Hungerkünstler

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 12:40 on Samstag, Juni 12, 2010

In Franz Kafkas Geschichte Ein Hungerkünstler lässt sich der Protagonist in einem Gitterkäfig dafür bewundern, dass er keine Nahrung zu sich nimmt. Niemand glaubt ihm, dass ihm das Hungern leicht fällt. Er fastet und heischt nach der Aufmerksamkeit, nach dem Beifall seines Publikums. Eine Parabel des Künstlertums oder mehr? Es gibt vieles, womit man immerwährenden Hunger stillen kann: Geld, Zerstreuung, Pläne. Vielleicht aber legen wir Messer und Gabel beiseite und stellen fest, dass die Welt nicht nach unserem Geschmack ist. Wir versagen uns gewisse Speisen, Gedanken oder Handlungsweisen und lassen uns dafür bewundern. Der Verzicht macht unsere Identität aus.

In vielen Dingen ist das entscheidend, was abwesend ist. Die Spuren, die man nicht finden kann. Die Wege, die man nicht gegangen ist. Haben wir uns bewusst für ein Lebensmodell entschieden? Wo leisten wir aus Angst oder Hoffnungslosigkeit Verzicht? Dieser Verzicht kann sich auf vordergründig banale Dinge beziehen wie Fernsehen oder Zeitung lesen und kann sich in mangelnder Verantwortung oder dem Vermeiden von Risiken äußern. Kafkas Hungerkünstler lässt sich dafür bewundern, dass er keine Nahrung zu sich nimmt. Doch seine Kunst ist eigentlich Verzweiflung. Er habe nur gefastet, gesteht er am Ende, weil ich keine Speise finden konnte, die mir schmeckt.

Ist das die einsame Wahrheit des Verzichtes? Wenn wir Dinge unterlassen, uns nicht ausprobieren, im Raum der vertrauten Möglichkeiten bleiben, so ist das weniger ein Ausdruck unserer Kreativität als eine Kapitulation. Wir unterlassen das Essen und nähren uns von dem Verzicht. Wir geben nicht zu, dass uns das Hungern leicht fällt. Wir verschanzen uns hinter dem Kreis, den wir uns selbst als Radius zugestehen.
Jenseits dieses Kreises ist ein Meer an Möglichkeiten. Ob wir einen Nutzen daraus ziehen, den Kreis zu erweitern, ist fraglich. Aber ist Nutzen eine verlässliche Kategorie, nach der man sein Handeln auszurichten hat? Sind die schönsten Dinge nicht die nutzlosesten? Oder wie Theóphile Gautier sagt: Es gibt nichts wirklich Schönes, als das, was zu nichts nützt. Vielleicht gilt es nichts erreichen zu wollen, um unseren Hunger als das zu spüren, was er ist: Ein Wegweiser zu unserem Glück. Wir halten mit der Verzweiflung eines Schiffbrüchigen an dem fest, was unser Leben augenscheinlich ausmacht, selbst wenn unsere Konzepte uns hemmen und klein halten und wir letztendlich daran zu verhungern drohen. Dabei besitzt jeder eine Kompassnadel, die ihm zeigt, wo es langgeht.

Vorgegebene Wege sind keine Wege, um eigene Erfahrungen zu machen, schreibt Reinhold Messer. Der Erfahrungsbereich eines jeden Menschen ist grundsätzlich unendlich. Warum definieren wir uns also über unseren Verzicht? Über die Erfahrungen, die wir nicht gemacht haben? Warum lassen wir uns für das bewundern, was wir unterlassen? Was ist so erstrebenswert daran, keine Fehler zu machen?
Wenn man einen Weg abseits der vorgegebenen Wege sucht, bleibt der Erfolg und auch die Sinnhaftigkeit des Tuns für die Außenwelt oftmals unsichtbar. Wir vermessen die Welt mit unseren Schritten. Was für den einen gilt, muss für den anderen nicht stimmig sein. Für die ungelebten Möglichkeiten, diese unentdeckten Landschaften lohnt es sich, hinauszugehen. Unser immerwährender Hunger, unser Durst nach Liebe und Freude, nach einer Möglichkeit unsere Fähigkeiten und unsere Einzigartigkeit auszuleben und mit anderen zu teilen, wird uns nicht loslassen. Wenn man sein Element gefunden hat, sein ureigenstes Mittel sich auszudrücken, sein Umfeld, das einem erlaubt, der zu sein, der man will, ist der Hunger kein Selbstzweck mehr.

Gebündelte Energie

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 3:10 on Donnerstag, April 8, 2010

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Kein Gefühl von Erhabenheit. Ich bin auch dafür wohl zu müde. Und doch eine Vorausahnung, dass dieser Augenblick, ohne ein besonderer oder gar glückhafter zu sein, im Nachhinein beruhigend sein wird, für mich ganz allein, eine Art Abschluss. Vielleicht die Erkenntnis, dass ich den Stein, mich selbst, ein Leben lang wälzen kann, ohne je den Gipfel zu erreichen, wenn ich nicht selbst dieser Gipfel bin. Ich bin Sisyphus.

Dies schreibt Reinhold Messner, als er als erster Mensch im Alleingang den höchsten Berg der Welt bezwingt. Die letzten Höhenmeter sind eine Qual. Er schleppt sich Schritt für Schritt vorwärts. Allein der Wille zählt. Der Körper mahnt bei jedem Atemzug zur Umkehr. Die Lunge brennt, die Kehle gleicht einem Reibeisen, der Verstand arbeitet aufgrund des verminderten Sauerstoffgehalts der Luft eingeschränkt. 8500 Meter über dem Meeresspiegel inmitten einer weißen, unwirtlichen Welt, ohne Seilschaft, ohne Sauerstoffgerät, ohne Funkgerät, kämpft sich Messer auf den Gipfel. Was treibt ihn zu dieser und all seinen anderen Bergbesteigungen an? Er ist der erste Mensch, der auf den Gipfeln aller Achttausender stand, vom Nanga Parbat 1970 bis zum Lhotse 1986. Jeder Abstieg bedeutet weniger eine Rückkehr in die Zivilisation als einen neuen Aufbruch, neue Pläne - eine Identifikation mit Sisyphos, dem griechischen Helden, der als Strafe wieder und wieder einen Stein den Berg hinauf rollen muss, erscheint treffend.

Der Moment, in dem ein Ziel erreicht wird, ist vielleicht nicht besonders glückhaft. Man durchschreitet keine magische Linie und ist fortan ein anderer. Vielleicht steht am Ende wirklich die Erkenntnis, dass man sich weniger auf ein Ziel als immer weiter auf sich selbst zu bewegt.
Messner besitzt eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe, das macht das Lesen seiner Berg-Abenteuer zum Genuss. Er hat einen genauen Blick für die Landschaft und einen Instinkt, der sich aus Beobachtung und jahrelanger Erfahrung speist. Das Geheimnis seines Erfolgs ist die Gabe der Identifikation. Wochenlag ist die Gipfelbesteigung Ziel einer imaginären Reise. Wieder und wieder, wie ein Besessener, starrt er den Berg an, studiert die Schattierungen von Schwarz und Weiß, beobachtet das Wetter, geht im Kopf mögliche Routen durch. Er spricht vom Berg als einer Geliebten, von der er nicht loskommt, die ihm ein Rätsel bleibt.

