Stolen Roses

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 12:26 on Samstag, Juni 26, 2010

http://www.youtube.com/watch?v=m5mXp8aRCLU&feature=related

Karen Elson: Nicht nur ein schönes Model…

Farbe der Gedanken

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 9:22 on Donnerstag, Juni 17, 2010

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Hungerkünstler

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 12:40 on Samstag, Juni 12, 2010

In Franz Kafkas Geschichte Ein Hungerkünstler lässt sich der Protagonist in einem Gitterkäfig dafür bewundern, dass er keine Nahrung zu sich nimmt. Niemand glaubt ihm, dass ihm das Hungern leicht fällt. Er fastet und heischt nach der Aufmerksamkeit, nach dem Beifall seines Publikums. Eine Parabel des Künstlertums oder mehr? Es gibt vieles, womit man immerwährenden Hunger stillen kann: Geld, Zerstreuung, Pläne. Vielleicht aber legen wir Messer und Gabel beiseite und stellen fest, dass die Welt nicht nach unserem Geschmack ist. Wir versagen uns gewisse Speisen, Gedanken oder Handlungsweisen und lassen uns dafür bewundern. Der Verzicht macht unsere Identität aus.

In vielen Dingen ist das entscheidend, was abwesend ist. Die Spuren, die man nicht finden kann. Die Wege, die man nicht gegangen ist. Haben wir uns bewusst für ein Lebensmodell entschieden? Wo leisten wir aus Angst oder Hoffnungslosigkeit Verzicht? Dieser Verzicht kann sich auf vordergründig banale Dinge beziehen wie Fernsehen oder Zeitung lesen und kann sich in mangelnder Verantwortung oder dem Vermeiden von Risiken äußern. Kafkas Hungerkünstler lässt sich dafür bewundern, dass er keine Nahrung zu sich nimmt. Doch seine Kunst ist eigentlich Verzweiflung. Er habe nur gefastet, gesteht er am Ende, weil ich keine Speise finden konnte, die mir schmeckt.

Ist das die einsame Wahrheit des Verzichtes? Wenn wir Dinge unterlassen, uns nicht ausprobieren, im Raum der vertrauten Möglichkeiten bleiben, so ist das weniger ein Ausdruck unserer Kreativität als eine Kapitulation. Wir unterlassen das Essen und nähren uns von dem Verzicht. Wir geben nicht zu, dass uns das Hungern leicht fällt. Wir verschanzen uns hinter dem Kreis, den wir uns selbst als Radius zugestehen.
Jenseits dieses Kreises ist ein Meer an Möglichkeiten. Ob wir einen Nutzen daraus ziehen, den Kreis zu erweitern, ist fraglich. Aber ist Nutzen eine verlässliche Kategorie, nach der man sein Handeln auszurichten hat? Sind die schönsten Dinge nicht die nutzlosesten? Oder wie Theóphile Gautier sagt: Es gibt nichts wirklich Schönes, als das, was zu nichts nützt. Vielleicht gilt es nichts erreichen zu wollen, um unseren Hunger als das zu spüren, was er ist: Ein Wegweiser zu unserem Glück. Wir halten mit der Verzweiflung eines Schiffbrüchigen an dem fest, was unser Leben augenscheinlich ausmacht, selbst wenn unsere Konzepte uns hemmen und klein halten und wir letztendlich daran zu verhungern drohen. Dabei besitzt jeder eine Kompassnadel, die ihm zeigt, wo es langgeht.

Vorgegebene Wege sind keine Wege, um eigene Erfahrungen zu machen, schreibt Reinhold Messer. Der Erfahrungsbereich eines jeden Menschen ist grundsätzlich unendlich. Warum definieren wir uns also über unseren Verzicht? Über die Erfahrungen, die wir nicht gemacht haben? Warum lassen wir uns für das bewundern, was wir unterlassen? Was ist so erstrebenswert daran, keine Fehler zu machen?
Wenn man einen Weg abseits der vorgegebenen Wege sucht, bleibt der Erfolg und auch die Sinnhaftigkeit des Tuns für die Außenwelt oftmals unsichtbar. Wir vermessen die Welt mit unseren Schritten. Was für den einen gilt, muss für den anderen nicht stimmig sein. Für die ungelebten Möglichkeiten, diese unentdeckten Landschaften lohnt es sich, hinauszugehen. Unser immerwährender Hunger, unser Durst nach Liebe und Freude, nach einer Möglichkeit unsere Fähigkeiten und unsere Einzigartigkeit auszuleben und mit anderen zu teilen, wird uns nicht loslassen. Wenn man sein Element gefunden hat, sein ureigenstes Mittel sich auszudrücken, sein Umfeld, das einem erlaubt, der zu sein, der man will, ist der Hunger kein Selbstzweck mehr.

Gänsehaut

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 9:58 on Sonntag, Mai 2, 2010

Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, warum uns Musik im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht, warum sie uns ergreift, aufwühlt, besänftigt, glücklich oder nachdenklich macht. Ich staune immer wieder darüber, wie intensiv und unmittelbar es Liedern gelingt, uns zu berühren. Wie gefühlvoll manche Texte sind, ohne in Kitsch abzugleiten und ohne uns belehren zu wollen. Gesungene Worte können viel konzentrierter Emotionen und Gefühl, Doppelsinn und Mut wagen, als es das gesprochene Wort kann.
Eine Theorie besagt, dass die Urmenschen mit melodischen Lauten Distanz zu ihren Kindern überbrückten. Wenn beim Affenkind eine Gänsehaut entstand, so wurde wärmende Nähe hergestellt.
Welches Lied heute bei wem Gänsehaut erzeugt, ist ganz verschieden. Meine Nackenhaare stellen sich derzeit bei der schottischen Sängerin K.T. Tunstall auf - siehe Link. Ich entspanne bei ihr vom Brüten über neuen Texten und gebe mich den Geschichten hin, die ihre Lieder erzählen.

http://www.youtube.com/watch?v=oqt5yz9skY0&NR=1

Hingebungsvoll lauschen

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 9:54 on Samstag, April 24, 2010

In diesen sonnenfrohen Apriltagen etwas Musik - die gegensätzlicher (und schöner) nicht sein könnte.

