechen hatte, verlangsamte ihre Schritte und ging so rasch sie konnte zum Bahnhof. Der nächste Zug ging in einer Viertelstunde. Genug Zeit, um noch einige Besorgungen zu machen. Sie hielt inne und presste ihre Hand in die Seite, bis sich das Stechen beruhigt hatte. Dann betrat sie den Kiosk und verlangte nach einem Kugelschreiber und einem Notizbuch.
Das Abteil hatte blaue Sitze und karierte Vorhänge. Die Klimaanlage blies heiße Luft an die Füße. Ihr gegenüber nahm zuerst ein Jugendlicher mit Gitarre Platz, dann eine ältere Dame mit einer durchsichtigen Pelerine, die die Frisur vor Regen und Schnee schützt. Jetzt saß ihr ein Mann mit Krawatte und Anzug gegenüber, seinen Mantel sorgsam über den Schoß gelegt.
Sie sah aus dem Fenster, zuerst auf die dunklen Rücken des mittleren Schwarzwalds. Schnee lag auf den Hügeln und verlieh ihnen das Aussehen von gefleckten Herden. Geduckt und bucklich kauerten sie in der Morgensonne. Die Rheinebene bei Strassburg glitzerte wie eine weiße, bemehlte Fläche, auf denen eine Riesenhand gleich Teig ausrollen würde. Die Sonne glich einem gläsernen Lampenschirm, immer wieder hinter Bergen verschluckt und wieder hervor gespuckt, als drehe jemand den Schalter an und aus. An und aus. Durch die Schlieren und Fingerabdrücke des Fensters tastete die Sonne nach ihren Augen. Das sanfte Knacken, das Rollen und dumpfe Quietschen des Zuges hüllte sie in den Schlaf.
Als sie wieder aufwachte fuhr der Zug durch die Straßen Basels. An ihrer Tür klopfte ein Verkäufer mit Rollwagen. Sie bestellte Kaffee und streckte die Beine auf den freien Sitz gegenüber. Sie besah den kargen Bahnhof und die Reisenden. Die Frauen trugen lange Mäntel und Handschuhe, die Männer Hüte und Aktentaschen. In Genf ebenso. Ein Meer aus Anzügen und schwarzen Koffern, Reisetaschen und glänzenden Schuhen. Wie eine blank polierte Ameisenkolonie. Gemurmel, lautes Rufen, Reisedurchsagen und einfahrende Züge. Der Zug fuhr mitten durch Genf. Sie sah die Spitzen des Mont Blanc, entdeckte den See hinter einer Straßenschlucht und bildete sich ein, das Wahrzeichen der Stadt, die Fontäne Jet d’eau gesehen zu haben. Die Landschaft rollte sich vor den Zugfenstern ab, immer schneller und schneller, der Schnee wurde fleckig wie ein alter Teppich und verschwand schließlich ganz. Der Himmel wurde durchlässig, die Sonne fand ihren festen Platz über den Bergen. Ein älterer Mann setzte sich zu ihr ins Abteil. Knisternd faltete er seine Tageszeitung auf. Eine Frau in ihrem Alter stieg dazu, legte Hut und Mantel auf die Ablage und schlug dieselbe Zeitung auf. Die beiden fingen ein Gespräch über die Schlagzeilen an. Ihr Herz machte einen Sprung, als sie die französische Unterhaltung vernahm. Sie schloss die Augen und hörte zu, als singe jemand ein Lied.
Als kleines Mädchen war sie mit ihrer Mutter oft nach Frankreich in den Urlaub gefahren. Sie fuhren die ganze Strecke zu zweit mit ihrem kleinen Bus, schliefen auf Parkplätzen und fuhren so lange, bis irgendwo das Meer auftauchte. Sie hatten nie gewusst, wo sie schließlich ankommen würden. Ihre Mutter hasste es, sich ein festes Ziel vorzunehmen.