Messner schafft das schier Unmögliche. Ohne Sauerstoff und ohne Partner bezwingt er den Gipfel des Mount Everest. Kritiker halten solche Bergbesteigungen für eine narzisstische, mediale Inszenierung, für die Verschwendung von Mut. Ich verstehe vom Bergsteigen so viel wie etwa von Bienenzucht. Aber ich kann verstehen, warum ein Mensch sich die Aufgabe stellt, Grenzen zu überschreiten, sich aussetzt auf einen Berg, ohne zu wissen ob ein Zurück möglich ist. Gibt es eine symbolischere Handlung als die des Berg-besteigens? Sind nicht alle unsere Ziele und Träume mehr oder weniger große Berge, die es oft unter Mühen zu erreichen gilt? Wir träumen in unserem Leben manch einen Traum. Zumeist bleiben unsere Träume das tröstende Fahrwasser unseres Alltags. Sie bilden eine Gegenwelt, ein Land der Möglichkeiten. Sind sie deswegen nutzlos? Mein Lieblingssatz in Messners “Everest Solo” lautet schlicht: Gebündelte Energie speichert sich nur in der langen Zeit des Wartens, des Hoffens, des Träumens.
Viele Träume bleiben unerfüllt. Doch wenn ein Traum zur Leidenschaft wird und von Willensstärke, Ausdauer und Zähigkeit begleitet wird, dann scheint kein Hindernis unüberwindlich. Eine Bergbesteigung ist keine Verschwendung von Mut. Sie zeigt uns, was Kraft unseres Willens Wirklichkeit werden kann.

Try. Fail. Try again. Fail Better.

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 11:19 on Sonntag, April 5, 2009

Eine gute Freundin sagte einmal zu mir: “Wir sind es nicht mehr gewohnt zu verlieren.” Wer verliert schon gern, dachte ich. - Ich nicht. Im Gegenteil. Ich habe es (könnt’ ichs mir nur wünschen) eigentlich am liebsten, wenn mich meine Umwelt bestätigt, bestärkt, wenn mir meine Unternehmungen gelingen und mir meine Aufgaben leicht von der Hand gehen. Wer sucht schon Kritik? Haben wir das Verlieren etwa je gelernt?
Sei es Schule, Studium oder Arbeit, selbst in unserer Freizeit und in unserem sozialen Leben ist der Druck alles richtig zu machen gegenwärtig. Es fehlen uns die Schauplätze des spielerischen Versuchs, des lustvollen Ausprobierens, des haushohen Verlierens oder des glücklichen Gewinnens. Alles, was wir in unserem Leben anfangen, hat den strengen Beigeschmack der ernsten Angelegenheit. Das behutsame, vorsichtige Anfassen, bedachtsame Umkreisen oder gar das tobende, genussvolle und enthusiastische aber auch selbstvergessene Ausprobieren einer Sache gehört nicht zu den Dingen auf unserem Erziehungsplan. Können wir es bei mit dem Scheitern und Verlieren halten wie es in Samuel Becketts letztem Werk “Worstward ho” steht?
Ever tried. Ever failed. No matter. Try. Fail. Try again. Fail Better.

Wir fühlen uns unserer Arbeit, unseren Werken und Zielen zugehörig und knüpfen unser Wohl und Wehe daran. Je mehr wir mit unseren Projekten verschwistert sind, umso eher werden wir erfolgreich sein, oder? Was wir auch tun, wir tun es ganz. Klingt eigentlich wünschenswert. Doch was folgt, wenn wir uns ganz und gar einer Sache verschrieben haben und diese misslingt? Was folgen kann ist ein Selbstwerteinbruch, ein Zweifeln an den eigenen Talenten, im schlimmsten Fall am eigenen Wert.
Ich plädiere jetzt nicht für ein halbherziges Herangehen an die Dinge - ganz im Gegenteil. Wenn wir die Projekte, an denen wir arbeiten in den Vordergrund, uns gewissermaßen in ihren Dienst stellen, dann nimmt man sich selbst auf ganz leichte und unspektakuläre Weise heraus. Unsere Projekte wären ohne unser Zutun so nicht auf der Welt. Und dennoch führen sie ein Eigenleben, sind gleichermaßen losgelöst von unserem Wollen und fest an die Schöpferin oder den Schöpfer geknüpft, haben ihren eigenen Kopf und können uns den unsrigen ab und an gehörig waschen. Diese Freiheit, diesen Übermut und Eigensinn können wir ihnen lassen. (Schließlich wünschen wir uns doch, dass sie eines Tages auf eigenen Beinen stehen können) Ein Versuch ist es wert: Man nimmt sich zurück, bringt sich hinter einer Aufgabe zum verschwinden und damit jene Aufgabe recht eigentlich erst zum Leuchten.

Und noch etwas anderes passiert, wenn man sich ein kleines bisschen mehr heraus nimmt und in den Dienst einer Sache stellt: Man gewöhnt sich daran, Kunst und Schönheit unabhängig von einem bestimmten Ort, einer bestimmten Person oder einem konditionierten Zusammenhang zu erkennen. Das hört sich leicht an? Es ist das schwerste.
Einer der bekanntesten Geiger der Welt, Joshua Bell spielte inkognito in einer Metrostation in Washigton DC. Er spielte Stücke von Bach auf seiner Geige im Wert von 3,5 Millionen Dollar. Die Passanten gingen vorbei, verhielten sich ebenso wie sie es bei jedem anderen der Straßenmusiker getan hätten. Sie sahen auf die Uhr, drängten ihre Kinder weiter und spendeten ein paar Münzen. Kaum jemand nahm sich Zeit, der Musik zuzuhören, die Schönheit wahrzunehmen. Weil sie den Menschen in einem Zusammenhang begegnete, in dem sie nicht auf sie eingestellt waren. Wie hätten die Passanten sich verhalten, wenn sie um den Erfolg und die Popularität, der Kunstfertigkeit und dem “Wert” der Musik und des Geigers gewusst hätten?
Zwei Tage zuvor hatte Joshua Bell Konzertkarten für durchschnittlich 100 Dollar verkauft.

Schönheit, Kunstfertigkeit auch in unerwarteten Zusammenhängen zu erkennen - kann man dafür achtsam bleiben? Wie sieht es mit unserer eigenen Schönheit aus? Können wir unser Talent wahrnehmen, darauf vertrauen, wenn wir an etwas gescheitert sind, wenn etwas länger dauert oder anders verläuft, als wir es uns ursprünglich vorgestellt haben? Können wir uns selbst dieses Wohlwollen, diese Aufmerksamkeit schenken?
Jedes Mal wenn ich mich wieder an mein Buch setzte, Strukturen und Dialoge aufbreche, versuche besser hinzuhören, ist dieser Weg von Zweifeln geprägt. Wieso gelingt mir eine Szene nicht im ersten Wurf? Wie oft muss ich über das Gefühl des Scheiterns hinweg kommen bis alles so auf dem Papier steht, wie es soll?
Wie tief muß man graben bis der Acker Milch gibt und Honig heißt es in Erich Frieds Notwendigen Fragen. Manche Dinge stelle ich mir unendlich leicht vor. Ich fange an zu graben und mache mir keine Gedanken darüber, an wie viel Erde ich mich abarbeiten muss. Ich spanne meine Flügel und laufe los, springe über Abgründe ohne zu wissen, was mich auf der anderen Seite erwartet. Dieser Wagemut ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Viel eher von sonderbaren Ab- und Umbrüchen, von schier endlosen Zeitfenstern und spielerischen Verrücktheiten. In diesem Weg liegt auch ein gewisser Leichtsinn. Was für ein schönes Wort. Leicht. Sinn. Und doch von so warnender Statur.
Aber, wie heißt es so treffend: Man kann einen Abgrund eben nicht in zwei Sprüngen überqueren.