*Wer also hingebungsvoll schwelgen möchte:
http://www.youtube.com/watch?v=11POTypBh2I

*Und wer melancholische elektronische Musik liebt:
http://www.youtube.com/watch?v=Bz75r0eM1kg

Eure Iris°

Gebündelte Energie

Gespeichert unter: Sterntaler — iris at 3:10 on Donnerstag, April 8, 2010

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Kein Gefühl von Erhabenheit. Ich bin auch dafür wohl zu müde. Und doch eine Vorausahnung, dass dieser Augenblick, ohne ein besonderer oder gar glückhafter zu sein, im Nachhinein beruhigend sein wird, für mich ganz allein, eine Art Abschluss. Vielleicht die Erkenntnis, dass ich den Stein, mich selbst, ein Leben lang wälzen kann, ohne je den Gipfel zu erreichen, wenn ich nicht selbst dieser Gipfel bin. Ich bin Sisyphus.

Dies schreibt Reinhold Messner, als er als erster Mensch im Alleingang den höchsten Berg der Welt bezwingt. Die letzten Höhenmeter sind eine Qual. Er schleppt sich Schritt für Schritt vorwärts. Allein der Wille zählt. Der Körper mahnt bei jedem Atemzug zur Umkehr. Die Lunge brennt, die Kehle gleicht einem Reibeisen, der Verstand arbeitet aufgrund des verminderten Sauerstoffgehalts der Luft eingeschränkt. 8500 Meter über dem Meeresspiegel inmitten einer weißen, unwirtlichen Welt, ohne Seilschaft, ohne Sauerstoffgerät, ohne Funkgerät, kämpft sich Messer auf den Gipfel. Was treibt ihn zu dieser und all seinen anderen Bergbesteigungen an? Er ist der erste Mensch, der auf den Gipfeln aller Achttausender stand, vom Nanga Parbat 1970 bis zum Lhotse 1986. Jeder Abstieg bedeutet weniger eine Rückkehr in die Zivilisation als einen neuen Aufbruch, neue Pläne - eine Identifikation mit Sisyphos, dem griechischen Helden, der als Strafe wieder und wieder einen Stein den Berg hinauf rollen muss, erscheint treffend.

Der Moment, in dem ein Ziel erreicht wird, ist vielleicht nicht besonders glückhaft. Man durchschreitet keine magische Linie und ist fortan ein anderer. Vielleicht steht am Ende wirklich die Erkenntnis, dass man sich weniger auf ein Ziel als immer weiter auf sich selbst zu bewegt.
Messner besitzt eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe, das macht das Lesen seiner Berg-Abenteuer zum Genuss. Er hat einen genauen Blick für die Landschaft und einen Instinkt, der sich aus Beobachtung und jahrelanger Erfahrung speist. Das Geheimnis seines Erfolgs ist die Gabe der Identifikation. Wochenlag ist die Gipfelbesteigung Ziel einer imaginären Reise. Wieder und wieder, wie ein Besessener, starrt er den Berg an, studiert die Schattierungen von Schwarz und Weiß, beobachtet das Wetter, geht im Kopf mögliche Routen durch. Er spricht vom Berg als einer Geliebten, von der er nicht loskommt, die ihm ein Rätsel bleibt.

Messner schafft das schier Unmögliche. Ohne Sauerstoff und ohne Partner bezwingt er den Gipfel des Mount Everest. Kritiker halten solche Bergbesteigungen für eine narzisstische, mediale Inszenierung, für die Verschwendung von Mut. Ich verstehe vom Bergsteigen so viel wie etwa von Bienenzucht. Aber ich kann verstehen, warum ein Mensch sich die Aufgabe stellt, Grenzen zu überschreiten, sich aussetzt auf einen Berg, ohne zu wissen ob ein Zurück möglich ist. Gibt es eine symbolischere Handlung als die des Berg-besteigens? Sind nicht alle unsere Ziele und Träume mehr oder weniger große Berge, die es oft unter Mühen zu erreichen gilt? Wir träumen in unserem Leben manch einen Traum. Zumeist bleiben unsere Träume das tröstende Fahrwasser unseres Alltags. Sie bilden eine Gegenwelt, ein Land der Möglichkeiten. Sind sie deswegen nutzlos? Mein Lieblingssatz in Messners “Everest Solo” lautet schlicht: Gebündelte Energie speichert sich nur in der langen Zeit des Wartens, des Hoffens, des Träumens.
Viele Träume bleiben unerfüllt. Doch wenn ein Traum zur Leidenschaft wird und von Willensstärke, Ausdauer und Zähigkeit begleitet wird, dann scheint kein Hindernis unüberwindlich. Eine Bergbesteigung ist keine Verschwendung von Mut. Sie zeigt uns, was Kraft unseres Willens Wirklichkeit werden kann.