„Die wichtigste Landkarte haben wir hier“, sagte sie und tippte ein paar Mal mit der Hand auf die Brust. „Wir werden schon wissen, ob wir richtig sind.“ Am Meer schliefen sie in einem Zelt vor dem Bus. Es war so hoch, dass man auch als Erwachsender aufrecht darin stehen konnte. Durch eine Tür mit einem Reißverschluss ging es auf der einen Seite in den Bus, auf der anderen ins Freie. Ein großes Schloss hätte nicht schöner sein können. Sie schwammen vor dem Frühstück im Meer und brieten sich gekaufte Waffeln in der Pfanne über dem Campingkocher. Die Tage verbrachten sie damit, am Strand spazieren zu gehen, sich zu sonnen und nach Muscheln zu suchen. Am Nachmittag schlenderten sie über den Markt und kauften frischen Fisch, Gemüse, Obst und getrocknete Feigen. Die Abende waren getaucht in dieses blaue Licht, das immer dunkler und dunkler wurde, bis die Sterne wie Papierlaternen über ihnen leuchteten. Das Meer rauschte in seinem gleichmäßigen Takt, leckte mit hellen Schaumzungen über den Sand. Es waren Tage, die nur ihnen beiden gehörten. In denen sie eine Verbundenheit und Unbeschwertheit spürten, die sie in ihrem Alltag nicht kannten.Der Tod ihrer Mutter lag zehn Jahre zurück. Seitdem war sie nie wieder nach Frankreich gefahren. Seither hatte es immer nur die Arbeit gegeben. Ihre wenigen Freundschaften versiegten in den Jahren, als Ehen geschlossen wurden und Kinder auf die Welt kamen. Es ist schwer, Schritt zu halten mit den Familiensorgen anderer, wenn die eigene kleine Welt gleich bleibt. Er ist nicht leicht, das Gewordene gut zu heißen, wenn es das Resultat gescheiterter Versuche und unerfüllter Wünsche ist. Ihre Welt war eine weiße Welt, eine stille Welt geworden. Und einzig das eine Jahr der Liebe fiel heraus aus der ewig gleichförmigen Zeit. Das Eis jenes Winters begleitete sie. Blaue und orange Streifen am Horizont. Ein Knacken als berste der Boden, als teile sich die Welt in zwei Hälften. Das Eis zerbrach mit einem dunklen, sirrenden Ton. Die Erde unter ihren Füßen schwankte. Ein schwarzer Fisch schlingerte zwischen ihren Füßen und schnappte nach Luft. Der Schnee schmolz in langen, tropfenden Fäden. Überall Licht, das sie blendete. Kälte, die sie lähmte. Und was nicht weichen wollte war die Erinnerung an eine warme, feste Hand, die sie vom Eis gezogen hatte. Sie sah aus dem Zugfenster. Die Berge am Horizont waren gewitterblau, die Dächer der Städte erdbeerrot. Die beiden Zuginsassen schwiegen und knisterten mit ihren Zeitungen. Sie schloss die Augen und tippte ein paar Mal gedankenverloren mit der Hand auf die Brust.
In Lyon nahm sie ihren Rucksack von der Ablage und betrat das Gleis. In einer Stunde würde ihr Zug nach Aix-en-Provance gehen. Weiter hatte sie ihre Reise nicht geplant. Sie schlenderte in einen Buchladen und blätterte durch die Auslagen. Sie fand direkt vor dem Bahnhof ein Café, setzte sich ans Fenster und bestellte überbackenes Baguette. Sie sah dem Verkehr auf den Straßen zu und hing ihren Gedanken nach. Zuletzt musste sie rennen, um ihren Zug noch zu erwischen. Lachend und mit klopfendem Herzen suchte sie sich einen freien Platz und wurde am Ende des Zuges fündig.