Die glückliche Vermeidung eines Berufs

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 4:05 on Freitag, Februar 20, 2009

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Wer kennt ihn nicht, den Spagat zwischen Kunst und Leben?
Manchmal scheint da gar keine Distanz zu sein. In wenigen glücklichen Momenten haben wir das Gefühl, in unserem täglichen Leben der zu sein, der wir auch in unserer Kunst sind. Dann ist da keine Brücke, über die man gehen muss, kein Gefühl der Erleichterung, wenn endlich der Moment gekommen ist, in dem wir die Tür hinter uns zuziehen und dort angekommen sind, wo wir am liebsten sind. “Das Zuhause ist der einzige Ort der Freiheit. Ja, es ist der einzige Ort der Anarchie. Es ist der einzige Fleck auf Erden, wo man urplötzlich seine Entschlüsse ändern, ein Experiment machen oder sich einer Laune überlassen kann.” Gilbert Keith Chesterton hat Recht. - Wie schön ist es, einer Arbeit nachzugehen, die man in den eigenen vier Wänden ebenso gut wie irgendwo anders verfolgen kann.

Ist das nicht einer der heimlichen Gründe warum man so gern schreibt? Einer von unzähligen, mehr oder weniger bewussten Gründen?
Weil es so herrlich ist im Morgenmantel mit einer Tasse Tee oder Kaffee den Rechner hochzufahren, sich an dem heimeligen Knistern zu erwärmen wie vordem Menschen aus vergangenen Jahrhunderten am Kaminfeuer? Weil man über die Dächer der Häuser oder hinaus ins Grüne schauen kann während die Finger über die Tasten fliegen? Und weil man währenddessen einfach sein kann, wie man ist?

Ganz ehrlich: Ich fühle mich jeden Tag ein wenig anders. Im Kosmos meiner erdachten, papiernen Welt kann ich alles einbringen, was ich bin. Ich kann schreibend viele Eigenheiten ausleben, die ich mein halbes Erwachsenenleben mit mir herum trage. Eigenheiten, die ich mag und doch oft mit einem schlechten Gewissen auslebe: Meine Liebe zum späten Aufstehen, zu meinem Zuhause, unregelmäßigen Arbeitszeiten, langen Unterhaltungen, zu Ruhe und Träumen. Ich bin ein großer Fan von der Idee, Arbeit und Leben miteinander zu verflechten. Dieses Prinzip herrscht auch im Leben meiner Romanfiguren vor. Sie arbeiten, aber es gibt auch Tage, in denen sie im Schatten des Kirschbaums liegen und in die Wolken schauen oder ein Stündchen zwischendurch am Gartenzaun mit einem Nachbarn plaudern.
Oh ja, ich weiß, das klingt fernab von der Welt, in der wir jetzt leben.

Willkommen in der wirklichen Welt. - Das scheint mir jeden Montagmorgen mein Büro zuzurufen. Da klingelt das Telefon und irgendjemand möchte immer etwas von mir. Ich verkaufe meine Lebenszeit für Dinge, die ich anders machen würde - geschweige denn, dass ich sie überhaupt machen würde.
Doch “wirkliche Welt” - Was ist das? Bedeutet wirkliche Welt den ganzen Tag zu arbeiten? Bedeutet wirkliche Welt Kontoauszüge, Rechnungen, Versicherungen und Konsum? Ist die wirkliche Welt vernünftig, ziel- und leistungsorientiert? Wer sagt denn, dass all dies nicht in Wirklichkeit die falsche Welt ist? Die Welt, die wir erschaffen, um uns von der Welt abzulenken, die wir in unseren Köpfen bewohnen? Beide Welten sind letztendlich die Produkte von Phantasie und Sprache. Wieso soll die eine besser als die andere sein? Und wieso ist man nur dann ein sinnvolles Mitglied der Gesellschaft, wenn man ein tätiges Leben führt?
“Handeln… die Zuflucht jener, die sonst keine Aufgabe haben… Es beruht auf Phantasiemangel. Es ist der letzte Ausweg derer, die nicht zu träumen verstehen.” Oscar Wilde hat zu träumen verstanden. So wie jeder von uns zu träumen versteht, der sich an das große Abenteuer wagt, sich seiner Kunst zu verschreiben. Was machen wir in unserer Kunst? Wir verschaffen der Welt, die wir in unseren Köpfen, in unseren Herzen tragen, ein sichtbares Abbild. Wir stülpen wagemutig unser Innerstes nach Außen. Kunst machen heißt, sich einem Leben zu verschreiben, das sich vielleicht nicht dem allgemein gültigen (weil auf Gewinnstreben ausgerichteten) Handeln verschreibt, sondern dem Sein. Und vielleicht nicht dem Sein, sondern dem Werden.

“Es ist auch wirklich so, glaube ich, dass Schriftsteller sein kein Beruf ist, sondern, wenn es funktioniert, ökonomisch funktioniert, die glückliche Vermeidung eines Berufes.” - Über dieses wundervolle Zitat bin ich letzte Woche gestoßen und musste herzlich lachen. Daniel Kehlmann hat hier einen heimlichen Grund für den Traumberuf Schriftsteller in herrlich ehrlicher Weise auf den Punkt gebracht. Ich nenne diese Gründe heimlich, weil sie hinter unseren großen Gründen verschwinden - und wären sie die vordergründigsten, so wären sie in der Tat zweifelhaft.
Unsere großen Gründe sind die Lust und die Freude, die wir auf dem Weg des Schreibens spüren, es ist das Gefühl einer Berufung, die innere Welt zu verschenken. Es ist der Wunsch andere Menschen mit unseren Geschichten zu berühren und uns mit den wesentlichen Fragen des Lebens auseinander zu setzen. Doch neben, hinter, zwischen allen großen Gründen gibt es eben auch unsere heimlichen. Und unter ihnen wohnt der Wunsch unkonventionell zu leben, sich treu bleiben zu können. Der Wunsch seine Zeit nicht an einen Arbeitgeber zu verkaufen und eine gewisse Narrenfreiheit genießen zu können.
Ganz wesentlich: Frei zu sein.