Jenseits der Iris

Gespeichert unter: Poe Tisch — iris at 2:48 on Sonntag, Februar 14, 2010

I
Es gibt in einem Bild, das uns unmittelbar anspricht, immer ein geheimes Zentrum. Einen Punkt, eine Farbe, eine Fläche, eine Linie, zu der es unser Auge wieder und wieder hinzieht. Für einen anderen Menschen möglicherweise unsichtbar, zündet sich daran für uns unser Gefallen, die Liebe zu einem Bild. - So wie bei dem Ölgemälde der Tänzerin. Nicht einmal der Name des Künstlers oder der Titel ist mir in Erinnerung geblieben, wohl aber der Ausdruck ihrer Augen, ihre sehnigen Hände, die Beugung ihres Nackens und einige Strähnen ihres Haars, die sich aus dem durchs Tanzen gelockerten Haarknoten gelöst hatten. Meine Augen gingen immer wieder zu dieser Stelle, als gäbe es einen Sog, der nur mich ansprach, der offensichtlich und doch so unerklärlich war.
Heute weiß ich: Es waren Linien, die der Künstler selbstvergessen gemalt hatte, er hatte an jener Stelle den Pinsel nicht abgesetzt, nicht verbessert oder korrigiert, nicht lange überlegt, vielleicht noch nicht einmal genau auf die Leinwand geschaut. Seine Augen hatten auf ihrem Nacken geruht, auf diesem vom Tanzen geröteten Hals, auf dem die Haut glänzte und er hatte vergessen, warum er sie malte, seinen Auftraggeber, sein Honorar, seine Not oder seinen Erfolg.
Diese Linien sprachen von seiner Liebe. Einer kurzen, flüchtigen, sich auf wenige Augenblicke konzentrierende Liebe. Wer kennt jene Liebe nicht? Sie kann sich aus einem winzigen Moment heraus lösen, einem Augenaufschlag, einem Lachen, einer kurzen Berührung. Einen unbeholfenen Augenblick lang können wir den Blick nicht abwenden, weil uns etwas fesselt und hält und wir geben uns diesem Gefühl anheim, weil wir genau wissen, dass diese Fessel uns eben so rasch wieder loslassen wird, wie sie gekommen ist. Das wusste auch der Maler: Er hatte nicht sie geliebt, sondern sie in jenem Augenblick. Diese Momentaufnahme, in dem durch die farbigen Fenster gesiebtes Licht in den Saal gefallen war, das angespannte Lächeln der Vorstellung aus dem Gesicht der Tänzerin wich und einem nach Innen gerichteten Blick Raum gab. Und der Maler hatte zum Pinsel gegriffen, hatte in schnellen Strichen die Konturen ihres Körpers eingefangen, den gebeugten Rücken, Arme und Hände, die sich die Ballettschuhe von den Füßen banden, das braune Haar, ihren Schatten auf dem zerfurchten Bühnenparkett. Die unzähligen Falten des weißen Kleids hatte er zu einem späteren Zeitpunkt, vielleicht in seinem Atelier oder seinem Zimmer, verfeinert und seine ganze Kunstfertigkeit angewendet. Dieser Faltenwurf hatte das Bild in Galerien und Ausstellungen katapultiert. Er war es, dem das Gemälde einen Käufer gebracht hatte. Weil sich in seinem Weiß alle Farben spiegelten und mit dem strengen, dunklen Schatten auf dem Bühnenparkett, wie eine Tag- und Nachtseite verwoben war. In jenen Haarsträhnen aber, jenem verspielten, drängenden Schwung an ihrem Hals, in diesen selbstvergessen Linien lag das wahre Können des Malers. In diesen schlichten Pinselstrichen lag seine Liebe, seine Hingabe an die Vergänglichkeit eines solchen Augenblicks und der Wunsch, durch seine Kunst, einen unendlich kleinen Anteil der Ewigkeit zu verschenken.

II
Ich starrte auf meine Schuhspitzen und den regennassen Asphalt. Wagen hielten, ein Bus nach dem anderen fuhr heran, hielt und verschwand. Die Ampel sprang auf Grün und summte. Menschen überquerten die Straße. Ein Hund bellte. Es war kalt.
Meine Hände in den Manteltaschen waren klamm, die Füße kalt. Ich war, wie jeden Morgen, entweder zu früh oder zu spät an der Haltestelle. Mit fliegenden Händen hatte ich Mütze und Schal aus dem Schrank hervorgezerrt, eilig die Schuhe angezogen, war das Treppenhaus hinunter gerannt, hatte im Vorbeigehen eine Nachbarin gegrüßt, war durch die Haustür auf die Straße und zur Bushaltestelle gehastet, um dann zu bemerken, dass ich eine Viertelstunde zu früh war. Nicht, weil ich nicht wusste, wie spät es war, als ich aus dem Haus ging, sondern weil ich mir nicht merken konnte, wie lang der Weg zur Haltestelle dauerte. Er konnte unendlich kurz und lang zugleich sein. Ich hatte kein Gefühl für diesen Weg weil ich ihn nicht mochte.