In einem Viersitzer saßen Jugendliche, ein Mädchen und zwei Jungen. Sie sprachen Italienisch und lachten bei jedem zweiten Satz. Schräg gegenüber saß ein englisches Ehepaar. Vor ihr lehnte sich ein Mann über beide Sitze und schlief. Sie hievte ihren Rucksack auf die Gepäckablage und war froh, dass der Platz neben ihr leer blieb. Sie spürte eine innere Unruhe, Vorfreude gemischt mit Angst. Zum ersten Mal überkamen sie Zweifel. Sie dachte an ihre Wohnung, an ihre Pflanzen, an all die Spuren und Gegenstände gelebten Lebens. Sie dachte an ihre Mutter, sah sie deutlich vor sich, wie sie sich verschwitzt und mit geröteten Wangen eine Strähne aus dem Gesicht wischte, eine Hand fest auf dem Lenkrad ihres kleinen Busses. Sie erinnerte sich daran, wie kostbar ihr jeder Tag war, den sie zuletzt mit ihr hatte. Wie froh sie war, sie besuchen zu können, auch wenn sie bettlägerig war und nur noch auf den Tod wartete. Sie dachte an die langen Flure des Krankenhauses. An die Lichtkegel auf dem Fußboden, den Geruch von Desinfektionsmittel und ungelüfteten Zimmern. An die vielen Betten und Zimmer mit Menschen, die auf ein Wunder oder eine Erlösung hofften. Sie dachte an die Hände des Bergsteigers, wie sie die Worte fassten und begleiteten, als dirigierten sie die Laute aus dem Mund. An seine tiefe, leise Stimme, an seine Abenteuergeschichten. Sie dachte an die sommersprossigen Hände, die sie einen Sommer lang die Liebe gelehrt hatten. Sie hatte den Mut nicht gehabt, für ihn zu kämpfen. Sie hatte nie den Mut gehabt, für sich selbst einzustehen. Wie kläglich ihr Versuch gewesen war, Worte für ihr Leben zu finden.
Sie gab sich ihren Tränen hin, inmitten der Zuggeräusche, dem Lachen, den Gesprächen. Froh, dass sie weinen konnte. Froh, dass sie endlich den Mut gefunden hatte. Das wenige, das wir besitzen, und mag es uns noch so sehr quälen und lähmen, halten wir fest, als wäre es unsere einzige Chance. Vielleicht, so dachte sie, hatte der Bergsteiger recht. Vielleicht sind wir wirklich nicht für Glück gemacht, sondern für Sehnsucht.
Aix-en-Provance lag im Dämmerlicht als der Zug in den Bahnhof einfuhr. Der Mann, der vor ihr auf den Sitzen geschlafen hatte, holte ihr den Rucksack von der Ablage. Er hatte hellbraune Augen und Haut wie Kakao. Auf seinem Gesicht waren Streifen von seiner Jacke, die er als Kopfkissen benutzt hatte. Seine Unterarme waren muskulös, die Hände glatt, die Fingernägel glichen Halbmonden. Ihr Blick ging über seine Gesten, als prüfte sie eine Landkarte. Er lachte ein Lächeln, das weder ihr galt noch irgend jemand anderem. Es war ein Lachen, wie es Menschen besitzen, die im Schweigen geübt sind. Er nickte ihr zu, stieg aus, und ohne dass sie wusste warum, folgte sie ihm auf einen anderen Bahnsteig. Ein Zug nach Toulon fuhr ein. Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Fahrkarte und stieg ein.
Es war mitten in der Nacht, als der Zug in Toulon ankam. Er fuhr mit einem sachten Zischen in den Bahnhof ein, spuckte Rauchwolken und blieb mit einem jähen Ruck stehen. Die letzten Stunden hatte sie in einem halbwachen Zustand verbracht. In ihren Träumen hatten die Züge Augen und offene Münder, die die Landschaft vor den Gleisen verschluckten. Berge tauchten auf, schichteten sich wie Papier zu gezackten Silhouetten, auf denen sie mit ihrer Mutter wanderte. Regen flutete die Landschaft und sie sah, wie ihre Mutter zurück blieb, auf der Wasseroberfläche trieb, immer weiter und weiter, bis sie als kleiner Punkt verschwand.
Sie zog ihre Jacke aus ihrem Rucksack und betrat den Bahnhofsvorplatz. Die Geschäfte waren noch zu, die Straßen glänzten nach einem Regenschauer. Die wenigen Passanten hatten nach innen gekehrte Gesichter. Sie fühlte sich schlaftrunken und zerstreut wie in ihren Träumen. Ihre Glieder waren steif vom langen Sitzen. Ihr Verstand in einer matten, gedankenlosen Schleife. Sie blinzelte ein paar Mal, bis sie sich an den Schein der Ampeln und Straßenlaternen gewöhnt hatte. Ein Gitternetz aus blendendem Licht. Sie ging langsam auf einen Bus zu, der mit offener Türe etwas abseits stand. Der Motor klang, als atme das Innere des Wagens. Der Fensterscheiben vibrierten, als wäre er jetzt erst zum Stehen gekommen. Oder als stünde er schon sehr lange Zeit dort. Sie bezahlte beim Busfahrer ohne nach dem Zielort geschaut zu haben, ging zur hintersten Reihe und legte sich quer über die Sitze schlafen.