Folgendes erzählerisches Selbstverständnis wird Daniel Kehlmann zugeschrieben (er allein wird wissen, ob er es wirklich so gesagt hat):
“Ein Erzähler operiert mit Wirklichkeiten. Aus dem Wunsch heraus, die vorhandene nach seinen Vorstellungen zu korrigieren, erfindet er eine zweite, private.”
Dieser Wunsch steckt in uns allen - in allen, die sich immer wenn sie sich ein wenig Zeit stehlen können, dieser inneren Welt zuwenden und künstlerisch verarbeiten. In allen, die (manchmal staunend, manchmal verzweifelnd) die seltsamen Wirrungen des Lebens beobachten, aufsaugen und auf dem Papier wieder ausspucken.
Ich möchte damit nicht nur den Archetypus des Künstlers bestätigen, der im klassischen Sinn “an der Welt leidet”. Es gibt genug wunderbare Künstler, die das nicht tun, die sich auch innerhalb des Wirtschaft- und Kulturbetriebs positionieren und die “wirkliche Welt” humorvoll und ironisch spiegeln.
Was ich mir wünsche ist schlicht die Anerkennung dieser wunderlichen Welt, dieser anderen wirklichen Welt, die wir in unseren Köpfen mit uns herum tragen. Dazu gehören eben auch die vielen Stunden, in denen man beobachtet, liest, feiert, nachdenkt, träumt, liebt… und nicht für jeden offenbar wird, was einen beschäftigt. “Wenn der Künstler oder Dichter am wenigsten mit seinem Werk beschäftigt zu sein scheint, ist er oft am innigsten darin vertieft”, schreibt Pierre Larousse.
Ich wünsche jedem, der diese Zeilen liest, dass sich die Spannweite seines Spagats zwischen der einen und der anderen Welt verringert. So weit und so beständig verkleinert, dass er (und sie!) eines morgens aufwacht und feststellt, dass statt ein großer Sprung, nur ein kleiner Schritt vonnöten ist.

Die Welt in einer Schneekugel

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 11:34 on Mittwoch, Dezember 31, 2008

Ach, schrittest du durch den Garten / Noch einmal in raschem Gang, / Wie gerne wollt ich warten, / Warten stundenlang.

Längst verflossene Momente, Augenblicke der Vergangenheit tanzen durch die Erinnerung und werden in Theodor Fontanes Gedicht “Im Garten”, zu Bildern einer großen Sehnsucht. Manchmal, so scheint es mir in diesen Tagen, hat man das Gefühl, zwei Leben gleichzeitig zu leben. Das eine zerrinnt unaufhörlich in den gegenwärtigen Momenten und das andere lebt in der Erinnerung. Wie in einer Schneekugel tanzen dort Bilder und Szenen, die ich mir wieder und wieder ansehen kann. Ich kann sie hüten wie einen Schatz, das Flockentreiben beobachten bis das Wasser erneut klar wird oder ich kann sie, je nach meiner eigenen Entwicklung, immer wieder anders deuten.

Gerade jetzt zum Jahreswechsel, wo das Verrinnen der Zeit so greifbar ist, wo Gegenwart und Vergangenheit einander die Hand reichen, in den Stunden, in denen wir auf das vergangene Jahr zurück schauen, gerade jetzt ist der Augenblick, in dem die Träume stark werden. Die Träume der Vergangenheit, die Träume der Zukunft. Ich schreibe an meinem Buch und betrachte die kleine Schneekugel, in der die Welt meiner Kindheitstage für immer bewahrt ist. Ich suche Worte und Bilder für sie, entdecke, dass inmitten der Kugel ein alter Kirschbaum steht und augenblicklich verwandeln sich die weißen Flocken in Kirschblüten, die das Gras zudecken wie Schnee.
Die neun Musen, die Schutzgöttinnen der Künste, entstanden aus der Vereinigung von Zeus und Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung. Die Erinnerung ist unser geheimer Schatz - aus dieser Kraft entsteht alles künstlerische Schaffen.

Der vergangenen Welt in unserer Schneekugel begegnet eine andere: Die Gegenwart. Hier sind es Gespräche mit Menschen, es sind Bücher oder Musik, die uns berühren und uns beflügeln, die eigenen Träume nicht zu vergessen. Was wünschen wir uns für unsere Zukunft? Was ist unsere Vision? “Es ist wichtig, für seine Träume ein paar Kämpfe durchzustehen - nicht als Opfer, sondern als Abenteurer”, schreibt Paulo Coelho. Für dieses Abenteuer zwischen Vergangenheit und Zukunft wünsche ich allen meinen Lesern Kraft, Mut und den Glauben an die Liebe, die uns über alle Hindernisse hinweg trägt.

Eure Iris

Die Farbe der Geborgenheit

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 9:50 on Donnerstag, September 4, 2008

Jeder kennt dieses Gefühl. Man hat ein paar ruhige Stunden für sich, vielleicht sogar eine ganze Woche und man genießt es, nirgendwohin gehen zu müssen, keine Termine zu haben, nichts Zwingendes passiert, das einen hinaus oder in die Weite treibt. Am ersten Tag gelingt es vielleicht nicht ganz, bei sich zu bleiben, eine gewisse Unruhe und Rastlosigkeit macht sich bemerkbar. Doch wenn man ausharrt und sich nicht allzu früh verführen, ablenken, hinaustreiben lässt, kommt man etwas Wertvollem auf die Spur: Man fängt an, sich selbst besser wahrzunehmen, eine angenehme Distanz, eine Art Abgegrenztheit den Dingen und Ereignissen gegenüber stellt sich ein.

Wenn ich zu lange beschäftigt bin, wenn Arbeit und Herausforderungen des täglichen Lebens mich zu sehr in Anspruch nehmen, bekomme ich richtiges Heimweh nach solchen Tagen. Es erwacht eine Sehnsucht nach dem Vertrauten, nach der Ruhe und der Einfachheit, die sie mit sich bringen. Was steckt dahinter? Ist es das Bedürfnis hinter die bewährten, vertrauten Wände und Schutzwälle zu fliehen, weil sie vor den Herausforderungen, dem Unerwarteten besser abschirmen? Weil die eigenen vier Wände vor den Kränkungen, den Zweifeln und der Kritik der Anderen schützen können? Weil sie Können und Wert eines Menschen nicht auf den Prüfstand stellen? Es ist mehr.
Dieses “mehr” nährt sich aus dem nie erfüllten Traum, dem Wunsch nach einer inneren Abgegrenztheit und Unabhängigkeit. Einer Differenzierung gegenüber den Dingen des äußeren und des inneren Lebens. Wie schwer ist es oft, sich von anderen Menschen oder von Ereignissen abzugrenzen. Sie nicht so nahe an sich heran zu lassen, dass man buchstäblich mit ihnen verschmilzt. Jeder kann die Probe aufs Exempel machen: Wenn etwas Unerwartetes passiert (und eigentlich ist alles unerwartbar), ich werde kritisiert, jemand oder etwas ärgert mich, kann ich mich davon abgrenzen? Wie sehr berührt es mich? Erhält das jeweilige Gefühl so viel Raum, dass ich nur noch diese eine Kritik bin, nur noch dieser Zweifel oder aber nur noch dieses Lob oder jenes Glück?

Das Misslingen einer Aufgabe oder Kritik führt oft dazu, dass wir unsere grundsätzlichen Eignung, unser Können in Frage stellen. Wenn uns unsere Umwelt jedoch bestätigt, bestärkt, wenn uns unsere Unternehmungen gelingen und wir das Gefühl haben, Dinge gut gemacht zu haben, blühen wir auf und werden wiederum eins mit dieser Bestätigung. Das liegt zum einen sicherlich daran, dass uns die Schauplätze des spielerischen Versuchs, des lustvollen Ausprobierens, des haushohen Verlierens oder des glücklichen Gewinnens fehlen. Alles, was wir in unserem Leben anfangen, hat den strengen Beigeschmack der ernsten Angelegenheit. Das behutsame Anfassen, bedachtsame Umkreisen oder gar das genussvolle und enthusiastische aber auch selbstvergessene Ausprobieren einer Sache gehört nicht so ohne weiteres zu den Fähigkeiten, die uns in unserer Erziehung mitgegeben werden.