Wenn man etwas nicht mag, so hatte meine Großmutter gesagt, fällt es einem aus der Welt. Dann fällt die Idee, die Vorstellung, die man sich davon macht, immer anders aus. Meine Großmutter sagte oft solche Dinge. Keiner weiß, woher sie ihre Gedanken hat. Sie hatte ihr Leben lang gearbeitet, in verschiedenen Schneidereien in Siebenbürgen zuerst, dann in einer Nähfabrik in Deutschland. Sie hatte Schicht gearbeitet und Akkord, war putzen gegangen und hatte den Hund des Fabrikbesitzers am frühen Morgen ausgeführt. Seit fünfundzwanzig Jahren war Großvater tot, sie war alt geworden und kränklich, lebte allein in einer 2-Zimmer Wohnung, sah aus dem Fenster und machte sich ihre Gedanken.
Ich starrte auf den regennassen Asphalt und fror. Die Ampel sprang auf Grün und summte. Ich zog die Hände aus den Taschen und hauchte sie an. Endlich kam mein Bus. Ich stieg ein und setzte mich in einen leeren Viersitzer in der Mitte. Wie lange sich die Zeit noch dehnen würde? An der elften Haltestelle würde ich aussteigen, die gewundenen Treppenstufen nehmen, den kühlen, runden Knopf drücken, die Tür würde aufschwingen, der Fahrstuhl würde kommen. Ich würde einsteigen. Wie an jedem Morgen würde meine Großmutter auf das Klingeln nicht reagieren. Ich würde den Schlüssel aus meiner Tasche kramen, aufschließen, meine Jacke an die Garderobe im Flur hängen, die Schuhe ausziehen und neben die anderen stellen. Meine Großmutter indessen, würde ihr Milchbrötchen in den Kaffee tunken und aus dem Fenster in den Hinterhof schauen. Sie blieb den ganzen Vormittag im Morgenmantel, sah aus dem Fenster, im Sommer die spielenden Kinder, im Winter die Spatzen in den Vogelhäusern. Mutter würde sie zu Mittag besuchen, ihre Einkäufe in der Küche abstellen und sie überreden, sich umzuziehen.
Meine Großmutter hatte ihre Memoiren aufgeschrieben. Sie klebte Bilder unter die Passagen und Fundstücke aus alten Zeiten. Als sie fertig war, als habe sich die Gegenwart mit dem Erinnerten überschnitten, fing sie an zu verstummen. Sie hatte alles gesagt. Sie tunkte am Morgen ihr Milchbrötchen in den Kaffee, schlürfte am Mittag die Suppe, die meine Mutter ihr kochte und sah am Abend fern. In aufgetürmten Kissen versank sie zur Nacht. Das Bett machte sie noch wie früher. Akkurat wurden die Decken und Kissen geschichtet, das Leintuch mit siebenbürgischer Genauigkeit glattgezogen. Der Rest der Wohnung verschwand hinter Schleiern aus Schmutz und Unordnung. Die Tapeten vergilbten, die Kunstblumen verstaubten. Sie scherte sich nicht darum. Und sie wurde wütend und warf mit Vasen und Fernbedienungen, wenn wir es wagten, uns in ihr Reich einzumischen.
Ich sah durch die Busfenster. Der Regen zog schiefe, rinnende Schlieren. Die Häuser reihten sich aneinander, grau in grau. Die Straßenlichter warfen helle Streifen auf die Wege. Die Menschen waren unter ihren Regenschirmen verschluckt. Noch vor kurzer Zeit raschelte das Herbstlaub über die Straßen, die Sonne erzählte von den langen Sommertagen, der Himmel trug noch ein wenig Blau. Zu dieser Zeit hatte ich im Nachthemd die Fenster weit aufgemacht, die kalte, frische Morgenluft eingeatmet und über die Dächer zum Horizont geschaut, mir eingebildet, ich würde das Meer riechen, das irgendwo weit hinter der Stadt lag. - Jetzt war der Himmel grau und ich zündete schon beim Morgentee eine Kerze an, dachte an die langen Stunden des Tages, an das Neonlicht der Büroflure und das rastlose klingeln der Telefone, an die abendlichen Menschenschlangen an der Supermarktkasse und wurde schon am Morgen müde.
Wenn man etwas nicht mag, so fällt es einem aus der Welt, hatte meine Großmutter gesagt. Die Dinge, die ihr im Laufe ihres langen Lebens aus der Welt gefallen waren, mochten unzählig sein. Sie hatte sich in den letzten Jahren alle Bücher gekauft, die ihr in die Hände kamen. Hesse, Mann, Zweig, Grass, Carossa, als hätte sie etwas aufzuholen, was sie ihr halbes Leben versäumt hatte. Sie las wie besessen, ein Buch nach dem anderen, schob Seite um Seite um, klappte das Buch zu, nahm das nächste. Sie strich nichts an, notierte sich nichts, aber immer dann, wenn sie auf etwas gestoßen war, senkte sich das Buch in ihren Schoß und sie sah aus dem Fenster. Minuten konnten so vergehen. Dann nickte sie unmerklich oder schüttelte den Kopf, hob das Buch wieder auf und las weiter. Sie verschlang so, in diesem Rhythmus, mit diesen spärlichen Gesten des Verstehens und Erkennens, Hunderte von Büchern. Sie schüttelte abfällig den Kopf, wenn wir sie fragten, wohin mit allem. Die Bücherregale waren überfüllt. Die Wände vollgestellt. So stapelten sich die Bücher neben dem Bett, in Doppelreihen im Regal, im Badezimmer und auf dem Küchentisch. Sie wollte sich nicht von ihnen trennen. Es war, als ob sie sie brauchte, wie man eine Liebkosung braucht oder einen vertrauten Menschen.