Das erste was sie sah, als sie die Augen aufschlug, war ein wenig Orange am Horizont. Sie richtete sich auf, rieb sich übernächtigt das Gesicht und lehnte den Kopf ans Fenster. Da sah sie weit unterhalb der Serpentinen dunkle kräuselnde Wellen. Das Meer. Erschrocken fuhr sie hoch und sah sich um. Die Sitzreihen waren zur Hälfte gefüllt. Der Bus fuhr eine gewundene Küstenstraße entlang. Windzerzauste Kiefern und Eukalyptusbäume säumten die Straße. Zypressen standen wie schlanke Offiziere Spalier. Rostrote Felsen ragten aus dem Meer auf.
Wie lange hatte sie geschlafen? Ihr Blick schweifte übers Meer und die vorgelagerten Inseln, die wie Boote am Ufer vertäut waren. Die Silhouette einer Stadt tauchte auf, mittelalterliche Häuser lockten wie ausgestreute Brotkrumen etliche Straßen den Hang hinauf. Südlich ein Palmengarten inmitten der Ziegeldächer. Als der Bus hielt, eilte sie zur Tür, sprang die Stufen hinab, sah sich kurz um und rannte bergab zum Meer. Die Luft duftete nach Pinienwäldern und Thymian. Nach Salzwasser und Algen. Sie hörte Fensterläden aufklappen, das Geräusch eines Besens, der übers Kopfsteinpflaster kehrte. Irgendwo schüttete jemand einen Eimer Wasser aus. Ein kurzes Klatschen, ein Rufen, vorbei. In einem Hinterhof bellte ein Hund. Ein Radfahrer klingelte, grüßte mit einem melodischen „Bonjour“.
Sie lief so lange, bis sie außer Puste war, dann verlangsamte sie ihre Schritte, öffnete die Jacke und atmete mit vollen Zügen die salzige Luft. Ein leichter Wind trieb sie vorwärts, die letzten Schritte zur Bucht ging sie wie in Zeitlupe. Das Meer brandete an den Strand. Die Wellen leckten mit hellen Zungen den Sand. Das Orange am Horizont war inzwischen ein helles Blau, die vielen Inseln in ein zartes Violett getaucht. Die Sonne rollte wie ein weißer, glühender Ball über die Dächer von Hyères.
Sie warf ihren Rucksack beiseite, zog Schuhe und Strümpfe aus, krempelte die Hosenbeine hoch und watete in die Brandung. Sie schrie laut lachend auf, als das kühle, kristallklare Meer ihre Füße umspülte. Dann breitete sie ihre Arme aus und fing an, sich im Kreis zu drehen. Die eisige Erstarrung verwandelte sich in singendes Wasser. Meer und Himmel und Stadt wurden eins, ein langer fließender Strom an Farben und Gerüchen. Ein langes, endloses Band aus Wasser und Sand, aus Straßen und Dächern. Ein Kribbeln von den Zehen bis unter die Kopfhaut. Sie spritzte das Wasser mit den Füßen über den Strand bis ihre Hosen nass waren. Sie tobte ausgelassen zwischen der Brandung, folgte den Wellen in ihrem knisternden An- und Abschwellen. Sprang über Steine und füllte die Hosentaschen mit nassen Muscheln. Zeichnete mit den Fußspitzen Linien in den Sand und erschreckte sich vor einer hellroten Krabbe, die unter einem Boot auftauchte und seitwärts ins Meer lief. Mit einem angespülten Holz malte sie ihre Initialen an den Strand und wartete, bis sie vom Wasser abgetragen wurden, Sandkorn für Sandkorn neu verstreut, bis nichts mehr übrig war. Dann setzte sie sich auf einen Felsen, der wie ein Bootssteg in die Bucht hinein ragte, sah dem Leuchten der Wasseroberfläche zu, streckte die Beine aus, löste ihr Haarband und schüttelte ihre Haare wie um alte Erinnerungen loszulassen.