Was wir auch tun, wir tun es ganz. Wir verschreiben uns mit Haut und Haar einer Sache. - Klingt eigentlich wünschenswert. Doch was geschieht, wenn es uns nicht gelingt? - Wenn wir in unserer Fähigkeit zur Differenzierung nicht weit fortgeschritten sind, folgt ein absoluter Selbstwerteinbruch, ein Zweifeln an den eigenen Talenten, im schlimmsten Fall an dem eigenen Wert.
Wie nachvollziehbar erscheint nun der Wunsch, irgendwo einen Platz zu haben, der gänzlich unabhängig ist. Der immer autark, immer geschützt, immer unberührt ist. Und welcher Ort eignet sich mehr dafür als das eigene Zuhause?
Wenn wir uns immer nur auf den äußeren Schauplätzen unseres Lebens bewegen, entsteht irgendwann die Illusion einer Vertrautheit mit uns selbst, einer Verlässlichkeit unserer Wahrnehmung, der Richtigkeit unserer Bewertungen, der Unausweichlichkeit unserer Entscheidungen. Dabei geschieht das genaue Gegenteil: Wir entfernen uns von uns selbst, weil wir aufhören, uns zu spüren. Weil wir nur noch jener Ärger, jenes Lob, jene Herausforderung, jene Aufgabe sind.

Mein Zuhause schont meine Kräfte und lenkt die Aufmerksamkeit weg von der trügerischen Gewissheit eines Richtig und Falsch, von der Vereinnahmung durch ein bestimmtes Gefühl. Es zwingt mich nicht zu aufgesetzter Entschiedenheit.
Was wir uns aber selten bewusst machen ist, dass die eigenen vier Wände uns nicht wirklich vor einem unberechenbaren “Außen” schützen, sie schützen uns vor unserem unberechenbaren “Inneren”. Denn wenn mich jemand lobt, so ist nicht er es, der mir ein angenehmes Gefühl schenkt - ich schenke es mir. Wenn mich jemand ärgert oder kränkt, dann schmerzt nicht die eigentliche Handlung oder die Worte, sondern das sinnlose Schattenspiel, das ich vor mir selbst aufführe, indem ich wieder und wieder das Gift jener Situation heraufbeschwöre und schlucke.
Unberechenbar sind nicht die Dinge, die passieren, sondern unsere Reaktion darauf. Das ist ein ganz feiner, entscheidender Unterschied. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass wir niemals wissen, was bestimmte Ereignisse in uns hervorholen, hinauf spülen aus dem unendlich tiefen Bildersee unserer Seele, was aus den unzähligen Räumen und verborgenen Winkeln ans Tageslicht dringt. Diese Bilder verflüssigen sich, noch ehe wir sie mit unserem Verstand abtasten können. Wir wundern uns über die Unstetigkeit unserer Laune, unseres Selbstwertgefühls, dabei können wir nur einen Bruchteil dessen, was uns beschäftigt fassen, geschweige denn zur Sprache bringen.

Ich habe Heimweh nach den eigenen vier Wänden und Zeit mit mir alleine, weil ich mich hier, in meinem Zuhause vor der Flüchtigkeit und Unbeständigkeit meiner Seele besser schützen kann. Hier besitzen die inneren Schutzwälle die größte Kraft - nicht, um mich vor etwas zu schützen, das von außen kommt - höchstens indirekt - sondern um mich in mir vor mir selbst zu schützen.
Ein paar Tage nur für mich zu sein, in diesen, meinen vier Wänden ist für mich geradezu lebenswichtig. Wenn ich mehrere Wochen am Stück völlig eingenommen bin von Arbeit, von immer währendem Tun, wird die Sehnsucht nach solchen Tagen unermesslich groß. Weil ich das Gefühl habe, mich selbst zu verlieren. Weil ich Angst habe, meine Konturen nicht mehr zu finden. Weil die Ruhe und die Zeit fehlt, mich wahrzunehmen, die inneren Schutzwälle aufzubauen, auszubessern und zu spüren, die mich vor der Ruhelosigkeit der Seele schützen.

Dies gelingt mir am leichtesten in diesen Tagen der Stille, in Tagen, in denen ich alle geliebten Dinge, meine Bücher, meine Bilder, meine Erinnerungsstücke um mich habe. Wie viele Schreibtische gibt es, in denen alles eine geheime Ordnung haben muss, bevor eine produktive und kreative Arbeit beginnen kann. Die genau platzierten Dinge (oder aber das geplante Chaos) stärken unsere Differenzierung, sie spiegeln uns wieder und wieder kleine Bruchstücke unserer Persönlichkeit in dem uferlosen Meer unserer Möglichkeiten.
Der Raum den ich bewohne, ist nicht nur eine Erweiterung meines Körpers, er ist ein sicherer Schutzwall, in dem ich ich sein kann. Ich berühre meine geliebten Dinge unzählige Male, sie an ihrem Platz zu wissen verschafft mir ein Gefühl der Ruhe. Den Wänden von Zeit zu Zeit eine andere Farbe zu geben, verwandelt sie in große, offene Fenster dieser Suche nach innerer Abgegrenztheit und Selbstvergewisserung.
Gerade tragen meine inneren Räume Lila und Frühlingsgrün. Zwischen ihren realen Entsprechungen und der Geborgenheit, die sie vermitteln, kann ich mich darauf einlassen, mich in den weiten Räumen meiner inneren Landschaft zu bewegen. Sie geben mir genau so viel Sicherheit und Unbestimmtheit, dass sich wie von selbst eine ganz andere Wahrnehmung schärft. Eine Wahrnehmung die sich auf die tausend Spielarten der Phantasie einlässt. Denn: Die Einsamkeit mit sich selbst - sie bringt die Ruhe, die Leerheit, die für das Schreiben so unabdingbar sind.

Der besondere Mut, den die Liebe uns abverlangt

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 9:27 on Donnerstag, Juni 12, 2008

Über alles lässt sich’s schreiben. Jedes Gefühl, jeder Gedanke, jeder Geruch, jedes Geräusch lässt sich aufs Papier bannen. Sei es der Klang des Juniregens auf den Blättern einer Linde oder der Duft von Erdbeeren, wenn man vorsichtig ihre rosettenförmigen Blätter abzupft. Vom Klingeln des Telefons, das, je nachdem in welcher Stimmung wir sind oder wessen Anruf wir erwarten, anders zu klingeln scheint bis zur Erinnerung an die verwegensten Kindheitsträume. - Über alles kann man schreiben. Fast alles. Fünf unscheinbare Buchstaben scheinen alles auf den Kopf zu stellen, durcheinander zu wirbeln, weil zu vieles mit ihnen mitklingt, weil sie uns aufs Äußerste herausfordern. Sie formen zusammen das schönste Wort, das es gibt. Liebe.