III
Meine Großmutter war nur wenige Jahre zur Schule gegangen. Ihre Kindheit war kurz. Sie konnte immer noch die Grashalme des großen Gartens an ihren Beinen spüren, den steil abfallenden Hügel sehen, auf dem ihr Grundstück stand, die lange Veranda und den Balkon, die das Haus umschlangen wie Girlanden. Die nahen Berge der Zinne auf der einen, den langen Hals der Schwarzen Kirche auf der anderen. Sie konnte den Rahmkuchen der Mutter schmecken, die rußverschmierten Hände ihres Vaters sehen, wenn er aus der Schlosserei kam. Alles, was nach diesen wenigen Jahren folgte, musste ihr aus der Welt gefallen sein. Der Krieg, die Inhaftierung der Mutter, der frühe Tod des Vaters, die Enteignung, die Armut. Die endlosen Stunden in der Schneiderei. Die Röcke der feinen Damen, die Anzüge der Herren, begierige Blicke hinter den Vorhängen, die langen Abende. Der Hunger.
Durch die Bücher veränderte sich ihre Sprache. Als hätte sie für das, was sie erlebt hatte, andere Bilder. Als fände sie durch sie den Zugang zu ihren Erfahrungen. Sie tunkte am Morgen ihr Hörnchen in den Kaffee, sah aus dem Fenster, im Sommer die Kinder, im Winter die Spatzen, und dachte über ihr langes Leben nach, umkreiste immer wieder dieselben Dinge, sagte uns wieder und wieder dieselben Sätze, als würden sie sich jeden Tag aufs Neue entziehen. Ihre Erinnerungen tanzten wie geronnene Flocken in einer Schneekugel.
Sie hatte fast ihr ganzes Leben meinem Großvaters geschenkt. Hatte neben seinem Glanz, seiner Willenskraft und Rastlosigkeit gelebt. - Mein Großvater war Maler. Ein Maler, wie ich keinen kannte. Zeichnete er eine Wasserlilie, meinte man die Wellen wahrzunehmen, die die Blüte schaukelten. Malte er ein Stilleben, mochte man die Hand ausstrecken, um sich eine Quitte aus dem Korb zu greifen und die Weidenruten zurück zu biegen. Er malte die Dinge mit einer solchen Hingabe und Leichtigkeit, die jeden, außer meine Großmutter, darüber hinwegtäuschen konnte, wie viel von seiner Kraft, Werk für Werk in den Bildern verschwand. Meine Großmutter fragte nicht, forderte nicht, folgte ihm, wohin er auch ging. Sie zogen von Kronstadt nach Schäßburg und sie brachte meine Mutter Tag für Tag die vielen überdachten Holztreppen zum Schulberg hinauf. Sie wusch die Wäsche, buk Brot und nähte. Mein Großvater malte. Er malte die feinen Damen der Gesellschaft ebenso wie den schneebedeckten Wald und den Stundturm mit seinen vier Türmchen. Er malte den Markt, die Spitalkirche, die Bergkirche und die Fabrik der Glasbläser an der Stadtgrenze. Sie folgte ihm nach Deutschland, in die vielen fremden Großstädte, die sie durchwanderten, immer weiter nach Norden, bis sie fast am Meer waren. Man konnte es nicht sehen, aber an manchen Tagen trug der Wind den Geruch von Möwen und Muscheln über die Stadt.
Jedes einzelne Bild, das er malte, brachte er zuerst nach Hause, stellte es ins Wohnzimmer oder in die Küche auf einen Schemel und wartete, bis sie es sah. Meine Großmutter stellte sich davor, legte den Kopf schief und betrachtete das Bild mit jenem Blick, mit dem sie nun aus ihren Büchern aufsah. Dann nickte sie unmerklich und mein Großvater nahm es, trug es fort, zu den Auftraggebern oder einer Galerie. Dann malte er wieder, verschwand gänzlich aus jeder gemeinsamen Zeit und tauchte nach einer Weile mit einem neuen Bild auf, stellte es ins Wohnzimmer oder auf einen Schemel in die Küche und wartete, bis meine Großmutter es sah. Es wird in ihrem langen gemeinsamen Leben kein Bild gegeben haben, dass sie nicht auf jene Weise betrachtet hatte. Seine Bilder wanderten vor ihren Augen vorbei, wie eine lange Reihe Traumbilder. Und sie betrachtete sie, als würde sie in ihnen etwas suchen. Hatte sie ihn darin gesucht? Oder sich selbst? Sie hatte nie etwas gesagt, bewertet, gelobt oder kritisiert, immer den Kopf schief gelegt mit jenem Blick, der nach innen gerichtet war, diesem Blick, der nun aus dem Fenster ging, als wäre dort etwas für sie gerahmt, das sie mit leichtem Nicken bestätigen konnte.
Je ferner sie ihrer alten Heimat waren, desto mehr hat mein Großvater gemalt. Die lange Reihe an Traumbildern beschleunigte ihre Geschwindigkeit. Er malte den Park im Herbst, die dunkelroten Traubenhänge, die Laubenkolonien, die aufgeplatzten Äpfel im Spätsommer, menschenleere Straßen, Morgenlicht auf regennassen Dächern und Kuppeln, Wolkenschluchten, die ihre Farben trugen wie lange Schleppen, gedrängte Menschengruppen, einsame Spaziergänger und immer wieder namenlose Gesichter. Sie alle zogen vor den Augen meiner Großmutter vorbei und mit jedem Bild wurde mein Großvater schwächer und kränker.
Er trug Keilrahmen und Blätter ins Haus, meine Großmutter nickte, meine Mutter, noch klein, stand dabei. Er verschwand. Eines Morgens klingelte jemand an der Tür, fragte mit ernstem Gesicht ob ein Herr Baumgarten hier wohne, meine Großmutter nickte - sie hatte verstanden. Man hatte ihn im Park gefunden, vor seiner Staffelei. Ein plötzlicher Herzschlag. Ja… sein Herz, sagte meine Großmutter und zwei Tränen rollten langsam ihre Wangen hinunter. Sein Herz.
An jenem Tag, an dem der Sarg in die Frühlingserde gesenkt worden war, hatte sie angefangen zu lesen. Zögerlich zuerst. Dann immer ruheloser. Sie nähte am Tag und wenn meine Mutter nach Hause kam, aßen sie gemeinsam, am Abend steckten sie die Köpfe zusammen und blätterten in Buchseiten. Meine Mutter wurde groß, zog aus und brachte mich zu Welt. All diese Jahre wuchsen die Bücherregale zu, wie Rittersporn im Sommer und Efeu im Winter, sie füllten jeden Winkel ihrer kleinen Wohnung und wenn man sie besuchte, so war sie meist in eins vertieft.
Nimm die Forsythien tief in dich hinein und wenn der Flieder kommt, vermisch auch diesen, sprach sie leise vor sich hin, als ich gestern Früh bei ihr war, mit deinem Blut und Glück und Elendsein, dem dunklen Grund, auf den du angewiesen. Wenn sie so eine Zeile entdeckt hatte, Worte, in denen sie etwas wiederfand, neigte sie den Kopf leicht, sah von den Buchseiten auf und nickte dann, kaum merklich.

IV
Der Bus hielt plötzlich, schlitterte auf der regennassen Straße ein wenig zu lang und hielt dann mit einem Ruck. Ein Mann überquerte mit seinem Hund den Zebrastreifen, der unter einer Pfütze verwunden war. Der Busfahrer strich sich über die Stirn, einige Insassen murrten. Eine ältere Frau sammelte ihre Tasche auf, die nach vorne gerutscht war. Ich mochte diese Jahreszeit nicht. Der Himmel war weiß, manchmal hellgrau, verschmolz mit Fensterrahmen und Zimmerwänden. Das Herbstlaub war zusammengekehrt, die Parks leer und die nackten Äste schoben sich wie gezackte Scherenschnitte zwischen die Häuser. Ich betrachtete meine Hände. Alle Frauen unserer Familie liebten den Frühling. Das Summen der Stimmen auf den Wegen, der leichte, silbrige Regen, die kurzen Schatten, die über die Stunden des Tages mehr und mehr Farben in sich aufnahmen, das Rinnen der Brunnen auf den Marktplätzen, die lauen Mittagsstunden und der Duft der Hyazinthen. Die steinernen Engel auf den Friedhöfen hatten frisches, weiches Moos angesetzt und man konnte schon am Morgen das Meer riechen. Großmutter liebte den Frühling, obgleich es jedes Jahr aufs Neue still in ihrer Stube wurde. Stiller als sonst. Als wähnte sie, es könne ihr letzter sein, so wie Großvaters letzter Frühling, auf jener Parkbank vor seiner Staffelei. Er hatte die Bäume des Parks gemalt, ihre zartgrünen Blätter vom Regen gewaschen, die schwarzen Raben im Gras und ihre Silhouetten am Himmel, die leeren Bänke mit den Gravuren der Liebenden.
Wenn keine Raben mehr fliegen, hatte Großmutter gesagt, war er ihr fern. So schien der Herbst sich alle Erinnerungen einzuverleiben, sie fortzunehmen, genau wie Großvaters Bilder. Kein einziges war uns erhalten geblieben. Sie waren über die Städte verstreut, bei ihren Auftraggebern an der Wand oder deren Kellern. Wer mochte das wissen. Sie sind verschwunden, verloren, ebenso wie Großvater, ohne ein Wort.
Doch wo sie auch waren - niemand konnte ahnen, dass sie alle, ein um das andere, alle vor den Augen meiner Großmutter bestanden hatten, jedes für sich, einige schweigsame Minuten erdulden mussten, bis zu jenem Augenblick, da sie fast unmerklich genickt hatte.
Ihrem Blick mochte man nicht wiederstehen. Mutter konnte es nicht. Ich konnte es nicht. Da war eine Helligkeit von Kirschenblüten und die Ruhe einer frühen Morgenstunde. In ihrem langen, entbehrungsvollen Leben, in jener Schweigsamkeit, die ihr zu eigen war, gab es nur diesen Blick. Dieser Blick an dem alles haftete, der alles zu erkennen schien und wieder loslassen konnte, sodass nichts sich darin verfangen hatte.
Wir hatten alle ihre Aufzeichnungen gelesen, wieder und wieder, uns gewundert über die Fülle an Erinnerung, über die Präzision ihrer Worte, das Leid, die Einsamkeit und Entbehrung. Sie hatte nie drüber gesprochen, sie gab uns ihre Aufzeichnungen, zwei dicke Bände, mit geradem Zeilenfall geschriebenen Sätze und damit war alles gesagt. Als sie ihr Buch beendet hatte, hörte sie auf. Sie hörte mit allem auf. Sie hörte auf sich um die Wohnung zu kümmern, um ihre Haare, um ihr Essen oder ihre Bekanntschaften. Sie versank in ihren Erinnerungen und ließ ihr Leben zurück. Sie legte es ab, wie man einen Mantel ablegt, wenn der Frühling kommt.
Eines Nachmittags, unlängst, die Sonne stand schon tief am Himmel, vor den Fenstern der graue Novemberhimmel, hatte ich sie nach der ersten Begegnung mit Großvater gefragt. Sie hatte gerade Futter in das Vogelhäuschen gelegt, das auf dem Balkon hing und rieb sich die klammen, roten Hände. Sie rieb ihre Hände, sah zur Seite und sagte, ich könne das in ihrem Buch nachlesen. Ich schüttelte den Kopf.
Ich möchte es von dir erzählt bekommen.
Sie fing wieder an, ihre Hände zu reiben, ganz langsam, neigte ihren Kopf zur Seite und sah aus dem Fenster. Die Spatzen waren ins Vogelhäuschen zurück gekommen, flatterten unruhig vor der bogenförmigen Luke, flatterten und zirpten. Wir schwiegen und gingen hinein. Ihre Augen flackerten, als trüge das Flügelschlagen der Spatzen sie fort.
Dein Großvater hat mich gemalt, sagte sie plötzlich.
Vor dem weißen Turm. Ich saß in der Mittagssonne auf einer Bank, der Verkehr rollte durch die Stadt, die Zinne leuchtete in sommerlichem Grün. Vom Spielplatz klang Gelächter. Er saß mit seiner Staffelei unter einem Baum, trat auf mich zu, räusperte sich und fragte, ob er mich malen dürfte.
Sie strich über die Lehnen ihres Sessels, als würde sie einen Rocksaum glätten. Sie lächelte.
Hast du es ihm gestattet, fragte ich.
Nein.
Am nächsten Mittag dasselbe. Und am darauf folgenden Mittag auch. Den ganzen Sommer, von Montag bis Freitag, in allen Mittagspausen, trat er auf mich zu, hob den Hut leicht und fragte, ob er mich malen dürfte. Er hatte unwahrscheinlich grüne Augen. Und feine, lange Finger. Er trug immer denselben Mantel, ließ Staffelei und Feldhocker zurück, wenn er mich entdeckte und trat auf meine Bank zu. Eines Tages war er verschwunden. Sein Platz unter der Kastanie war leer. So auch am nächsten Tag. Und tags darauf. Jeden Mittag eilte ich aus der Schneiderei, lief die wenigen Schritte zum weißen Turm und wusste noch, bevor ich um die letzte Ecke bog, dass er nicht da war. Er war fort. Er blieb fort. Der Herbst ging vorüber, der Winter bemalte die Schwarze Kirche und den Rathausplatz weiß. Ich ging in die Schneiderei, versorgte am Abend meine Geschwister. Am Samstag ging ich mit ihnen rodeln und am Sonntag in die Kirche. Dein Großvater blieb fort.
Als die Anemonen und Forsythien blühten und die Bären wieder in den Bergen blieben, sah ich ihn. Er trug denselben Mantel, denselben Hut, er schien blasser, er war schön. Er trat auf mich zu, hob den Hut und fragte, ob er mich malen könnte. Ich nickte und er ging, um seine Staffelei zu holen. Ich weiß nicht warum, aber ich weinte, als er die ersten Bleistiftstriche übers Papier verteilte und die Tränen rannen immer noch, als er anfing, die Tuben auf die Pappe zu verteilen, die er als Palette benutzte. Das war das erste und einzige Mal, dass er mich malte. Als das Bild fertig war, sah er auf, räumte seine Materialien zusammen und nahm meine Hand. Wir gingen über den Rathausplatz, der Riesenrücken der Zinne leuchtete im Abendrot, die Menschen gingen von der Arbeit nach Haus, zogen die Mäntel enger, aus den Karpaten kam ein frischer Wind. Die Lichter sprangen an. Ich spürte seine Hand. Er trug mein Portrait sorgsam eingewickelt in Papier und die Zeichenutensilien auf dem Rücken.
Meine Großmutter sah auf ihre Hände, sah zu den Spatzen auf dem Balkon und lächelte.
Mehr mochte sie nicht erzählen. Es steht alles in meinem Buch, sagte sie. Meine Mutter kam, wir aßen zu Abend und ließen sie zurück. Mit ihren Büchern und ihrer Erinnerung.