Sie ist es, über die es sich nicht so leicht schreiben lässt. Vielleicht weil über sie alles schon gesagt zu sein scheint, so oft gesagt, so oft beschrieben, dass jede Rede von ihr, auf Überkommenes, ja auf Klischees zurückzugreifen droht. Vielleicht aber auch, weil man schlicht über sie nicht schreiben kann, weil sie sich entzieht, sobald man sie einfangen will. Will man ihre Körperlichkeit einfangen, wird sie erdenschwer und flacht mit den aneinander gereihten Wörtern ab. Betont man ihre Geistigkeit, nimmt sie die schnellste Abkürzung übers Papier und droht zwischen abtastenden Phrasen zu verschwinden.
Aber gerade sie ist es doch, mag man einwenden, die selbst den schreib-scheuesten Menschen geradezu dazu zwingt, sein überfließendes Herz in einem Brief, in Tagebuchnotizen, in Gedichten oder Gedankenfetzen zu Papier zu bringen. Ist die Liebe nicht geradezu dazu geschaffen, uns zum schreiben zu bewegen?

Tatsächlich, sie bringt uns zum schreiben, wenn wir unsere Liebe einem anderen Menschen zueignen möchten. Sie verführt uns zum schreiben, weil sie das stärkste und zugleich bodenloseste Gefühl ist. Sie zwingt uns zum schreiben, weil wir schreibend unsere Gedanken für uns ordnen können. Und manchmal gleicht sie einem Strudel, in den wir hinein fallen und dann schreiben wir, weil wir sonst Angst haben, um den Verstand zu kommen.
Zu den schönsten und berührendsten literarischen Dokumenten gehören Liebesbriefe. Sie entstehen, wie so vieles im Leben, aus Abwesenheit. Die Abwesenheit des geliebten Menschen bringt uns dazu unsere Sehnsucht, unsere Einsichten und Beschwörungen zu Papier zu bringen. Nirgendwo sonst reicht man bedingungsloser sein Herz hin, nirgendwo sonst erzählt man sich so ehrlich, so schonungslos oder aber ist bemüht, um alles in der Welt zu gefallen. Die Selbstsetzung, das “Sich-selbst-erzählen” passiert nirgendwo sonst so existentiell, so eindrücklich.
Gleichzeitig transzendiert die Liebe zu einem anderen Menschen, wie kaum etwas anderes, unseren Blick. Bettina Brentano schreibt an Achim von Arnim: “Da ging aber bald darauf die Sonne ganz rot unter, da hab ich durch den Winter durchgesehen in den Frühling… da fühlte ich ganz deutlich, dass alles ewig ist, dass die Liebe ewig ist, aber nicht alt wird, dass sie durchdringt, dass Gott nur die Liebe in sein Reich aufnimmt, und dass sie der einzige Reichtum ist, den er gewährt; und wohl dem der sich von ihr entzünden lässt, wo sie in Wahrheit ist.”

Meine Scheu von der Liebe zu schreiben ist mir während meiner Arbeit an meinem Roman deutlich geworden. Jedes andere Thema wächst unter den Seiten, reift mit den Gedanken, doch die Liebe stand lange Zeit sperrig und unwillig, schüchtern und sich entziehend, nur als leichte Textur mehr zwischen als in den Zeilen. Man muss sie sich mehr als jedes andere Thema vorstellen und selbst denken.
Ich bin noch lange nicht dahinter gekommen, woher diese Scheu kommt. Zum einen vielleicht weil es hier wirklich schwer ist, Beschreibungen zu finden, die nicht ausgelutscht und schon so oft gesagt wurden, dass sie zu leeren Worthülsen geworden sind. Zum anderen vielleicht, und das ist elementarer, weil man in der Liebe über mehr als sich selbst schreibt. Weil in der Liebe mehr als in allem anderen gebrochene Worte schmerzen. - Der performative Charakter unserer Sprache wird hier deutlich. Unsere Worte sind wirklichkeitsbildend, sie können Beziehungen aufbauen, sie können uns stärken, uns heilen. Die Liebe bringt unsere Konturen zum verschwimmen, weil das einzelne “Ich” sich nirgendwo radikaler in Bezug setzt zu einem “Du”. So schreibt Susette Gontard an Friedrich Hölderlin: “Und so mit mir verwebt bist Du, dass nichts Dich von mir trennen kann, wir sind beisammen, wo wir auch sind.”

Über die Liebe zu schreiben, verlangt Mut. Und es verlangt unsere ganze Vorstellungskraft und unsere ganze Individualität, will man nicht nur Phrasen und hohle Sätze zu Papier bringen. Jeder Mensch liebt anders, nimmt anders wahr, lässt anderes zu, setzt die Akzente auf andere Dinge. Hier gilt es mehr als anderswo, das kleine Stückchen Erde zu finden, das man authentisch beschreiben kann ohne zu kopieren oder zu verkünsteln.
Vielleicht hilft es, sich zu vergegenwärtigen, dass man weder glücklich, noch unglücklich lieben muss um darüber zu schreiben. Dass man an die Liebe nicht ein erfülltes Leben knüpfen, aber immer aus ganzem Herzen lieben darf. Michael Ende hat das wunderbar in einem Brief an einen Leser festgehalten: “Sie schreiben, dass derjenige, der diese Kraft der Liebe in sich trägt, alle Möglichkeiten hat, zu sich selbst zu finden und ein glückliches Leben zu führen. Hat Christus ein glückliches Leben geführt? Und geht es überhaupt darum? Macht nicht gerade die Bereitschaft zu lieben den Menschen im besonderen Maße verletzlich? Muss er sich nicht mehr als andere ausliefern? Und besteht nicht gerade darin der besondere Mut, den die Liebe uns abverlangt?”

Dieser besondere Mut, den die Liebe uns abverlangt, uns wieder und wieder vertrauensvoll einem anderen Menschen hinzugeben, unsere Verletzlichkeit zu zeigen, ist es, dessen Ermangelung uns davon abhält mit Kraft und Feingefühl die Liebe zu leben, wie über die Liebe zu schreiben. Der mangelnde Mut ist es, der uns zögern lässt unsere Grenzen zu erweitern und unser Leben voll auszuschöpfen. Weil wir stets denken, dass wir glücklich sein müssen, dass uns die Liebe glücklich machen soll und uns ja nichts abverlangen darf. Und so auch unsere Figuren auf dem Papier: Sie dürfen glücklich oder unglücklich sein, in der Liebe wachsen oder aus ihr heraus fallen. Sie dürfen einander küssen auch wenn es der Autorin nur schwer in die Feder fließt, sie dürfen aneinander denken und sich einander hingeben. - So komme ich vom Nachdenken übers Schreiben einmal wieder zum Nachdenken über das Leben und die Zeilen drohen, zu lang zu werden. Aber die Antworten lassen sich, wie immer für mich, nur schreibend heraus finden.

Genuas Straßen

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 6:54 on Samstag, Februar 9, 2008

Es gab einen seltsam intensiven Moment, als wir vor zwei Jahren durch Genua unterwegs waren. Die Straßenführung war so verwirrend und unübersichtlich, dass wir uns auf den endlosen, gewundenen Autobahnen heillos verfahren hatten. Irgendwo war der Weg zur französischen Grenze, das rettende Schild, das uns den Weg weisen würde, doch für den Augenblick gab es nur vierspurige Betontrassen, vorbei rasende Häuserzeilen und pfirsichfarbene Dächer, soweit das Auge blicken konnte.
Der Anblick war beklemmend: Die Straßen waren kreuz und quer in die Hänge gebaut, ohne Rücksicht auf Landschaft und Häuser. Ihre Pfeiler ragten neben alten Häusern auf und trugen den Verkehr über die Stadt hinweg, über die Balkone und Gärten der Menschen. Sie warfen ihre Schatten auf die vormals ruhigen Wohngegenden und erfüllten die Luft mit Gestank und Lärm. Dieser Irrgarten aus Beton zog sich über die ganze Stadt, Tunnel durchbrachen die anliegenden Berge und wenn es jäh wieder hinaus ans Licht ging, raste man wieder unmittelbar an den Fenstern der Häuser vorbei. Wäsche flatterte von den Balkonen und sog den Geruch und die Abgase der Autos und Laster auf.
Wir sahen aus den Wagenfenstern und fragten uns in diesem Moment, was das Leben der Menschen in so einer Stadt zusammenhält. Wie mochten sie sich fühlen? Wovon mochten sie träumen? Wollten sie nicht fliehen aus so einer grässlichen, freudlosen Gegend?

Ähnliche Gedanken kann man haben, wenn man auf einer Reise aus dem Zugabteil schaut. Draußen rasen Häuser, Wohnblocks, Fenster, Balkone und Straßenschluchten vorbei, Dörfer und Städte wechseln einander ab; der Himmel überspannt gleichmütig schöne und hässliche Gegenden, gepflegte und heruntergekommene Gärten, versteckte Lauben, Schrebergärtenkolonien und Bankviertel. Und überall hinter den blinden Fensterscheiben sind Menschen. Sie kochen vielleicht gerade, lesen ein Buch, lachen, streiten sich, sind nachdenklich oder vielleicht gedankenlos. Sie rollen in Autos über die Straßen, die sich über die Felder zum Horizont spannen, flanieren durch die Einkaufspassagen oder fahren mit dem Rad durch die begrünten Parks. Unzählige Leben rasen in so einem Moment am Fenster vorbei, werden einem gleichsam für den Augenblick eines Herzschlags bewusst und gleiten dann wieder in die Tiefe unserer Erinnerungslosigkeit.
Was kann es sein, das ihr Leben zusammenhält? Warum fliehen nicht alle irgendwohin, wo es schöner ist?

Eine seltsame Frage. Und doch: Diese Frage stelle ich mir immer dann besonders, wenn ich an trostlosen Gegenden vorbeifahre, wenn die Fenster der Menschen so nah an den Bahngleisen sind, dass man die Hand hinüber reichen könnte oder so nah an den Straßen, dass der Lärm ihnen Tag und Nacht an die Haustür klopft.
Und heute, einmal wieder im Zug, hat sich eine Ahnung der Antwort in mein Bewusstsein geschlichen: Es ist nichts weniger als das Gefühl, zu anderen Menschen dazuzugehören und vielleicht für manche Menschen eine Ahnung davon, dass sie noch zu etwas viel größerem gehören.
Was bedeutet der Lärm, die mangelnde Aussicht, die Nöte und Sorgen die mit jedem Menschenleben einhergehen, wenn am Abend ein vertrautes Klopfen an der Tür einen Menschen ankündigt, mit dem man das Leben teilt? Wenn Freunde da sind und Nachbarn und vielleicht Kinder, all die Menschen, in deren Nähe das eigene Leben hinein gelegt ist.
Wo soll man ankommen, hingehen, wenn nicht genau dort, wo man ist. Was soll einen halten, stützen, einem das Leben leichter machen als sich liebend mit dem zu verbinden, was einen umgibt.

Es sind die Gedanken eines einzelnen, vielleicht im Grunde seines Herzens einsamen Menschen, der aus dem Zugabteil blickt und sich fragt, warum nicht alle fliehen und woanders hingehen. Sich ein schöneres Leben suchen, einen schöneren Platz zu wachsen. Und heute sind es all die Menschen hinter den Türen und Fenstern, die mir antworten.
Man kann einander beschenken, auch in Gegenden und Zeiten in denen das Äußere nicht immer verheißungsvoll erscheint. Man kann einander liebend begegnen und das fördern, was in einem lebendig ist.

Man kann sich anderen zuwenden, ihrer Sorgen und Nöte annehmen, kann die Weisheit, die sich im eigenen Inneren gesammelt hat, weitergeben in Gesten, Worten und Taten. Wie sinnlos scheint es, alles nur für sich anzuhäufen. Viele Menschen leben, als gelte es alles zu horten, zu schützen, für irgendetwas zu bewahren und das Leben vergeht, ohne dass man sich verschenkt hätte. Denn egal wie man sich fühlt, wie viel man noch glaubt, lernen zu müssen, wachsen zu müssen, es gibt nichts schöneres, als das, was in einem lebendig ist, zu verschenken.
In jedem einzelnen Menschen sammelt sich das Leben wie in einem Gefäß. Es sickert ins Herz und wird zu Meinungen, Anschauungen, wird zu Lebensweisheit, wird zu erzählten Geschichten. Wenn man mit Liebe und Empathie andere Leben, andere Menschen aufnehmen kann, wird man zu lebendigen Gemeinschaften und diese haben überall die Chance glücklich zu sein.

In dem schäbigsten Hinterhof, so kommt heute die Antwort der vorbei rasenden Städte und Dörfer, kann mehr Glück und Segen wohnen als im idyllischsten Wohnviertel, als in Gegenden, in denen vermeintlich immer die Sonne scheint. - Weil es überall den Zauberstab der Liebe gibt, der Worte und der Gesten.
Die Wandlungskraft unserer Liebe kann alles transformieren, was einem Außen stehenden vielleicht trostlos vorkommen mag. Und diese Liebe sammelt sich in den Altären an Familienfotos, die es in jeder Wohnung gibt, den Kinderzeichnungen und aufgehobene Postkartengrüßen, als wären sie ein Erinnerungsnetz der Liebe, die uns in unserem Leben hält, die uns einen Platz gibt zu sein. Aber mehr noch als das:
All die liebevollen Worte, die uns Menschen schenken, Blumen, die man bekommt, ein Zeichen der Aufmerksamkeit, aufmunternde Umarmungen und Berührungen. Die Gewissheit, dass manche Menschen immer für einen da sein werden und jede einzelne unserer Gesten die Möglichkeit hat, die Welt zu der Welt zu machen, in der wir gerne wohnen würden.

Blogkataloge

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 3:27 on Dienstag, November 13, 2007

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Folge deiner Freude

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 10:44 on Freitag, Oktober 19, 2007

Folge dem, was dich glücklich macht.
Ist das nicht eine ungeheuer egoistische Aussage? Was bedeutet dieser Satz und wo führt er hin? Welche Wege warten auf einen, wenn man diese Anweisung ernst nimmt und wie ist so ein Weg mit dem Glück anderer Menschen zu vereinbaren?
Ich empfinde großen Respekt vor denjenigen, die sich trauen, aus der eigenen Erfahrung zu schöpfen. Da ist zum Beispiel der Mensch, der die Herausforderung annimmt, das zu therapieren, was er selbst erfolgreich überstanden hat. Oder der Mensch, der sein Studium für etwas aufgibt, was ihm größer und wichtiger erscheint - und das allen Warnungen und gut gemeinten Ratschlägen zum Trotz.
Diese Menschen sind in irgend einem Moment ihres Lebens mit dem Gefühl in Berührung gekommen, bei einer bestimmten Tätigkeit authentischer zu sein, als bei einer anderen. Sie haben etwas gefunden, wo sie sich in höchstem Maße lebendig fühlen. Es ist ganz natürlich, dieses Gefühl weiter zu bestärken, immer wieder aufzusuchen und es im eigenen Leben zu halten, indem man es an andere weiter gibt. In Paulo Coelhos neuem Buch Die Hexe von Portobello heißt es, dass man das lehren soll, was man selbst sucht. Man wird stärker daran wachsen, als wenn man diesen Weg nur für sich alleine geht.