V
Als ich zu Hause war, nahm ich meine Kopie ihrer Aufzeichnungen zur Hand und las jene erste Begegnung, Zeile für Zeile. Sie glich der Erzählung so überraschend, als gäbe es nur diese Art, sie in Worte zu fassen - und doch war sie anders. In ihren Worten war dieselbe Liebe, dieselbe Dankbarkeit. Ich las sie wieder und wieder und versuchte herauszufinden, was anders war. Sie waren weit gewandert, sie beide, es schien als wären sie immerfort so gegangen, wie in jenem Augenblick. Meine Großmutter spürte seine Hand und mein Großvater trug ihr Portrait sorgsam verpackt unter dem Arm, die Malutensilien auf dem Rücken. So waren sie von Kronstadt nach Schäßburg gewandert, zum Stundturm und dem Schulberg, dann weiter nach Deutschland. Meine Mutter wuchs auf, wurde groß und zog aus, ich wurde geboren und Großvater starb und mit ihm das Leben meiner Großmutter. Er hatte ihre Hand losgelassen, an einem kalten Frühlingsmorgen und meine Großmutter hatte angefangen zu lesen und zu schreiben als gelte es, den Erinnerungen ihre Endlichkeit abzuringen.
Sie hat in den Bildern meines Vaters gelebt, sagte Mutter. Und sie sagte das ohne Bitterkeit, mit einem Verständnis, das mir lange fremd geblieben war. Sie sagte das, hob mein Kinn sacht mit den Händen. Ich lächelte und nickte, als hätte ich verstanden.
Großmutters Einsamkeit war auch unsere Einsamkeit.
An manchen Tagen war ich wütend, dass sie sich so gehen ließ. Dass sie ihr Leben aufgegeben hatte, dass sie nicht mehr sprach und nicht mehr lachte, dass sie aufgehört hatte zu hoffen. Dass ihre Worte klangen, wie aus einem Grammophon. Dass das Leben an ihrer Wohnung vorbeizog wie die Landschaft an einem Zugfenster. An ihren Fenstern schwammen die Jahrezeiten vorbei, im Sommer beobachtete sie die Kinder, im Winter die Spatzen, still und unbeteiligt, resigniert und lebensmüde. Sie dachte an Großvater, an die Jahre in Siebenbürgen und schreckte auf, wenn das Telefon klingelte, ging nicht zur Tür, wenn wir Sturm klingelten.
Ich verstand sie nicht. Bis zu jenem Tag, als ich das Bild der Tänzerin in der Kunsthalle sah. Die anderen ausgestellten Gemälde begannen, an den Rändern zu verschwimmen, die Schritte der anderen Besucher verebbten, die Stimmen wurde leise, dann still. Ich sah auf den zierlichen Hals der Tänzerin, auf die braunen Strähnen, die an ihrem nassen Hals klebten, an den Schwung, des vom Tanzen gelockerten Haarknotens, in dem ihre ganze Schönheit eingefangen und sichtbar war. An diesem Punkt, dieser kleinen Fläche hatten sie sich beide getroffen, waren sie einander wirklich begegnet. Die Tänzerin und der Maler. Alles andere war ein Abtasten, eine unendliche Suche, eine Annäherung und Zurückweisung. Ein ewiges Abbilden, in denen der Maler kunstfertig das wiederholt hatte, was er erlernt hatte. Sie hatte ihm den Rücken zugedreht, hatte ihm erlaubt, sie zu malen und doch versucht, sich vor ihm zu verbergen. An jener Stelle hatte sie ihm für einen kurzen Augenblick erlaubt, sie zu erkennen. Und er hatte alles um sich herum vergessen, hatte sie berührt, hatte sie in jenem Augenblick festgehalten, hatte sie herausgehoben aus allem Schmerz, aus aller Mühsal, die das Leben bedeutete.
War es das, was sie in Großvaters Bildern gesucht hatte? Jene Stelle, jenes geheime Zentrum, in dem sich die Verletzlichkeit eines Lebens offenbarte? Wollte sie prüfen, wie nah er den Gegenständen war, die er portraitierte? Ob er immer noch die Liebe in sich trug, wie an jenem Tag, als er sie in Kronstadt malte? Sie hatte seine Liebe nie für sich alleine eingefordert. Sie wusste um die Liebe. Wir sprechen über Themen, in denen wir uns sicher fühlen, wir bleiben bei Gesten und Worten, die wir erlernt haben, gehen unsere Wege. Der Regen durchnässt die Straßen und die Sonne bleicht das Holz an den Balkonen, wir essen zu Abend, schlafen und stehen auf, gehen zur Arbeit und nur für kurze, unscheinbare Momente, jenseits der Iris, flackert unsere Verletzlichkeit auf, unsere Liebe.
Der Bus hielt, ich stand auf und ging an der rückseitigen Tür hinaus. Zog die Kapuze über den Kopf und senkte die aufgewärmten Hände in die Manteltaschen. Ich bestieg die gewundenen Treppenstufen, nahm die Post aus dem Briefkasten, drückte den kühlen, runden Knopf, die Tür schwang auf, der Fahrstuhl kam. Ich stieg ein. Ich klingelte Sturm an ihrer Wohnungstür und wie jeden Morgen reagierte sie nicht. Ich suchte den Schlüssel in meiner Tasche, fluchte leise, da er sich wie immer zuunterst versteckte, schloss auf und hängte meine Jacke an die Garderobe im Flur, zog die Schuhe aus und stellte sie zu die anderen. Es roch nach Nelken und Schlaf, nach Spiritus und Staub und an den Fensterscheiben hing der Dampf der Heizungen. Ich ging ins Wohnzimmer und öffnete die Balkontür, die Spatzen im Vogelhäuschen schreckten auf. Die Vorhänge bewegten sich im Wind, mein Herz schlug mit einem Mal unruhig. Ein schmaler, heller Punkt leuchtete durch die dunkelgraue Wolkenschicht. Ganz hinten ein Streifen Blau. Zwei Kondensstreifen zerteilten den Himmel. Ich stolperte über mehrere aufgeschlagne Bücher und fand meine Großmutter schließlich in der Küche. Das Haar am Hinterkopf zerzaust, den Morgenmantel nachlässig über die Schultern gezogen, mit kirschenhellen Augen saß sie da und sah in ein Buch. Ich berührte sanft ihre Hand, um sie nicht zu erschrecken. Lächelnd sah sie auf. Ich kochte Kaffee, richtete ihr das Frühstück und ging wieder zur Garderobe, um meinen Mantel anzuziehen. Die Zeiger der Uhr gingen auf neun.
Was liest du da, fragte ich, und beugte mich über ihr Buch. Sie deutete mit dem Finger auf die zweite Strophe eines Gedichts. Ich las mit stummen Lippen: Langsame Tage. Alles überwunden. Und du fragst nicht, ob Ende, ob Beginn, dann tragen dich vielleicht die Stunden noch bis zum Juni mit den Rosen hin.
Ich küsste sie zum Abschied auf die Stirn.
Ich verstehe, sagte ich leise. Ich verstehe.


Ansicht des Lebens

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 7:43 on Freitag, Februar 5, 2010

Ich saß einmal vor vielen Jahren, gewiss traurig genug, auf der Lehne des Laurenziberges. Ich prüfte die Wünsche, die ich für das Leben hatte. Als wichtigster oder als reizvollster, ergab sich der Wunsch, eine Ansicht des Lebens zu gewinnen (und - das war allerdings notwendig verbunden - schriftlich die anderen von ihr überzeugen können), in der das Leben zwar sein natürliches schweres Steigen und Fallen bewahre aber gleichzeitig mit nicht minderer Deutlichkeit, als ein Nichts, als ein Traum, als ein Schweben erkannt werde.

15. Februar 1920. Franz Kafka, Tagebücher.

Vom Lese(r)glück

Gespeichert unter: Fliegendes Sofa — iris at 3:37 on Sonntag, Dezember 13, 2009

Literatur ist eine besondere Ausdrucksform. Sie braucht den Leser.
Erst durch die Phantasie des Lesers vollendet sich der Text. Nur mithilfe der Vorstellungskraft eines jeden Einzelnen wird die Welt aus Papier lebendig. Jeder kann die Probe aufs Exempel machen und prüfen, inwieweit mithilfe des reichen Fundus an eigenen Erinnerungen und Bildern die Welt zwischen zwei Buchdeckeln lebendig wird.
Literatur hat etwas Privates, man kann sich eine Geschichte durch das Lesen buchstäblich zu eigen machen. Die Begegnung mit Literatur geschieht zu Hause im Lesesessel, im Zug, auf dem Balkon, im Café oder wo auch immer man am liebsten lesen mag. Beim Lesen verschwindet die Welt und der Fokus richtet sich auf den Sog jener aneinander gereihten Buchstaben, die eine andere, fiktive Welt vor dem inneren Auge entstehen lassen. Braucht es mehr zum Leseglück? Oder muss man noch etwas über die Biographie des Autors wissen, über die Entstehungsumstände des Buches oder über den Schaffensprozess?

Ich habe eine Leserin, die mir schrieb, dass sie das “Schreiben über das Schreiben” eitel findet und dass ein guter Autor hinter dem Text kommt. Ich glaube, dass sie damit recht hat. Ich glaube aber auch, dass es sich lohnt (vor allem, wenn man einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin begegnet, dessen/deren Dichtung man wirklich mag), auch auf den Menschen zu sehen, der schreibt, auf seinen Weg, auf seine Fragen und auf sein Schreiben. Besucht man etwa eine Literaturausstellung, so kann man sehen, dass jedes Blatt Papier, jeder Gegenstand Spuren trägt, kleine manchmal unbedeutend anmutende Zeichen, die uns Geschichte vergegenwärtigen und den Menschen vorstellbar machen. Sie zeigen etwas von dem kreativen, selten auf Anhieb glückenden Prozess des Schreibens. Und ich glaube, dass dadurch das Verständnis einer Dichtung reifen kann.
Literatur ist (im Gegensatz etwa zur Bildenden Kunst) aber nicht zur Ausstellung bestimmt. Ist das, was man in einer Vitrine sieht, Literatur? Der in einem Museum ausgestellte Text ist nicht “die Sache selbst”. Es verhält sich mit ihm wie mit der Notation eines Musikstücks: Musik ist nicht die Partitur auf einem Blatt Papier.

Und dennoch lohnt sich der Blick ins Museum. Zu Hause im Lesesessel erfährt man ein Buch als etwas Fertiges und Privates. Die Welt zwischen zwei Buchdeckeln fängt immer dann an, sich vor meinem inneren Auge auszubreiten, wenn ich das Buch aufschlage. Ich fülle die Leerstellen mit meinen Bildern. Liest man Hintergrundinformationen oder schaut sich das Manuskript im Original an, so erfährt man Literatur als etwas Gewordenes und auch etwas Fremdes, das einem trotz aller Liebe zum Lesen nicht ganz begreifbar wird. Und gerade deswegen halte ich es für sinnvoll, die Entstehungsumstände einer Dichtung zu beleuchten. Man muss nicht so lange hinschauen, bis der Autor einem als Mensch entgegen tritt, aber so lange, bis das Werden eines Werks sichtbar wird. Ich glaube hier liegt der feine Unterschied. Ich muss nicht wissen, was jemand gerne zu Abend isst oder etwas über sein Liebesleben erfahren, ich muss keine als Devotionalien präsentierte Gegenstände eines Autors bewundern, doch jede Information über das Schreiben (mit seinen Höhenflügen und seinen Abgründen), kann mein Verständnis des Textes präzisieren.

Ich muss nicht die Biographie von Hermann Hesse kennen, um seine Bücher mit Gewinn zu lesen. Ich kann aber Hesses Aufzeichnungen etwa zum Glasperlenspiel lesen und begreifen, warum es Fragment geblieben ist und warum der Autor ganze zehn Jahre daran geschrieben hat. Ich kann entdecken, dass das Buch nicht linear und nur bedingt zielgerichtet entstanden ist. Was bedeutet das? Hesse schrieb von verschiedenen Stellen aus seinen Roman, überarbeitete Passagen über Jahre hinweg und arbeitete zwischenzeitlich monatelang nicht an seinem Buch. Doch auch das nicht geschriebene Werk war für ihn immer Mittelpunkt des Lebens. Wer kennt das nicht. Je anhaltender die Arbeit stockt, desto größer ist die Sehnsucht nach dem Schreiben.

Wenn wir uns als Leser auf die Suche machen nach der Genese einer Dichtung, nach jenen Zeichen, Wortlisten, Streichungen und Plänen, können wir unser Bild, das wir beim Lesen des Textes gewonnen haben, überdenken. Wir können es neu ausrichten oder bestätigt finden. Wir können Bezüge zu unserer eigenen Lebenswelt herstellen. Doch all diese Fragen verlangen Bescheidenheit. Denn das letztendliche Geheimnis jeder Kreativität, jedes Kunstwerks, kann (zum Glück) nicht gelüftet werden. Ein Buch, das man liebt, gehört einem auf unveränderliche Weise. Ist ein Buch fertig, löst es sich von seinem Urheber und wird gewissermaßen autark, autonom. Ein Autor verschenkt seine Dichtung. Und er verschenkt, wenn er das möchte, ebenso die Augenblicke, die zwischen den weißen Seiten und der fertigen Geschichte liegen.

PS: Vielen Dank für die unendliche Geduld meiner Leser. Der Roman wächst und gedeiht immer noch. Ich hoffe es werden letztendlich nicht sieben Jahre à la Zauberberg! Eine neue Rubrik, die eigene Texte vorstellt, soll bald einen kleinen Einblick in die Schreibstube geben…

Eure Iris

Lebenslust unter freiem Himmel

Gespeichert unter: Stundenblumen — iris at 10:49 on Freitag, Oktober 23, 2009

Herrlich schöne Musik, grandiose Frauen, die mir (besonders am Morgen) mit ihrer guten Laune ins Herz singen:

http://www.youtube.com/watch?v=-AIdYoMpINQ&feature=related

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