Folgt man seiner Freude und fängt an, scheinbar unberechenbare, der Vernunft zuwiderhandelnde Dinge zu tun, wird man unweigerlich einiges verlieren. Man wird zu spüren bekommen, dass sich Menschen entfernen, die einen vormals auf dem eigenen Weg unterstützt haben und es wird Zeiten geben, in denen man sich unendlich einsam fühlt. Und dennoch: Wenn wir das Glück haben, auch nur eine Ahnung von dem zu bekommen, was unserem Leben Freude gibt, eine Freude, die aus dem Inneren kommt und alles beseelt, wenn wir eine Aufgabe entdecken, die unsere Menschlichkeit fördert und uns glücklich macht, dann sollten wir uns dem widmen, mit Haut und Haar.
Wieso bereitet es mir eine so große Lust zu schreiben? Anderen vielleicht zu malen, zu sprechen, zu lehren? Anderen wiederum etwas zu bauen, zu erfinden, zu tüfteln oder zu helfen? Wenn wir dieses kleine Stückchen Erde entdecken, von dem aus wir echt sein können und die Möglichkeiten verwirklichen, die aus unseren eigenen Erfahrungen kommen, dann leben wir das, was in uns selbst angelegt ist und in keinem anderen Menschen besteht. Wir geben etwas weiter, was die Kraft hat, andere zu berühren, weil es uns selbst berührt.

In einem Ratgeber zum kreativen Schreiben bin ich auf die Empfehlung gestoßen, dass es lohnend für einen Schriftsteller sei, sich mit Mythologie zu beschäftigen. Von meinem Studium her kannte ich schon viele der religiösen Geschichten, doch dieses Mal las ich sie aus einem anderen Blickwinkel. Ich konnte begreifen wie viel das Abenteuer eines Helden mit der (auch heute noch gültigen) Suche nach einem erfüllten Leben zu tun hat: Man verlässt die Welt, in der man ist und geht in eine Tiefe, eine Ferne oder eine Höhe hinauf. Dann gelangt man zu dem, was einem in der Welt bewußtseinsmäßig fehlte. Oft ist das ein Kampf gegen etwas Dunkles, Böses. Nach dem überstandenen Kampf kommt die Entscheidung, die Welt von sich abfallen zu lassen oder wieder in die Gesellschaft zurück zu gehen.
Hier wurden mir zwei wesentliche Dinge bewusst. Zum einen: Dieser Weg der Wünsche, auf dem wir unserer Freude folgen und vielleicht Dinge tun, die unser Leben von Grund auf verändern, ist in sich schon so angelegt, dass er uns - bevor wir die Chance haben, gestärkt und voller Mut daraus hervorzugehen - zuerst einmal mitten hinein in unsre tiefsten Ängste, unsere dunkelste Seite führt.
Und: Wir brauchen einen Grund, um wieder zurück zu gehen.

Unsere Ängste überwältigen uns manchmal im hellsten Tageslicht und wir begreifen nicht warum. All die alten Geschichten von Prüfungen und schrecklichen Nachtmeerfahrten, sei es Jona, der von einem Wal verschluckt wird oder Siegfried, der den Drachen tötet, können uns zeigen, wie wichtig es ist, den Abstieg ins eigene Innere zu wagen und gegen den inneren Drachen zu kämpfen.
Wer sich auf den Weg in die eigene Mitte macht, wird unweigerlich auf diese unbewusste Energie treffen, die es zu bewältigen gilt, um mit sich ins Reine zu kommen und, wieder zurück im Alltagsleben, ein erfüllteres Leben führen zu können. Dieser abenteuerliche Weg kann zuerst über Leid, Zweifel und einen riesigen Berg an negativen Gedanken führen. Doch das ist heilsam, denn: Diese dunkle Seite, die wir in uns spüren, all die eingeschlossenen Ängste, all das ungelebte Leben möchte integriert werden. Das alles, was uns als Hemmnis und innerer Widerstand entgegen tritt, ist zu großen Teilen eingeschlossene Lebenskraft.

Was kann helfen, auf dem eigenen Weg zu bleiben?
In dem Mythos von Ariadne und Theseus, in dem Theseus den Minotaurus in der Mitte eines Labyrinths töten soll (wieder lauert am Ziel das Ungeheuer), gibt Ariadne ihm ein Fadenknäuel. Mit Hilfe dieses Fadens gelingt es ihm, wieder aus der Mitte des Labyrinths heraus zu finden. - Manchmal, so interpretiert Joseph Campbell den Mythos, warten wir auf eine große Macht oder große Ideen als Rettung, wenn wir in Wirklichkeit nicht mehr brauchen als dieses Stück Schnur.
Die Metapher eines Labyrinths für den eigenen Lebensweg kann uns sagen, dass die Mitte das Ziel, nicht das Ende ist. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass der Weg in das Innere eines Labyrinths leichter ist, als der Weg zurück. Wenn man immer nur den Mut hat, weiter zu gehen, wird man auch ankommen. Den Weg zurück in die Gesellschaft findet der Held durch ein Pfand der Liebe.
Der Gang in die Mitte gleicht einem Abenteuer, der Rückweg ist davon geprägt, den Faden nicht aus den Händen zu lassen. Der Weg hinein ist eine Heldentat, der Weg zurück ist der Weg der Liebe.
In dem wunderbaren Film Wie im Himmel findet der Dirigent und Hauptdarsteller, den “einen vollkommenen Ton”, den er sein halbes Leben schon gesucht hat, im Gesang eines einfachen schwedischen Dorfchors. Weil er die Liebe in seinem Herzen für diese Menschen zulässt. Und weil er diese Liebe zulässt, kann er mit seiner Musik andere berühren.

Die Liebe führt uns zurück ins Leben, führt uns wieder hinein in Stunden des Alltags und der Einfachheit. Das, was wir in der Mitte entdeckt und besiegt haben, hat vielleicht den Zweck, uns wieder zurück zu schicken, um genau das Leben wieder aufzunehmen, das wir vorher hatten. Nur, und das ist das Entscheidende: Mit verändertem Bewusstsein. Wenn wir zurück gehen wartet unser gewohntes Leben auf uns. Doch es hat sich verwandelt, aus dem Inneren heraus. Es hat sich verwandelt, weil wir nun Augen haben, es anders zu sehen.
Der Rückweg ist der Weg der Liebe, weil uns unser Gefühl sagt, dass wir das, was wir gelernt haben, nicht für uns behalten können, dass wir es weitergeben sollen an andere Menschen. Und hier sind wir wieder am Anfang und bei der Frage, wohin uns die Entscheidung führt, dem eigenen Glück zu folgen.
Die Aufgaben und Dinge, über die dieser Weg führt, sind so vielfältig wie es Menschen gibt. Wir müssen uns nicht sorgen, dass er andere kränkt. Oder, um den Kreis zu schließen und es mit Joseph Campbells Worten zu sagen: Indem wir uns selbst achten, achten wir die Welt.

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